Doch nicht Norwegen: Auf Panoramafahrt mit der Mein Schiff 1

Last-Minute ging es für mich letzte Woche auf ein riesengroßes Kreuzfahrtsschiff, das mäßig besetzt war und deshalb einen entspannt-exklusiven Rahmen bot. Eigentlich sollte es in die norwegischen Fjorde gehen. Nachdem Norwegen die Einfahrt in seine Gewässer verweigert hatte, besuchte ich jedoch u. a. die herrlichen Schärenlandschaften Schwedens und Finlands.

Nun der Reihe nach:

(07.08.2020) Jetzt bin ich als auf der “Mein Schiff 1” gelandet. Nachdem ich nach meinen beiden Flusskreuzfahrten (siehe hier) mich über ständigen Baulärm freuen durfte, und ich einmal wieder feststellen musste, dass meine Großstadtwohnung zwar lebenspraktisch  für die Kompromisse, die ich beschlossen hatte, eingehen zu müssen, “passte” , darüber hinaus aber keine Beheimatung bietet, entschloss ich mich, nach  1 1/2 Wochen  im wechselseitigen Ärger über Bagger und einer Nachbarschaft, die meine kulturellen Besonderheiten, also beispielsweise gegenseitige Rücksichtnahme, nicht kennt oder nicht kennen will, zu einer Last-Minute Kreuzfahrt.

Unter dem jetzigen Pandemie-Bedingungen sollte es dabei  als Panoramafahrt, also ohne Landgänge, in Richtung der norwegischen Fjorde gehen. Ich freute mich darauf, zumal eine Reise in Richtung Norden, auch eine treffliche Flucht vor den Hundstagen versprach.

Temperaturen über 25 Grad werden in der Großstadt zur Unerträglichkeit, weshalb ich auch verstehen kann, dass meine Vorfahren solche Fluchten als “Sommerfrische” bezeichneten. 

Kiel entdecken

In aller Früh ging es also mit dem Zug von Hannover nach Kiel, diesmal ohne jegliche Probleme, sodass ich in 2 1/2 Stunden bereits in der Landeshauptstadt Kiels war. An Bord der “Mein  Schiff 1” sollte es erst um 16 Uhr gehen, sodass ich die Zeit nutzte, um ein wenig durch Kiel zu schlendern. Trotz der Meeresnähe war es jedoch auch hier drückend heiß, sodass  ich dann schließlich im Ratskeller des imposanten Kieler Rathauses einen Mittagstisch zu mir nahm, der – nun ja – in seiner Mischung aus Fertigwaren und sehr, sehr kleinen Stückchen Fisch, keine besondere Empfehlung verdiente. Die Bedienung jedoch war freundlich und der Sitzplatz nicht schlecht. 

Das Rathaus wurde vom Architekten Hermann Billing entworfen und sein Glockenturm soll an Venedig erinnern.

Baulich wird die Kieler Innenstadt im Moment aufgewertet, indem architektonisch die Einkaufsstraße mit dem Hafenbereich verbunden wird. Nicht schlecht, doch scheint mir auch dies nicht für die Ewigkeit konzipiert zu sein und ich befürchte, dass das, was jetzt neu und attraktiv aussieht, in spätestens 50 Jahren auf uns ähnlich unbehaglich wirkt, wie jetzt schon die Architektur der 70er und 80er Jahre. Danach hielt ich mich noch kurz im kleinen Schiffahrtsmuseum in der ehemaligen Fischhalle auf, was aber, bedingt durch eine schreckliche Kombination von Hitze und dem Tragen von Gesichtsmasken ein sehr kurzer Besuch blieb. Der Schloßpark war dann schon attraktiver. Hier fand ich ein schattiges Plätzchen unter alten Bäumen, wo ich entspannt die Zeit bis zum Einchecken abwarten konnte.

Doch nicht nach Norwegen!

Auf dem Schiff erfuhr ich dann, dass Norwegen keine Erlaubnis gegeben hat, nationale Gewässer zu befahren und die Strecke deshalb geändert werden muss. Anstatt in die norwegischen Fjorde ging es über Rügen und Bornholm nach Stockholm und Helsinki. So würde ich dann Cap Arkona, die Kreidefelsen und den Königsstuhl sehen. Nachdem meine Rügen-Reiseplanungen kurz vor Ostern ins Wasser gefallen  waren, freute mich dies.

Meine Balkonkabine war ausreichend groß, sodass das für mich alleine perfekt, notgedrungen aber auch für zwei, die sich gut verstehen, passend ist.

Das Balkonfoto entstand schon auf hoher See.

Die große Freiheit?

Bei einem Gläschen Sekt erlebte ich eine großartig inszenierte Ausfahrt aus dem Kieler Hafen. Die Hymne der Mein Schiff-Flotte wurde gespielt und so ein bewegt-emotionaler Rahmen, wie das wohl im Marketing-Deutsch heißt – geschaffen.

Ich fand es, da kam dann wohl mein Soziologie-Studium zum Tragen, jedoch ein wenig zynisch, suggeriert das Lied doch, dass die “Freiheit” eben nur in der inszenierten und von TUI kuratierten Wohlfühlwelt möglich ist, also eine Ausnahme darstellt, die käuflich erworben werden muss und die man dann exklusiv auf der Mein Schiff-Flotte erleben kann und so heißt es dann auch im Refrain:

Oh große Freiheit
Ich hab mich nach dir gesehnt
Du hast dich in mein Herz geträumt
Es ist schön dich wiederzusehn
Große Freiheit

Doch bevor ich mir jetzt hier weitere Gedanken machen konnte, ging es auch schon vorbei an den Denkmälern in Möltenort und Laboe.

Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg und Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der deutschen U-Boot-Einheiten in Möltenort sowie neuerdings auch für alle Opfer des U-Boot-Krieges.
Laboe: Ursprünglich errichtetes Ehrenmal für die gefallenen Marinesoldaten des Ersten Weltkrieges.

Das “Waves Duo” spielte derweil entspannte Musik, wo auch mal bei den Texten Wörter ausgetauscht wurden, um die gute Laune zu befördern, und so glitt ich dann wohlig entspannt von der Tages- in die Nacht-Wohlfühlzone.

Der erste Seetag am 08.08.2020 beginnt mit einer Runde Aquagymnastik im Pool nach Voranmeldung. Leider kann ich nur mit Zehenspitzen den Grund berühren, ansonsten macht der sportliche Start in den Tag Spaß. 

Das Frühstück wird u.a. in einer, unter Coranabedingungen modifizierten Buffetform serviert. Das heißt, dass ich mich zu den jeweiligen Tresen bewegen muss, wo mir dann vom Personal jeweils gereicht wird, was ich gerne möchte.

Die Schattenseiten

Das Personal, was im Buffetrestaurant Anckelmannsplatz vorrangig aus dem Philippinen zu stammen scheint, stellt eine weiblich-kindliche Performance zur Schau, die mich abermals in eine Wohlbühl-Trance hinabgleiten lässt, die nur gestört wird, vom männlich aufdringlich-besorgten Kellnern, die so übereifrig sind, dass ich mir kein zweites Brötchen holen kann, ohne zu riskieren, dass mein Besteck schon abgeräumt wird.

Nun gut: Ich will darüber hinwegsehen. Die Arbeitsbedingungen auf einen solchen Kreuzfahrtschiff sind sicherlich nicht leicht und wer sich darauf einlässt, erkauft es sich durch eine lange Abwesenheit von seiner Familie, in der Hoffnung sich irgendwann danach, mit dem dann hoffentlich ersparten Geld, eine Existenz im jeweiligen Heimatland aufzubauen.

Zu diesen Schattenseiten des Kreuzfahrtgeschäftes fand ich folgenden Artikel im Netz: hier!

Interessanterweise sind die Mitarbeiter mehrheitlich auch nicht bei TUI direkt angestellt, sondern zumeist bei einer Vermittleragentur. Und auch wenn TUI damit wirbt, dass Trinkgelder im Reisepreis enthalten sind, ist es doch auffällig, wie sich diese lästigen Handtuchfiguren auf dem Kabinenbetten und sich die Gefälligkeit – fast bis hin zur Aufdringlichkeit – bei manchen Angestellten mit dem Fortgang der Reise beständig steigern.

Ich finde das, bei allem Verständnis, lästig und ziehe ja meist auch eine spröde Höflichkeit falschen Nettigkeiten vor. Schon das ewige “Ich wünsche Ihnen einen guten Tag”, was die Kassiererinnen im Supermarkt anscheinend verpflichtet sind, beständig zu wiederholen, nervt mich. Wie soll es mir dann erst in den Traum-Inszenierungen der Kreuzfahrten ergehen?

Kulinarisches

Es gibt unzählige Restaurants an Bord, sodass eine solche Reise auch zu einem kulinarischen Erlebnis werden kann. Man hat die Auswahl zwischen Imbisslokalitäten, die dann auch mal Currywurst mit Pommes oder einem Döner anbieten, bis hin zu À-la-carte-Menüs. Einige Restaurants sind nicht inkludiert und ich habe sie auch nicht ausprobiert, zumal das reguläre Angebot schon überwältigend war und ich, angesichts der kulinarischen Verführungen, schon befürchtete, dass nach der Rückkehr meine Waage explodieren würde.

Rügen

Noch beim Frühstück ging es am Kap Arkona vorbei zum Königsstuhl mit den Kreidefelsen auf Rügen. Wer muss da nicht auch gleich an das berühmte Gemälde von Caspar David Friedrich denken?

Bornholm und Gotland

An Bornholm und Gotland, was sich kaum vom Meer abhebt, und dessen Namen sich auf den dort lebenden germanischen Stamm der Goten bezieht. vorbei, fahren wir weiter in Richtung Schweden, derweil ich mich auf das Sonnendeck setze und die Weite genieße, wo die Gedanken unbegrenzt umherschweifen können, ohne dabei vom ständigen Diktat des Müssens im Zaun gehalten zu werden.

Auch für kleine Aquarellskizzen finde ich Zeit.

Wie dürfte ich doch letztens in Wertheim (siehe hier!) bei der Betrachtung einer der Turmuhren erfahren: Der Adel kennt  keine Zeit. Auf einer solchen Reise kann sich jeder Gast in das Resonanzfeld der Aristokratie begeben. Wunderbar!

Unterhaltung

Am Abend schaue ich mir noch eine der dargebotenen Shows an. Harry Sher nennt sich selbst “The Mentalist” und erstaunt das Publikum mit seinen Zaubertricks und sprachlichen Manipulationen. Schade nur, dass er bloße Unterhaltung nicht klar vom Mysteriösen abtrennt, wahrscheinlich mit der Intention, sein Hypnoseseminar an einem der Folgetage besser verkaufen zu können.

Auf dem Schiff kann man nämlich eine Reihe von Zusatzangeboten buchen. Sei es nun der Strudel-, Gin- oder eben der Hypnose-Workshop. Hypnose gibt es aber schon genug auf dem Schiff, sodass ich daran kein größeres Interesse habe.

Fitness

(09.08.2010) Am Seetag nutzte ich die Zeit u.a. dazu, nicht nur erneut mich bei der Aquagymnastik auszutoben, sondern auch einmal das Fitnesscenter kennenzulernen. Bei einer grandiosen Aussicht auf die Ostsee macht das Training doch gleich viel mehr Spaß.

Wunderschöne Schärenlandschaft

(10.08.2010) Durch die schwedischen Schären geht es in Richtung Stockholm und ich komme kaum dazu, mich meinen mitgenommenen Lektüren zu widmen: zu naturschön ist die Landschaft.

Stockholm

Stockholm begrüßt uns mit einer am Hafen platzierten Achterbahn und ich hätte nun wirklich gerne einen Landgang gehabt, um die schwedische Hauptstadt zu erkunden.

Am Abend verzauberten mich die “Klassik Dialoge mit Werken von Frederic Chopin, Robert Schumann, Johannes Brahms, Franz Liszt und Franz Schubert, gespielt von Anne-Monika Twardowski.

Die Anmerkung sei mir erlaubt, dass ich klassische Musik an Bord des Schiffes wirklich nicht erwartet hätte und umso mehr angenehm davon berührt war.

Aufwachen in Finnland

(11.08.2020) Ich ziehe am Morgen die Vorhänge auf und anstatt des üblichen hannoverschen Baulärms und der Geräuschkulisse der prekären Nachbarschaft, die alle Welt an ihren vielfältig-gemeinschaftlichen Leben teilnehmen lässt, blicke ich auf die finnischen Schären und ich verstehe nun auch, warum die Ultrareichen sich auf Privatjachten zurückziehen und als Beruf allenfalls “Schmuckdesignerin” angeben. Das hätte ich auch gern. 

Das Treffen der Giganten in Turku

Vor Turku, dem “Geburtsort” des Schiffes, gibt es ein spektakuläres Treffen der Mein Schiff 1 und der Mein Schiff 2. Bug an Bug liegen sie sich gegenüber. 

Ganz langsam fahren wir an der Werft vorbei, wo das Schiff gebaut wurde.

Durch die Schärenlandschaft geht es dann weiter in Richtung Helsinki.  Bei Sonnenschein und perfekten Temperaturen lasse ich meinen Blick über dichte Kiefernwälder schweifen, genieße das Schreiben der Blogartikel, schlürfe meinen Sekt und werde dabei von sanfter und positiv gestimmter Life-Musik begleitet. Perfekt!

Die Gäste

Auch den Menschen an Bord bin ich positiv gegenüber gestimmt. Wie viele haben lange in schwierigen Umständen arbeiten müssen und werden es hernach wieder tun,  nur um sich diese kleine Auszeit im Luxus gönnen zu können?  Muss man es Ihnen, die so viel Lebenszeit damit verbringen, ein System am Laufen zu halten, was weniger Ihnen, als vielmehr wenigen Kapitalanliegern dient, hypermoralisch madig machen, dass sie sich ein Vergnügen gönnen, was sonst nur den “Schönen und Reichen” vorbehalten ist? Natürlich müssen die Schiffe nicht so riesig sein und all die Shopping Malls halte ich für überflüssig, doch sind Kreuzfahrten deshalb im Rundumschlag als Dreckschleudern und Bespaßungs-Maschinerien zu kritisieren?

Ich selbst finde es für mich wunderbar, dass die Mein Schiff 1 momentan mit ca. 650 Menschen an Bord fährt und so natürlich sehr weit von einer 100% Auslastung entfernt ist. Natürlich rentiert sich eine solche Kreuzfahrt für die Veranstalter nicht. Ich weiß allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht, ob mir eine solche Kreuzfahrt bei voller Auslastung gefallen würde? Manche Gäste sind mir einfach zu laut.

Der Tag schließt für mich mit der “Von Kopf bis Fuß Marlene”-Show von CHRIS Kolonko ab. Jetzt interessiere ich mich eigentlich nicht sonderlich für Marlene Dietrich, doch war hier das Zusammenspiel von emotional aufgeladenen Geschichtenerzählungen mit Gesangseinlagen und Videoeinblendungen so großartig, dass ich diese Show sicherlich in bleibender Erinnerung behalten werde.

Der Lektor

Am 5. Seetag (12.08) höre ich mir dann endlich mal einen Vortrag des Lektors “Über das alte Russland” an. Wir sind schließlich nicht mehr weit von St. Petersburg entfernt.

An den Vortagen ging es hauptsächlich um irgendwelche Königshäuser, die mich jedoch herzlich wenig interessierten und der Vortrag über die Geschichte der Kreuzfahrten, der normalerweise meine Aufmerksamkeit gefunden hätte, fand zeitgleich mit der Stockholmer Hafeneinfahrt statt. Die wollte ich jedoch keinesfalls verpassen.

Jetzt sitze ich also im Großen Theatersaal und höre mir einen Vortrag über die Geschichte Russlands an.

Der Mann eines Pärchens neben mir schläft mehrmals ein, sodass die besorgte Partnerin ihn anstupsen muss. Das Schnarchen ist, trotz Abstand, störend, trotzdem verfolge ich den Vortrag beflissentlich. Illustriert ist dieser mit Bildern, zu der der Lektor seine Informationen abspult. Ich hätte mir etwas mehr Interaktionen mit den Zuhörern gewünscht, zumal der Lektor erzählt, dass er im sonstigen Leben Mitarbeiter von Firmen schult, wie sie sich in anderen Ländern, aufgrund von kulturellen Besonderheiten, zu benehmen hätten. Spannend! Das wirft bei mir dann doch einige Fragen auf, beispielsweise inwiefern Klischees dabei antizipiert und verstärkt werden und wo die Tipps und Tricks des Umgangs aufhören und die Vorurteile anfangen? Auch spricht er, während er über die russische Geschichte doziert, kurz das Thema einer “schwierigen Geschichte” an, die sich im nationalen Bewusstsein festgesetzt haben könnte und ich ahne, dass der Herr mehr zu bieten hat, als das adressatenbezogene Wohlfühl-Programm auf dem Schiff zulässt.

Helsinki

Dann sind wir schon in Helsinki. Die Stadt wirkt vom Hafen aus sehr modern und ich wäre natürlich interessiert gewesen, sie per Landgang kennenzulernen, aber leider sind wir auf einer Panoramafahrt und so bleibt es bei einigen flüchtigen Blicken auf das Hafenterminal nebst Umgebung.

Kunst oder auch nicht …

Es gibt übrigens auch Kunst an Bord, wobei ich das Konzept moderne Kunst in den alltäglichen Raum zu übernehmen, ansprechend finde. Allerdings bleibt die ausgestellte Kunst dem Dekorativen verhaftet. Fast schon bezeichnet finde ich die Beschreibung des Werkes  “There is Motion in The Ocean”.. Auf der Mein Schiff 1- Seite, die sich auch ohne Internetflat öffnen lässt, liest man: “Das sich über eine Spanne von acht Metern erstreckende Werk hat auch aus der Distanz einen starken Effekt und entwickelt eine fast hypnotische Wirkung, wenn man etwas dichter an die Wand läuft. “

Da ist es also wieder: Das heimliche Motto der TUI-Flotte: Wohlfühl-Hypnose.

Und dann gibt es da noch die Lumas-Galerie nebst Lumas-Bar. Da scheint es eine fruchtbare Kooperation zwischen TUI und Lumas zu geben und ich hätte wirklich niemals gedacht, dass diese “Kunst” ihre Abnehmer findet.

Die Verabschiedung als Tagesprogramm

Der letzte Seetag (13.08) steht schon ganz im Zeichen des nahen Endes, was ich schade finde. Bei einer solch kurzen Reise braucht es, meiner Meinung nach, nicht ein solch ausgiebiges und sich wiederholendes Zeremoniell der Verabschiedung.

Die Kreuzfahrt war viel zu kurz, schließlich muss man von den acht Tagen ja jeweils den An- und Abreisetag abziehen. Gerne hätte ich noch eine Woche verlängert und wäre ohne Vorbehalte die selbe Strecke  noch einmal gefahren, schließlich habe ich meinen persönlichen “Lockdown” von all den alltäglichen  Geschäften als das eigentliche Ziel angesehen und nicht das Abhaken irgendwelchen Höhepunkten.

In der täglichen Abendschau sagt dann die Crew per Filmaufnahme “Auf Wiedersehen” und tut es dann gleich um 21 Uhr noch einmal auf dem Pooldeck mit exakt denselben Filmaufnahmen.

Überhaupt die Abendschau, die täglich um 17 Uhr über das Programm informierte: Offensichtlich durfte das böse Wort “Corona” dort möglichst keine Verwendung finden, denn als einer der Gäste kurz davor war, es auszusprechen, stoppte er so abrupt seinen Sprechfluss, dass ich fast eine Regieanweisung dahinter vermutete. Und als dann gar im wundersamen Kartenorakel der Moderatorin sich die ungefähre Satzkombination “Demokratie erscheint gegenwärtig fragwürdig” ergab, wurde ganz schnell ein Themenwechsel vollzogen.

Ich lasse den Abend bei der wunderbaren “James Bond Show” von Bridget Fogle ausklingen, bevor es dann am nächsten Tag (14.08) an das Auschecken in verschiedenen Zeitfenstern geht.

Die enttarnte Illusion

Eigentlich hatte ich am 13.08 über die Dauer des gesamten Tages das Gefühl, dass die Kreuzfahrt vorbei ist. Es war ein höchst unschöner Bruch spürbar, der das zuvor von der Crew aufgebaute Wohlfühl-Szenario als eine Illusion enttarnte.

Ich bewunderte heimlich dann auch das Paar, das all der Aufbruchstimmung zum Trotz, am 14.08, noch kurz vor der Abreise, den Whirlpool genoss und dabei beflissentlich den Kehraus ignorierte.

Und heute, am 15.08, lese ich “Es wird etwas geschehen. Eine handlungsreiche Geschichte” von Heinrich Böll. Da steht zu lesen:

“Noch mißtrauischer wurde ich, als uns in der hellen, fröhlich ausgemalten Kantine gleich ein Frühstück serviert wurde: hübsche Kellnerinnen brachten uns Eier, Kaffee und Toaste, in geschmackvollen Karaffen stand Orangensaft; Goldfische drückten ihre blasierten Gesichter gegen die Wände hellgrüner Aquarien. Die Kellnerinnen waren so fröhlich, daß sie vor Fröhlichkeit fast zu platzen schienen. Nur starke Willensanstrengung – so schien mir – hielt sie davon zurück, dauernd zu trällern. Sie waren mit ungesungenen Liedern so angefüllt wie Hühner mit ungelegten Eiern.”

Das ist doch passend, oder?

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