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Die Wewelsburg

Written By: Marina Sosseh - Nov• 20•16

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Gestern machte sich die Wildfrauenhaus-Wandergruppe zur Wewelsburg in das nördliche Westfalen auf. Von Paderborn aus brachte uns der Bus direkt zur Burg, die wir allerdings erst einmal links liegen ließen und eine kleine Rundwanderung startete. Diese führte uns zuerst durch dunkle Niederungen, in der wir all die Erschöpfungen der letzten Arbeitswoche ließen, bevor wir bei den „Sieben Eichen“ unseren Umkehrpunkt  und nach einer kurzen Steigung die lichte Feldmark erreichten.

Unsere kleine Tour erinnert indirekt an die Freimaurer-Gärten, die ja auch den Gartenbesucher erst in den „dunklen Wald“ und die Einsamkeit führen,  um Kontemplation und die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit zu befördern, bevor die freie Fläche mit den Obstbäumen erreicht wird (siehe  u.a. auch: Hinüberscher Garten). Und wirklich fanden auch wir am Wegesrand noch Apfelbäume mit Früchten vor.

Nach einer kleinen Stärkung ging es dann, entlang der Feldmark,  zur Burg zurück. Der Nordturm mit seiner Gruft und den Obergruppenführer-Saal zog uns magisch an. Die „schwarze Sonne“ wollte von uns besucht werden, nachdem einer meiner Begleiterinnen noch ein Mistelzweig vor die Füße fiel, der in den kommenden Rauhnächten wohl ihre Wohnung zieren wird.

Marcello La Speranza schreibt zwar in seinem Buch Brisante Architektur, dass die Betreiber der Wewelsburg auf Information setzen und dass sie die Geschichte des Ortes nicht vertuschen wollen (vgl. S. 200), jedoch scheint mir die Platzierung des Ikea-Equipments  mit Sitzsäcken und Beistelltischchen auf der schwarzen Sonne  genau die gegenteilige Sprache zu sprechen. Es wird sozusagen nur so getan, als ob hier offen mit der eigenen Historie umgegangen wird und ein freier Diskurs befördert werden soll.  In Wirklichkeit  aber wird die staatlich vorgeschriebene Interpretationshohheit niemals aufgegeben und nur eine pädagogisierter Sichtung zugelassen, der den Besucher zum „dummen Kind“ degradiert, dem nicht zugetraut wird, eigene Schlüsse zu ziehen.  Folgerichtig lässt sich der Nordturm auch nicht über den Burgplatz begehen (Die Tür ließ sich zwar noch öffnen, aber dann versperrte ein Gitter den Zugang!), stattdessen muss erst eine textlastige  Ausstellung über die Gräueltaten der Nationalsozialisten absolviert werden. Wenn dann endlich die kameraüberwachten (sic!)  „Kulträume“ betreten werden können, wird alles dafür getan, um deren Raumwirkungen zu durchbrechen. Expressionistisch anmutende Gemälde hängen über den zwölf Säulenpodesten, in denen wohl einst Urnen mit der Wappenasche gestorbener SS-Männer gestanden haben sollen. Ein Dokumentarfilm erklärt „irgendetwas“ und stört mit seiner Beschallung das Erlebnis der interessanten Klangerfahrung des Raumes, der die eigenen Worte, quasi in einem Energiekegel, spiralförmig nach oben treibt. Dort prangt an der Decke ein Hakenkreuz, was – wenn denn der „gedeckelten“ und verzerrten Präsentation konsequent gefolgt werden würde, eigentlich mit rosafarbenen Pompons und Einhorn-Mobiles verziert werden müsste, würde dies doch das Ikea-Sitzplatz-Szenario im oberen Saal perfekt ergänzt!

Dort, im Obergruppenführersaal,  betätigten uns übrigens als Möbelrücker, woraufhin mit ca. zehn Minuten Zeitverzögerung, eine Mitarbeiterin des Museums erschien, die alles wieder zurück auf das Bodenornament platzierte und mir später auch misstrauisch folgte, nachdem ich mich zurück an die ehemaligen Feuerstelle des unteren Raumes begeben hatte. „Kann es eine paradoxere Tätigkeit geben?“, frage ich mich.

Hier soll also verdeckt werden, was offensichtlich vorhanden ist.  Ich würde dringend zur Konsequenz raten und deshalb entweder alles unter Verschluss halten oder einen wirklichen Zugang zum Nordturm erlauben? Alles andere ist einfach nur lächerlich und zeugt davon, wie wenig die politischen Eliten ihrer eigenen Bevölkerung vertrauen. Der Krieg ist schon lange vorbei.

Das Fotoalbum zum Ausflug ist hier zu betrachten.

Captain Fantastic

Written By: Marina Sosseh - Okt• 23•16

Im Film „Captain Fantastic“ wird interessanterweise auch in der Öko-Idylle der Leistungsgedanke mit strukturierter Tagesordnung niemals aufgegeben , sondern  perfektionisiert. Die Beschulung durch die Eltern in der Naturidylle ist dem Lernergebnissen an staatlichen Schulen haushoch überlegen, was, nachdem die Wildnis notgedrungen verlassen werden musste,  beim Zusammentreffen mit den von der Trash-Kultur infizierten Sprößlingen  der Verwandtschaft deutlich wird. Die Kinder von „Captain Fantastico“ zeigen sich, in der Konfrontation mit dem schrillen-amerikanischen Kapitalismus, zwar autistisch-nerdhaft und deshalb für den Zuschauer  ungewollt komisch, sind aber durch die vom Vater vorausgegangene  praktizierte Willensschulung, die sie an der felsigen Steilwand lehrte, ihre eigenen körperlichen Grenzen zu überschreiten, vor allen zivilisatorischen Gefahren gefeit.  Sie haben quasi, durch die Schulung in der Wildnis, übermenschliche Fähigkeiten erlangt.  (Warum muss ich dabei bloss an Louis Trenker denken?)

„Captain Fantastic'“ arbeitet so dem zu, was er vordergründig vorgibt zu kritisieren. Der Film suggeriert durch seinen Titel, dass er einer bizarre Aussteiger-Romantik frönt, in der Tat zeigt er aber deutlich, dass der gegenwärtige Zeitgeist keinen Platz mehr für Hippies kennt. Eine  libertäre Ideologie, ganz im Sinne von Ayn Rand, wird gefrönt, die wohl,  angesichts der globalisierten Verwerfungen, das Überleben des von Abstiegsängsten geplanten Mittelstandes sichern soll.

Der Film endet dann auch schlussfolgernd  im IKEA-Einfamilienhaus, wo Captain Fantastic  und seine Kinder ein geordnetes Leben finden, jedoch das in der Wildnis praktizierte Homeschooling beibehalten.

Nürnberger Entdeckungen

Written By: Marina Sosseh - Okt• 15•16

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Meine Fahrt nach Nürnberg brachte mich zuerst zum Reichsparteitagsgelände. Die Linie 9 fährt direkt vom Nürnberger Hauptbahnhof los und bringt einem innerhalb kürzester Zeit zum Dokumentationszentrum, das, im Stil des Dekonstruktivismus, wie ein Speer in die riesige Bauruine des von der NS-Führung  geplanten Kongresszentrums, hineinsticht.  Im Innern erwartete  mich eine Flut von Info-Tafeln und medialen Feuerwerken, die sicherlich, auch gerade in Kombination mit dem zur Verfügung gestellten Audio-Guide, eine sinnvolle Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus bieten,  weswegen anscheinend  auch unzählige Schulklassen mit dem Besuch des Dokumentationszentrums beglückt werden. Wenn man schon Vorwissen mitbringt und die Zeit in Nürnberg begrenzt ist, kann man sich den Besuch sparen. Texte und Filme lassen sich schließlich auch zu Hause durchlesen und ein Bezug auf das Gebäude des Dokumentations-Zentrums  findet nur in Ansätzen statt, beispielsweise dann, wenn  ein Balkon dem Blick auf das Innere der Kongresshalle freigibt oder die geplante Wandelhandel der NS-Führungsspitze durch ein Fenster zu betrachten ist.  Statt hier also meine Zeit weiter zu verbringen, entschied ich mich zur Teilnahme an der Bus-Video-Tour vom Verein „Geschichte für alle“ teil. Diese dauert ungefähr eine Stunde,  in der man über das Reichsparteitagsgelände gefahren wird, wobei der Bus, entgegen der Ankündigung,  die meiste Zeit allerdings im Stand verharrt, derweil erklärt und Filme eingespielt werden. Für einen ersten Eindruck von dem Gelände hat mir die Tour halbwegs gut gefallen, wobei es eine Begehung „zu Fuß“ und in Ruhe sicherlich nicht ersetzen kann. Den Schluss, wo die Moderatorin einen rasanten Gedankensprung von der Ausgrenzung der Nationalsozialisten gegenüber Minderheiten zur Flüchtlingsfrage vollzog  und dabei der AFD  unterschwellig vorwarf, hier vergleichbare Positionen zu vertreten, sprach leider von einer gewissen Naivität und einseitigen Informiertheit in Bezug auf das Thema. Interessanterweise hat sie dabei genau die Propaganda vollzogen, die sie zuvor – in Bezug auf die Reichparteitagsveranstaltungen analysiert hat, wobei wieder deutlich wird, dass  didaktische Aufarbeitung nicht davor schützt, selbst zum Instrument von Propaganda zu werden, besonders dann,  wenn es denn von einer unerwarteten Seite, die sich selbst als „richtig“ und „gut“ in Szene stellt, verkauft wird. Sympathisch war sie mir trotzdem.

Nachdem der Bus wieder vor dem Doku-Zentrum gehalten hatte, machte ich mich auf eigene Faust auf, das Gelände zu erkunden und,  rückblickend betrachtet,  hätte ich dies gleich tun sollen.

Mich faszinierte am meisten die Zeppelintribüne. Sie war, zusammen mit dem Zeppelinfeld, der zentrale Schauplatz der Reichsparteitage, was auch,  auf einer energetischen Ebene, noch spürbar ist. Bedingt durch mangelnde Instandhaltungen und die Zerstörungen nach dem zweiten Weltkrieg befindet sich die Anlage leider in einem desolaten Zustand, weswegen sie auch renoviert werden soll. Die Stadt Nürnberg erprobt auf Musterflächen bauliche Sicherungsmaßnahmen.

Leider konnte ich das Innere der  Zeppelintribüne nicht betreten. Einen Eindruck, wie es dort ausschaut, bekommt man aber hier.

Nach der Begehung des Reichsparteitagsgelände, zog es mich in die Innenstadt von Nürnberg, die im historischen Kern ein inszeniertes Bratwurst-Lebkuchen-Wunderland zu sein scheint. Dort nahm ich an einer Felsenkellerführung teil, die überraschenderweise den thematischen Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus hin zum Mittelalter spannte und so eine ideale Fortsetzung zu meiner Begehung des Reichsparteitagsgeländes darstellte.

Dabei lernte ich, dass sich in Nürnbergs Untergrund unzählige Keller  befinden, die im Zweiten Weltkrieg zum Zwecke des Luftschutzes miteinander verbunden wurden und nun ein unterirdisches Labyrinth ergeben. Ursprünglich wurde dort Bier gelagert, weshalb dann auch die Führung durch die Felsenkeller mit einer kleinen Werbeveranstaltung für eine Brauerei endete.

Nachdem ich dabei erstmalig rotes Bier probieren durfte, ging es, in einem überfüllten und unbequemen ICE, zurück nach Hannover.

Das Fotoalbum, falls es an dieser Stelle, in der mobilen Version, nicht dargestellt wird, befindet sich hier.

Michael Buthe im Haus der Kunst, München

Written By: Marina Sosseh - Okt• 12•16

Eine „Michael Buthe“-Retrospektive ist noch bis zum 20.11.2016  im Haus der Kunst in München zu sehen und hat mich zu einer Bahnfahrt quer durch Deutschland inspiriert.

Michael Buthes  Kunst verweigert sich dem musealen Konzept. Seine Objekte können Dekoration für vielfältige Feierlichkeiten sein. Eigentlich sind sie  – auf einer tieferen Ebene – Ritualgegenstände, die magische Räume öffnen. Michael Buthes Kunst braucht die spielerische Interaktion und wenn die Überreste seiner Installationen in eine Ausstellung verbannt sind, wo man das Wachs zwar riechen, aber nicht berühren darf, dann wird seine Kunst abgeschnitten von  ihrer wahren Kraft, die  jedoch noch im Museum  spürbar ist.

Michael Buthes  Künstlerbücher möchte ich durchblättern. Doch liegen sie hinter Glas. Glücklicherweise wussten die Ausstellungsmacher wohl um dieses Dilemma. Ein filmisches Zeugnis  stellt die Brücke zwischen Ausstellungskunst und belebt-lebendiger Kunst her. In der wohl auf Super 8 gebannten Performance blättert Michael Buthe  –   in der Kleidung eines Prinzen von Samarkand – eines seiner opulenten Bücher durch.

Michael Buthes Kunst macht Mut, Kunst als Religion der Zukunft und Religion als Kunst der Zukunft (nach Paolo Bianchi) zu sehen und dies alles mit Hilfe eines eklektischen Freiheitsbegriffes, der mir selbst, die ich aus verschiedenartigen spirituell-okkult-magischen Traditionen schöpfe, nahesteht. Seine Objekte sind Inspiration und machen Lust darauf, eigene individuelle Mythologien zu begehen. Grenzenlos!

Mein netter Ausstellungs-Begleiter störte sich an der schlechten Ausleuchtung im Museumsbau, die nicht mehr zeitgenössische Ansprüche an Kunst-Präsentationen erfüllt und auch nicht mehr – im Sinne seines Architekten Paul Ludwig Troost – funktionsfähig ist. So war der Lichteinfall durch die Decke für die Ausstellungsarchitektur der 30Jahre sicherlich wegweisend gewesen, jetzt aber ist die Decke abgehängt und so fällt kein Tageslicht mehr in die Ausstellungsräume.

Überhaupt – dieses Gedankenspiel sei  mir erlaubt – stelle ich mir die Frage, wie Michael Buthe mit der Geschichte und Architektur des Hauses umgegangen wäre? Ich bin mir sicher, dass er einen Kontext zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt hätte.

Ich selbst habe mich am schummerigen  Licht  in der Ausstellung nicht gestört. Eigentlich kam es mir fast passend vor.  Noch besser wäre es vielleicht gewesen, einige seiner Werke in der Dunkelheit, nur beleuchtet vom Licht des großen Kerzenleuchters, der ungenutzt in der Ausstellung steht,  zu betrachten, wird so nämlich die magisch-trancehaft-opulente Atmosphäre spürbar, ohne die seine Kunst sich nicht vollständig entfalten kann.

Im letzten Raum stehen düster anmutenden Kupferplatten, die zwar – in der Motivwahl – noch an die farbenprächtigen Silhouetten der vorangegangenen Jahre von Michael Buthes künstlerischen Schaffens erinnern. Vielleicht hat Michael Buthe in dieser letzten Installation seine  eigene „schwarze Sonne“ berührt?

Das Sonnenlicht jedenfalls, das im Zentrum seines höchstpersönlichen Sonnenkultes stand, ist hier nur noch als metallisch-dunkler Abglanz zu erahnen und stellt damit dann doch eine ungewollte Synchronität zur architektonischen Decke des Hauses her, die eben auch kein Licht mehr durchlässt, womit dann der Künstler  auch post mortem seinen gegenwärtigen Bezug zur Architektur des Museums hergestellt zu haben scheint!

Gerne hätte ich euch an dieser Stelle  Fotografien seiner Werke präsentiert, doch da ich nicht weiß, wie es sich mit den Bildrechten verhält, verweise ich hier
auf den Ausstellungskatalog.

Auch ich selbst habe schon über Michael Buthe geschrieben. Schaut hier.

Monumentaler Neoklassizismus mit verbliebenen Hakenkreuzmotiven an der Decke des Arkadenganges: Eine Renovierung ist durch das Architektenbüro von David Chipperfield geplant. Hoffentlich wird nicht „tot“saniert. Ich wünsche mir, dass der Spagat zwischen Denkmalpflege und einer zeitgemäßen Nutzung gelingt.

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Kolberger Disziplinierungen

Written By: Marina Sosseh - Okt• 10•16

Nie werde ich vergessen, wie ich vor einiger Zeit  mit Verleumdungen konfrontiert wurde, die vermutlich einzig und allein dem Zweck verfolgten, mich klein zu machen, mich wieder auf Linie zu bringen, nachdem ich in der Vergangenheit einmal meine Kritik in Worte gefasst und diese auch zur Kenntnis gegeben hatte, in der naiven Vorstellung, dass die Verantwortlichen nicht darum wüssten und unter der Voraussetzung, dass dort Menschen sitzen würden, die den offensichtlich aufgezeigten Problemen ins Auge sehen würden und an einer Lösung interessiert wären. Dem war nicht so.

Stattdessen war ich mit einer kräftezehrenden Disziplinierung konfrontiert, wo angebliche Vergehen gegen mich kreiert wurden und auch nicht davor zurückgeschreckt wurde, zu instrumentalisieren, was nutzbar gemacht werden konnte. So kann es passieren …

All dies, was ich erlebt habe, erinnert mich an eine Szene im wirklich filmtechnisch mehr als gelungenen Durchhaltefilm der Nationalsozialisten „Kolberg“ (Regie Veit Harlan), wo ein selbsternannter „Vater“ des Dorfes Kritik übt, indem er sich gegen den Befehl des Kommandanten stellt, einfach deshalb, weil dessen Befehl wenig durchdacht ist. Der zur Hilfe geeilte preußische Offizier Gneisenauer verlangt nun von ihm, die Folgen der Befehlsverweigerung (ein Graben wurde zugeschüttet) wieder rückgängig zu machen und erst danach wäre er bereit, ihn überhaupt anzuhören. Wo käme man denn dahin, wenn jeder eine eigene Meinung sowie Mitsprache hätte und individuell entscheiden würde!

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Das Funktionieren des Systems steht eben über der Vernunft des Einzelnen und erst wenn man bereit ist, sich dem System bedingungslos unterzuordnen, kann das Gemeinschaftsgefüge erfolgreich funktionieren: so die Botschaft des Films.

Die Kolberger, die dies verstanden haben,  können schließlich, durch Befehlsgehorsamkeit und Opferbereitschaft, der einfallenden napoleonischen Armee erfolgreich entgegentreten.

Zuvor ordnet sich auch der rebellierende H. Nettelberg dem Offizier Gneisenauer unter, der sich danach aber – Überraschung! – zu einer Anhörung bereit erklärt, wo er seine zuvor gezeigte  befehlerische Härte mit dem Verweis auf Freundschaft und gegenseitige Unterstützung relativiert. Auch lässt er sich nun davon überzeugen, dass Nettelbergs Kritik eigentlich inhaltlich richtig gewesen war, womit der Film „Kolberg“ hier in seiner vorrangig propagandistischen Aussage selbst „bricht“ und so versöhnlicher zu sein scheint, als das, was ich erleben durfte.

Über die Schrecken von vielfältigen „Systemen“  habe ich schon wiederholt geschrieben, z.B. hier. Und für alle,  die es verstehen können,  sei gesagt,  dass jedes System immer Gefahr läuft,  sich zum thursischen zu entwickeln.

„Heikles Erbe“

Written By: Marina Sosseh - Okt• 06•16

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Die Ausstellung

Heikles Erbe (30. September 2016 bis 26. Februar 2017)

im Landesmuseum verstört und verärgert mich gleichermaßen.

Zu Beginn läuft auf einem Bildschirm in Endlosschleife eine Befragung hannoverscher Passanten zur Kolonialgeschichte, die historisches Halb- und Viertelwissen von sich geben, was überwiegend Schulbuch konform  und politisch korrekt zu sein scheint.  Ich höre nur mit halber Aufmerksamkeit hin und schaue mir gleichzeitig eine Wächter-Figur an, die  in der ersten Vitrine steht und mit der die Ausstellung auch in der Öffentlichkeit wirbt.

Hellhörig machte mich dann ein älterer Herr, der in der Befragung den guten Ruf Deutschlands als Kolonialmacht in eben diesen Ländern betont,  schließlich bin ich Töne,  die der herrschenden Geschichtsauslegung widersprechen nicht mehr gewöhnt. So war ich denn verwundert, dass sein Redebeitrag präsentiert wird, allerdings  – so erkläre ich es mir im Nachhinein –  soll sein Statement wohl den Part des Ewig-Gestrigen übernehmen, der noch nicht gelernt hat, zu welchen Schrecknissen Deutschland als Kolonialmacht fähig gewesen war.

Mich erinnerte seine Rede an einen ebenfalls älteren Herren, den ich in Kamerun begegnet war und der ebenfalls Deutschland als Kolonialmacht im Vergleich zu den Engländern und Franzosen lobte. Die Deutschen hätten zumindest Brücken und eine Bahnstrecke gebaut, also nicht nur aus dem Land herausgeholt, was herauszuholen ist, sondern auch Investitionen getätigt.

Dass dieser positive Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte im Fortgang der Ausstellung aber fort-pädagogisiert werden soll, wird bei der Betrachtung der folgenden Vitrine deutlich, wo allerlei  (Ich traue es mich kaum zu schreiben ….so böse das Wort !) -„Neger“-Figuren davon Zeugnis ablegen sollen, wie die Deutschen doch einst rassistisch waren. Der Vitrine gegenüber  gibt es dann einen  Text-Verweis auf die Völkerausstellungen in den Zoologischen Gärten zu Anfang des letzten Jahrhunderts, wobei kein Wort darüber fällt, dass deren Darsteller ein recht gutes Einkommen durch ihre Zurschaustellung erzielten, sodass ihnen, im Anschluss an ihre Tournee, ein komfortables Leben in ihren Heimatländern möglich war.

Die Welt ist eben nicht so schwarz-weiß, wie es die modernen Museumsdidaktiker und Kuratoren es gerne hätten.

Weiter ging es dann, etwas uninspiriert und systematisch, durch die Kolonialgeschichte. Jeder ehemaligen Kolonie ist ein Abschnitt gewidmet, in der die ethnologischen Objekte des Landesmuseums gezeigt werden. Vieles davon versteckt sich normalerweise im Magazin und ist nicht zu sehen.  Informationstafeln klären über diejenigen auf, die die Objekte den Museum einst geschenkt haben, wobei besonders gerne Straf-Expeditionen Erwähnung finden.

Mittlerweile gewöhnt daran, dass das Negative betont und das Positive vergessen wird und so ein recht einseitiges Bild vermittelt wird, was nicht vermitteln kann,  was die damaligen Beweggründe waren, erfreue ich mich an der Präsentation der Objekte. Die können schließlich nichts dafür, dass die Ausstellung ideologisch gerahmt ist.

Gerne hätte ich euch hier einige der Exponate gezeigt, doch der Museumswärter machte mich darauf aufmerksam, dass das Fotografieren in der Sonderausstellung nicht erlaubt sei. Über Sinn und Zweck dieses Verbotes konnte er mir keine Auskunft geben, ich vermute aber, dass der Verkauf des Kataloges  vorangetrieben werden soll?

Auf einem weiteren Bildschirm ist ein Afrikaner und eine Chinesin zu sehen, die über nachkoloniale Erfahrungen sprechen, während ich mir eine Vitrine mit Devotionalien der Unabhängigkeitsfeier von Ghana anschaue.

Eigentlich hätte hier der logische, wenn auch etwas konstruierte Schlusspunkt  der Ausstellung sein müssen. Konstruiert deshalb, weil zumindest Ghana keine deutsche Kolonien gewesen war (nur Teile vom ehemaligen  deutschen Togo haben sich  später Ghana angeschlossen)  und es zuvor thematisch ausschließlich um die deutsche Kolonialgeschichte gegangen war, die dem Landesmuseum eben ihr „heikles Erbe“ hinterlassen hatte. Ich hätte die Ausstellung , wenn sie hier zu Ende gegangen wäre, im Zwiespalt verlassen, einerseits erfreut über die gesehenen Objekte und andererseits verstört darüber, dass die Geschichte so einseitig erzählt und der deutsche Schuldkomplex immer weiter in die Vergangenheit ausgedehnt wird.

Doch leider war die Ausstellung hier noch nicht zu Ende. Sie führte mich nun – ohne Vorwarnung und Erklärung – nach Hawaii,  wahrscheinlich um koloniale Kontinuitäten und deren zeitgenössischen Umgang damit zu thematisieren. Schließlich ist Hawaii von den Amerikanern annektiert und der USA einverleibt worden, was bei der einheimischen Bevölkerung – bis heute – Protest hervorruft.

Ich wurde nun mit konzeptueller Widerstandskunst konfrontiert, die auch nicht besser zu sein scheint, als die Konzeptkunst anderswo  (und ja, ich mag keine Konzeptkunst!).

Zum Werk von April A. H. Drexel, In flagrant delicto, was irgendwelche bedruckten Plastikkärtchen zeigt, steht folgender Erklärungstext:

Diese Serie visueller Texte versucht auszuloten, aufzudecken und auszusprechen, wie der Raub unserer Identität sich auswirkt auf das Land unserer Vorfahren, auf die Nation, auf politische Rechte, sozio-ökonomische Nachhaltigkeit, kulturelle Ausstrahlung und Menschenwürde.

Und während ich das las, fühlte ich mich selbst (und von den Ausstellungsmachern wohl didaktisch ungeplant) – in Deutschland – kolonialisiert und entfremdet. Fremd im eigenen Land, bedingt durch eine globalisierte Wirtschaft und deren Lobbyisten, die Einwanderungsströme in unser Land lenken, die in rasantem Tempo mein Leben und das all der anderen verändert. Ungefragt.

Doch die Ausstellung soll mich beruhigen.  Homes Bhabiba (wer immer das ist) wird großflächig zitiert und ich lese:

Der Prozess kultureller Hybridität lässt etwas anderes entstehen, etwas Neues und Unbekanntes, ein neues Feld in dem Bedeutung und Repräsentation verhandelt werden.

Das ist richtig, aber soll ich mich darüber freuen? Oder soll ich den Verlust betrauern und dagegen in Widerstand gehen, zumal das Neue nicht unbedingt das Bessere sein muss? Darf ich den favorisierten multikulturellen Gesellschaften  mit Skeptik begegnen, auch weil ich die Unterschiede der vielfältigen Volksgruppen mag und ich beispielsweise nicht in Deutschland, Indien und Paraguay die selben globalisierten Finanzsklaven sehen möchte, wie sonst auch überall auf der Welt? Während ich darüber noch nachdenke, macht mir eine weitere Tafel deutlich, dass dieses Festhalten  am  Eigenen überwunden gehört.  Dort steht:

Die Wissenschaft hat sich verändert, doch in der Gesellschaft bleiben alte Denkmodelle oft noch lange bestehen. Den häufig verwendeten Begriffen ‚Entwicklungsländer‘ und ‚Entwicklungshilfe‘ unterliegen zum Beispiel evolutionäre Ansichten: es soll zu einem europäischen „Bestzustand“ hin entwickelt werden. Auch rassistische Denkweisen sind gerade in der Debatte um Flüchtlinge immer wieder zu hören. Noch immer wird von Kulturkreisen gesprochen und es werden dabei vereinfachen Einteilungen vorgenommen.

Verloren im Museum. Die Vereinfachungen, die hier angeprangert werden, sind doch das Programm der Ausstellung!

Ganz schlimm wird die ideologische Beeinflussung und Pädagogisierung beim Hören des Beitrages, der den Audioguide zugefügt ist und der sich auf den letzten Präsentationsraum bezieht. Offen wird hier zugegeben, dass die Dekonstruktion vorherrschendes Ziel ist und sich das Museum als Handlanger von Globalisierungsstrategien  sieht, dies alles (meine Interpretation!)  unter der Vorgabe des moralisch „Guten“. Der eurozentrische Blick soll  genauso aufgelöst werden, wie die eigene Identität und so dürfen wir uns dann alle als fröhlich Kolonialisierte und damit Gleichgestellte fühlen. Schöne neue Welt eben!

Dieses Machtungleichgewicht aufzulösen und bestehende Herrschaftsverhältnisse zu demonstrieren stellt eine herausragende Aufgabe der ethnologischen Museen der Gegenwart dar. Das Museum als Kontaktzone zwischen verschiedenen Kulturen in denen statt nationaler Grenzen die Vernetzung der Welt, die kulturelle Vielfalt und der Wandel statt hegemonialer Diskurse stattfinden ist ein Museum der Zukunft.

Anbei noch ein kleiner Blick in mein Fotoalbum, was u.a. deutsche Hinterlassenschaften in Kamerun zeigt.

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Heiligers Brunnen

Written By: Marina Sosseh - Sep• 20•16

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Am Sonntag habe ich mit einem Freund einen kleinen Spaziergang unternommen.

Startpunkt war die Herderstraße 6 in Hannover, was laut dieser Informationsseite die postalische Adresse des im 18. Jahrhundert errichteten Brunnens sein sollte, den ich mir unbedingt einmal anschauen wollte.

Zuerst musste dieser aber erst einmal gefunden werden. Zuvor beeindruckte die Herderstraße durch imposante Villen, die bei mir die Frage nach sozialen Gerechtigkeiten hervorrief, womit ich eigentlich nur sagen möchte: Ja, ich war neidisch und möchte auch gerne ein solch repräsentatives Gebäude mein eigen nennen.

Wo war das Denkmal? Nach einigen Suchen nahmen wir den Weg geradeaus direkt in die Eilenriede (Startpunkt war in der Tat die besagte Adresse!)  und erreichten den kleinen Stein, der Heiligers Brunnen heißt, nach kurzer Zeit.

Obwohl hier  einmal eine schwefelhaltige Quelle gewesen sein soll,  die vom Stein eingefasst wurde, ist kein Wasser mehr zu sehen. Vermutlich ist der Born versiegt, auch wenn ich bei Wikipedia lese:

Das Wasser tritt heute aus einem Rohr zwischen Steinen als kleiner Quell in Höhe eines Fußweges zutage.

Hier muss widersprochen werden, denn: Nein, davon haben wir leider nichts gesehen.

Unweit des Gedenksteins befindet sich eine Informationstafel, die  davon spricht, dass die Quelle „nahezu versiegt“ sein soll, womit dann (mal wieder) bewiesen ist, dass Wikipedia nicht unbedingt eine verlässliche Quelle (sic!) sein muss.

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Die Informationstafel inspirierte uns, nach dem „Teufelsbad“ und den 100 Meter westlich liegenden Findling Ausschau zu halten.

Vergeblich. Insofern machten wir uns in  Richtung Hermann-Löns-Park auf und wurden sogleich von einem Radfahrer-Paar angesprochen, die uns fragten, ob wir wissen würden, wo sich „der Findling“ befinden solle, was ja an sich schon lustig ist, kann ich mir nämlich nicht vorstellen, dass sich viele Menschen am Sonntag aufmachen, um Heiligers Brunnen, das Teufelsbad oder den Findling aufzusuchen.

Wir konnten leider nur den Weg zur Informationstafel weisen, begegneten ihnen dann aber ca. 20 Minuten, kurz vor dem Park, wieder, wo sie uns erzählten, dass der Findling winzig wäre und das „Teufelsbad“ links von der Tafel zu finden wäre.

Nach unserem Spaziergang durch den Hermann-Löns-Parks kehrten wir zur versiegten Quelle zurück und fanden vermutlich (???) das Teufelsbad, eine ehemalige Badestelle, was eigentlich Kopperloch heißt, allerdings in wenig attaktivem  Zustand, unweit der Infotafel, vor.  Es sah bei weitem nicht so gepflegt aus, wie auf der Info-Tafel zu sehen! Ob es sich beim unnah gelegenen Steinchen am Weg, um den ominösen Findling handeln soll, vermag ich ebenfalls nicht mit Sicherheit zu behaupten.

Es wäre schön, wenn die Besucher dieses denkmalgeschützten Ortes mit detaillierteren Informationen versorgt werden würden, ähnlich wie dies beispielsweise im Hermann-Löns-Park bereits geschehen ist.

Das Gefühl von Heimat und Verbundenheit mit einem Ort entsteht nämlich auch durch die Pflege der historischen Hinterlassenschaften seiner vormaligen Bewohner. Denkmalschutz kann zur Lebensqualität beitragen. Erinnerungspunkte müssen nicht nur „Stolpersteine“ sein, sondern können auch auf positiv besetzte Geschichte verweisen.

Zweimal Morandi!

Written By: Marina Sosseh - Sep• 02•16

Letztens lese ich von einer Provinz-Posse in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, in der ein Gastwirt ein Kunstwerk gestohlen haben soll, was ihm, so seine Aussage, aber als Schrott angeboten wurde. Das Kunstwerk ist mittlerweile verschwunden, was den Verdacht nahelegt, dass er es schon anderweitig verkauft haben könnte. Muss aber nicht sein; ich kenne den Fall nicht und die Presse berichtet – wie fast immer in Hannover – „schwammig“.

Schaut hier: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Verschwundenes-Kunstwerk-in-Hannover

Obwohl die reißerische Facebook-Überschrift „Wo ist das teure Kunstwerk aus dem HCC geblieben?“, was mich zum Anklicken des Beitrages animierte, ja eine nähere Erläuterung der gestellten Frage suggeriert, erfahre ich im Artikel zwar einiges über dem rechtmäßigen oder unrechtmäßigen Erwerb des Kunstwerkes durch den Gastwirt, nichts aber über dessen Verbleib. Jetzt weiß ich immer noch nicht, ob der Gastwirt es weiter veräußert hat, versteckt hält oder ob es nicht doch im „Schrott“ gelandet ist? Ich erfahre nur, dass das Kulturamt auch nichts weiß.

Immerhin war nun meine Neugier geweckt, sodass ich mich auf die Suche nach dem vermissten Kunstwerkes im Netz machte. Schließlich hatte ich in der Vergangenheit ja schon häufig das Kongresszentrum im Hannover besucht, erinnerte mich aber nicht an das vermisste Kunstwerk. Die schnelle und unvollständige Suchanfrage brachte mich dann nicht zum Wikipedia-Eintrag von Marcello Morandi, dessen Grundlage seiner Arbeit die Beschäftigung mit geometrischen Strukturen sein soll, die er durch Bewegung und Veränderung in neue Formen überführt (kinetische Kunst also!), sondern erst einmal zu Giorgio Morandi, der Google Autokorrektur sei Dank, und dessen Kunst sprach dann etwas in meinem Innern an, was mich zur weiteren Recherche animierte.

So kann es gehen!

Schon Giorgio Morandis Biografie faszinierte mich.  Doch warum? Genau wie ich war er als Lehrer tätig. Er unterhielt ein Wohnzimmeratelier, was ich auch tue, schließlich wird mein Wohnzimmer wahlweise als Atelier, Büro, Schlafplatz, Entspannungs- und Lesezone und Besuchsraum genutzt. Nur die drei Schwestern fehlen mir, die mich umsorgen. Das ist das Privileg des männlichen Geschlechtes: immer bemuttert und umsorgt zu werden! Herrn Morandi wird es gefreut haben. Und dass er so gut wie nie seinen Heimatort verlassen hat, ist mir irgendwie auch sympathisch. Dieses oberflächliche Bereisen von Orten, was meist ja doch nur eine Aneinanderreihung von Postkartenansichten gleicht, ist mir zutiefst zuwider und Menschen, die mich mit ihren Reiseerlebnissen quälen und die dabei nicht den kleinsten Ansatz  davon zeigen, tiefere Entdeckungen gemacht haben zu wollen, langweilen mich – zutiefst.

Soweit die  vordergründigen Gemeinsamkeiten. Giorgio Morandi wollte – laut Wikipedia –  keine Botschaft in seiner Kunst vermitteln, weder eine politische, noch eine weltanschauliche. Und – auf diese Weise – ist er mir voraus. Ich sehe den künstlerischen Schaffensprozess eher hermeneutisch, als einen Dialog also, den ich  mit dem Numinosen führe und der dann wiederum etwas Neues und noch nie Gewesenes  erzeugt. Leider  verfolge ich  anschließend – im Gespräch über das Kunstwerk – noch allzu oft diese pädagogische Unart, meine Mitmenschen auf die vermeintlich „richtige“ Spur bringen zu wollen. Das ist wahrlich eine schlechte Angewohnheit, die ich wohl ablegen und  stattdessen ganz der Ästhetik huldigen sollte!

Genau dies hat Giorgio Morandi getan, indem er sich ganz der Form und der Farbe hingegeben hat. Dadurch hat er in seinen Bildern das Raum-Zeit-Kontinuum durchstoßen, und es ist dabei zu Verschiebungen gekommen, die wahrscheinlich für ihn selbst spürbar waren, über dessen Erfahrung er aber nicht mit seinen Mitmenschen kommuniziert haben soll.  Er wollte über den Gegenstand „hinaussehen“. Sein Werkzeug dabei war die bildnerische Darstellung und diese Zeugnisse seiner Entdeckungen stehen auch uns heute noch zur Verfügung. Jeder Betrachter kann seine Bilder als Tür und Tor ansehen, um das Übersinnliche zu erkennen, genauso wie es Giorgio Morandi  einst getan hat.

Vordergründig mache ich beim Erschaffen meiner eigenen Bilder genau das Gegenteil von ihm. Bei mir gibt es viel zu sehen und dabei keinen Fixpunkt. Die Formen überlappen sich und öffnen dadurch beständig neue Räume. Ich maximiere das Chaos und die Sehebenen überlagern sich. Manchmal bin ich garselbst darüber erstaunt, was sich im kreativen Prozess aus der unbewussten Ebene plötzlich bildnerisch materialisieren will.

Beim Betrachten meiner Bilder sehnt man sich nach der Ruhe,  nach einem Punkt der Stille, der einen erlaubt, die eigene Bewusstseinsebene auszuweiten und sich mit dem zu verbinden können, was wir, jenseits unseres Körpers sind.

Giorgio Morandi dagegen hat den Ruhepunkt unmittelbar ins Bild gesetzt.  Statt  „Wanderungen“  hat er den Stillstand favorisiert und hat dennoch in seinen Stillleben  genau das Numinose gesucht und gefunden, was mich selbst auch zu vielfältigen realen und virtuellen Wanderungen antreibt.

Diese Gemeinsamkeit in der Andersartigkeit hat mich wohl an seiner Kunst fasziniert, bevor ich dies überhaupt in Worte fassen konnte. Jede Bewegung braucht  die Stille, aus der sie schöpfen kann und jede Bewegung führt wieder, wenn wir sie denn maximieren, zurück in die Stille. Ins Stillleben.

Über den Spaziergang

Written By: Marina Sosseh - Aug• 21•16
Spazieren gehen? Just a doodle. Digital bearbeitet, 2016

Spazieren gehen? Just a doodle. Digital bearbeitet, 2016

Das absichtlich Herumschlendern, das Flanieren, in dem man sich von einem visuellen Eindruck zum nächsten begeben kann, ohne dabei nur irgendein Ziel zu verfolgen, das ist der Seinszustand, der das eigentlich menschliche Schöpfertum erst ermöglicht. Hier wird die Voraussetzung für Kreativität geschaffen, die sich immer entzieht, wenn sie „muss“. Das ist der Zustand von Freiheit und ich würde mir einen Tagesablauf wünschen, indem alles treiben kann und die einzige Terminierung der Spaziergang ist, der nach dem Besuch eines Gasthauses beginnt. Arthur Schopenhauer hat es so gehalten und wahrscheinlich hätte er niemals so produktiv sein können, wenn er gefangen gewesen zwischen To do-Listen und einer ungeliebten Erwerbsarbeit, die doch nur Sklaverei unter den Regularien der Blödmaschinen bedeutet.

Der Spaziergang, das ist die „mythologischen Wanderung“ über die ich hier auch schon wiederholt geschrieben habe im Kleinen und Überschaubaren und vielleicht findet er ja Platz in unserem Alltag. Vielleicht müssen wir uns, um uns Zeit für das Ziellos zu schaffen, erst einen Plan erstellen, der eine Verabredung mit uns selbst enthält. Und natürlich ist das ein absurder Widerspruch, der aber vielleicht notwendig ist, um denjenigen, der an die Sklaverei gebunden ist, langsam vom Korsett der Nützlichkeit befreit.

Momentan kann ich nicht spazieren gehen und so spaziere ich durch die imaginären Landschaften, die ich selbst auf Papier erschaffe.

Zum Weiterlesen:

http://www.zeit.de/2016/24/flanieren-kunst-kulturtechnik-spazieren-gehen

„Lou Andreas Salomé“: Meine kleine Filmkritik

Written By: Marina Sosseh - Aug• 18•16

Kann man sich ansehen, muss man aber nicht! Für die Biographie von Lou Andreas Salomé wird ein herkömmliches Erzählformat genutzt. Uninspiriert. Eine alte Lou diktiert einem jungen Germanisten ihr Leben. So ist dann der Rahmen für die linear eingefügten Lebens-Sequenzen vorgegeben, in denen die Männer seltsam „bescheuert“ herüberkommen und die Protagonistin sie dauerbeschwipst zumeist abweist, während sie gleichzeitig schlaue Lebensweisheiten von sich gibt. Das feministische Lehrstück wird untermalt von melancholischer Klaviermusik in der Endlosschleife. „Deutsches Autorenkino“ reloaded. Der auf diese Weise politisch korrekt belehrte Zuschauer kann im Anschluss an die Filmvorführung intelligent-erhaben nach Hause schweben und alles ganz exorbitant gefunden haben! Bei mir bleibt jedoch ein fader Beigeschmack. Filmkunst geht anders.

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