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MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

Der zweite Tag in Venedig und meine Gedanken zur aktuellen Kunst-Biennale. Teil 2

Written By: Marina Sosseh - Nov• 12•17

Der Samstag begann mit einer zweistündigen Stadtführung durch Venedig.

Wir bekamen dabei ein Audiogerät und Kopfhörer ausgehändigt, sodass wir die Führung, trotz der Besuchermassen in Venedig, gut verfolgen konnten.

Wir hielten uns dabei lange Zeit auf dem Marktplatz auf und bekamen nähere Informationen zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten präsentiert. Danach schlenderten wir durch das Gewirr der kleinen Straßen von Venedig, begleitet von  durchaus unterhaltsamen Erklärungen unserer Führerin Elisabeth.

Die Figur auf der Säule soll den Sieg über das Heidentum darstellen.

Mir hat die Stadtführung sehr viel Freude bereitet  und ich kann sie unumschränkt empfehlen. Man sieht schließlich nur, was man weiß und eine professionelle Führung kann den  ersten Zugang  erleichtern. Danach sollte man sich dann die Zeit nehmen, um seinen eigenen Vorlieben nachzugehen oder sich einfach treiben zu lassen, um sich von dem überraschen zu lassen, was einen begegnet.  So ähnlich halte ich es auf all meinen Reisen.

Nach der Stadtführung speiste ich erst einmal mit einer anderen Reiseteilnehmerin in einem kleinen Restaurant, dass ein wenig abseits der touristischen High-Spots lag. Die Spaghetti mit der Tomatensoße schmeckte ganz und gar belanglos. Acht Euro waren dafür sicherlich zu hoch angesetzt. Das Gerücht aber, das Venedig vollkommen überteuert sei, kann ich nicht bestätigen. Man muss nur den Markusplatz verlassen.

Nach dem Essen und einer netten Unterhaltung mit meiner Begleiterin war ich  halbwegs satt geworden, womit der vorrangige Zweck unseres  Restaurantbesuchs erfüllt war.

Um ca. 15 Uhr waren wir  dann auf der Biennale, wohlwissend dass knapp drei Stunden für diese Kunstausstellung, die alle zwei Jahre stattfindet, viel zu knapp ist. Schnell verlor ich meine Begleiterin aus den Augen (oder sie mich, wer weiß)  und so  habe ich mich dann alleine von Kunstobjekt zu Kunstobjekt treiben lassen.

Wie manche meiner regelmäßigen  Leser/innen sicherlich wissen, stehe ich der aktuelle Kunstszene sehr kritisch gegenüber.  Die allseits favorisierte Konzeptkunst hasse ich und wenn dann Kunst nur noch Mittel zum Zweck ist, um politische Botschaften an den Mann und an die Frau zu bringen, diese quasi im Sinn der herrschenden Geldgeber und ihrer politischen Lakaien, zu „erziehen“, dann reagiere ich sogar entschieden angewidert. Bestes Beispiel dafür sind diese schrecklichen  Aleppo-Bus-Ungetümer, die erst Dresden verunstaltet haben und jetzt vor dem Reichstag in Berlin aufgebaut worden sind. Politisch verordnet!

Diese allseits zu beobachtende „Pädagogisierung“ der modernen Kunst (aber auch der Museumsausstellungen im Allgemeinen) hat mich auch davon abgehalten die Documenta in Kassel zu besuchen.

Den gegenteiligen Trend, nämlich nur noch durch möglichst spektakuläre Auftritte zu unterhalten, halte ich für mindestens genauso unattraktiv. In der Adoleszenz stecken gebliebene Jungmänner kloppen dann beispielsweise spektakulär auf Eisbergen herum, weil sie sich vorgeblich an irgendeinen „Natur“-Thema abarbeiten wollen, womit dann der pädagogische Aspekt abgeschlossen ist, ansonsten sich aber, so die offizielle Aussage, sich  performativ den Moment hingeben wollen, ohne dabei an irgendwelche lineare Verwertungsstrategien zu denken,  sich aber gleichzeitig – verlogen wie diese ganze Sch … eben ist -, vom Kamerateam hochprofessionell ablichten zu lassen.

Das ist platteste Unterhaltung, Kunst-Zirkus eben,  und letztendlich macht nur der vermeintliche „Kunst-Zusammenhang“ daraus Kunst (schaut auch hier).

Vor diesem Hintergrund ist es sicherlich nachzuvollziehen, dass ich der Biennale relativ erwartungslos gegenübertrat.

Ich war hier ja auch nur, weil der Besuch der Biennale im Gesamtpaket des Reiseveranstalters enthalten war. So schlenderte  ich dann los, ohne mich im Vorfeld durch irgendwelche Artikel in Kunstzeitschriften oder Zeitungsblättern verunsichern zu lassen.  Plötzlich stand ich in einem dunklen Raum, wo ein Film mit trommelnden Menschen lief. Was war das? So etwas kannte ich ja aus naturmagischen Zusammenhängen, Wicca- und/oder Asatru,   den Treffen von schamanisch Praktizierenden oder Indianer-Reenactment  usw.?  Was war das? Und was hatte dies auf der Biennale in Venedig zu suchen?

 

Das war der Planetary Dance, 1981 – 2017, von Anna Halprin. Der Name war mir ein Begriff, wurden mir ihre Bücher und Tänze erst letztens während eines Tanzseminars empfohlen, siehe hier.

Im „Planetary Dance“   auf der aktuellen Biennale  wird wohl ein Ritual wohl zur Erdheilung, wo sich spirituell inspirierte Menschen dazu  auserkoren sehen, die Erde, die in diesem Zusammenhang gerne als Gaia, betitelt wird, zu heilen. Die Einsicht, dass Rituale eben Kunst und Kunst eben Ritual ist, verfolge ich ja schon seit geraumer Zeit und so sah ich mich nun  darin bestätigt, dass es deshalb nur folgerichtig sein kann,   magische Handlungen, Fetische und andere Arten von Zaubereien auf Kunstausstellungen zu präsentieren.

Diese schließlich öffnen den Raum zu verborgenen Ebenen und die Ritualmeisterin, Künstlerin oder nennen wir sie eben  Zaunreiterin und Walküre  ermöglicht allen Beteiligten,   mit ihr gemeinsam, diese wunderbare Seinsebene zu betreten. Da, wo die Künstlerin  mit dieser surrealen Ebene kommuniziert, kann kein verstandesmäßiges Konzept mehr  durchgesetzt werden. Hier wird sie selbst überrascht:  von dem was neu aus dem Unbewussten in das Bewusstsein der Menschheit, durch ihr Tun,  getragen wird.

Mehr zu meinem Kunst-Konzept, was durchaus auch immer im Fluss ist, könnt ihr auf meiner Homepage nachlesen.

In der Ausstellungshalle sah ich dann noch sehr viel andere schamanisch inspirierte Kunst, die auch eine gewisse Vorliebe für textiles Kunsthandwerk aufwies.  Nicht allen Werken gelang es dabei, das Tor zwischen den Bewusstseinsebenen zu öffnen, manches blieb auch der bloßen Unterhaltung, dem schönen Schein, verhaftet. Inspirierend war es allemal und  mich hat an dieser Stelle die Biennale schlicht begeistert.

Einen kleinen Eindruck von der Biennale könnt ihr in der folgenden Galerie erhalten:

 

Magisch ging es dann auch gleich weiter.  Im italienischen Pavillon wird, so war mein Eindruck, der künstliche Mensch erschaffen, in der Tat handelt es sich dabei um eine Fabrik für Heiligenfiguren. Christus soll imitiert werden: Imitation di Christi von Roberto Cuoghi.

Heiligenfiguren sind auch nichts anderes als  Träger des magischen Willens seiner Besitzer, was ihnen zumeist nicht bewusst ist. Lässt sich das aber seriell herstellen?

 

 

Auf einer großen Leinwand wird orakelt, bevor man eine dunkle Halle, eine Art fünfschiffigen Sakralbau im Sannierungszustand betritt, deren Empore einen Ausblick auf  das Environment, das nun durch Spiegel und eine weite Wasserfläche verzerrt ist, bietet.  Eine Initiationserfahrung?

Die magische Welt. Il mondo magico. 57. Esposizione Internazionale d’Arte

 

Bevor ich selbst wieder in das dunkle Venedig verschwand, hatte ich noch Zeit, mir den chinesischen Pavillon anzuschauen. Thematisch beschäftigte sich dieser mit traditionellen Künsten, wie  z. B. dem Scherenschnitt und dem Schattenspiel.

Es blieb also magisch für mich, da ja das Puppenspiel und die mechanische Puppe, genauso wie die Heiligenfigur des italienischen Pavillons oder die Fetische der schamanisch inspirierten Ausstellung, die ich  zu Beginn meines Spaziergangs über die Biennale erleben durfte, immer auch Zauberobjekte  sind. Man denke nur an die Romane von E.T.A. Hoffmann, wo die mechanische Puppe gleichsam faszinierend wie erschreckend sind.

Ich bin ja der Meinung, dass wir eine neue Romantik brauchen und nach dem Besuch der Biennale scheint es mir so zu sein,  als ob diese Sehnsucht einen leisen Widerhall im Zeitgeist findet.

Leider ist die aktuelle Biennale so gut wie beendet. Wer sie noch sehen mag, möge sich beeilen. Am 26. November schließt sie die Pforten.

Für mich endete der Tag mit einem gemeinsamen Essen unserer Reisegruppe und einer wunderschönen Fahrt über den nächtlichen Canal Grande.

Wer ihn noch nicht gelesen haben sollte, findet meinen Bericht zum ersten Tag hier.

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