mamiwata

MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

In Rübezahls Reich, Teil 2

Written By: Marina Sosseh - Aug• 01•17

Am zweiten Tag in Hirschberg (pol. Jelinia Góra) fuhr ich mit dem Bus nach Agnetendorf (pol. Jagniatków). Da ich am zentralen Busbahnhof startete, musste ich erst den Bus Nr 3. bis nach Slaskie nehmen, um dann in den Bus Nr. 15 umzusteigen. Den hätte ich aber auch schon zentral in Hirschberg wählen können, beispielsweise am Jugendstil-Theater, nur eben nicht am Busbahnhof.

Alle Polen, die ich um Rat fragten, waren sehr hilfsbereit und bemüht mich irgendwie zu verstehen, was letztendlich dann auch klappte.

Bei der Planung meines Ausflugs hat mir übrigens folgende deutschsprachige Broschüre, die ich online fand, sehr geholfen: Jelinia Góra aktiv

Im malerisch gelegenen Agnetendorf ist die Endhaltestelle der Buslinie Nr. 15 direkt am Gerhart Hauptmann Haus gelegen. Von hier aus hätte ich auch noch zur mittelalterlichen Burg Kynast wandern können, aufgrund bestehender Gewitterwarnungen entschied ich mich jedoch dagegen.

Direkt gegenüber der Endhaltestelle liegt das ehemalige Anwesen Gerhart Hauptmanns. Da die sowjetischen Besatzungskräfte gewisse Sympathien für Gerhart Hauptmanns  sozialkritisches Drama „Die Weber“ aufbrachten, wurde er nicht Opfer der Vertreibung der Deutschen und konnte bis zu   seinem Tod 1 sein Anwesen, was er selbst „Wiesenstein“ nannte.  Schließlich setzte aber die polnische Regierung  196 seine Enteigung durch, woraufhin er kurz darauf verstarb.

Bis zu seinem Tode muss er hier glückliche Zeiten durchlebt haben. Er wohnte hier als Dichter des Naturalismus mit seiner zweiten Frau Margarete Marschalk. Das Haus galt als Treffpunkt für Künstler und Literaten.

Ich näherte mich dem auf einem Granitfelsen gebauten Haus langsam und beging erst einmal den Garten, in dem sich immer wieder wilde Steinhaufen fanden, in deren Schatten sich angenehme Rast einlegen lässt. Überall sind Bänke und Tische aufgestellt und laden zum Verweilen ein.

Ich könnte mir gut vorstellen, wie Gerhart Hauptmann hier mit Freunden, Künstlern und Literaten zusammengesessen hat und über den Realismus des Naturalismus im Gegensatz zum Klassizismus der Goethezeit debattiert hat.

Umso erstaunter war ich, als ich das Haus betrat. An zentraler Stelle in der Eingangshalle, die vom Maler und Graphiker Johannes Maximilian Avenarius gestaltet wurde, befindet sich nämlich ein Zitat aus Goethes „Wanderers Sturmlied“, was der Dichter den Maler über seine Frau zugespielt haben soll, der sich in der „Paradieshalle “ dann selbst als geflügelten Genius, der sich auf Hauptmanns schreibende Hand zubewegt, verewigt hat.

Um alle Einzelheiten der aufwändigen Malerei, die Gerhart Hauptmann zum sechzigsten Geburtstag geschenkt worden ist, zu entdecken, braucht es sehr viel Muße.

Herr Hauptmann scheint mir, zumindest in seinen späten Jahren, einen bürgerlichen Lebensstil gelebt zu haben, der  den proletarischen Welten seiner frühen Werke entrückt st.

In der Schule habe ich Bahnwärter Thiel gelesen und am Vorabend meines Besuchs habe ich mir die DDR Hörspielfassung von 1976 seines berühmten Werkes „Die Ratten“ angehört, was in einer Berliner Mietskaserne spielt und mich sehr an die expressionischte Großstadtdichtung, die ich während meines Studiums behandelt habe, erinnert hat. Die Tragik ist nicht an Stände gebunden, heißt es am Schluss von Hassenreuter, dem Theaterdirektor, der sich vormals im Dialog mit Erich Spitta für die Klassik ausgesprochen hat, und im Mietshausspeicher, der von Ratten heimgesucht ist, Proben zu Schillers Drama „Die Braut von Messina“ durchführt. Jetzt aber betont er, dass er das schon immer gesagt habe und so nun anscheinend überzeugt ist, dass die herkömmliche klassizistische Vorstellung vom Theater angesichts des proletarischen Elends absurd sei..

Sehe ich das auch so? Mittlerweile ist das „proletarische Elend“ in den Scripted Reality Formaten des Privatfernsehens alltäglich zu sehen, jedoch ohne aufklärerische Tendenzen, dafür aber durchaus mit pädagogischen Intentionen. Der neue Proletarier soll seine Wohnung reinlich halten, arbeiten gehen (und sei der Job noch so schlecht), sich nicht beklagen und konsumieren, was das Zeug hält, derweil der proletarisierte Mittelstand sich mit Konsumverzicht und Minimalismus den globalisierten Armuts-Downgrade freiwillig-unbewusst anpasst. Angesichts dieser Entwicklung wünsche ich mir die Ideale des Klassizismus und die romantischen Höhen und Tiefen zurück, um in einer Ästhetik der Sprache und der Kunst den Alltag für diejenigen zu veredeln, die sich keinen Fluchtpunkt wie „Wiesenstein“  leisten können.

Das Musikzimmer, die Bibliothek und das Arbeitszimmer des Schriftstellers sind, auch mit finanziellen Mitteln aus Deutschland wieder hergerichtet, und ich möchte gleich in die Waldeinsamkeit einziehen, um endlich mein Werk zu erdichten.

Stattdessen bringt mich der Bus zurück nach Hirschberg, wo ich mir noch das Riesengebirgsmuseum anschaue.

Beim Jugendstil-Theater steige ich aus. Leider ist die äußere Erscheinung desolat, lässt aber die vormalige Schönheit erahnen.

Das Theater wurde nach Entwürfen des Architekten A. Daehmel in den Jahren 1903-04 erbaut.

Nach einer kurzen Pause im Hotel esse ich in der Altstadt Pierogi,  die schwer im Magen liegen.

Danach suche ich das Riesengebirgsmuseum auf und bin erfreut, dass hier, genauso wie auch im Gerhart Hauptmann Museum, der Eintritt frei ist. Vielleicht liegt es am Wochentag? Es ist Mittwoch.

Eine kleine Ausstellung informiert über die Geschichte Hirschbergs und der Region, reißt aber das Thema „Flucht und Vertreibung“ nur kurz an.

Der Schwerpunkt des Museums, das auch architektonisch interessant ist, liegt eindeutig beim Glas. Schon in der Eingangshalle hängen filigrane gläserne Gebilde, die Tüchern, vielleicht eine Erinnerung an das schlesische Weberhandwerk, angelehnt sind. Die zwei Abschnitte des zweiten Geschosses sind mit einer Glasbrücke miteinander verbunden, unter der besagte Glasobjekte hängen. Für mich ist das eine merkwürdige Erfahrung diese Brücke zu überqueren und so von  h der großartigen Sammlung von Glasobjekten zur pompösen Sonderausstellung des tschechischen Glaskünstlers und Möbeldesigners Borek Sipek  zu wechseln.

In der hilfreichen deutschsprachigen Broschüre „Wanderungen auf der Hirschberger Stadttour), die es bei der Touristinformation gibt, heißt es über den Gründer Teodor Danat des Museums:

Er war der Buchhalter der Spinnerei und Leinenweberei in Zillertal-Erdmannsdorf. Nach Feierabend brach Teodor Danat (Donath) Vorstellungen vom langweiligen Leben eines Buchalters. Er hatte eine Leidenschaft. Berge, die Geschichte der Region, Landeskunde. Seine Leidenschaft brachte ihm ähnliche Menschen zum Handeln. So wurde 1880 im ehemaligen Zehmann-Restaurant, heute die Ecke von Bankowa- und Krótka-Straße, aus Initiative von Donat der Riesengebirgsverein gegründet, welcher sich zum Hauptziel die Organisation des Fremdenverkehrs im Riesengebirge und Verbreitung des Naturschutzes setzte. Eben der Verein rief nach 34 Jahren das Museum des Riesengebirgsvereins ins Leben, das heute den Namen Muzeum Karbonoskie (Riesengebirgsmuseum) trägt.

Gegenüber dem Museum befindet sich der Kavalierberg. Das ist die ehemalige Hinrichtungsstelle von Hirschberg.

Leider gibt es auch hier ausschließlich Beschilderungen in polnischer Sprache.

Der ehemalige Galgenberg wurde 1780 vom Bürgermeister Johann Christoph Schönau angelegt, der mit einem Obelisken jedoch ausdrücklich seiner Frau Friederike für die Begrünung des Berges dankt.

Ein Natur-Stein-Profil der Sudeten ist dort auch zu bestaunen.

Begeisterte Bürger bauten prunkvolle Häuser am Rande des neu entstandenen Stadtparks. Diese sind leider zum größten Teil zu Ruinen verkommen und ich konnte nicht umhin, diesen schrecklichen Verfall fotografisch festzuhalten. Wer immer noch daran glaubt, dass der Sozialismus das Wohl seiner Bürger im Auge gehabt hat, mag sich hier vom Gegenteil überzeugen. Dass aber, nach so vielen Jahren, der Öffnung Polens und des Beitritts zur EU, sich hier die Häuser in solch desaströsen Zuständen befinden, ist, ich traue es mich kaum zu sagen, ein Armutszeugnis für die Region. Ich bin wahrlich geschockt.

Ich machte mich dann auf dem Weg zum Bahnhof und sah dabei  immer auch mal renovierte Bürgerhäuser, aber beim überwiegenden Anteil des Baubestandes, hatte ich die Befürchtung, dass ich beim Passieren, von herabstürzenden Mauerwerk getroffen werden könnte.

Am Bahnhof kaufte ich am Schalter, nach einer unglaublichen Wartezeit, ein Ticket nach Liegnitz (pol. Legnica) für den darauffolgenden Tag. Die Verständigung mit der Mitarbeiterin der polnischen Bahn klappte mit Hilfe des Google Übersetzungsprogramms. Wer ich doch schon früher auf diese Idee gekommen!

Danach machte ich mich auf dem Weg zurück ins Hotel, wo ich dann zum Abschluss dieses interessanten Tages einen Tee mit Blick auf die Ausläufer des Riesengebirges genoss.

Gerne wäre ich zumindest noch einen Tag länger geblieben, um mir Bad Warmbrunn (pol. Cieplice) anzusehen. So aber habe ich auch hier einen Grund wiederzukommen. Hirschberg ist bezaubernd.

Hier schreibe ich über meine Weiterreise nach Liegnitz.

Mein Bericht zum vorangegangenen Tag findet ihr hier.

Related Post

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

Hinterlasse einen Kommentar

4 Kommentare auf "In Rübezahls Reich, Teil 2"

Benachrichtige mich zu:
avatar
trackback

[…] 1, Teil 2, Teil 3, Teil […]

trackback

[…] Wer meinen Reisebericht chronologisch lesen möchte, findet hier Teil 1 und Teil 2. […]

trackback

[…] Hier geht es zum zweiten Teil meines Reiseberichts. […]

wpDiscuz
Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: