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MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

In Rübezahls Reich. Teil 5

Written By: Marina Sosseh - Aug• 29•17

Die letzte Station meiner Schlesienreise war Breslau (pol. Wroclaw).

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Mein  Hotel  (Qubus Hotel Wroclaw) lag direkt in der Innenstadt und bot eine spannende Aussicht auf die gotische Maria-Magdalena-Kirche. Überhaupt war es empfehlenswert. Es gab nichts auszusetzen.

Den ersten Abend verbrachte ich damit, die Aussicht aus meinem Zimmer zu skizzieren, was eine recht erholsame Beschäftigung war.

Vor dem Hotel  tobte das Leben, denn schließlich war der zentrale Rathausplatz nur drei Minuten entfernt.  Ich hatte wenig Freude, an dem lauten Trubel zu partizipieren.Vielleicht war der Grund dafür, dass ich  an den vorausgegangenen Tagen einfach schon zu viel erlebt hatte, also irgendwie „übersättigt“ war. Touristenmassen schienen sich durch die pittoreske Altstadt zu schieben, von der die meisten Gebäude nicht „echt“, jedoch  nach historischem Vorbild kunstvoll rekonstruiert sind. Kneipe an Kneipe, dazwischen Touristenautos, die Stadtführungen offerieren, Straßenkünstler, die lautstark nach Aufmerksamkeit schreien, …. mir war das alles viel zu viel. Selbst die kleinen Zwerge, die lustig an den ungewöhnlichsten Stellen aufgestellt sind, konnten keine Behaglichkeit verbreiten. Breslau war wohl schon einst die Metropole der Krämer gewesen, wovon ja die groß angelegten Plätze und die alten Warenhäuser zeugen. Der Breslauer Ring ist gar einer der größten Marktplätze Europas.  In Zeiten des globalisierten Hedonismus ist nun kein Halten mehr und an der historischen Tradition des Kaufens und Verkaufens wird nun allzu gerne angeknüpft. Die Partymeile ist eröffnet! Jedoch ohne mich.

Am nächsten Morgen, nach einem fantastischen Hotelfrühstück,  startete ich  meine Tour durch Breslau.

Meine Bilder habe ich morgens geschossen, weshalb es, entgegen der Aussage meines Textes, hier noch ruhig aussieht. Das ist das wunderschöne Breslauer Rathaus mit seiner auffälligen Uhr.

 

Das ist das ehemalige Warenhaus der Gebrüder Barasch im Stil des Historizismus und des Jugendstils. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden viele Wohngebäude in Wohnhäuser umgewandelt.

 

In Breslau gibt es seit 2005 überall Zwerge. Sie sollen an die Zwergengraffitis der Widerstandsbewegung „Orangene Alternative“ aus den 80er Jahren erinnern.

 

Rechts im Bild ist das Rathaus zu sehen. Im Bildzentrum befindet sich das 1904 errichtete Warenhaus Louis Levy Jr.

 

Ein kleines Schild zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses informierte mich darüber, dass vor dem Rathaus in Breslau Friedrich Wilhelm Murnaus „Fantom“ gedreht hatte. Das Jahr zuvor  hatte ich durch Zufall  einen Drehort eines weiteren Films von Murnau besucht. “ Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ wurde u.a. in Wismar gedreht. Meinen Bericht dazu könnt ihr hier nachlesen.

Der hektische Betrieb in der Innenstadt machte mich müde und so ließ ich mich aus der Altstadt heraus treiben. So etwas mache ich gerne. Was gibt es besseres, als  einfach ohne konkretes Ziel durch  unbekannte Gassen zu laufen und sich davon überraschen lassen, was die eigene Aufmerksamkeit in ihrem Bann ziehen wird.

Vor dem ehemaligen Haus des Vereins Christlicher Kaufleute entdecke ich diesen Kastenwagen in neogotischer Pracht. Er war mir ein Foto wert.  Vermutlich gehört es zum Figurentheater, was jetzt im Gebäude beheimatet ist. Im Programm entdeckte ich leider keine Stücke für Erwachsene. Ich liebe ja das Puppentheater (lies auch hier).

Das ehemalige Wertheim-Kaufhaus nach einem Entwurf von Hermann Dernburg wirkt modern, stammt aber aus dem Jahr 1929.

Am Stadtgraben, der die Altstadt umfließt, ließ sich etwas Ruhe finden.  Das auf dem Foto abgebildete Gebäude begann mich zu interessieren, weshalb ich es dann auch aus der Nähe betrachten wollte. Was war das? Eine alte Kaserne? Ein Verwaltungsgebäude? Der Stil schien mir aus den 30er Jahren zu sein.

Es ist das Polizeipräsidium am Schweidnitzer Stadtgraben und wie ich jetzt weiß von einem Rudolf Fernholz von 1925- 27 errichtet. Backstein-Expressionismus eben, wie ich ihn auch aus Hannover kenne (hier).

Für mich bestätigte sich hier mal wieder:

Man sieht immer das, was dem eigenen Fokus entspricht und erweitert ihn gleichzeitig zirkelförmig durch Reisen in innere und äußere Welten.

Gleich neben dem Polizeipräsidium befindet sich das Amtsgericht mit dem Gefängnis im neogotischen Stil. Sieht es nicht aus wie eine Burg?

In Breslau lassen sich viele architektonische Bauwerke der Moderne entdecken und ich habe sicherlich nur einen kleinen Eindruck gewinnen können.  Insgesamt hatte ich hier, genauso wie in Liegnitz,  nur zwei Übernachtungen gebucht, weshalb mir für meine Stadtentdeckung insgesamt nur ein voller Tag zur Verfügung stand. Das ist natürlich viel zu wenig für ein solch interessante und vielseitige Stadt wie Breslau.

Immerhin fand ich noch Gelegenheit vom Rathausplatz, über die Dominsel, durch die Odervorstadt bis zur Jahrhunderthalle zu spazieren. Sobald ich das Zentrum verließ, zeigten sich die Häuser der Jahrhundertwende in verwahrlosten Verfallszuständen. Auch machte mir der Smog zu schaffen und ich dachte ein klein wenig wehmütig an die gute Luft in Krummhübel und Hirschberg zurück.

Tiergartenbrücke in Neubarock und Eisen!

Bei der Jahrhunderthalle, die von 1911 bis 1913  vom Magistrat unter dem Stadtbaurat Max Berg entworfen und  errichtet wurde, handelt es sich um eine Stahlbetonkonstruktion nach dem Vorbild des Pantheons in Rom. Sie wurde 1913 anlässlich des einhundertjährigen Jubiläums der Völkerschlacht bei Leipzig eröffnet.

Die sich nach oben hin verjüngende Kuppelhalle soll den Aufbruch in eine neue Zeit verkörpern. Die Ausstellungshallen (Vier-Kuppel-Pavillon und Pergola) vom Architekten Hans Pölzig entworfen, sollen nach Max Berg „Kathedralen der Demokratie“ und der Beton  „Baustoff der Massengesellschaft“ sein.

Von dieser Intention her lässt sich die Jahrhunderthalle nebst Ausstellungsgebäuden  gut mit dem Bundestag in Berlin vergleichen. Dieser trägt, um den  Demokratiegedanken zum Ausdruck zu bringen, ebenfalls  eine Kuppel, wobei bei der Auswahl des Materials Anleihen bei Paul Paul Scheerbart und Bernd Taut gemacht worden sind.  Kein Beton wurde hier gewählt, sondern vorrangig Glas. Dieses soll den Eindruck vermitteln, dass wir in einem demokratischen Land leben, in der jeder an machtvollen Entscheidungen teilhaben kann, beispielsweise in dem er den Parlamentariern bei der Arbeit zuschaut. Nun ja, wählen dürfen wir auch: sogar bald!

Aber ich schweife ab:

Die Jahrhunderthalle  liegt direkt neben dem Scheitniger Park, der weitere Ausstellungsflächen bietet.  Vor der Jahrhunderthalle  steht ein weiteres  Wahrzeichen der Stadt:  Die Nadel. Diese wurde 1948 aus Anlass der „wiedergewonnen Gebiete“ errichtet und ich frage mich, ob man diese Nadel,  quasi als einen magischen Akt,  ziehen muss, um zu ermöglichen, dass die tiefen geschichtlichen Wunden, die in Schlesien so präsent sind, heilen können?

Wer mir jetzt bei diesem Gedankengang nicht folgen konnte, dem sei erklärt, dass ich das Land dabei als ein beseeltes Lebewesen ansehe, eine Vorstellung, die bei Geomanten durchaus üblich ist, auf reine Verstandesmenschen jedoch etwas „seltsam“ wirken mag.

Vielleicht ist die Nadel  aber auch als eine gesundheitsfördernde Akupunkturnadel zu interpretieren? Selbst die müssen jedoch irgendwann wieder entfernt werden, was darüber hinaus den Vorteil der unververbauten Sicht auf die Jahrhunderthalle ermöglichen würde.  Ich empfinde dieses Denkmal als störend.

Zu solch fein- und grobsinnigen Gedanken blieb mir vor Ort jedoch keine Gelegenheit. Der Platz und der angrenzende Park waren voller Menschen (und Müll), da gerade ein Foodtruck-Festival stattfand. Immerhin gab es sie hier – die Breslauer, die wahrscheinlich die Innenstadt mit ihren Touristenströmen meiden, um  Naherholung zu finden. Ruhe jedoch sucht man auch hier vergeblich.

Literaturempfehlung (Affiliatelink):

 

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