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MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

Komm zur Ruhr! Essen, Teil 1

Written By: Marina Sosseh - Jun• 03•17

Letzten Samstag ging es ins Ruhrgebiet zum Bloggertreffen #RBRUHR, organisiert von Travel on Toast und Teilzeitreisender.  Normalerweise bin ich es gewohnt, mir vor einer Reise ein Programm zusammenzustellen, diesmal aber ließ ich mich von dem überraschen, was die Organisatorinnen in Zusammenarbeit mit den Sponsoren (s. Offenlegung) zusammengestellt hatten.

Erst einmal  ging es für mich ganz  unspektakulär von der  Essener U-Bahnhaltestelle Hauptbahnhof, die in ein auf mich surreal wirkendes blaues Lichtspektakel getaucht war, mit der Linie 11 zur Haltestelle Messe Ost/Grugapark. Dort checkte ich  in das Atlantic Congress Hotel ein und inspizierte mein Zimmer für die kommende Nacht.

Das sah schon einmal luxuriös aus. Insbesondere freute ich mich über die Klimaanlage, denn das Thermometer zeigte bereits eine Außentemperatur von 29 Grad. Nach einer kleinen Abkühlung in der Dusche begab ich mich in den Konferenzraum, wo ich die anderen Blogger und Bloggerinnen kennenlernen durfte und wo wir eine kleine Einführung darüber erhielten, was wir am Wochenende zu erwarten hatten.

Nach dem Mittagessen auf der fantastischen Dachterrasse des Hotels, startete ein Teil der Gruppe zu einer Entdeckungsreise zum Thema „Grüne Hauptstadt Europas“.

Grüne Hauptstadt Europas? Allgemeinhin verbindet man als Auswärtige/r  den Ruhrpott  wohl eher mit rauchenden Schloten und Kohlestaub. Allerdings gehört dies schon längst Vergangenheit an. In den vergangenen Jahren hat die Stadt, auch gerade im Vorfeld der Bewerbung um die Auszeichnung, große Anstrengungen unternommen, alte Industriestandorte zu renaturieren und eine „grüne Infrastruktur“ zu implantieren, was der Erkenntnis vorausgeht, dass für den Erfolg eines Stadtraums nicht nur technische und soziale Komponenten eine Rolle spielen, sondern auch eine Umwelt mit vielen Grünflächen eine zentrale Bedeutung einnimmt.  Das Grün in der Stadt stärkt  nicht nur die  „Resilienz“  (was für ein furchtbares Modewort!)) ihrer Bewohner/innen, sondern führt auch zu einer Identifizierung  mit ihrer Heimat, die im Neusprech der Politiker/innen allerdings eher als „Identifizierung“ bezeichnet wird.

Da Essen hohe Umweltstandards erreicht hat und auch weiterhin ehrgeizige Ziele in Hinblick auf eine grüne Stadtumgebung, Verbesserung des Umweltschutzes und der nachhaltigen Entwicklung verfolgt, führt Essen den Titel „Grüne Hauptstadt Europas“, was umso erfreulicher ist, als dass hier erstmalig eine ehemalige Stadt der Montanindustrie, die sich selbst zur „grünen“ Stadt transformiert hat, ausgezeichnet wurde.

Dieser Verwandlungsprozess ließ sich dann auch eindrucksvoll bei der Industriekultur-Tour erleben. Mit dem Reisebus fuhren wir zuerst zum Landschaftspark Duisburg-Nord. Viele weitere Zwischenstopps folgten.

 

Landschaftspark Duisburg-Nord

Der Gasometer ist mit Wasser gefüllt. Hier lässt sich tauchen.

Der Landschaftspark geht auf das 1901 gegründete „Rheinische Stahlwerke zu Meiderich bei Ruhrort“,  das später zu einer Tochter der Thyssen-Gruppe wurde, zurück. In der Hoch-Zeit produzierten hier fünf Hochöfen Spezialroheisen. Dieses stellt ein  Vorprodukt für die Weiterverarbeitung in den Stahlwerken dar.

Im Jahre 1985 wurde der Betrieb eingestellt. In der Folgezeit wurde die Industriebrache bei einem internationalen Architekturwettbewerb, der von den Landschaftsarchitekten Peter Latz + Partner gewonnen wurde, ausgeschrieben.

Die Umsetzung der Pläne, die ein Zusammenspiel zwischen Natur und noch vorhandenen denkmalgeschützten Industriegebäuden beinhaltete, erfolgte dann in den Jahren 1990 bis 1999. Für bemerkenswert erachte ich es, dass  erklärtermaßen der „genius loci“, also der Geist des Ortes, herausgearbeitet werden sollte, was per se ja eine geomantische Herangehensweise darstellt.  Ob dies gelungen ist, konnte ich, aufgrund der Kürze der Zeit, nicht nachspüren, war aber von der Vielfalt von interessanten Fotommotiven, die sich mir boten, begeistert.

 

Die Himmelstreppe, Halde Rheinelbe/Gelsenkirchen

Fantastische Ausblicke!

Die Halde wurde bis 1999 als Quelle für Baustoffe und auch für Aufschüttungen genutzt. Ursprünglich war sie während des Aktionszeitraums der Zeche Rheinelbe entstanden. Seit den 90er Jahren errichtete der Künstler Herman Prignan einen Skulpturenpark, deren markantestes Objekt die sogenannte Himmelstreppe, die aus schweren Betonblöcken besteht und direkt auf der Halde platziert ist, darstellt.

Dies erscheint mir ein Kraftort „der anderen Art“ zu sein, ähnlich wie ja auch ein Atomkraftwerk ein Ort „mit Kraft“ darstellt, die jedoch zumeist von uns negativ angesehen wird.

Das hier „große Energien“ am Werk sind, wird verständlich, wenn man realisiert, dass dieser Ort zu den sogenannten brennenden Halden gehört, in deren Abraum sich noch Kohlereste befinden, die mit eindringenden Sauerstoff reagieren und so zur Selbstanzündung kommen können.

Mich erinnert die Himmelstreppe an die geomantischen Landschafts-Projekte von dem slowenischen Künstler Marko Pogacnik , der die Landschaft  durch seine Stelen, die Akupunktur-Nadeln ähneln, korrespendierend-magisch heilen möchte. Lithopunktur nennt er das.

Auch hier, auf der Halde Rheinelbe, geht es, ähnlich wie beim zuvor besuchten Landschaftspark Duisburg-Nord, um einen verletzten Ort oder Nicht-Ort, der durch Identitätsverlust gekennzeichnet ist.  Die Kunst nimmt hier Kontakt zum „genius loci“ auf und verändert, durchaus wertschätzend,   Ort und Raum.  Der Widerspruch zwischen dem was  „ist“ und dem was „sein soll“ ist dabei beständig im Prozess begriffen. Die Wirkung auf mich ist hier, vielleicht auch gerade durch die fast physisch greifbare Verlorenheit des Ortes, der einen Überblick über eine beschädigte, wenn auch renaturierte Ruhrgebiets-Landschaft bietet, gewaltiger, als beim Landschaftspark Duisburg-Nord, der durch seinen Fokus auf  Erlebnisangebote es den für geomantische Prozesse offenen Besuchern schwerer macht, zum eigentlichen Wesen des Ortes Kontakt aufzunehmen.

Leider verlor hier das Akku meiner Fotokamera  seine Kraft, sodass ich auf mein Handy zurückgreifen musste, das die unwirkliche Atmosphäre des Ortes nur unzugreifend wiederzugeben vermochte.

Weiter ging es zur Jahrhunderthalle in Bochum.

 

Die Jahrhunderthalle, Bochum

Die zwei modernen Anbauten, die von Karl-Heinz Petzinka im Jahre 2003 errichtet wurden, ließen mich den historischen Gebäudeteil von 1902 nur erahnen. Meiner Meinung nach spitzt sich hier  zu, was sich für mich beim Vergleich der Halde Rheinelbe mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord auch schon herauskristallisiert hat, dass nämlich eine Eventkultur, die sicherlich aus Vermarktungs- und  virilen Nutzungsgründen positiv zu werten ist, die unmittelbare Erfahrung des Ortes, auf einer historisch-spirituellen Ebene, erschwert. Nicht umsonst liebe ich „Lost Places“.

Hier hätte ich gerne an einer historischen Führung teilgenommen, habe so aber einen Grund, noch einmal wiederzukommen.

Interessant ist es nämlich allemal, zumal die Jahrhunderthalle (Baujahr 1902!)  unter weitgehender  Auslassung der damals üblichen ästhetischen Gesichtspunkten (Viele Fabrikbauten der Gründerjahre erinnern an aristokratische Architektur) auf rein ingenieurtechnisch-zweckdienliche Komponenten zurückgreift.

Die Jahrhunderthalle war vom Bochumer Verein, ein Montan-Industrieunternehmen, für die Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung gebaut worden und als Gebläsemaschinenhalle für die Bochumer Hochöfen wiederverwendet worden.  Die Halle wurde, da kein freier Platz mehr zur Verfügung stand,   über die bestehenden und für den damaligen Produktionsbetrieb notwendigen Gebäude, errichtet.  In der Folgezeit wurde sie mehrfach erweitert, bis sie ihre heutige Größe von 8900 qm erreichte.

1986,  nach der Übernahme des Betriebes durch die Firma Krupp, wurden die Hochöfen stillgelegt, womit die Halle ihre eigentliche Funktion einbüßte. Heute  ist die Jahrhunderthalle Zentrum des Westparks Bochum und wird für Veranstaltungen genutzt.

Leider konnten wir das Innere der Halle nicht besichtigen, bekam aber  durch die Begehung des Außengeländes mit seinen vielfältigen Hinterlassenschaften einen kleinen Eindruck von diesem beeindruckenden Industrie-Denkmal.

 

Die Margarethenhöhe, Essen

Diese Siedlung des Architekten Georg Metzendorf, knüpft in Auftrag von Margarethe Krupp, Frau des Industriellen Friedrich Alfred Krupp, an die englische Gartenstadt-Idee von Ebenezer Howard an, verwirklichte sie aber nur in Hinblick auf die Bauweise. Eine genossenschaftliche Ausrichtung fehlt jedoch völlig.

Die Wohnsiedlung weist eine  Architektur auf, die den Eindruck einer dörflichen Siedlung weckt.  Aus Kostengründen wurden wiederkehrende Elemente  gewählt, die aber so kombiniert wurden, dass die Häuser stilistisch einheitlich, aber dennoch individuell verschieden wirken.

Im Nationalsozialismus wurde das Konzept der Gartenstadt als „Heimatschutzarchitektur“, die Komfort mit Tradition verknüpfte, fortgesetzt.

Gasthof, Margarethenhöhe

Die „hängenden Gärten“, was die aufwändige Bepflanzung an den Häusern meint,  vermittelt noch heute ein Wohlfühl-Gefühl, was dazu beiträgt, dass das Viertel bei den Essenern  beliebt ist. Die „Margarethe Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge“, die die Wohnungen seit deren Erbauung verwaltet,   führt Wartelisten, in denen sich Wohnungsinteressenten eintragen lassen können. Insgesamt gilt die Siedlung als „bürgerlich“, obwohl sie in ihrer Grundidee vorrangig für „sozial Schwache“ angedacht war.

Gerne hätte ich mir noch die Musterwohnung angeschaut und wäre durch Straßen, die  „Stiller Weg“, „Schmetterlingsstraße“ oder „Daheim“ heißen,  geschlendert, doch unsere kleine Industriekultur-Tour konnte mir, aufgrund der Vielzahl an Besichtigungspunkten, nur einen kleinen und flüchtigen Eindruck vermitteln. Weiter ging es deshalb zum …

Baldeneysee,  Essen

Hier trafen wir im Seaside Beach, mit der Gruppe zusammen, die den Fokus auf das „Naturerleben“ gelegt hatte.

Der Baldeneysee ist insofern bemerkenswert, als dass hier seit Ende Mai das Schwimmen in der Ruhr, zumindest an der Pilotbadestelle am Seaside Beach, wieder erlaubt ist und dies erstmalig seit 40 Jahren.

Jedoch ist die Wasserqualität nicht gleichbleibend unbedenklich, weswegen ein Frühwarnsystem eingerichtet wurde, das den Betreiber (und die Gäste)  tagesaktuell informiert.

Auf dieser Basis wird der Betreiber die Badestelle öffnen und schließen. Wäre dieses Frühwarnsystem bereits im vergleichsweise trockenen Sommer 2015 genutzt worden, so hätte an etwa 50 Tagen gebadet werden können. (Aus: Lebenselixier Wasser: Blaue Flüsse, grüne Ufer von Heike Reinhold, in:  Heimatgrün. Das Magazin der Grünen Hauptstadt Europas, 03.17)

Einige meiner bloggenden Kolleg/inn/en  sprangen gleich in das Wasser, während ich  an meiner kalten Cola nippte und mich mit einer Mitarbeiterin des „Volunteer“-Programms angeregt unterhielt.

Mit dem Elektro-Auto ging es dann zurück in das Hotel, wo ein famoses Dinner auf uns wartete. Ich war die einzige, die sich, obwohl allerlei saisonale Köstlichkeiten (Spargel!) zur Auswahl standen, für die profane Riesen-Currywurst mit Pommes entschied, was vom Kellner goutiert wurde, indem er mir sagte, dass ich das einzig „wahre“, also Ruhrpott typische Gericht bestellt hätte.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil. Dort erfahrt ihr, was ich am darauffolgenden Tag erlebt habt.

 

Offenlegung:

Mein Besuch in Essen kam aus Anlass eines Reisebloggertreffens #RBRUHR zustande. Dieses wurde von ruhr-tourismus #mein ruhrgebiet, Grüne Hauptstadt Essen #ghe2017 und dem Atlantic Congress Hotel #atlanticcongresshotel unterstützt.

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2 Kommentare auf "Komm zur Ruhr! Essen, Teil 1"

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[…] kleinen Aufenthaltes im Ruhrgebiet sicher.  Über die Erlebnisse des ersten Tages könnt ihr hier mehr […]

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