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Mythologisch Wandern. Wie geht das? 1. Teil

Written By: Marina Sosseh - Jun• 14•13


Brockenwanderung

Für eine „mythologische“ Wanderung gibt es zwei Ausgangspunkte, die ich einmal als intro- und extroperspektivisch beschreiben möchte.

Da Letzteres sicherlich einfacher nachvollziehbar ist (und auch häufiger) praktiziert wird, möchte ich euch im Folgenden dieses Modell, also das extroperspektivische, am Beispiel der letzten Wildfrauenhaus-Wanderung vorstellen. Später dann können wir uns mit der anderen Variante beschäftigen und werden – um mal die Konklusion vorwegzunehmen – feststellen, dass es sich bei Wanderungen  „von dieser Art“ zumeist um Mischformen  beider Varianten handelt.

Ich beginne mit einer Selbstverständlichkeit: Vor wirklich jeder Wanderung gibt es erst einmal ein paar Regularien zu klären. Wer kommt mit?  Wie lang darf die Anreise sein? Wie sieht überhaupt die Erwartungshaltung  der einzelnen Wanderinnen aus?   Der spirituelle Hintergrund  der einzelnen  Teilnehmerinnen sollte  zumindest bekannt sein, bzw. es sollte eine gegenseitige Toleranz selbstverständlich sein.

Ich selbst liebe es zwar verschiedene  „Paradigmen“ auszuprobieren, dies ist aber sicherlich nicht jederfraus Sache und ich weiß nicht, ob sich die katholische Pilgerin in einer Wandergruppe von Teufelsanbeterinnen wohlfühlen würde?

Spaß beiseite und zurück zum Praktischen:

Selbstverständlich sollte die Länge und der Schwierigkeitsgrad der Wanderung an die gesundheitliche Verfassung und dem sportlichen Ehrgeiz – so er denn vorhanden ist –  der Mitwanderinnen angepasst sein. Es ist von Vorteil notfalls Aussteigepunkte und Abkürzungen zu kennen, die verhindern, dass die Wanderung für einige  zur persönlichen Prüfung wird.

Im „Wildfrauenhaus“ hat sich mittlerweile eine kleine Gruppe herauskristallisiert, die regelmäßig teilnimmt. Wir wissen uns gegenseitig gut einzuschätzen und insofern stellt das oben genannte kein Problem dar. Erwähnen wollte ich es trotzdem.

Bevor ich in die nähere Planung der letzten Wanderung gegangen bin, besprachen wir uns alle insofern, als dass wir keine Anreise über zwei Stunden in Kauf nehmen wollten.

Mehrere Etappenziel oder zumindest eines sollte in irgendeiner Form mit Spiritualtiät oder Mythologie in Zusammenhang stehen.

Denkbar sind also überlieferte Kultorte (beispielsweise ein altes Kloster), genauso wie archäologische Fundorte oder „Naturwunder“ (was für ein schönes Wort!), die mit Sagen und anderen Überlieferungen verknüpft sind, dessen ursprünglicher Wahrheitsgehalt aber im Dunkel der Vergangenheit liegt und nun Anlass für vielfältige Spekulationen geben kann.

Ich wählte den Wurmberg als buchstäblichen Höhepunkt der Wanderung aus, schließlich verweist ja schon der Name auf einem Lindwurm, einen Drachen also.

Einst kämpfte Thor mit der Midgardsschlange, eines weltumschlingenden Wesens und nahm damit all die späteren Drachenkämpfe der alten Epen, Märchen und Sagen vorweg. Wohingegen diese aber zumeist erfolgreich verliefen, erlag der mächtige Gott dem Gift der Schlange, was nicht verwunderlich ist:  Schließlich ist die Midgardschlange ein Geschöpf  Lokis, des Trickster-Gottes.

All dies  sind meine Assoziationen, quasi meine introperspektivische Sicht,  die ich mit der Bezeichung „Wurmberg“ verbinde.  Ihr mögt andere haben und solche Wanderungen laden dazu ein, ihnen nachzuspüren und sich darüber gegenseitig  auszutauschen.

Wir starteten am frühen Morgen im Torfhaus, wanderten durch das Hochmoor, was einen naturschönen Anblick bot. Schließlich stand das Wollglas in voller Blüte.  An den Hopfensäcke,  imposanten Granitfelsen,  ging es vorbei zum Dreieckigen Pfahl, einer alten Grenzbefestigung, die das Königreich Hannover, Herzogtum  Braunschweig und die Grafschaft Stolberg-Wernigerode trennte. Heute verläuft hier die Ländergrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Danach nahmen wir den Ulmer Weg, gingen am Brockenstein vorbei, um letztendlich einen steilen und anstrengenden Aufstieg zum Wurmberg zu meistern. Dort mussten wir leider feststellen, dass dort keiner Göttin, stattdessen  aber dem Highspeed-Testesteron, gehuldigt wird.

Der vermeintliche Kultplatz, den es dort gegeben haben sollte,  stellte sich  nach einer umfangreichen archäologischen Ausgrabung als banale Försterhütte heraus.  Eine interessante Geschichte ist das, die leider auf dem  Wurmberg selbst nicht dokumentiert wird. Nachlesen lässt sie  sich bei Wikipedia und hier: „Der Fall Wurmberg„.

Die Hexen- oder Heidentreppe fanden wir nicht, stattdessen beobachteten wir Biker in sportlicher Nobelausstattung auf ihrer Kamikaze-Tour bergab. Die Bäume waren gepolstert, um Stürze zu vermeiden. Im Hintergrund spielte Salsamusik und irgendwie wirkte die ganze Bergkuppel wie ein einziges Ballermann-Gelände, dessen Mallorca-Feeling nur durch die österreichischen Bauarbeiter gestört wurde, die damit beschäftigt waren, den Berg zur Eventplattform umzubauen. Steiermarker Jungs eben.

Der momentane Zustand des Wurmberges führte unsere  Erwartungshaltungen bezüglich des „Kultortes“ Wurmberg ad absurdum, was nicht heißen soll, dass dies kein spiritueller Ort ist; seine Energien aber sind im Baggerlärm versunken.

Letztendlich fiel es uns nicht schwer, diesen „mystischen“ Ort zu verlassen und wir waren froh den ruhigen Abstieg nach Braunlage, entlang der warmen Bode gewählt zu haben.

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