mamiwata

MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

Alchemie in Halle

Written By: Marina Sosseh - Apr• 18•17

Schon früh hatte ich erste Berührungspunkte mit der Alchemie und zwar in Form dieses Heyne-Taschenspiels von 1975, das die Zeiten nur unvollständig überlebt hat und dessen 64 Karten jetzt ein wenig zerfleddert daherkommt. Leider klärt mich die beigelegte kurze Anleitung nicht darüber auf, woher die Holzschnitte und die gereimten Sinnsprüche stammen.

Jedenfalls ziehe ich mir gleich eine Karte des Tages und erhalte:

Die Arbeit

Der Töpfer seine Scheibe dreht.
Aus Ton und Wasser der Topf entsteht.
Mußt Trockenes und Feuchtes binden.
So kann das Wasser die Erd‘ nicht überwinden.

Die Erklärung, die praktischerweise auf der Rückseite stehen, sieht das Wasser als Symbol des Unbewussten. Dieses wird negativ im Sinne von Trieb und „niedrige Stimmung“ gewertet, die das Gelingen der Arbeit verhindern. Aber auch ein Zuviel an Verstand verhindert den Erfolg, der durch den Zusammenhalt der schöpferischen Kräfte charakterisiert ist.

Die allegorischen Darstellungen und Sinnsprüche dienen dazu, die eigene Selbstentwicklung zu fördern. Vom Verlag intendiert war das sicherlich nicht. Die Veröffentlichung als „Spiel“ verheißt erst einmal vordergründig Unterhaltung, die dann aber, dafür sorgen die alten Abbildungen, doch in die Tiefe führen.

Leider ist dieses Spiel nur noch, wenn überhaupt, als Flohmarktware erhältlich.

Wohingegen das Orakelspiel die Selbsttransformation durch alchemistische Bezüge befördert, lässt die Ausstellung in Halle diesen spirituellen Aspekt vollkommen außen vor und kapriziert sich stattdessen auf die Zusammenhänge zwischen Alchemie und modernen Naturwissenschaften. Das Weltgeheimnis soll entschlüsselt werden und eine beständige Annäherung an dieses hehre Ziel sehen die Ausstellungsmacher in der Alchemie, die zur Entwicklung der modernen Chemie  sowie der Pharmakologie und so u.a. auch zu John Daltons Atomhypothese geführt hat, verwirklicht.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind die Überresten von Gerätschaften, die sich in einer Abfallgrube befanden. Diese gehörten zu einer Alchemistenwerkstatt, die in einem ehemaligen Franziskanerkloster, das im Zuge der Reformation nicht mehr vom Orden genutzt wurde, beheimatet war. Anhand der Chemikalienreste, die sich an den Geräten nachweisen ließen, lässt sich nachvollziehen, womit sich die dortigen Alchemisten im 16. Jahrhundert befassten. Die Produktion von Gold stand hier nicht im Vordergrund, stattdessen wurde hauptsächlich das hochgiftige Antimonium hergestellt. Diesem wurde, wenn es denn in geringen Mengen produziert wird, eine reinigende Wirkung unterstellt, weswegen man damals glaubte, ein Allheilmittel für alle Krankheiten der Welt gefunden zu haben.

Der Gang durch die sehenswerte Ausstellung endet „jenseits des Atoms“. Ein Bild des Inneren des Genfer Teilchenbeschleunigers ist dann auch über den gefundenen archäologischen Inventar angebracht und verweist so auf die gegenwärtige Annäherung an das „Weltgeheimnis“. Die zwinkernde Warnung,  bei all diesen wissenschaftlichen Höhenflügen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren, darf am Schluss nicht fehlen: Der Besucher erfährt, dass im Jahre 2016 ein schnöder Marder, den größten Teilchenbeschleuniger der Welt außer Betrieb gesetzt hat (Zeitungsmeldung).

Neben der Ausstellung in Halle, zeigt auch das Berliner Kulturforum eine Alchemie-Ausstellung, die allerdings ihren Schwerpunkt auf der Verbindung von Alchemie und Kunst liegt. Der künstlerische Schaffensprozess weist nämlich Parallelen zum alchemistischen Prozess der Transformation auf. Beide, Künstler und Alchemist, wollen Neues erschaffen.

Auch auf dem Besuch der Berliner Ausstellung freue ich mich schon.

Alchemie. Die Suche nach dem Weltgeheimnis (Halle, bis 05.06.2017)

Alchemie und die große Kunst läuft im Berliner Kulturforum  (Berlin, bis 17.06.2016)

Landpartie durch das Leinebergland

Written By: Marina Sosseh - Apr• 12•17

Die  Wanderung durch den Hainberg am Samstag hatte leider bei mir eine üble Blase am Fuß hinterlassen, sodass ich froh war, dass Alexander für uns nur einen kleinen Spaziergang hinauf zum neu errichteten Leineberglandbalkon auf dem Duinger Berg geplant hatte.   Am Parkplatz, unseren Startpunkt, gab es zwar eine Übersichtskarte, in der die neue Schutzhütte eingezeichnet war, eine Wegbeschilderung vermissten wir. Nichtsdestotrotz erreichten wir innerhalb von einer halben Stunden den Leineberglandbalkon, dessen Besonderheit es ist, dass sie, wie der Name schon verrät,  über einen Balkon verfügt. Dieser ermöglicht einen schönen Ausblick ins Külftal.

Die Hütte, die erst im Oktober des vergangenen Jahres eingeweiht wurde,  liegt am Schnittpunkt von drei Wanderrouten, bietet ausreichende Sitzmöglichkeiten, jedoch keinen einzigen Papierkorb, womit die Gemeinde wohl Pflege- und Betriebskosten sparen möchte.  Ob das eine weise Entscheidung ist, wird die Zukunft zeigen.

Hinter der  Hütte liegt  der Lübbrechtser Steinbruch, wo früher Kalkstein abgebaut wurde. Eine Informationstafel informiert uns darüber, dass es in der Gegend  viele Töpfereien gegeben hat und die Handwerker regelmäßig,  über Monate hinweg, um ihre Heimat verließen, um ihre zerbrechlichen Waren bis nach Königsberg zu verkaufen.

Vom  Töpfermuseum Duingen habe ich  leider erst im Nachhinein erfahren, sodass wir es ein anderes Mal besuchen werden. Statt ins Museum ging es  erst einmal ins Restaurant Pöttjerkrug, das zu moderaten Preisen deutsche Hausmannskost bot.

So gestärkt machten wir  einen kurzen Abstecher zur Lippoldshöhle, wo einst der Räuber Lippold wohnte. Leider fühlte ich mich nicht fit genug, um die Kriechgänge zu erkunden. Auch hier, so mein Entschluss, muss ich noch einmal wiederkommen. Ausführliche Hintergründe zur Höhle gibt es hier.

Danach fuhren wir in das hübsche Einbeck,  das durch seine vielen Fachwerkhäuser, die allesamt um ca. 1540 – nach einem Großbrand – gebaut wurden, ein mittelalterliches Ambiente vermittelt. Leider wurde dies durch den gerade stattfindenden verkaufsoffener Sonntag getrübt. Zumindest konnte ich so ein Ostergeschenk für meine Mutter kaufen, nämlich typischen Einbecker Blaudruck.

P.S. Der Ausdruck „Landpartie“ erinnert mich ja immer an dieses bezaubernde Bilderbuch meiner Kindheit, wo Onkel Tobi so herrlich in die Irre fährt. Kennt ihr das auch noch?

Jägerhaus und Hubertuskapelle im Hainberge

Written By: Marina Sosseh - Apr• 10•17

Am Samstag hat mich die Hubertuskapelle im Hainberge gerufen, was ich dann auch den anderen Teilnehmerinnen des Wildfrauenhauses schmackhaft gemacht habe und so starteten wir gegen 10 Uhr am Hauptbahnhof in Hannover.

Kennengelernt hatte ich diese Tour durch einen lieben Freund, der die Strecke noch aus seiner Kindheit als Sonntagsausflug kannte, siehe hier.

Los ging es damals an  der Burganlage in Wohldenberg, die jetzt ein katholisches  Bildungszentrum beherbergt. Um 1731 wurden die spätmittelalterlichen Teile durch eine barocke  Hubertuskapelle ergänzt. Die zeitgleich errichte, ebenfalls  Hubertuskapelle genannte ausgebaute Grotte am Hainberg (die Felsinschriften nennen die Jahre 1727  und 1733), steht in direkter Verbindung zu ihr, weshalb uns auch der Autor der Jubiläumsschrift zur Hubertuskapelle von 1933 diesen Weg u.a.  mit folgenden Worten empfiehlt:

Ein Marsch von anderthalb bis zwei Stunden, teilweise auf bequemen Waldsteigen, teilweise auf einem chauffierten Wege führend, bringt uns zum Ziele. (S. 5)

Das Jägerhaus, eine alte Traditionsgaststätte, stand leer, als ich es vor zwei Jahren erstmalig besuchte. Mittlerweile hat es neue Besitzer gefunden, sodass eine Öffnung zum Sommer geplant ist. Ursprünglich war es als Jagdhaus vom Grafen Ernst Friedrich Herbert von Münster errichtet worden.

Im alten Führer heißt es:

Der Wanderer fühlt sich, wenn er am Ziele, dem Jägerhause angekommen ist, reich belohnt für seine Wandermühe. Ein Waldidyll von eigenartigem Reiz und Zauber liegt vor seinen Blicken. Der freundliche Wirt, der schon eine lange Reihe von Jahrn das Haus ständig bewohnt, könnte erzählen von den Ausrufen des Entzückens und der Bewunderung, in die die Wanderer beim Anblick des Jägerhauses und seiner prächtigen Umgebung ausbrachen, besonders von dem so oft wiederholten Rufe: ‚Hier möchte ich wohnen‘: er könnte erzählen von den begeisterten Schilderungen, die die Besucher sich nachher gegenseitig über ihre tiefen Eindrücke entwarfen aber später in Karten und Briefen, die zum Jägerhaus flogen, niederlegten; könnte erzählen von der treuen Liebe und Anhänglichkeit, die in der Umgebung wohnende ‚Stammgäste‘ dem Jägerhause bewahren Dn durch häufigen Besuch selbst in rauher Winterzeit immer wieder von neuem befunden. (S. 6)

Es macht Spaß  im alten Büchlein zu lesen.  Dr. Karl Henkel lässt uns an seinem unmittelbaren Erleben teilhaben, um uns erst dann die Ergebnisse seiner Quellenstudien mitzuteilen.

Heutige Wander- und Ausflugsführer stellen dagegen meist nur nüchtern die Gegegebenheiten dar und schwelgen sprachlich nicht in euphorisch-poetisch-romantischen Betrachtungen, die die Seele des Ortes berühren dürfen, wie diese Schrift. Ach, ich sagte es schon einmal hier im Blog: Wir brauchen eine neue Romantik!

(mehr …)

Von Hagal zur schwarzen Sonne

Written By: Marina Sosseh - Apr• 02•17

hagal-adlerDie Isolation vom natürlichen Universum muss vollzogen werden, um in die vollkommene Bewusstheit des Selbst zu gelangen. Dafür steht die schwarze Sonne und  als kleineres Symbol die schwarze Flamme. Zweimal die Hagal-Rune übereinander gelegt, allerdings leicht verschoben, ergibt die schwarze Sonne.

Sie besteht also aus den Mutter-Korn. In dieser Illustration aus dem Buch von A. Kummer trägt ein Adler die Hagal-Rune, die in ein Rad eingelassen ist.  Das Rad, man denke nur an die Tradition der Osterräder, verweist, genauso wie der Adler auf die Sonne.

Im Fachwerk symbolisiert der Querbalken den Helsweg.  Der Querbalken bemüht sich, die schrägen Balken zu harmonisieren. Wenn dies nicht gelingt,  kommt es zur Katastrophe. Insofern finde ich die Entsprechung dieser Rune im Tarot-Trumpf des Turmes. Die Ecken der Rune verbunden ergeben die Bienenwabe oder das Mutterkorn. Dieses steht für die Menschheit, die sich aus sich selbst heraus gebiert. Das ist die All-Rune.

Heute habe ich mich, im Rahmen eines Seminars,  im Fototransfer auf Polyesterorganza versucht. Als Motive dienten mir u.a. das Titelbild „Runenmagie“ von Karl Spiesberger und Illustrationen aus „Heilige Runenmacht“ von Siegfried Adolf Kummer. Darüber hinaus lernte ich die Herstellung einer Druckplatte für Gelatinedruck und den Fototransfer auf dichten Baumwollstoff.  Auch gefilzt haben wir. Ob die „Mami Wata“, die ich auf den Nadelfilz gesetzt habe, etwas geworden ist, weiß ich noch nicht. Sie liegt noch eingeweicht im Wasser. Ich bin gespannt.

Dank an Gudrun Bialas für die engagierte Workshopleitung!

Einblicke in die Kunst- und Tanztherapie 

Written By: Marina Sosseh - Mrz• 26•17

Jetzt bin ich ja vielseitig interessiert und immer da, wo Kunst nicht für einen angenommenen Markt produziert wird, was ich Kunsthandwerk nenne, selbst wenn ein selbsternannten Malerfürst Kunst produzieren lässt, da ist es der Selbsterfahrungsprozess eines Künstlers, ausgenommen seien hier nur diejenigen, die dies aus Kalkül vorgeben, in Wirklichkeit aber Projekt- und Event-Management betreiben, was dann einen kreativen Mischmasch aus Kunsthandwerk und Wirtschafts-Blablabla ergibt.

Zurück aber zum Selbsterfahrungsprozess, denn da sind wir schnell bei den der Kunst innewohnenden heilenden Charakter, den jeder der sich längere Zeit in künstlerische Prozesse begibt, erfährt, angekommen. Von hier aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu der Überlegung, wie auch andere angeleitet werden können, die wohltuende und selbsttransformierende Kraft der Kunst, die dann, wenn sie erschüttert und verändert,  manchmal auch nicht mehr ganz so vordergründig wohltuend sein kann, zu erfahren. Das, was wirklich verändert, ist schließlich selten „Wellness“.

In die therapeutische Arbeit,  die mit den mir hinreichend bekannten  pädagogischen Ansatz gewisse Überschneidungen aufweist, habe ich mich dieses Wochenende einführen lassen.

Drei Workshops habe ich mitgemacht. Im ersten haben wir, ausgehend vom Grimmschen Märchen Jorindel und Joringel die Szene gemalt, die von uns am prägnantesten erlebt wurde und anschließend besprochen. Im zweiten haben wir uns vom Rhythmus der Musik zum künstlerischen Ausdruck beschwingen lassen und im dritten erfuhren wir tänzerische Bewegungsmeditationen.

Insgesamt war das ein inspirierend-großartiges Wochenende mit angenehmen Menschen.

 

Alltagszaubereien

Written By: Marina Sosseh - Mrz• 19•17

Gestern ging es, zusammen mit einer Freundin, zum Völkerkundemuseum in Hamburg. Wir waren extra wegen der dort stattfindenen Sonderausstellung über „Kubas afrikanische Geister“ angereist und verloren uns schon bald in der Betrachtung der afro-kubanischen Objekten, die überwiegend magisch bespielt worden sind.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30.04 und zeigt 600 Exponate des Santeria und Palo Mayombe Kultes, die aus der hauseigenen Sammlung sowie dem Soul of Africa-Museum, das wir gerne auch noch einmal besuchen wollen, stammen.

Zur Einstimmung auf den Ausstellungsbesuch hatte ich uns ein afro-brasilianisches Tarot besorgt, das sich von den westafrikansichen Göttern hat inspirieren lassen, die über den Sklavenhandel den Weg in die Neue Welt gefunden und sich dort mit christlich-indianischen Einflüssen zu einer synkretischen Religion verbunden haben. Man kann hier sicherlich kritisieren, dass die Glaubenspraktiken der afro-amerikanischen Kulte, inklusive der Divinationspraktiken, rein gar nichts mit der Tradition des Tarots zu tun habent, allerdings steht im zugegebenermaßen nicht sehr umfangreichen beigelegten Büchlein, dass es sich hier nur um eine Inspiration handelt und so kein Anspruch auf eine irgendwie geartete Authentizität erhoben wird. Der würde ich sowieso kritisch gegenüberstehen, zumal ich es ablehne, irgendwelchen religiösen Regeln, die von anderen erdacht worden sind, zu folgen, schließlich ist jede/r sein eigener Gott/seine eigene Göttin.

Als spielerische Annäherung zog meine Freundin die Karte die Hohepriesterin, die im vorliegenden Tarot der Orisha Nana Buruku zugeodnet wird. Sie ist die Urmutter, die aus dem zähen Schlamm neues Leben erschaffen kann und so beständig Altes zu Neuem verwandelt. Sie stapft durch die Zeiten, fegt mit ihrem Besen weg, was fort muss, hält an, was zu schnell ist und tanzt sich ganz langsam aus dem Ozean heraus, um als Regen die Erde neu zu befruchten.

In der Ausstellung fanden wir sie nicht vor, dafür aber Osain, der als Orisha der Wälder die Karte des Gehängten zierte. Als Fetischobjekt ist er als gehörnter Betonkopf, der für die Einweihung eines Priesters hergestellt wurde, vorhanden. Er wurde jedoch niemals spirituel genutzt, wie uns ein Täfelchen erklärt. Wie solche Fetische aussehen, wenn sie in religiösen Ritualen verwendet werden, kann man an den Köpfen sehen, die in der Vitrine daneben stehen und sichtbar mit Blut und Wachs beschmiert sind und so eine dunkle Farbe angenommen haben.

Die gezogene Tarotkarte zeigt Osain, wobei der Blick von oben, also wahrscheinlich vom Baumwipfel aus, auf ihn gerichtet ist. Er schreitet tänzerisch mit einem Zepter und einer Kalebasse, wohl als Symbole der Synthese von weiblicher und männlicher Macht, durch die Wälder, die mit ihren heilerischen, tödlichen und ekstatischen Ingredienzien, vielfältige Veränderungen des eigenen Blickwinkels ermöglichen, wie es eben auch durch den „Gehängten“ im traditionellen Tarot ausgedrückt wird.

Ein Bild von Osain ziert übrigens die Wand meiner Wohnung. Es ist ein frühes Bild von mir, was ich in Gambia gemalt habe. Mit Osain selbst und der Energie, die er verkörpert, beschäftigte ich mich lange nicht mehr. Vielleicht ist die magische Synchronität, die ich gestern erlebte, der Ruf, ihn als wilder Mann oder als wilde Frau in die Wälder zu folgen, um zu verändern, was der Veränderung bedarf?

Ein weiteres Bild von Osain:

Nachdem wir uns auf diese Art und Weise in der Ausstellung vielfältige Anregungen für Alltagszaubereien geholt hatten, besuchten wir die Bibliothek des Museums, die wunderbar altertümlich daher kommt. Ein Vater erklärt dort seinem Sohn, dass das hier aussieht „wie bei Harry Potter“ und wirklich stehen u.a. auch die Harry Potter-Bücher im – auf zwei Regalwänden – platzierten Hexenarchiv, dessen Literatur u.a. den Bogen zwischen der neuheidnischen Gegenwart und der magischen Praxis verschiedener Religionen, wie sie im Museum nicht nur in Bezug auf Kuba, sondern auch in den Kontexten anderer Ethnien präsentiert wird, spannt. Leider fehlt aktuelle Literatur, zumindest sahen wir sie in der Kürze der Zeit nicht.

Das Restaurant im überbauten Innenhof des Museums heißt „Okzident“, bietet aber vorwiegend orientalische Köstlichkeiten. Die schrillen Stimmen der anderen Gäste lassen uns zur Darstellung des arktischen Schamanismus mit Rahmentrommeln und obskuren Darstellungen von Tiergeistern flüchten. Die Südseemasken, obwohl im spärlich beleuchteten Raum mit Natursound als Hintergrund präsentiert, entführen uns in tropische Wälder, die uns aber weniger düster erscheinen, als die Fetische des kubanischen Santeria-/Palo-Kultes. Zwergenhaft, verschwitzt und spöttisch lächeln sie einen an, bevor wir, auf diese Art von ihnen begleitet, ein Langhaus der Maori bestaunen dürfen.

Wir durchqueren Westafrika, um uns dann mit den Schönheitsidealen der Afrikaner vertraut zu machen und das alles in einem herrlich historischen Gebäude von 1911. So kann ich bei der Besucherbefragung, die gerade durchgeführt wurde (Evaluation ist schließlich alles!) nur Positives berichten. Doch meine Geschichten sind hier nicht gefragt, stattdessen kreuze ich lachende Smilies an, derweil meine Freundin zwischen altägyptischen Mumien verschollen geht.

Fünf Stunden waren wir nun im Museum und die Zeit verging uns wie im Fluge, wofür Nana Buruku danke müssen.

Danke auch Ihnen für Ihre hingebungsvolle Aufmerksamkeit! 🙂

P.S. Auf der Rückfahrt zeichnet Mo, glücklich darüber, weitgehend von grölenden Fußballfans verschont geblieben zu sein, im Zug Waldlandschaften. Natürlich.

Spielend. Tanzend. Verändernd?

Written By: Marina Sosseh - Mrz• 17•17

Im Rückblick auf das letzte Wochenende gibt  es neben der Prekarität des besuchten Stadtviertels und den Verwerfungen des hannoverschen Nahverkehrs natürlich auch einiges über den Tanz zu berichten.

An drei Tagen erlebte ich  im TuT ein Wechselspiel zwischen Bewegung und Innehalten. Langsam bin ich dabei durch die Zeiten getanzt, habe mich in extrem Emotionen hineingesteigert, um dann in einer grotesken Pantomime innezuhalten. Erstaunt hat mich dabei, was im Zusammenspiel mit den Mittänzern entstehen kann und dies, obwohl ich doch selbst lieber  alleine  tanze und den allzu nahen  menschlichen Kontakt scheue: Contemporary Dance – damit habe ich so meine Schwierigkeiten. 
Erfreut hat mich nicht nur das selber tanzen und das Erproben eines eigenen Ausdrucks, sondern  auch das Zuschauen bei den Tänzen der anderen Kursteilnehmern.

Anstrengend war das vergangene Wochenende zweifelsohne, auch weil es dabei tänzerisch-schauspielerische Aufgaben gab, die mir, beim Versuch der Überschreitung, meine Grenzen deutlich machten. Möchte ich diese überhaupt überwinden? Kann es mein Leben flexibler gestalten, hier neue Ausdrucksmöglichkeiten zu praktizieren, denn schließlich führt eine Veränderung im körperlichen Ausdruck immer auch zu  persönlichen Wandlungen. Da aber, wo sich die eigene Persönlichkeit verändert,  gerät auch das Gefüge der eigenen Realität ins Wanken.  Oder möchte  ich auf dem, was sich für mich als wirksam erwiesen hat, beharren und dieses notfalls auch verteidigen?

Die vielen Regieanweisungen störten mich, bin ich es doch gewohnt, die Macherin zu sein. Andererseits führte mich die Steuerung durch die  Lehrerin zu Bewegungen, die ich sonst wohl nicht  für mich entdeckt hätte. Grenzen erweitern sich. Den Kontakt scheue ich weiterhin.

Tanz ist eine fließende Kunst, die durchaus magische Wirkung entfalten kann. Die Bilder entstehen und vergehen gleichfalls im Meer der Zeiten. Ich möchte das Gesehene festhalten, doch schon sind die vielfältigen Bilder, innere wie äußere, verschwunden. Nur der Raum bleibt, erweitert  sich aber gleichsam in der eigenen Imagination immer wieder zum beschwingten Spielplatz. Spielend. Tanzend. Verändernd!

Innehalten und reflektierend: Möchte ich das Projekt in der Gruppe weiterführen? Ich weiß es (noch) nicht.

Improvisiert aus der Realität tanzen! 

Written By: Marina Sosseh - Mrz• 11•17

So ein stressiger Morgen.

Die U-Bahn fährt mir mal wieder vor der Nase weg. Dann sitze ich in der überfüllten Bahn neben einem ca. fünfjährigen. Kopftuchmädchen, das sich, so die gern von den Medien rezipierte Version,  selbstverständlich eigenverantwortlich für Ihre Bedeckung entschieden hat. Der Großvater,  der daneben sitzt, sieht aus, als ob er gerade aus einem abgelegenen anatolischen Dorf gekommen wäre, wahrscheinlich lebt er aber seit ca. 40 Jahren in Deutschland und hat sich erfolgreich nicht integriert. Warum auch? Die Mama trägt ebenfalls Kopftuch und redet türkisch mit Tochter und Sohn.

Ich mag diese neue Welt nicht. Ab der Stadtmitte höre ich ausschließlich nur noch ein Gemisch aus arabisch und türkischer Sprache: „Salem aleikum“ und ich bin fremd im eigenen Land. Schwarze Kopftuchmädchen, die aussehen, wie den Bilder der entführten Mädchen von Boko Haram entsprungen, steigen ein. In der Nordstadt gibt es ja viele Moscheen.

Mich dagegen zieht es zum TuT, wo es, gleich gegenüber der städtisch geförderten Antifa Hochburg UJZ Kornstrasse und der alevitischen Glaubensgemeinschaft und neben der Gesellschaft „Islam verstehen e. V.“ Improvisationstanz für Menschen ab 50 Jahren gibt. Die Zeit scheint hier erst einmal stehen geblieben zu sein und ich bin erinnert an Zeiten, wo auch ich noch an eine freudige multikulturelle Gesellschaft, die von toleranter Vielfalt geprägt ist, geglaubt habe. Und so tanze ich dann hier all meine Frustration, untermalt von Klangschale und Thunder Drum, einfach weg. Realitätsverweigerung hilft: zumindest kurzzeitig.

Lasst die Puppen tanzen!

Written By: Marina Sosseh - Feb• 26•17

Warum mag ich das Figurentheater so viel lieber als „richtiges“ Theater? Ein Grund dafür ist es sicherlich, dass  ich das erzieherisch tätige  und „politisch-korrekte“ Regietheater verabscheue, jedoch greift dies nicht weit genug.  Ich vermeide nun die  Aufführungen des modernen Schauspiels , zu groß erscheint mir die Gefahr dort auf hysterisch kreischende Schauspieler (gerne halbnackt) vor merkwürdigsten Kulissen zu treffen. Der Höhepunkt meiner schlechten Erfahrungen war einmal eine Aufführung, in der die Hauptfigur in mehrere Teilpersonen gespalten wurde, was ich aber erst gegen Ende der Vorführung durchschaute. Ohne Programmheft funktioniert so ein Theaterbesuch, der eher ertragen werden muss,   nicht.

Wie viel schöner ist da das Figurentheater! Dort kann man sich, jenseits der Kindervorführungen,  dann auch die Klassiker, die vor liebevoll gestalteten Kulissen agieren, anschauen und  solche Vorführungen sogar genießen..

Der gestrige Besuch beim Gastspiel des Hohenlohner Figurentheaters im hannoverschen Figurentheaterhaus verzauberte jedenfalls  meinen Samstagabend. Es gab „Jedermann“ von Hoffmannsthal im Figurentheaterhaus zu sehen.

In  Hannover sind wir in der glücklichen Lage ein festes Haus für das Figurentheater zu haben. Leider gibt es dort nur wenige Aufführungen für Erwachsene, was wohl daran liegen mag, dass es sich noch nicht herumgesprochen hat, wie zauberhaft solche Darbietungen sind und diese Kunstform  immer noch als erzieherisches „Kasperletheater“ verschrien ist.

Selbst die Kindervorführungen haben jedoch überhaupt nichts mehr  mit den immer noch lebendigen Klischees des Verkehrs-Kaspers zu tun. Ein Besuch lohnt sich mitunter auch für Erwachsene.

Ich selbst liebe das Figurentheater. Die  Starrheit der Figuren eröffnet  mir als Zuschauerin vielfältige Interpretationsspielräume. Dadurch ist das Figurentheater näher beim rituell-magischen Ursprung des Theaters geblieben, als es das Menschentheater in der aktuell-regenerierten Form darstellt.

Was braucht es Schauspieler, wenn Puppen als Symbol für das menschliche Leben agieren können? Sie sind eine Allegorie und wir können uns mit ihnen identifizieren, kommt es uns nicht auch häufig so vor, als ob wir von anderen fremdbestimmt werden und so quasi „gespielt“ werden?

Der Puppenspieler agiert  gottleich und erschafft mit wenigen Mitteln eine perfekte Illusion einer alternativen Wirklichkeit, die gerade deshalb so gut  funktioniert, weil sie die Imaginationskraft des Publikums anspricht und bestenfalls  in Zusammenarbeit von Spielern und Zuschauern pure Magie erschafft, die einen neuen phantastischen Raum öffnet, der sich jeder Planung entzieht. Auf diese Art und Weise  ist das Figurentheater den reißerischen Effekten der medialen Industrie, die wir gewohnt sind, die jedoch nur eine kurze Befriedigung  erschafft, haushoch überlegen.

Pupen sind nämlich  Zauberwesen, die schon in den Megalithkulturen genutzt wurden, um göttliche Energien zu manifestieren oder den magischen Willen der Hexe  zu transportieren.

Dieses Erfahrungswissen scheint fest in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert zu sein und wird beim Puppentheater berührt, das uns sogar, auf eine subtile Art und Weise,   erschaudern lässt.

Lange ist es her, dass ich mal ein diesbezügliches Seminar im Figurentheater Kolleg in Bochum besuchte und auch dort übernachtete. Unvergesslich wird mir ein Schrank voller Puppen sein, die im spärlichen Licht der Nachtbeleuchtung ein Eigenleben zu führen begannen. Sie warteten quasi darauf, zum Leben erweckt zu werden und das Spiel beginnen zu lassen.

Ihre leblose Gestalt wird durch unseren Willen lebendig und  kann dann ein Eigenleben entfalten, was auch, wie in der Literatur gerne erzählt, sich vom Schöpfer emanzipieren kann. Puppen sind die Manifestationen des Magiers, der aber die Kontrolle nicht verlieren darf, ansonsten läuft er  Gefahr,  sein eigenes Verderben heraufzubeschwören

 

Bescheidenheit ist eine Zier, oder?

Written By: Marina Sosseh - Feb• 01•17

Heutzutage ist sie aus der Mode gekommen – die Bescheidenheit. Stattdessen wird die Präsentation, besonders die Selbst-Präsentation, groß geschrieben und man übt sich beständig darin, möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Mir selbst fällt das schwer, wurde ich doch als Kind zur Bescheidenheit erzogen und so lernte ich, wenn mir etwas halbherzig angeboten wurde, auch „Nein, danke“ zu sagen und bei Umsonst-Angeboten für Kinder es unterhalb meiner Würde zu befinden, mich anzustellen, um irgendetwas zu bekommen, was ich doch niemals wirklich brauchen würde. Das kam mir damals schon  wie Bettelei vor und auch heute erzeugt ein solches Verhalten, wenn ich es denn bei anderen beobachte, mein Missfallen.

Bescheidenheit geht mit Genügsamkeit einher und die kann ein glückliches Leben ermöglichen, schließlich macht man sich dabei nicht abhängig von dem, was andere einen offerieren und was ja – wir wissen das alle –  immer auch eine Gegenleistung verlangt.

Wir leben jedoch in einer Aufmerksamkeits-Gesellschaft, in der diejenigen, die am meisten Selbstdarstellung betreiben, mittlerweile nicht nur im privaten, sondern gerade auch im beruflichen Bereich, den größten Erfolg verzeichnen können. Besonders schlimm finde ich es, dass die eitle Inszenierung seiner Selbst, die mit der Übertreibung einhergeht und damit auch die Lüge salonfähig macht, bei beruflichen „Performern“ (sic!) und wohlfeilen Politikern schon für ein Qualitätsmerkmal gehalten wird und all diejenigen, die von Haus aus stiller und introvertierter sind,  keine Chance haben, überhaupt  in  Postionen zu gelangen, in denen sie einen positiven Effekt auf die Gesellschaft ausüben könnten.

Meiner bescheidenen Ansicht nach ist die Selfie-Fotografie dann auch nur ein visuelles Indiz dafür, wie diese Gesellschaft beständig in Degeneration begriffen ist.  Auch die fortlaufende  Präsentation  einer oberflächigen Glamour-Welt der Reichen und Schönen im Privatfernsehen, fördert nicht die Selbstbildung, die Genügsamkeit und damit die Zufriedenheit bei den Menschen, die sich das anschauen, sondern stattdessen eher eine beständige Unzufriedenheit, die mit der  sinnlosen Jagd nach immer neuen  blinkendem Tand einhergeht.  Glücklich derjenige, der sich davon nicht beindrucken lässt und der eine  freiwillige Selbstbeschränkung, die vielleicht auch noch mit einer ironischen Untertreibung einhergeht, pflegt!

Bei den Stoikern, wie beispielsweise Epikur und Marc Aurel, findet sich vielfältige Inspiration für eine solche Geisteshaltung. Dabei möchte ich jedoch nicht einer schicksalsverordneten Einschränkung das Wort geben, von der die Stoiker ausgehen. Die Annahme nämlich, dass das menschliche Leben vollständig von einer Schicksalsmacht determiniert ist, mag ich nicht bejahen, müsste ich dann nämlich den Menschen eine individuelle Handlungsfreiheit ganz oder zumindest zum größten Teil aberkennen.

Wenn ich die  Vorliebe der Stoiker für das kausale Denken bei meinen Überlegungen ausklammere, dann bleibt das Bemühen um Selbstformung, um durch Denken Anteil am Göttlichen zu erlangen, als  ein praktizierbarer Weg, der aufgezeigt wird, um Seelenruhe zu erlangen.

Weisheit, die die Voraussetzung für die Seelenruhe ist, setzt bei den Stoikern  folgendes voraus:

– Affektkontrolle: Sie führt zur Freiheit von Leidenschaften (Apatheia). Apathie meint hier aber nicht Teilnahmslosigkeit und Passivität, sie beinhaltet vielmehr Aktion, die sich auf die Gemeinschaft bezieht.

– Ataraxie (Unerschütterlichkeit): Das ist die Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen.

– Selbstgenügsamkeit (Autarkie)

In der Selbstgenügsamkeit finden wir die Bescheidenheit wieder, mit der ich meine Ausführungen begann. Sie darf niemals mit der christlichen Demut verwechselt werden. Letztere setzt ein devotes Verhältnis vom Knecht oder Untergebenen zum Herrn und Meister voraus.

Die Selbstgenügsamkeit des Stoizismus wird auch Autarkie genannt. Im modernen Sprachgebrauch wird dies mit Unabhängigkeit übersetzt, womit wir uns der Bedeutung der stoischen Selbstgenügsamkeit annähern. Diese Art von Bescheidenheit braucht kein Außen mehr, was es zu beeindrucken gilt. Wenn ich also aufhöre, meine Umwelt durch vielfältige Bluffs von mir überzeugen zu wollen, mache ich mich gleichzeitig unabhängig von ihr. Unabhängigkeit wiederum ist ein anderes Wort für Isolation, die wiederum eine Grundvoraussetzung der Seelenruhe zu sein scheint.

Eine Gesellschaft jedoch, die die Großmäuligkeit gegenüber der Bescheidenheit präferiert, kann, im schrecklichen Umkehrschluss, niemals eine weise Gesellschaft sein. Zeit also für ein Umdenken!

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