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MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

Bescheidenheit ist eine Zier, oder?

Written By: Marina Sosseh - Feb• 01•17

Heutzutage ist sie aus der Mode gekommen – die Bescheidenheit. Stattdessen wird die Präsentation, besonders die Selbst-Präsentation, groß geschrieben und man übt sich beständig darin, möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Mir selbst fällt das schwer, wurde ich doch als Kind zur Bescheidenheit erzogen und so lernte ich, wenn mir etwas halbherzig angeboten wurde, auch „Nein, danke“ zu sagen und bei Umsonst-Angeboten für Kinder es unterhalb meiner Würde zu befinden, mich anzustellen, um irgendetwas zu bekommen, was ich doch niemals wirklich brauchen würde. Das kam mir damals schon  wie Bettelei vor und auch heute erzeugt ein solches Verhalten, wenn ich es denn bei anderen beobachte, mein Missfallen.

Bescheidenheit geht mit Genügsamkeit einher und die kann ein glückliches Leben ermöglichen, schließlich macht man sich dabei nicht abhängig von dem, was andere einen offerieren und was ja – wir wissen das alle –  immer auch eine Gegenleistung verlangt.

Wir leben jedoch in einer Aufmerksamkeits-Gesellschaft, in der diejenigen, die am meisten Selbstdarstellung betreiben, mittlerweile nicht nur im privaten, sondern gerade auch im beruflichen Bereich, den größten Erfolg verzeichnen können. Besonders schlimm finde ich es, dass die eitle Inszenierung seiner Selbst, die mit der Übertreibung einhergeht und damit auch die Lüge salonfähig macht, bei beruflichen „Performern“ (sic!) und wohlfeilen Politikern schon für ein Qualitätsmerkmal gehalten wird und all diejenigen, die von Haus aus stiller und introvertierter sind,  keine Chance haben, überhaupt  in  Postionen zu gelangen, in denen sie einen positiven Effekt auf die Gesellschaft ausüben könnten.

Meiner bescheidenen Ansicht nach ist die Selfie-Fotografie dann auch nur ein visuelles Indiz dafür, wie diese Gesellschaft beständig in Degeneration begriffen ist.  Auch die fortlaufende  Präsentation  einer oberflächigen Glamour-Welt der Reichen und Schönen im Privatfernsehen, fördert nicht die Selbstbildung, die Genügsamkeit und damit die Zufriedenheit bei den Menschen, die sich das anschauen, sondern stattdessen eher eine beständige Unzufriedenheit, die mit der  sinnlosen Jagd nach immer neuen  blinkendem Tand einhergeht.  Glücklich derjenige, der sich davon nicht beindrucken lässt und der eine  freiwillige Selbstbeschränkung, die vielleicht auch noch mit einer ironischen Untertreibung einhergeht, pflegt!

Bei den Stoikern, wie beispielsweise Epikur und Marc Aurel, findet sich vielfältige Inspiration für eine solche Geisteshaltung. Dabei möchte ich jedoch nicht einer schicksalsverordneten Einschränkung das Wort geben, von der die Stoiker ausgehen. Die Annahme nämlich, dass das menschliche Leben vollständig von einer Schicksalsmacht determiniert ist, mag ich nicht bejahen, müsste ich dann nämlich den Menschen eine individuelle Handlungsfreiheit ganz oder zumindest zum größten Teil aberkennen.

Wenn ich die  Vorliebe der Stoiker für das kausale Denken bei meinen Überlegungen ausklammere, dann bleibt das Bemühen um Selbstformung, um durch Denken Anteil am Göttlichen zu erlangen, als  ein praktizierbarer Weg, der aufgezeigt wird, um Seelenruhe zu erlangen.

Weisheit, die die Voraussetzung für die Seelenruhe ist, setzt bei den Stoikern  folgendes voraus:

– Affektkontrolle: Sie führt zur Freiheit von Leidenschaften (Apatheia). Apathie meint hier aber nicht Teilnahmslosigkeit und Passivität, sie beinhaltet vielmehr Aktion, die sich auf die Gemeinschaft bezieht.

– Ataraxie (Unerschütterlichkeit): Das ist die Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen.

– Selbstgenügsamkeit (Autarkie)

In der Selbstgenügsamkeit finden wir die Bescheidenheit wieder, mit der ich meine Ausführungen begann. Sie darf niemals mit der christlichen Demut verwechselt werden. Letztere setzt ein devotes Verhältnis vom Knecht oder Untergebenen zum Herrn und Meister voraus.

Die Selbstgenügsamkeit des Stoizismus wird auch Autarkie genannt. Im modernen Sprachgebrauch wird dies mit Unabhängigkeit übersetzt, womit wir uns der Bedeutung der stoischen Selbstgenügsamkeit annähern. Diese Art von Bescheidenheit braucht kein Außen mehr, was es zu beeindrucken gilt. Wenn ich also aufhöre, meine Umwelt durch vielfältige Bluffs von mir überzeugen zu wollen, mache ich mich gleichzeitig unabhängig von ihr. Unabhängigkeit wiederum ist ein anderes Wort für Isolation, die wiederum eine Grundvoraussetzung der Seelenruhe zu sein scheint.

Eine Gesellschaft jedoch, die die Großmäuligkeit gegenüber der Bescheidenheit präferiert, kann, im schrecklichen Umkehrschluss, niemals eine weise Gesellschaft sein. Zeit also für ein Umdenken!

Etwas Besonderes sein!

Written By: Marina Sosseh - Jan• 29•17

Wer möchte das nicht? Sich von der Menge abheben und  irgendwie einzigartig sein! Doch die meisten Entscheidungen, die wir treffen, sind die zwischen Alternativen, die uns andere vorgegeben haben und die uns innerhalb eines Variantenraumes individuell vorkommen, in Wirklichkeit aber nur kleine Abweichungen der immer gleichen Einfalt sind, die uns von der Bewusstseinsindustrie tagtäglich eingetrichterte wird.

Die Entscheidung lieber zum italienischen als zum griechischen Restaurant zu gehen, unsere Vorliebe für die Farbe Orange und unser Interesse am Jogging, all das macht nicht die Einzigartigkeit unseres Selbst aus. Wir nähern uns diesem aber an, wenn wir uns von den Erwartungshaltungen unserer Umwelt lösen.

1. Der erste Schritt dazu kann es sein, nicht  beständig danach, zu schielen,  was gerade angesagt ist und wie wir bei anderen ankommen.  So durchbrechen wir die Fernsteuerung, die uns beständig zombifiziert,  wenn wir nichts dagegen setzen.

Folgende Fragen können uns bei der eigenen Bewusstwerdung helfen:

Welche Art von Person möchtest du sein? Wie siehst du aus? Worüber denkst du nach? In welcher Umgebung hältst du dich auf? Lade das Bild immer wieder mit Kraft auf und hinterfrage fortlaufend, inwieweit dieses deinen oder fremden Erwartungen entspricht. Nur das, was nicht ferngesteuert Wünsche und Projektionen von anderen erfüllt, darf in diesem Prozess Bestand haben. Insofern musst du dich fortlaufend selbst in Frage stellen und damit auch niemals aufhören, ansonsten läufst du Gefahr, dass das, was du errungen haben, wieder in das Unbewusste zurücksinkt.

2.  Was kannst du jetzt schon tun, was diesem idealen Selbst entspricht? Fange mit kleinen Dingen an und gebe Ihnen beständig Aufmerksamkeit, sodass sie wachsen können. Zieh die Aufmerksamkeit  von den Lebensumständen ab, die nicht passend sind, ohne dabei deine ethische Verantwortung, die immer selbstgeschöpft sein sollte,  aufzugeben. Werde  nicht zum Unmenschen, indem du dich nur noch auf dich selbst konzentrierst, womit wir bei den Gefahren sind:

Die Gefahr an dieser Stelle ist es, ganz und gar im Eigenen zu verharren und den Kontakt zu seiner Umgebung zu verlieren. Dann wirst du zum Eigenbrötler, zum merkwürdigen Kauz oder gar zum Verrückten.

Meistens sind das Männer und so ist es kein Zufall, dass ich hier die männliche Schreibweise verwendet habe. Ihnen geht, in viel größerem Ausmaß als dies bei Frauen zu beobachten ist,  der soziale Bezug ab und so verharren sie in ihrer eigenen seltsamen Welt, die sie, mit zunehmenden Alter, immer weniger  mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Manche  indes bedienen sich dazu Frauen, die  aufopferungsvoll ihren Alltag managen.

Vorrangig Frauen neigen leider dazu,  schon am ersten, hier aufgezählten Schritt zu scheitern, schließlich werden sie, seit ihrer frühen Jugend,  immer wieder dazu aufgefordert, sich vorrangig auf andere zu beziehen, sei es auf das Kind, dem Partner , den pflegebedürftigen Elternteil oder anderen Mitmenschen, die ihren Beistand abrufen und dem sie nur allzu gerne nachgeben, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich hier per se um gesellschaftlich anerzogene oder doch angeborene Determinanten handelt. Nichtsdestotrotz lassen sie sich durchbrechen. Wenn die Frauen nämlich immer wieder ausschließlich die  Erwartungen der anderen erfüllen, erlangen sie kein Bewusstsein über sich selbst und machen sich so  zum Opfer ihrer selbst.

Nun plädiere ich nicht dafür, jegliche soziale Verantwortung fallen zu lassen, vielmehr geht es darum, sich innerlich soweit davon zu isolieren, wie irgendwie möglich und auch nur dem nachzukommen, was den eigenen ethischen Überlegungen entspricht. So schaffen sich dann auch Frauen die notwendigen Freiräume, ihre eigenen Innenwelten zu entdecken und zu leben.

Hütet euch dabei aber vor Floskeln wie „Das tut man aber so“, „Das erwartet meine Familie/Religion von mir“, „Das würde immer schon so gemacht“. Das  sind Ausflüchte,  mit deren Hilfe wir uns vom eigentlichen Menschsein abschneiden.

3.  Im dritten Schritt muss man sein Sein nach außen tragen und danach trachten, seine eigene subjektive Welt im Objektiven zu verwirklichen. Menschen, die dies geschafft haben, gelten als Charismatiker, die nicht mehr, wie Marionetten an den Fäden hängen, die von anderen gespielt werden, sondern selbst zu Puppenspielern geworden sind. All dies lässt sich nicht durch gewalttätige-monströse Anstrengungen verwirklichen, vielmehr gelingt es, wenn man sich selbst immer wieder auf seine eigenen, selbst gewählten und immer wieder hinterfragten Kriterien bezieht. Man sollte beständig  darüber  reflektieren, für was man seine Kraft  investiert und mit wem man seine Zeit verbringt.

Nun bist du in der Königs- und Königinnenklasse angekommen. Du bist nun eine charismatische Persönlichkeit, die die eigene subjektive Welt zum Zentrum von dem macht, was sie umgibt. So strahlst du dann als deine eigene Sonne nach außen  und machst dir die Welt, wie sie dir gefällt.

 

Die letzte Rauhnacht dieses Winters

Written By: Marina Sosseh - Jan• 05•17

Mit der Nacht vom 5. auf den 6. Januar enden nach meiner Zählung die Rauhnächte. Frau Percht zieht mit ihrer Wilden Jagd ein letztes Mal durch die Nacht, während wir uns in dieser magischen Zeitenwende zur Besinnung noch einmal in uns zurückziehen. Draußen ist es kalt. Der Schnee legt eine weiße Schicht auf die Erde, die alles was häßlich ist, verbirgt. Stillstand und Ruhe ist nun angesagt. Es lässt sich nicht viel bewegen und man ist gut daran beraten, zu Hause zu bleiben. Der Frost lässt die Landschaft erstarren und die Sturmflut bringt Zerstörung, kann aber auch Kinder glücklich machen, schließlich musste ich heute lesen, dass auf Langeroog unzählige Überraschungseier an Land gespült wurden, die leider aber nicht nur einen Kinder-Traum erfüllen, sondern auch eine  Gefahr für das sensible Meeres-Ökosystem darstellen.

Aus dem zyklischen weiblichen Kreislauf bricht nun die lineare männliche Kraft heraus, die sich, noch in der Gestalt des Neugeborenen gefangen, später zum jugendlichen Toren und zum Ritter entwickeln wird, der sich gegen die eigene Natürlichkeit auflehnt und der der eigenen Vergöttlichung entgegenstrebt um schließlich – am Ende des Jahres – zu erkennen, dass der Gral, der gesucht wird, bei den Müttern liegt. Die eigene Zielstrebigkeit wird durch diese Erkenntnis mit der neu gewonnen Empathie-Fähigkeit erhöht, die im Christentum Nächstenliebe und bei Wolfram von Eschenbach Mitleid heißt. Schopenhauer nennt es Herzensgüte.

In Runen ausgedrückt ist es die Vereinigung von Tiwaz und Othala. In Tiwaz ist gleichzeitig Isa enthalten, was für das erwachende Ich-Bewusstsein und die Isolation vom natürlichen Universum steht, was wiederum Voraussetzung für dessen Meisterung ist.

Der Jahreskönig stirbt und wird zur nächsten Wintersonnenwende neu geboren und wir werden uns auch in 12 Monaten erneut wieder in uns zurückziehen , um danach wohlgemut der Kraft der aufsteigenden Sonne folgen zu können.

Mein Facebook-Freund Wolfgang Mumpi Wittek fotografierte diese bizarren Bilder von im Eis erstarrten Kreaturen, die an die weihnachtliche Ikonographie des viktorianischen Englands erinnern.

 

Auch Lewis Carrolls  „Alice im Wunderland“  und „Alice hinter den Spiegeln“ ist dann  nicht mehr weit.

Abschließend möchte ich meine kleine Betrachtung mit einem deutschen Gedicht beenden. Es behandelt das Sujet des Werwolfes und passt gut in diese Zeit, schließlich sollen sich, der Überlieferung nach, zauberkundige Menschen, die einen Teufelspakt geschlossen haben, in den Rauhnächten zu Werwölfen verwandeln.  Der Spaß des Reims verbindet sich hier mit morbiden und grotesken Schrecken, was genau die Grundhaltung  zu sein scheint, die auch den viktorianischen Nonsens ausmacht.

 

Der Werwolf

 

Ein Werwolf eines Nachts entwich

von Weib und Kind und sich begab

an eines Dorfschullehrers Grab

und bat ihn: Bitte, beuge mich!

 

Der Dorfschulmeister stieg hinauf

auf seines Blechschilds Messingknauf

und sprach zum Wolf, der seine Pfoten

geduldig kreuzte vor dem Toten:

 

„Der Werwolf“ – sprach der gute Mann,

„des Weswolfs, Genitiv sodann,

dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,

den Wenwolf, – damit hat’s ein End.“

 

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,

er rollte seine Augenbälle.

Indessen, bat er, füge doch

zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

 

Der Dorfschulmeister aber mußte

gestehn, daß er von ihr nichts wußte.

Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,

doch „Wer“ gäb’s nur im Singular.

 

Der Wolf erhob sich tränenblind –

er hatte ja doch Weib und Kind!!

Doch da er kein Gelehrter eben,

so schied er dankend und ergeben.

 

(von Christian Morgenstern)

Georg Kolbe, der Tanz und andere Entdeckungen

Written By: Marina Sosseh - Jan• 02•17

Der Georg-Kolbe-Hain ist ein magisch anmutender Platz. Dionysos ist hier zu Hause und sicherlich noch viele andere magische Gestalten.

Ursprünglich war er als ein kleiner Landschaftspark angelegt worden, der die niedersächsische Landschaft nach Berlin holen sollte, ähnlich wie wir in Hannover den Hermann-Löns-Park kennen, der die Weite Norddeutschlands in die Landesshauptstadt holt. In Berlin jedoch wurde das Konzept aufgegeben und der kleine Park in den 50ziger Jahren Georg-Kolbe umgewidmet. Das Eingangsportal mit seinen Pferde-Giebeln zeugt jedoch noch von der ursprünglichen Intention des Gartengestalters.

Mir selbst war, auch schon vor meinem Besuch, Georg Kolbes Geschwisterpaar am hannoverschen Maschsee  bekannt, wo Mann und Frau gleichermaßen stark wie auch ansprechend dargestellt werden, was auch in der heutigen Zeit, wo Frauenbilder mehrheitlich die Ikonographie der Verführung und dümmlichen Unterordnung bedienen, selten ist.

Georg Kolbe hat sich mit der inneren Stärke des Menschen, egal ob Mann oder Frau,  auseinandergesetzt. Wie manifestiert sich das in der Körperlichkeit und wie lässt sich dies  künstlerisch darstellen, waren wohl Fragen, die ihm bewegt haben. Während sich im  Skulpturengarten seines ehemaligen Wohnhauses die Tänzerin  noch leichtfüßig über die Wasserdämonen erhebt, ringt Zarathustra schon kraftvoll mit sich selbst, um zum Übermenschen zu werden. Auch die Frau, die sich über die Natürlichkeit erhebt, erscheint gleichermaßen schön wie auch stark. All dies zeugt u.a. auch von Georg Kolbes intensiver Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche, was nicht nur ein Zeitphänomen war, sondern ihm, auf einer persönlichen Ebene, half, sich über den Verlust seiner geliebten Frau hinwegzutrösten.

Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, ganz und gar anders, fand ich später dann auch in der Pina-Bausch-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Die Ausstellungshalle war für mich eine architektonische Entdeckung; die Ausstellung an sich ging jedoch nicht in Resonanz mit mir. Vielleicht liegt es daran, dass für mich Tanz ein Ritual ist und deshalb Tanz niemals Theater sein kann, der Darsteller und Zuschauer voneinander abtrennt und immer unterhaltend sein will? Darüber hinaus, so meine Überzeugung,  lässt sich Tanz niemals in eine Ausstellung bannen, auch wenn durch Videoaufzeichnungen und Trainingssequenzen, denen ich jedoch nicht beiwohnte, von den Ausstellungsmachern versucht wurde, dieses Problem zu beheben. Der Tanz aber entzieht sich dem. Beschwingt.

In der Pina-Bauch-Ausstellung sah ich eine filmische Aufzeichnung, in der ein Tänzer das mythische Fabelwesen eines Zentaur eindrucksvoll darstellte. Dieses magische Wesen fand ich dann, unweit des Checkpoint Charly’s, vor der LBB,  als Skulptur wieder vor.  Der Zentaur streckt dort die Hände aus, um Erlösung zu finden. Mit diesem Bild schließt sich dann der Kreis dieses erlebnisreichen Tages in Berlin für mich, der mir  gezeigt hat dass alles mit allem zu tun haben kann,  vorausgesetzt nur, dass man offen für die Zeichen ist, die einem im Alltag begegnen.

 

Hier sind meine fotografischen Souvenirs vom Georg-Kolbe-Hain.

Auf den Spuren des nationalsozialistischen Berlins

Written By: Marina Sosseh - Dez• 10•16

Um den Spuren des Nationalsozialismus, ganz besonders, wenn man sich denn für Architektur interessiert, in Berlin zu folgen, bieten sich verschiedene Anlaufpunkte an. Ich entschied mich für den Flughafen Tempelhof und das Olympia-Stadium. Im Nachgang rate ich aber dazu, gerade im Winterhalbjahr, sich auf nur einem Programmpunkt zu beschränken. Ich kam nämlich erst um kurz nach 15 Uhr beim Stadium an, was schade war, konnte ich das Gelände so nur in Eile begehen. Schließzeit war nämlich schon um 16 Uhr.

Zuerst ging es zum Flughafen, dessen Vorgängerbau schon in den 20 Jahren entstanden war und der in den Jahren 1937 bis 1941  in der heutigen Form errichtet wurde. Nach den Plänen der Nationalsozialisten sollte Tempelhof zum größte Flughafen der Welt werden. Er wurde jedoch, aufgrund der Kriegshandlungen, erst nach dem Krieg fertiggestellt und manche Abschnitte zeigen immer noch den Rohbeton. Im Jahre 2008 stellte der Flughafen den Betrieb gänzlich ein, was ihm jedoch nicht zu einem „lost place“ machte, schließlich sind immer noch viele Firmen dort ansässig. Außerdem werden Hallen für Events vermietet.

Momentan sind leider immer noch Flüchtlinge im Flughafengebäude untergebracht. Ob es daran lag, dass ich die Abflughalle nicht sehen konnte? Auch der sogenannte „Rosinenbomber“, aus der Zeit der Berliner Luftbrücke, konnte nur aus der Entfernung heraus betrachtet werden.

Ich nahm nämlich an einer Führung teil, die  einen vielschichtigen Streifzug durch die „Unterwelten“ des Flughafens bot und dabei nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt blieb. Sie bietet ein Feuerwerk von interessanten Orten und Geschichten und ist insgesamt empfehlenswert.

Zuerst musste ich jedoch den Startpunkt der Führung finden. Als Nichts-Ortskundige steuerte ich erst einmal irrtümlich in Richtung auf das  „altes Fundbüro“ zu. Als ich meinem Fehler bemerkte, bekam ich einem sinnlichen Eindruck von der Monumentalität der Architektur. Wenn man nämlich in großer Eile – an den riesigen Gebäudekomplexen vorbei – den richtigen Weg finden muss, verstärkt dies in der subjektiven Wahrnehmung noch einmal die realen Ausmaße des Gebäudekomplexes hin zum Gigantischen. Die Architektur scheint einen quasi eine Prüfung aufzuerlegen, die  dazu auffordert – ganz im zarathustrischen Sinne – zum Übermenschen zu werden, dem die Un -WEG -samkeiten des Lebens nichts mehr anzuhaben zu scheinen. Vielleicht war es jedoch auch die Intention des Architekten, dass man sich von der damaligen Monumentalität, die übrigens auch in den Nachbarländern in den 30er Jahren in Mode war, eingeschüchtert fühlen sollte?

Highlights der Führung durch die Unterwelten des Flughafens waren für mich die Luftschutzräume, die, zur zweifelhaften Aufheiterung der Schutzsuchenden, mit Wilhelm Busch-Zeichnungen verziert sind, der geheime Kommandoraum der US Army Air Force mit seiner zerfledderten Lagekarte und natürlich das verbrannte Filmarchiv, in dem einst geheime Luftaufnahmen gelagert und am Ende des Zweiten Weltkrieges in Brand gesteckt wurden.

Über das offene Flugfeld des Tempelhofes schlenderte ich, fast drei Stunden später, zurück zur U-Bahn Haltestelle und machte mich nach Charlottenburg zum Olympiastadium  auf. Dieses versank fast vollständig im Nebel, was mich zu surreal anmutenden Fotografien inspirierte.

Mein Foto des Tages:

Hier ist das ganze Album zu betrachten.

Die Wewelsburg

Written By: Marina Sosseh - Nov• 20•16

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Gestern machte sich die Wildfrauenhaus-Wandergruppe zur Wewelsburg in das nördliche Westfalen auf. Von Paderborn aus brachte uns der Bus direkt zur Burg, die wir allerdings erst einmal links liegen ließen und eine kleine Rundwanderung startete. Diese führte uns zuerst durch dunkle Niederungen, in der wir all die Erschöpfungen der letzten Arbeitswoche ließen, bevor wir bei den „Sieben Eichen“ unseren Umkehrpunkt  und nach einer kurzen Steigung die lichte Feldmark erreichten.

Unsere kleine Tour erinnert indirekt an die Freimaurer-Gärten, die ja auch den Gartenbesucher erst in den „dunklen Wald“ und die Einsamkeit führen,  um Kontemplation und die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit zu befördern, bevor die freie Fläche mit den Obstbäumen erreicht wird (siehe  u.a. auch: Hinüberscher Garten). Und wirklich fanden auch wir am Wegesrand noch Apfelbäume mit Früchten vor.

Nach einer kleinen Stärkung ging es dann, entlang der Feldmark,  zur Burg zurück. Der Nordturm mit seiner Gruft und den Obergruppenführer-Saal zog uns magisch an. Die „schwarze Sonne“ wollte von uns besucht werden, nachdem einer meiner Begleiterinnen noch ein Mistelzweig vor die Füße fiel, der in den kommenden Rauhnächten wohl ihre Wohnung zieren wird.

Marcello La Speranza schreibt zwar in seinem Buch Brisante Architektur, dass die Betreiber der Wewelsburg auf Information setzen und dass sie die Geschichte des Ortes nicht vertuschen wollen (vgl. S. 200), jedoch scheint mir die Platzierung des Ikea-Equipments  mit Sitzsäcken und Beistelltischchen auf der schwarzen Sonne  genau die gegenteilige Sprache zu sprechen. Es wird sozusagen nur so getan, als ob hier offen mit der eigenen Historie umgegangen wird und ein freier Diskurs befördert werden soll.  In Wirklichkeit  aber wird die staatlich vorgeschriebene Interpretationshohheit niemals aufgegeben und nur eine pädagogisierter Sichtung zugelassen, der den Besucher zum „dummen Kind“ degradiert, dem nicht zugetraut wird, eigene Schlüsse zu ziehen.  Folgerichtig lässt sich der Nordturm auch nicht über den Burgplatz begehen (Die Tür ließ sich zwar noch öffnen, aber dann versperrte ein Gitter den Zugang!), stattdessen muss erst eine textlastige  Ausstellung über die Gräueltaten der Nationalsozialisten absolviert werden. Wenn dann endlich die kameraüberwachten (sic!)  „Kulträume“ betreten werden können, wird alles dafür getan, um deren Raumwirkungen zu durchbrechen. Expressionistisch anmutende Gemälde hängen über den zwölf Säulenpodesten, in denen wohl einst Urnen mit der Wappenasche gestorbener SS-Männer gestanden haben sollen. Ein Dokumentarfilm erklärt „irgendetwas“ und stört mit seiner Beschallung das Erlebnis der interessanten Klangerfahrung des Raumes, der die eigenen Worte, quasi in einem Energiekegel, spiralförmig nach oben treibt. Dort prangt an der Decke ein Hakenkreuz, was – wenn denn der „gedeckelten“ und verzerrten Präsentation konsequent gefolgt werden würde, eigentlich mit rosafarbenen Pompons und Einhorn-Mobiles verziert werden müsste, würde dies doch das Ikea-Sitzplatz-Szenario im oberen Saal perfekt ergänzt!

Dort, im Obergruppenführersaal,  betätigten uns übrigens als Möbelrücker, woraufhin mit ca. zehn Minuten Zeitverzögerung, eine Mitarbeiterin des Museums erschien, die alles wieder zurück auf das Bodenornament platzierte und mir später auch misstrauisch folgte, nachdem ich mich zurück an die ehemaligen Feuerstelle des unteren Raumes begeben hatte. „Kann es eine paradoxere Tätigkeit geben?“, frage ich mich.

Hier soll also verdeckt werden, was offensichtlich vorhanden ist.  Ich würde dringend zur Konsequenz raten und deshalb entweder alles unter Verschluss halten oder einen wirklichen Zugang zum Nordturm erlauben? Alles andere ist einfach nur lächerlich und zeugt davon, wie wenig die politischen Eliten ihrer eigenen Bevölkerung vertrauen. Der Krieg ist schon lange vorbei.

Das Fotoalbum zum Ausflug ist hier zu betrachten.

Captain Fantastic

Written By: Marina Sosseh - Okt• 23•16

Im Film „Captain Fantastic“ wird interessanterweise auch in der Öko-Idylle der Leistungsgedanke mit strukturierter Tagesordnung niemals aufgegeben , sondern  perfektionisiert. Die Beschulung durch die Eltern in der Naturidylle ist dem Lernergebnissen an staatlichen Schulen haushoch überlegen, was, nachdem die Wildnis notgedrungen verlassen werden musste,  beim Zusammentreffen mit den von der Trash-Kultur infizierten Sprößlingen  der Verwandtschaft deutlich wird. Die Kinder von „Captain Fantastico“ zeigen sich, in der Konfrontation mit dem schrillen-amerikanischen Kapitalismus, zwar autistisch-nerdhaft und deshalb für den Zuschauer  ungewollt komisch, sind aber durch die vom Vater vorausgegangene  praktizierte Willensschulung, die sie an der felsigen Steilwand lehrte, ihre eigenen körperlichen Grenzen zu überschreiten, vor allen zivilisatorischen Gefahren gefeit.  Sie haben quasi, durch die Schulung in der Wildnis, übermenschliche Fähigkeiten erlangt.  (Warum muss ich dabei bloss an Louis Trenker denken?)

„Captain Fantastic'“ arbeitet so dem zu, was er vordergründig vorgibt zu kritisieren. Der Film suggeriert durch seinen Titel, dass er einer bizarre Aussteiger-Romantik frönt, in der Tat zeigt er aber deutlich, dass der gegenwärtige Zeitgeist keinen Platz mehr für Hippies kennt. Eine  libertäre Ideologie, ganz im Sinne von Ayn Rand, wird gefrönt, die wohl,  angesichts der globalisierten Verwerfungen, das Überleben des von Abstiegsängsten geplanten Mittelstandes sichern soll.

Der Film endet dann auch schlussfolgernd  im IKEA-Einfamilienhaus, wo Captain Fantastic  und seine Kinder ein geordnetes Leben finden, jedoch das in der Wildnis praktizierte Homeschooling beibehalten.

Nürnberger Entdeckungen

Written By: Marina Sosseh - Okt• 15•16

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Meine Fahrt nach Nürnberg brachte mich zuerst zum Reichsparteitagsgelände. Die Linie 9 fährt direkt vom Nürnberger Hauptbahnhof los und bringt einem innerhalb kürzester Zeit zum Dokumentationszentrum, das, im Stil des Dekonstruktivismus, wie ein Speer in die riesige Bauruine des von der NS-Führung  geplanten Kongresszentrums, hineinsticht.  Im Innern erwartete  mich eine Flut von Info-Tafeln und medialen Feuerwerken, die sicherlich, auch gerade in Kombination mit dem zur Verfügung gestellten Audio-Guide, eine sinnvolle Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus bieten,  weswegen anscheinend  auch unzählige Schulklassen mit dem Besuch des Dokumentationszentrums beglückt werden. Wenn man schon Vorwissen mitbringt und die Zeit in Nürnberg begrenzt ist, kann man sich den Besuch sparen. Texte und Filme lassen sich schließlich auch zu Hause durchlesen und ein Bezug auf das Gebäude des Dokumentations-Zentrums  findet nur in Ansätzen statt, beispielsweise dann, wenn  ein Balkon dem Blick auf das Innere der Kongresshalle freigibt oder die geplante Wandelhandel der NS-Führungsspitze durch ein Fenster zu betrachten ist.  Statt hier also meine Zeit weiter zu verbringen, entschied ich mich zur Teilnahme an der Bus-Video-Tour vom Verein „Geschichte für alle“ teil. Diese dauert ungefähr eine Stunde,  in der man über das Reichsparteitagsgelände gefahren wird, wobei der Bus, entgegen der Ankündigung,  die meiste Zeit allerdings im Stand verharrt, derweil erklärt und Filme eingespielt werden. Für einen ersten Eindruck von dem Gelände hat mir die Tour halbwegs gut gefallen, wobei es eine Begehung „zu Fuß“ und in Ruhe sicherlich nicht ersetzen kann. Den Schluss, wo die Moderatorin einen rasanten Gedankensprung von der Ausgrenzung der Nationalsozialisten gegenüber Minderheiten zur Flüchtlingsfrage vollzog  und dabei der AFD  unterschwellig vorwarf, hier vergleichbare Positionen zu vertreten, sprach leider von einer gewissen Naivität und einseitigen Informiertheit in Bezug auf das Thema. Interessanterweise hat sie dabei genau die Propaganda vollzogen, die sie zuvor – in Bezug auf die Reichparteitagsveranstaltungen analysiert hat, wobei wieder deutlich wird, dass  didaktische Aufarbeitung nicht davor schützt, selbst zum Instrument von Propaganda zu werden, besonders dann,  wenn es denn von einer unerwarteten Seite, die sich selbst als „richtig“ und „gut“ in Szene stellt, verkauft wird. Sympathisch war sie mir trotzdem.

Nachdem der Bus wieder vor dem Doku-Zentrum gehalten hatte, machte ich mich auf eigene Faust auf, das Gelände zu erkunden und,  rückblickend betrachtet,  hätte ich dies gleich tun sollen.

Mich faszinierte am meisten die Zeppelintribüne. Sie war, zusammen mit dem Zeppelinfeld, der zentrale Schauplatz der Reichsparteitage, was auch,  auf einer energetischen Ebene, noch spürbar ist. Bedingt durch mangelnde Instandhaltungen und die Zerstörungen nach dem zweiten Weltkrieg befindet sich die Anlage leider in einem desolaten Zustand, weswegen sie auch renoviert werden soll. Die Stadt Nürnberg erprobt auf Musterflächen bauliche Sicherungsmaßnahmen.

Leider konnte ich das Innere der  Zeppelintribüne nicht betreten. Einen Eindruck, wie es dort ausschaut, bekommt man aber hier.

Nach der Begehung des Reichsparteitagsgelände, zog es mich in die Innenstadt von Nürnberg, die im historischen Kern ein inszeniertes Bratwurst-Lebkuchen-Wunderland zu sein scheint. Dort nahm ich an einer Felsenkellerführung teil, die überraschenderweise den thematischen Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus hin zum Mittelalter spannte und so eine ideale Fortsetzung zu meiner Begehung des Reichsparteitagsgeländes darstellte.

Dabei lernte ich, dass sich in Nürnbergs Untergrund unzählige Keller  befinden, die im Zweiten Weltkrieg zum Zwecke des Luftschutzes miteinander verbunden wurden und nun ein unterirdisches Labyrinth ergeben. Ursprünglich wurde dort Bier gelagert, weshalb dann auch die Führung durch die Felsenkeller mit einer kleinen Werbeveranstaltung für eine Brauerei endete.

Nachdem ich dabei erstmalig rotes Bier probieren durfte, ging es, in einem überfüllten und unbequemen ICE, zurück nach Hannover.

Das Fotoalbum, falls es an dieser Stelle, in der mobilen Version, nicht dargestellt wird, befindet sich hier.

Michael Buthe im Haus der Kunst, München

Written By: Marina Sosseh - Okt• 12•16

Eine „Michael Buthe“-Retrospektive ist noch bis zum 20.11.2016  im Haus der Kunst in München zu sehen und hat mich zu einer Bahnfahrt quer durch Deutschland inspiriert.

Michael Buthes  Kunst verweigert sich dem musealen Konzept. Seine Objekte können Dekoration für vielfältige Feierlichkeiten sein. Eigentlich sind sie  – auf einer tieferen Ebene – Ritualgegenstände, die magische Räume öffnen. Michael Buthes Kunst braucht die spielerische Interaktion und wenn die Überreste seiner Installationen in eine Ausstellung verbannt sind, wo man das Wachs zwar riechen, aber nicht berühren darf, dann wird seine Kunst abgeschnitten von  ihrer wahren Kraft, die  jedoch noch im Museum  spürbar ist.

Michael Buthes  Künstlerbücher möchte ich durchblättern. Doch liegen sie hinter Glas. Glücklicherweise wussten die Ausstellungsmacher wohl um dieses Dilemma. Ein filmisches Zeugnis  stellt die Brücke zwischen Ausstellungskunst und belebt-lebendiger Kunst her. In der wohl auf Super 8 gebannten Performance blättert Michael Buthe  –   in der Kleidung eines Prinzen von Samarkand – eines seiner opulenten Bücher durch.

Michael Buthes Kunst macht Mut, Kunst als Religion der Zukunft und Religion als Kunst der Zukunft (nach Paolo Bianchi) zu sehen und dies alles mit Hilfe eines eklektischen Freiheitsbegriffes, der mir selbst, die ich aus verschiedenartigen spirituell-okkult-magischen Traditionen schöpfe, nahesteht. Seine Objekte sind Inspiration und machen Lust darauf, eigene individuelle Mythologien zu begehen. Grenzenlos!

Mein netter Ausstellungs-Begleiter störte sich an der schlechten Ausleuchtung im Museumsbau, die nicht mehr zeitgenössische Ansprüche an Kunst-Präsentationen erfüllt und auch nicht mehr – im Sinne seines Architekten Paul Ludwig Troost – funktionsfähig ist. So war der Lichteinfall durch die Decke für die Ausstellungsarchitektur der 30Jahre sicherlich wegweisend gewesen, jetzt aber ist die Decke abgehängt und so fällt kein Tageslicht mehr in die Ausstellungsräume.

Überhaupt – dieses Gedankenspiel sei  mir erlaubt – stelle ich mir die Frage, wie Michael Buthe mit der Geschichte und Architektur des Hauses umgegangen wäre? Ich bin mir sicher, dass er einen Kontext zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt hätte.

Ich selbst habe mich am schummerigen  Licht  in der Ausstellung nicht gestört. Eigentlich kam es mir fast passend vor.  Noch besser wäre es vielleicht gewesen, einige seiner Werke in der Dunkelheit, nur beleuchtet vom Licht des großen Kerzenleuchters, der ungenutzt in der Ausstellung steht,  zu betrachten, wird so nämlich die magisch-trancehaft-opulente Atmosphäre spürbar, ohne die seine Kunst sich nicht vollständig entfalten kann.

Im letzten Raum stehen düster anmutenden Kupferplatten, die zwar – in der Motivwahl – noch an die farbenprächtigen Silhouetten der vorangegangenen Jahre von Michael Buthes künstlerischen Schaffens erinnern. Vielleicht hat Michael Buthe in dieser letzten Installation seine  eigene „schwarze Sonne“ berührt?

Das Sonnenlicht jedenfalls, das im Zentrum seines höchstpersönlichen Sonnenkultes stand, ist hier nur noch als metallisch-dunkler Abglanz zu erahnen und stellt damit dann doch eine ungewollte Synchronität zur architektonischen Decke des Hauses her, die eben auch kein Licht mehr durchlässt, womit dann der Künstler  auch post mortem seinen gegenwärtigen Bezug zur Architektur des Museums hergestellt zu haben scheint!

Gerne hätte ich euch an dieser Stelle  Fotografien seiner Werke präsentiert, doch da ich nicht weiß, wie es sich mit den Bildrechten verhält, verweise ich hier
auf den Ausstellungskatalog.

Auch ich selbst habe schon über Michael Buthe geschrieben. Schaut hier.

Monumentaler Neoklassizismus mit verbliebenen Hakenkreuzmotiven an der Decke des Arkadenganges: Eine Renovierung ist durch das Architektenbüro von David Chipperfield geplant. Hoffentlich wird nicht „tot“saniert. Ich wünsche mir, dass der Spagat zwischen Denkmalpflege und einer zeitgemäßen Nutzung gelingt.

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Kolberger Disziplinierungen

Written By: Marina Sosseh - Okt• 10•16

Nie werde ich vergessen, wie ich vor einiger Zeit  mit Verleumdungen konfrontiert wurde, die vermutlich einzig und allein dem Zweck verfolgten, mich klein zu machen, mich wieder auf Linie zu bringen, nachdem ich in der Vergangenheit einmal meine Kritik in Worte gefasst und diese auch zur Kenntnis gegeben hatte, in der naiven Vorstellung, dass die Verantwortlichen nicht darum wüssten und unter der Voraussetzung, dass dort Menschen sitzen würden, die den offensichtlich aufgezeigten Problemen ins Auge sehen würden und an einer Lösung interessiert wären. Dem war nicht so.

Stattdessen war ich mit einer kräftezehrenden Disziplinierung konfrontiert, wo angebliche Vergehen gegen mich kreiert wurden und auch nicht davor zurückgeschreckt wurde, zu instrumentalisieren, was nutzbar gemacht werden konnte. So kann es passieren …

All dies, was ich erlebt habe, erinnert mich an eine Szene im wirklich filmtechnisch mehr als gelungenen Durchhaltefilm der Nationalsozialisten „Kolberg“ (Regie Veit Harlan), wo ein selbsternannter „Vater“ des Dorfes Kritik übt, indem er sich gegen den Befehl des Kommandanten stellt, einfach deshalb, weil dessen Befehl wenig durchdacht ist. Der zur Hilfe geeilte preußische Offizier Gneisenauer verlangt nun von ihm, die Folgen der Befehlsverweigerung (ein Graben wurde zugeschüttet) wieder rückgängig zu machen und erst danach wäre er bereit, ihn überhaupt anzuhören. Wo käme man denn dahin, wenn jeder eine eigene Meinung sowie Mitsprache hätte und individuell entscheiden würde!

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Das Funktionieren des Systems steht eben über der Vernunft des Einzelnen und erst wenn man bereit ist, sich dem System bedingungslos unterzuordnen, kann das Gemeinschaftsgefüge erfolgreich funktionieren: so die Botschaft des Films.

Die Kolberger, die dies verstanden haben,  können schließlich, durch Befehlsgehorsamkeit und Opferbereitschaft, der einfallenden napoleonischen Armee erfolgreich entgegentreten.

Zuvor ordnet sich auch der rebellierende H. Nettelberg dem Offizier Gneisenauer unter, der sich danach aber – Überraschung! – zu einer Anhörung bereit erklärt, wo er seine zuvor gezeigte  befehlerische Härte mit dem Verweis auf Freundschaft und gegenseitige Unterstützung relativiert. Auch lässt er sich nun davon überzeugen, dass Nettelbergs Kritik eigentlich inhaltlich richtig gewesen war, womit der Film „Kolberg“ hier in seiner vorrangig propagandistischen Aussage selbst „bricht“ und so versöhnlicher zu sein scheint, als das, was ich erleben durfte.

Über die Schrecken von vielfältigen „Systemen“  habe ich schon wiederholt geschrieben, z.B. hier. Und für alle,  die es verstehen können,  sei gesagt,  dass jedes System immer Gefahr läuft,  sich zum thursischen zu entwickeln.

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