„Mythos“ Heimat

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Angesichts der Verwerfungen die unsere Heimat momentan erleben muss, erscheint die Ausstellung „Mythos Heimat„, die das Niedersächsische Landesmuseum aktuell zeigt, irgendwie passend und dennoch anachronistisch zu sein.

Da, wo eben kein Heimatgefühl in einer prekär-verschleierten Stadt wie Hannover mehr aufkommen kann, da, so wollen uns die Ausstellungs-Macher vielleicht anraten, haben wir immer noch die Freiheit, uns den Mythos einer Heimat selbst zu erschaffen und brauchen uns dann nicht mehr an einer Realität zu stoßen, die verstört und letztendlich erst schiere Verzweiflung und dann Protest hervorrufen müsste.

Doch diese zeitgenössischen Ausblicke, die ich eben geschildert habe und zu der mich der Ausstellungsbesuch inspiriert hat, ist im musealen Kontext – vermute ich mal – konzeptuell nicht vorgesehen. Stattdessen werden uns bildnerische Werke von Künstlern des 19. und 20. Jahrhundert gezeigt, die in ländlichen Künstlergemeinschaften eine Heimat abbildeten, die mit der Realität des ärmlichen Landlebens und der hereinbrechenden Industrialisierung in den Städten, vor der sie damals flohen, nicht viel gemein haben sollte. So erzählt es mir jedenfalls der Audio-Guide.

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Diese gesellschaftlich-soziologischen Umbrüche  der damaligen Zeit hielten meine Künstlerinnenkollegen nicht davon ab, moorige Birkenwäldchen und baltische Strandszenen mit Fischern darzustellen. Frauen in bizarren Trachten transportieren auf Gemälden das Heu über den Chiemsee, während sich – nur ein paar Bilder weiter – Ausdruckstänze auf den Monte Verità vollzogen haben. Ganz und gar nackt.

„Vielleicht sollte ich mir diese Künstlerkolonien zum Vorbild nehmen und aufhören, mich beständig darüber aufzuregen, was verloren geht?“, fragte ich mich einem kurzen Augenblick lang, bevor mich der zeitgenössische Film vom Ende des letzten Jahrhunderts (vielleicht 1980???), der in der Aussstellung präsentiert wird, in seinem Bann zog. Dort wird u.a. eine Kontinuität zwischen der Künstlerkolonie und der ökologischen Bewegung der Grünen aufgezeigt. Die bange Frage wird gestellt, wie sich ein Zusammenschluss von Menschen, die alle künstlerisch individualisiert waren, verändert, wenn eine solche Bewegung in der breiten Masse angekommen ist und ob eine solche Transformation überhaupt auszuhalten ist?

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Anscheinend NEIN: Angesichts all der merkwürdigen Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland, wo das, was einst idealistisch und „gut“ war, zur Meinungsdiktatur verkommen ist, muss ich an dieser Stelle fast frustriert die Filmvorführung verlassen und mich – vor einem toten Fisch im Stillleben beschaulich versenken – leise seufzen:

„Ach, Heimat, wo bist du geblieben?“

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