Nürnberger Entdeckungen

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Meine Fahrt nach Nürnberg brachte mich zuerst zum Reichsparteitagsgelände. Die Linie 9 fährt direkt vom Nürnberger Hauptbahnhof los und bringt einem innerhalb kürzester Zeit zum Dokumentationszentrum, das, im Stil des Dekonstruktivismus, wie ein Speer in die riesige Bauruine des von der NS-Führung  geplanten Kongresszentrums, hineinsticht.  Im Innern erwartete  mich eine Flut von Info-Tafeln und medialen Feuerwerken, die sicherlich, auch gerade in Kombination mit dem zur Verfügung gestellten Audio-Guide, eine sinnvolle Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus bieten,  weswegen anscheinend  auch unzählige Schulklassen mit dem Besuch des Dokumentationszentrums beglückt werden. Wenn man schon Vorwissen mitbringt und die Zeit in Nürnberg begrenzt ist, kann man sich den Besuch sparen. Texte und Filme lassen sich schließlich auch zu Hause durchlesen und ein Bezug auf das Gebäude des Dokumentations-Zentrums  findet nur in Ansätzen statt, beispielsweise dann, wenn  ein Balkon dem Blick auf das Innere der Kongresshalle freigibt oder die geplante Wandelhandel der NS-Führungsspitze durch ein Fenster zu betrachten ist.  Statt hier also meine Zeit weiter zu verbringen, entschied ich mich zur Teilnahme an der Bus-Video-Tour vom Verein “Geschichte für alle” teil. Diese dauert ungefähr eine Stunde,  in der man über das Reichsparteitagsgelände gefahren wird, wobei der Bus, entgegen der Ankündigung,  die meiste Zeit allerdings im Stand verharrt, derweil erklärt und Filme eingespielt werden. Für einen ersten Eindruck von dem Gelände hat mir die Tour halbwegs gut gefallen, wobei es eine Begehung “zu Fuß” und in Ruhe sicherlich nicht ersetzen kann. Den Schluss, wo die Moderatorin einen rasanten Gedankensprung von der Ausgrenzung der Nationalsozialisten gegenüber Minderheiten zur Flüchtlingsfrage vollzog  und dabei der AFD  unterschwellig vorwarf, hier vergleichbare Positionen zu vertreten, sprach leider von einer gewissen Naivität und einseitigen Informiertheit in Bezug auf das Thema. Interessanterweise hat sie dabei genau die Propaganda vollzogen, die sie zuvor – in Bezug auf die Reichparteitagsveranstaltungen analysiert hat, wobei wieder deutlich wird, dass  didaktische Aufarbeitung nicht davor schützt, selbst zum Instrument von Propaganda zu werden, besonders dann,  wenn es denn von einer unerwarteten Seite, die sich selbst als “richtig” und “gut” in Szene stellt, verkauft wird. Sympathisch war sie mir trotzdem.

Nachdem der Bus wieder vor dem Doku-Zentrum gehalten hatte, machte ich mich auf eigene Faust auf, das Gelände zu erkunden und,  rückblickend betrachtet,  hätte ich dies gleich tun sollen.

Mich faszinierte am meisten die Zeppelintribüne. Sie war, zusammen mit dem Zeppelinfeld, der zentrale Schauplatz der Reichsparteitage, was auch,  auf einer energetischen Ebene, noch spürbar ist. Bedingt durch mangelnde Instandhaltungen und die Zerstörungen nach dem zweiten Weltkrieg befindet sich die Anlage leider in einem desolaten Zustand, weswegen sie auch renoviert werden soll. Die Stadt Nürnberg erprobt auf Musterflächen bauliche Sicherungsmaßnahmen.

Leider konnte ich das Innere der  Zeppelintribüne nicht betreten. Einen Eindruck, wie es dort ausschaut, bekommt man aber hier.

Nach der Begehung des Reichsparteitagsgelände, zog es mich in die Innenstadt von Nürnberg, die im historischen Kern ein inszeniertes Bratwurst-Lebkuchen-Wunderland zu sein scheint. Dort nahm ich an einer Felsenkellerführung teil, die überraschenderweise den thematischen Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus hin zum Mittelalter spannte und so eine ideale Fortsetzung zu meiner Begehung des Reichsparteitagsgeländes darstellte.

Dabei lernte ich, dass sich in Nürnbergs Untergrund unzählige Keller  befinden, die im Zweiten Weltkrieg zum Zwecke des Luftschutzes miteinander verbunden wurden und nun ein unterirdisches Labyrinth ergeben. Ursprünglich wurde dort Bier gelagert, weshalb dann auch die Führung durch die Felsenkeller mit einer kleinen Werbeveranstaltung für eine Brauerei endete.

Nachdem ich dabei erstmalig rotes Bier probieren durfte, ging es, in einem überfüllten und unbequemen ICE, zurück nach Hannover.

Das Fotoalbum, falls es an dieser Stelle, in der mobilen Version, nicht dargestellt wird, befindet sich hier.

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