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MAGISCH REISEN, KUNST und KULTUR: In die Tiefe geschaut!

Warum es hier keinen offensichtlichen Mehrwert für dich gibt! Reflexionen über das Bloggen

Written By: Marina Sosseh - Jan• 26•18

Meine knappe Antwort lautet: … Weil ich gegen ökonomische Kategorien verwehre und ich eher das Konzept des inspirierenden Müßiggangs verfolge. Da wird dann Tagebuch geschrieben, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Dazu passt ganz schön das folgende Zitat von Rudolf von Laban.

„Der Mensch bewegt sich, um ein Bedürfnis zu befriedigen. Mit seiner Bewegung zielt er auf etwas hin, das für ihn von Bedeutung ist. Das Ziel seiner Bewegung ist leicht zu erkennen, wenn diese sich auf ein konkretes Objekt richtet; es können aber auch immaterielle Dinge sein, die eine Bewegung auslösen.“ (Laban, Rudolf von: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 2003, S. 9)

Blogs, nicht nur Reiseblogs, sind ja ebenfalls Bewegungen, die irgendwohin führen. Vor dem virtuellen Zeitalter haben wir beim Schreiben die Feder geschwungen und sie über ein Blatt Papier tanzen lassen.

Bei dieser kleinen Gemeinsamkeit kann eine Übertragung von Erkenntnissen der Tanzkunst auf Blogs durchaus erhellend sein.

Wenn wir also Rudolf von Labans Gedanken aufnehmen und „Online-Schreiben“ mit „Bewegung“ gleichsetzen, dann ergeben sich für Blogs zwei Kategorien, nämlich die, die vorrangig ein konkretes Ziel verfolgen und die, die von einem „immateriellen Ding“ ausgelöst werden. In der Realität ergeben sich daraus Mischformen, die jeweils mehr der einen oder der andern Form entsprechen und sich auch im Laufe der Zeit wandeln können.


Unter der ersten Kategorie fallen sicherlich die Blogs, die einen ökonomischen Mehrwert für sich (und andere) produzieren möchten. Sie verfolgen ein konkretes Ziel, was auch messbar ist.

Ich nenne sie einmal …

Konkrete Blogs

Das konkrete Ziel ist bei ihnen meist das Geld verdienen.

Blogs und Geld verdienen

Ich selbst habe bis vor 1 1/2 Jahren noch nicht einmal gewusst, dass es die Möglichkeit gibt, mit Blogs nennenswert Geld zu verdienen. Schwierig wurde es dann schon im September letzten Jahres. Ich bekam, als Nachklang zum hannoverschen Reisebloggertreffen, eine Einladung zu „Metropolitan“, eine Varieté-Veranstaltung, in der u.a. der Nahverkehr beworben wurde. Diese hat mir schlicht und ergreifend nicht gefallen. Wie also damit umgehen? Ich habe mich im Artikel (hier!) für Ehrlichkeit entschieden.

Letztendlich ist der Wert solcher Einladungen, zumindest bei meiner kleinen Reichweite, so gering, als dass ich darauf locker verzichten kann. Mir ist es allerdings sehr wichtig, darüber zu reflektieren, was da eigentlich, auf einer Meta-Ebene, passiert. Und das ist die Angleichung von Bloginhalten an die Interessen der Werbeindustrie. Selbst wenn ich mich, wie beim „Metropolitan“-Artikel, trotz Einladung, für eine kritische Betrachtung entschieden habe, mich also dagegen stellte, reagiere ich dabei trotzdem auf eine unausgesprochene Erwartungshaltung der Kooperationspartner, die ich dann eben nicht vollständig erfüllte. Wirklich „frei“ kann ein solcher Artikel niemals sein.

Wenn man an eine solche Schwelle angekommen ist, steht man bestenfalls vor der bewussten Entscheidung zum journalistischen Dienstleister zu werden. Schlechtestenfalls wird man Teil eines schleichenden Prozesses der „Besetzung“, der den Blog zum Werbeträger mutieren lässt. Egal wie: Es ist dabei dann ziemlich gleichgültig, ob Kooperationsanfragen von selbst kommen oder aktiv angefragt werden. Das Ergebnis ist dasselbe. In keiner Weise kann der so entstehende Artikel unbeeinflusst sein, wie manche Blogger ja nicht müde werden, zu behaupten: „Authentisch“ schon gar nicht. Man hat sich dann selbst zum Produkt gemacht und verkauft Empfehlungen. Dafür gibt es Geld oder andere Vorteilsnahmen. Ein Blog im Sinne eines Online-Tagebuchs ist es dann nicht mehr. Das kann man machen und manchmal ist es ja auch ein redaktionelles Mischmasch von bezahlten und nicht-bezahlten Inhalten, was dabei herauskommt: Ein solchermaßen aufgestellter Blog unterläuft dabei aber immer der Gefahr auch bei den nicht gesponserten Artikeln auf dem Markt zu schielen. Im Ergebnis gleichen die Mehrzahl der Reiseblogs dann immer mehr den großen kommerziellen Reiseportalen. Sie sind fast nicht mehr davon zu unterscheiden: Monotonie und Warenästhetik herrschen. Belanglosigkeit!

Schon das ständige Schielen auf größere Reichweiten führt zu einer Veränderung des Blogs in Richtung einer Marktkompatibilität. So müsste ich, wenn ich mich dafür entscheiden würde, beispielsweise anfangen im Stil von Reiseführern zu schreiben, den Fokus also auf Sehenswürdigkeiten und Empfehlungen legen, im Sinne von „Die Top-10-Things-to-Do  in Bukarest“ und wenn mir der Google Alghorismus sagen würde, dass „Storytelling“ bei den Lesern nun gerade super ankommt, darauf unhinterfragt umstellen und Twitter-Feeds in meine Vorstellung der Sehenswürdigkeiten einbauen. All das wäre für mich jedoch kein Vergnügen mehr, nur noch eine rein-mechanische Dienstleistung. Ein Job eben!

Als Dienstleisterin verstehe ich mich jedoch nicht. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass diese Art von Blogs langfristig von den großen Verlagen und Portalen übernommen werden. Madsack erprobt das gerade in Hannover.

Was machen die genau? Die bauen ihr eigenes Reiseblog-Portal auf, mit viel Geld und Personal im Hintergrund. Vielleicht kaufen sie auch erfolgreiche Blogger ein; ich weiß es nicht. Madsack setzt, so meine Einschätzung, journalistische Mitarbeiter ein, ist aber dabei, per Gewinnspiel, Menschen auf Weltreise zu schicken, die dann berichten sollen. Diesen, ich nenne sie mal zukünftigen Fake-Bloggern wird dann vermutlich journalistisch unter die Arme gegriffen. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt auf der Hand : Solche Neulinge lassen sich im Sinne des Portals aufbauen und lenken. Wenn eine solche Entwicklung Schule macht, werden die meisten Reiseblogs, aus wirtschaftlicher Sicht, gegen die großen Verlage keine Chance haben.

Auch aus diesem Grund kann man sich frei machen von dem, was der Markt scheinbar diktiert.

Doch viele Blogs lassen sich auf diesem recht aussichtslosen marktökonomischen Kampf mit den Giganten ein. Sie tun dies immer dann, wenn sie vorrangig nur Nachfrage kreieren wollen. In diesem Prozess werden die Blogs untereinander austauschbar und es ist der gleiche langweilige Mist, den ich bei „Stefan unterwegs“ oder bei „Tom on the Road“ (Phantasiebeispiele) lese.

Für mich ist all dies eine neoliberale Degeneration. Ich möchte mich dem Markt-Alghorismen nicht unterordnen, habe jedoch im letzten Jahr damit experimentiert und  bin dabei  schnell an meine Grenzen gestoßen.

Insofern steckt beim vorliegenden Blog als Motivation eher etwas Immaterielles dahinter.


Immaterielle Blogs

Schreiben als Bewegung verstanden kann jeweils auch eine Metapher für das Spazierengehen und das Wandern sein. Beim Wandern denkt man vielleicht eher an Goethes Werther, beim Wandern an die Wanderjahre Goethes, was ja ein klassischer Bildungsroman ist.

Spaziere ich? Oder wandere ich schon?

Wandern ist eher zielführend und ähnelt damit der klassischen Bildungsreise, die, aufbauend auf der Grand Tour des Adels, ja auch festgelegte Routen abdeckt. Es geht von A nach B. Wandern kann dabei auch recht anstrengend sein, zumal der zeitliche Rahmen länger und die sportlichen Herausforderungen größer sind.

Wandern im romantischen Sinn passt auf das Bloggen in meinem Fall insofern zu, als dass ich mich durch innere Landschaften begebe, die im außen jeweils eine Resonanz finden oder auch genau umgekehrt. Ausgangspunkt dabei ist immer ein individueller Freiheitsdrang, der Sachzwänge überwinden will. Ziel ist die Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, was übrigens ein Begriff ist, der seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts interessanterweise fast vollständig aus der Mode gekommen ist. Dafür gibt es jetzt die scheinbare „Authentizität“ , die, gerade da, wo sie am meisten postuliert wird, keine mehr ist!

Das Bild des Spaziergangs scheint mir aber für das Bloggen noch geeigneter zu sein, als das des Wanderns, da in ihm das absichtslose Flanieren durch eine immer komplexer werdende Welt, wo man mal von dem einen, mal von dem anderen Gegenstand, Erlebnis oder Menschen fasziniert wird und darüber schreibt, annähernd perfekt zum Ausdruck kommt.

Das Motiv des Spaziergangs erzeugt so eine gewisse barocke Leichtigkeit und, wir erinnern uns (hier), im Barockzeitalter galt es als die größte Errungenschaft von ökonomischen Sachzwängen vollkommen befreit zu sein und sich „nutzlosen“ Beschäftigungen hingeben zu können.

Das war das Privileg des Adels, denn nur dieser konnte sich einen solchen Luxus leisten. Die späteren Romantiker mit ihrer Vorliebe für das Wandermotiv waren aber schon in der Welt der Philister gefangen, indem sie sich ihren Lebensunterhalt meist selbst erarbeiten mussten. Sie träumten von der Wanderschaft durch mittelalterliche Landschaften, um sich, quasi in einem Befreiungsschlag, davon abzusetzen.  Manche litten zeitlebens  an einer Doppelexistenz.

Der immaterielle Blog ist ein Hobby, das nicht dazu dienen muss, das Überleben zu sichern. Da aber, wo das Hobby zum Beruf wird, ist es keines mehr, schließlich verliert es dabei seine Leichtigkeit, wird schwer und bleiern und muss schielen nach dem, was dem Publikum gefallen könnte. Der Blog, der dies nicht tut, bleibt der barocken Adelskultur verhaftet, setzt sich dabei aber bewusst, in Abgrenzung zur Philisterwelt, und ist in diesem Freiheitsbestreben zutiefst romantisch.

Voraussetzung für ein solches Blogprojekt ist Muße. Die muss man sich, gerade in einer Zeit, die immer schnelllebiger wird, nehmen.

Die Informationen prasseln auf einen ein. Wer hat noch Zeit, diese zu verarbeiten und sich so auf eine schreibende Selbstentdeckung und Weltwahrnehmung zu machen? Wer liest noch, ohne einen nützlichen Tipp zu erwarten?

Eine Minderheit! Eine Kontra-Kultur, die um so wichtiger wird, je mehr die Einfalt im Lande wächst!


Warum soll ein Leser Blogs der ersten Kategorie lesen? Das ist einfach zu behandeln, orientiert sich ein solcher Blog ja fast vollständig am Nutzen für den Leser und seinen Interessen. Dazu werden Statistiken ausgewertet, geschaut, welche „Keywords“ bei Google punkten, welche Überschriften „Clicks“ bringen und das solchermaßen als erfolgreich Angesehene wird dann, ganz im Sinne einer Content-Generierung, beständig ausgeweitet und optimiert. Der Leser bleibt so in seiner Welt gefangen und wird vom Blogbetreiber entsprechend gefüttert und marktkompatibel manipuliert. Das führt bei ihm aber im Regelfall nicht zum kritischen Hinterfragen, sondern zur „Kunden“-Zufriedenheit.

Warum soll ein Leser Blogs der zweiten Kategorie lesen? Seien wir ehrlich: Er tut es kaum und wenn ja, dann deshalb, weil sich auch in Blogs der zweiten Kategorie, hin und wieder leicht verwertbare lebenspraktische Tipps, wie beispielsweise eine Restaurantempfehlung, einschleichen. Die Mehrheit einer solchen Leserschar ist dann aber ganz schnell wieder fort. Wenn es aber wiederkehrende Leser für immaterielle Blogs geben sollte (Einige muss es in der Tat geben!), dann tun sie dies, so meine Annahme, weil sie Anteil an der „Reise“ des Blog-Autors nehmen und weil die Reflexionen und Gedanken sie selbst dazu veranlassen, sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen. Sie schätzen es, sich inspirieren zu lassen und auch dann, wenn sie die Meinung des Bloggers nicht teilen, sind sie intelligent genug, diesen Widerspruch auszuhalten und die von der eigenen Meinung differente Position zu bedenken. So wird für sie das Lesen dann auch wieder selbst zum künstlerisch-emanzipatorischen Akt, der jenseits von Nutzen und konkreter Verwertbarkeit steht. Genau dies bedeutet Unterhaltung und Genuss. Wie sagte schon Friedrich Schiller in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

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2 Kommentare auf "Warum es hier keinen offensichtlichen Mehrwert für dich gibt! Reflexionen über das Bloggen"

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Danke für den Artikel, der mich sehr nachdenklich gestimmt hat! Du kannst Dir sicherlich denken, dass ich dir am liebsten heftig widersprechen möchte oder zumindest diskutieren! Mein Blog wird immer erfolgreicher und bringt mir mittlerweile auch ein wenig Geld. Ich möchte mich aber in keine der von dir genannten Kategorien einordnen. Ich schreibe sehr gerne und lasse mir von Kooperationen und Auftraggebern das authentische Berichten nicht nehmen. Ich bin immer ehrlich, schreibe Positives und nenne Kritisches. Und in einem muss ich dir ganz deutlich widersprechen: Du schreibst „Da wo das Hobby zum Beruf wird, ist es keines mehr“. Das trifft… Read more »
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