Erholung im Neofeudalismus, 3. Teil: Greetsiel

Greetsiel-Impression

Eine Woche waren wir an der Nordsee, genauer gesagt in Greetsiel.

Das ist ein pittoresker Küstenort, der dadurch, dass er eben nicht mit langen Sandstränden aufwarten kann, ein Refugium für ruhesuchende Naturliebhaber/innen geworden ist. Besonders viel Spaß macht es, mit dem Fahrrad die Umgebung zu entdecken und dabei u.a. das Naturschutzgebiet Leyhörn zu erkunden, das immerhin zur Hälfte für Besucher/innen gesperrt ist und so einenSchutzraumfür Tiere und Pflanzen darstellt.

Allerdings wirkt das kleine Dorf leicht überfüllt, immer dann nämlich, wenn Scharen von Ausflügler/inne/n durch die Einkaufsstraße ziehen und sich in den Läden die immer gleichen Sortimente von maritim-touristischem Kitsch anschauen. Glücklicherweise ist aber um 18 Uhr das geschäftige Treiben vorbei. Die Läden schließen, die Ausflügler sind urplötzlich verschwunden und Ruhe kehrt ein. Das gefällt mir, habe ich doch in der Stadt genug Hektik und Unruhe.

Alles wirkt plötzlich so entspannend-ruhig-inspirierend, dass ich gleich in die Gemeinde Krummhörn umziehen und mich in ein kleines Fischerhäuschen zurückziehen möchte. Doch natürlich weiß ich, dass ich hier einer städtischen Illusion vom ”friedlichen Landleben” aufsitze. Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker, sagt im Montagsinterview der TAZ vom 6. Juli 2009, dass die Stadt eine Quelle der Innovation ist. Das Land dagegen “war immer, außer für die Wochenendler, ein Ort enorm starker Hierarchisierung, Kontrolle, Zentralisierung, Durchsetzung von obrigkeitlicher Macht mit einer Radikalität, der sich der Einzelne nicht entzieht.” Und weiter führt er aus:

Ich bin – wie alle richtigen Städter – auf dem Land groß geworden. Ich glaube aus eigener Anschauung zu wissen, dass es zutrifft, was in der Literatur so übers Land geschrieben wird. Ich kenne soziale Kontrolle, ich kenne Unfreiheit, ich kenne Macht von Obrigkeiten, seien sie politischer oder religiöser Natur, von alteingesessenen Familien. Das sind Dinge, die die letzten Spurenelemente von Romantik wegwischen, wirklich auf dem Land leben zu wollen. Dennoch kann ich mich nicht ganz vom kulturell ererbten Erwartungshorizont befreien, und suche diese Idyllen von Zeit zu Zeit auf.”

Und wirklich scheint in Greetsiel ein kleiner Krieg zu toben, und zwar zwischen den Investoren eines geplanten Ferienparks und einer Bürgerinitiative, die einen “Ballermann”- Tourismus befürchtet. Beides nachzulesen hier: www.ferienpark-greetland.de und hier: www.stopp-greetland.de

Ich selbst bin der Meinung, dass das “Greetland”- Projekt eindeutig “zu groß” dimensioniert für das kleine Greetsiel ist und die Gemeinde gut daran täte, verstärkt auf nachhaltig-ökologischen Tourismus zu setzen. Allerdings – und dazu muss ich keine Hellseherin sein – werden wohl die Interessen des Kapitals siegen, die mit scheinbaren Arbeitsplätzen locken, und so wird die “Idylle”, die ja – wie ich schon ausgeführt habe, sowieso nur die Illusion einer Idylle ist – wohl bald nur noch das Ambiente für diverse kommerzielle Angebote liefern (sofern dies nicht sowieso schon der Fall ist; um dies aber zu beurteilen, war mein dortiger Aufenthalt definitiv zu kurz).

Insofern muss ich nun mit Erschrecken feststellen, dass die Überschrift meines Beitrages “Erholung im Neofeudalismus” nicht wirklich stimmig ist, scheinen doch gerade in Greetsiel neofeudalistische Verteilungskämpfe stattzufinden. Allerdings – dies muss ich nun wirklich zugegeben – boten auch die bisherigen “Events” meiner Neofeudalismus-Serie nur begrenzt Erholung vom Neofeudalismus, schließlich verweisen die Refugien innerhalb einer entfesselten Moderne immer wieder zurück auf die eigentlichen Schwachstellen einer Gesellschaft.

Auf der Rückfahrt im Zug, dicht gefolgt von über Ostfriesland herziehenden Tornados (kein Witz, siehe Wetterbericht vom Montag!), vertiefte ich mich dann in die Lektüre der Zeitschrift “LandLust. Die schönsten Seiten des Landlebens” und schaute mir besonders die idyllischen Bilder an und las interessiert den Artikel, über das Ruhrpott-Ehepaar, das sich in Ostfriesland ”den Traum von einem ruhigeren Leben erfüllt”.