Gedankensplitter im Staccato!

Oh … ich mag die Stadt nicht. Ich war hierher gekommen in der Hoffnung, der kleinstädtischen Kontrolle, die mir keine Luft zum Atmen ließ, nicht mehr ausgeliefert zu sein. Aber jetzt bin ich gefangen im “rechten Winkel”, in der Normierung. Und eckig, quadratisch marschiere ich zur Arbeit, komme wieder zurück, sehe in die hämischen Gesichter von Schulkindern in der U-Bahn, in deren Augen ich das Böse, das Entmenschlichte, erblicke, so wie es eben nur in der Stadt entstehen kann. (Oh … auf dem Lande gibt es das auch, aber anders!) Da, wo niemand niemand mehr kennt und wo die vielen Menschen mit ihren Emotionen und Gedanken allesamt zu einem grobstofflichen Matsch verkommen sind, der mich nur noch schwer den Kontakt zur Mutter Erde erahnen lässt. Wo alle hetzen, kaufen, irgendeinen Scheiß – dessen einprägsamer Markenname für mich “Nanu-Nana” geworden ist. Das braucht kein Mensch.

Frühmorgens stehen sie schon an der U-Bahn-Haltestelle, in Anzüge gepackt, Trolleys hinter sich herziehend und die “Frankfurter Rundschau” oder gar “Finance” in der Hand, den Kopfhörer im Ohr, irgendwohin verbunden, mit einem Berieselungs-Account vernetzt, der sie weg”switchen” lässt. Und dann – marsch, marsch – rennen sie irgendwohin: zum Bahnhof, in die nächste Stadt, global wird ausgetauscht, Projektmanagement betrieben, Zahlen markiert, qualifiziert und quantifiziert, akkumuliert und evaluiert, entmenschlicht, zerstört, vergiftet ….. Stopp!

Und dann ab Stadtmitte- Steintor – Rotlichtviertel – Revier der “Hells Angels”, – geht es weiter – Richtung “Hainholz”, wo aber schon längst kein heiliger Hain mehr lockt. Im Gegenteil: Der Gestank am frühen Morgen erinnert an den “Peak-Flow” der Industrialisierung und kommt aus Schloten, die ihren giftigen Qualm – leise, leise, unauffällig und legal – in der Nacht entladen.

Der stinkende Moloch erwartet dich.
Und jetzt bringt die Bahn sie alle wieder hinein – die Arbeiter, die noch Arbeit haben und die Behinderten (heißen die überhaupt noch so?), die zu irgendeiner Beschäftigungsmaßnahme der Arbeiter”Wohlfahrt” (oder so ähnlich) antreten müssen, unabhängig davon, ob sie noch Beine haben oder nicht. Marsch! Marsch!

Jetzt wird in der “Bild”-Zeitung geblättert, Weltuntergangs-Schlagzeilen stehen neben nackten Weiber”ärschen” – aufgerichtet und potent. Die Stulle wird ausgepackt und es wird gestänkert, während das ÜSTRA-Fahrgastfernsehen über “Lena” informiert oder auch “wirkliche” Nachrichten preisgibt, die aber so knapp gehalten sind, dass sie nicht viel mehr als Gedankensplitter im Staccato des Großstadtrhythmus sind, umrahmt von Werbeangeboten. Nanu-nana.

“Die Fahrkarte”, raunzt ein prekärer Kontrolleur und reißt mich aus meiner Großstadttrance, während mittlerweile die U-Bahn oberirdisch weiterfährt und mein Blick auf Döner-Buden, 1-Euro-Läden und leerstehende Ladenlokale fällt. Verfall! Einzig der Elektronikladen mit seinen altmodischen Lampen wirkt seltsam anachronistisch in diesem Arbeiterviertel, das mittlerweile zur albtraumartigen Inszenierung einer Istanbuler Vorstadt verkommen ist.

Und dann bin ich da: In dieser “Brennpunkt”schule, in der ich arbeite und die nicht so heißen darf und in der der Deutschen-Anteil hochgegriffen noch 2% beträgt. Was guckst du, ey? Machogehabe, Kopftuchmädchen, rudimentäres Deutsch …. Und da, wo es keine Sprache mehr gibt, da regiert die Gewalt.

Oh Allah, warum bestrafst du mich so?

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