Zitate

Manche Menschen sammeln Schmuck, andere Kleidungsstücke. Manche beschäftigen sich damit, Yu-Gi-Oh-Karten in Klarsichtfolien zu pressen und wieder andere stellen sich an Eisenbahnschienen auf, um irgendwelche Dampflokomotiven zu fotografieren, die einmal pro Tag – wenn überhaupt – vorbeifahren, um dann ihr frisch geschossenes Bildmedium der häuslichen Sammlung einzuverleiben.

Was sammelst du?

Ich sammele Zitate und ein schönes habe ich heute Morgen, gleich nach dem Aufwachen, was so gegen 11 Uhr stattfand, gefunden.

„Wir warten auf den Flughäfen zwischen den Volksmassen, wir verirren uns beim Versuch, unsere Ferienvilla zu finden, wir geben Vermögen für Leihwagen aus, wir verlieren den Pass, die Koffer werden uns gestohlen und wir erfahren erst an unserem letzten Tag, dass man im Kloster am Ort fantastischen billigen Wein kaufen kann. Zwei Wochen reichen einfach nicht, da beginnen wir uns erst mit der Fremdheit eines anderen Landes anzufreunden. Und dann gibt es diesen absurden Nachkommen von Butlin’s (bezieht sich auf die Arbeitererholung von Bill Butlin, A.d.A.): den Aktivurlaub, in dem man zu diversen Lustbarkeiten wie Fallschirmspringen, Bungee-Jumping und Banana-Boating ermutigt wird, die dazu da sind, dass man nicht weiter drüber nachdenkt, wie sehnlich man sich wünscht, seinem Chef das Hirn aus dem Schädel zu pusten.“ (Fiona Russell Powell, zitiert nach: Hodgkinson, Tom: Anleitung zum Müßiggang. Berlin 2004, S. 334 , wobei leider nicht kenntlich gemacht wurde, wo Fiona Russells Formulierung aufhört und Tom Hodgkinsons Text anfängt!)

Und so fühle ich mich darin bestätigt, bisher zu Hause geblieben zu sein, was dann – laut o.g. Zitat – auch der Gesundheit meines “Chefs” förderlich sein sollte (oder habe ich da etwas missverstanden?).

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“Mittelalter” in Bückeburg

Mal wieder: Mittelaltermarkt in Bückeburg und das – wider meine Erwartung – ohne Regen und Sturm. Der große Platz vor dem Mausoleum im Schlosspark Bückeburg, übrigens dem Größten seiner Art in Europa, wird von einer Mischung aus vereinzelten Sonnenstrahlen, die sich aus dichten Wolkenbänden hervorkämpfen und dunklen Regenwolken, die über dem Harrl-Höhenzug liegen, in ein fast mythisch anmutendes Licht getaucht.

Das Treiben auf dem Platz ist bunt und lässt mich immer wieder staunen. Letztendlich entwickelt sich der Markt, ich habe ja den Vergleich mit „vor zwei Jahren“ immer mehr zu einem Phantasie-Spectaculum und entfernt sich vom reinen Mittelalter-Ambiente. Das ist meiner Meinung nach durchaus legitim, schließlich ist es ohnehin unmöglich, ein annähernd „echtes“ Bild vom Mittelalter zu zeichnen. Jedenfalls wäre dies mit einer Reihe von Bemühungen und Selbstbeschränkungen verbunden, so müsste man sich beispielsweise verlässlich auf eine Zeitspanne einigen und historische Forschung betreiben, die sicherlich nicht von jedermann und jederfrau geleistet werden kann. Egal, denn dieses löbliche Unterfangen wäre letztendlich sowieso zum Scheitern verurteilt, weil unser Geschichtsbild immer gespiegelt ist von den Erfahrungen der Gegenwart. Eine Authentizität kann es nicht geben.

Letztendlich muss bei solchen Veranstaltungen, die ein „lebendiges“ Geschichtsbild vermitteln wollen, entschieden werden, ob eine historische Gültigkeit zumindest angestrebt werden soll, was zumeist dann auch mit didaktischen Intentionen verbunden wäre, oder ob der Spaß (oder/und der Kommerz) im Vordergrund stehen soll, wobei es, um die Angelegenheit noch komplizierter zu gestalten, sicherlich auch spaßige Geschichtsdarstellungen, beispielsweise im Museumskontext, geben kann.

Der Markt in Bückeburg hat sich jedenfalls für „Party“ und eine Huldigung an den schnöden Mammon entschieden und insofern ist dort auch Platz für DarstellerInnen und BesucherInnen (die Grenze ist fließend), die nicht nur das Burgfräulein und den Ritter, sondern auch den Ork, die Nymphe oder den Steampunk-Piraten darstellen. Dazwischen laufen die Gothic-Anhänger herum, die in ihrer Kleidung zum Teil sogar ihre SM-Fetische zur Schau tragen.

Erlaubt ist, was gefällt und nicht alles, was offensichtlich demonstriert wird, muss vom Träger/von der Trägerin auch intellektuell erfasst worden sein. Und das beruhigt mich, die ich durch das Treiben sogar zu einer melancholischen Revue in die eigene Vergangenheit inspiriert worden bin. Schließlich leben die 20- bis 30-jährigen Besucher/innen, die eindeutig in der Überzahl sind, in ihrem Verkleidungsspiel mittlerweile selbstverständlich das aus, wofür meine Generation noch mühsam den Weg ebnen musste.

Musik ertönt von verschiedenen Bühnen. Natürlich darf die unvermeidliche Tribal-Darstellung vor schottischer Musikgruppe mit Sackpfeifen- und Bodhrán-Einsatz nicht fehlen. Es gibt aber auch mongolische Musik oder eine Fakirshow mit Feuereffekten. Beliebigkeit ist Programm und das Speckstein-Schnitzen zieht den Eltern noch die letzten Taler aus der Tasche. Händler und Marketenderinnen halten wohlfeil, was das Partyvölkchen beglückt: Goa-Style-Taschen, Kettenhemden, selbstgezogene Kerzen, Räucherwerk, Sternzeichen- und „Engel“schmuck.

Das farbenprächtige Verkleidungsspektakel unter Regenwolken ist Flucht aus einer Gegenwart, die zunehmend im Geschwindigkeitsrausch einen Überlebenskampf postuliert, der sich seine Sublimation in phantasievolle Gegenwelten suchen muss, die also – das ist der immanente Widerspruch – sich erneut dem Duktus der ökonomischen Verwertbarkeit unterwerfen. Dem Publikum mag es nicht bewusst sein und so werden die bunten Kleidungsstücke am Montag wieder gegen Verkleidungen getauscht, die sich unauffällig „auf der Arbeit“ tragen lassen – bis zur nächsten Larp.

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Die tanzende Göttin

Den folgenden  Artikel, in dem ich ein für mich wesentliches Buch, das u. a. den Zusammenhang zwischen Tanz und Spiritualität erarbeitet, vorstelle, schrieb ich im Jahre 2001 für die Mitgliederpost des Bundesverbandes für Orientalischen Tanz. Da er immer noch aktuell ist, möchte ich ihn euch – in einer leicht modifizierten Form – erneut präsentieren:

Heute möchte ich euch ein für mich wesentliches Buch vorstellen, das u.a. den Zusammenhang zwischen Tanz und Spiritualität erarbeitet. Es erschien bereits 1982 im Verlag Frauenoffensive unter dem Titel ‘Die tanzende Göttin’ und wurde immer wieder neu aufgelegt. Die Autorin Heide Göttner-Abendroth entwickelt darin auf der Grundlage einer matriarchalen Mythologie, deren Ursprünge bis ins Neolithikum zurückgreifen, einen Kunstbegriff, der mehr sein will als die ‘zum schönen Schein’ verblasste Kunst im patriarchalen Zeitalter.

Kunst meint – nach ihrer (und meiner) Definition – nicht nur Tanz, sondern auch Musik, Gesang, Dichtung, Bewegung, Ornamentik, Verbildlichung, Komödie und Tragödie. Allerdings hat der Tanz in der Kunst eine zentrale Bedeutung. Heide Göttner-Abendroth schreibt: ‘Ein Hauptmerkmal aller matriarchalen Kulte war der Tanz. Die Menschen glaubten einerseits, dass es die Mondgöttin sei, die sie tanzen mache, weil sie so großes Vergnügen daran habe. Andererseits glaubten sie, dass ihr Tanz für die Gesundheit der Mondgöttin unbedingt notwendig sei. Denn der Tanz war mehr als augenblicklicher Gefühlsüberschwang, er war auch mehr als ein sehr ausdrucksvolles Gebet: Er war die wichtigste magische Praktik überhaupt. Der Tanz ist die älteste und elementarste Form der religiösen Äußerung, er ist Magie als getanztes Ritual. Aus ihm entwickelte sich jede andere Ausdrucksform, die wir uns heute ,Kunst‘ zu nennen angewöhnt haben.’ (S.45)

Einst wurden zu den wichtigen, astronomischen Daten Feste gefeiert. Diese matriarchalen Mysterienfeste sind die Urform der großen Volksfeste.

Heide Göttner-Abendroth hat diese Feste unter dem Namen ‘matriarchale Mysterienfeste’ wiederbelebt. Sie heißen:Lichtmess (2. Februar), Ostara (20.-23. März), Walpurgis (30. April), Litha/Sommersonnenwende (20.-23. Juni), Lugnasad/Loki (1. August), Mabon/Freyr (20.-23.September), Halloween (31. Oktober) und Jule (20.-22. Dezember). Sie dienen ‘dem Zweck, die Göttin anzurufen, zu beschwören und zu preisen’ (S.65) und sind mittlerweile (2011) nicht nur in neuheidnischen Kreisen bekannt, sondern erfreuen sich – auch bedingt durch populäre Filme und Literatur – zunehmender Beliebtheit.

Im rituellen Tanzfest wird die strikte Trennung zwischen den Kunstgattungen aufgehoben. Auch gibt es keine strikte Trennung zwischen Zuschauerinnen und Künstlerinnen. Vielmehr ist Kunst Magie, denn es wird versucht ‘auf magische Weise die psychische und soziale menschliche Realität zu verändern.’ (S.63)

Heide Göttner Abendroth hat eine Reihe von Büchern zum Thema geschrieben, zum Beispiel:

Die Göttin und ihr Heros, Verlag Frauenoffensive, München 1997

Für die Musen. Neun kulturkritische Essays I. Zweitausendeins, Frankfurt 1996

Für Brigida, Göttin der Inspiration. Neun kulturkritische Essays II. Zweitausendeins, Frankfurt 1998

und natürlich:

Die tanzende Göttin, Verlag Frauenoffensive, München 1991

Sie hat die Akademie HAGIA e.V. gegründet, die nicht nur Seminare und Reisen, sondern auch „matriarchale Mysterienspiele“ anbietet. Letzteres hat sie rechtlich schützen lassen. Inwieweit sich ihre Mysterienspiele von den Jahreskreisfesten, wie sie beispielsweise in der ‘Hexen’literatur beschrieben werden, unterscheiden, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich ihre Akademie noch nicht besucht habe.

Mich hat jedenfalls das Wiederaufleben alter matriarchaler Feste stark angesprochen. Und da ich selbst den Bauchtanz als den matriarchalen Tanz überhaupt empfinde, fasziniert mich die Idee, ihn ‘rückzuversetzen’ in den Zusammenhang eines rituellen Tanzfestes, um so, quasi in einem magischen Prozess, eine utopische Zukunft zu gestalten.

Damals, 2001, als ich den Artikel geschrieben habe, schloss ich ihn mit den Worten:

Ich ahne, dass vielleicht der Tribal Style, wenn er nicht alleine zum Zweck der Aufführung getanzt wird, gerade durch seine Gemeinschaftlichkeit eine solche spirituelle Dimension eröffnen könnte.

Wie sich mittlerweile für mich zeigt, hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Der Tanz erstickt im „schönen Schein“ von sexistisch aufgeladenen Zurschaustellungen, die die gleichen Wettbewerbskriterien erfüllen wollen, wie sie auch in der Mainstream-Kultur postuliert werden.

Die Szene versucht sich zu „professionalisieren“ und erkennt dabei nicht, dass sie dabei hierarchisch-patriarchale Konstrukte unreflektiert übernimmt und sich mit der Aufstellung von Nomenklaturen, Ausbildungsrichtlinien etc. die eigene tänzerische Lebendigkeit zementiert.

So suche ich selbst mittlerweile die spirituelle Dimension des Tanzes nicht mehr bei „orientalischen“ Tanzveranstaltungen, sondern ziehe es vor, Tanz in naturreligiöse Rituale einzubinden, also quasi, um mit einer Redewendung zu sprechen, „das Pferd von der anderen Seite her aufzuzäumen“, und bin recht zufrieden damit.

 

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