Utopien

 

Der Begriff „Utopie“ beinhaltet per se erst einmal ein globales Bewusstseinskonzept,  das in die Zukunft projiziert und das dort quasi eine Art Füllhorn erblickt, in der sich alle gegenwärtigen Beschränkung in „Erfüllung“ transformieren.

Insofern steht diese Utopie-Vorstellung im Widerspruch zu den monotheistischen Weltmythologien, die meist von einer Degeneration ausgehen: So wurde in der christlichen Vorstellung der Mensch beispielsweise aus dem Paradies  vertrieben und muss nun an den Folgen, nämlich der Erbsünde,  leiden.

Ich neige nun eher zu einem zyklischen Weltbild, in der sich bestimmte Abläufe wiederholen, ihren Untergang entgegenstreben, um dann neue Strukturen zu bilden, die den alten überlegen sein können, dies aber nicht  unbedingt „müssen“.

Innerhalb dieses Denkens „im Kreis“ entspricht die „Utopie“ einer  wünschenswerten Zielvorstellung, die letztendlich aber nur  erreicht werden kann, wenn viele Menschen  eine ähnlich gelagerte  Vision im Herzen tragen, wenn sie also quasi auf einem gemeinsamen Zeitgeist trifft.

Verschiedene Menschengruppierungen verfolgen jedoch nicht immer gleiche „Utopien“. Gerade wenn Menschen verschiedenen Kultur- und Glaubensrichtungen angehören,  müssen die präferisierten „Utopien“ sich nicht unbedingt begünstigen. Vielleicht bekämpfen sie sich auch oder werden bestenfalls gegenseitig ignoriert. Auch Subsysteme einer Gesellschaft, die ja niemals als ein homogenes Ganzes zu verstehen ist,  können unterschiedliche utopische Ziele verfolgen.

Vadim Zeland spricht in seinen „Transsurfing“-Büchern von energetischen „Pendeln“, was eine interessante Vorstellung ist. Damit sind bei ihm Menschengruppen gemeint, deren Bewusstsein ähnlich ausgerichtet sind und die gemeinsame Ziele vertreten. Da Ziele ja durchaus mit Utopien vergleichbar sind,  erscheint mir an dieser Stelle sein Gedankengang relevant, weist er uns doch auf die negativen Auswirkungen der „Pendel“ für den einzelnen Menschen hin. Nach Zeland entwickelt jedes „Pendel“, und sei es noch so altruistisch ausgerichtet, eine Eigendynamik und ernährt sich letztendlich von den Energien seiner  Gefolgsleute. Wir alle sind Mitglieder verschiedenartiger „Pendel“, die nur dann positiv auf uns selbst wirken, wenn sie unserem Lebenszielen entsprechen.Dies erklärt vielleicht auch, dass immer dann, wenn Utopien sich vollenden, diese wieder aus sich selbst heraus oder von außen zerstört werden, um dann einen neuen Kreislauf in Gang zu setzen, der dem alten nicht notgedrungen unter- oder überlegen sein muss.Gegenwärtig gibt es eine Gruppierung, die als unterschwellige, quasi pervertierte Utopie nur Kapitalmaximierung, um jeden Preis und ohne Verantwortung für andere, im Sinn hat. Sie hat nicht das Wohl der Gesamtgesellschaft, sondern nur das des Einzelnen  im Fokus und verspricht im unablässigen Credo, dass jede/r zu dieser Schar der Auserwählten dazugehören kann. Das nicht tot zu bekommende Motto lautet: Vom Tellerwäscher zum Millionär, längst als kapitalistischer Mythos enttarnt und nichtsdestotrotz immer wieder von geschickten Unterhaltungsmanagern zum gezielten Aufbau von Stars und Sternchen verwendet.

Das Perfide an dieser  Gruppierung ist, dass sie über unermessliche finanzielle und militärische Machtmittel verfügt und dadurch – mit Hilfe der Bewusstseinsindustrie – fast die ganze Welt (wenn ich mal von vereinzelten Stammesfürsten in  sureal-anmutenden Wüstenszenarien  absehe, die Ziele verfolgen, die meinen Denken und Fühlen  sehr fern sind) – beherrscht.

In dieser Situation befinden wir uns gegenwärtig und ich musste schließlich längst einsehen, dass – wenn „ein Pendel“ seine inhärente  Utopie erreicht, dies nicht notgedrungen bedeutet, das damit alle Menschen zufrieden sind. Deshalb können gesamtgesellschaftliche „Pendel“ auch nur einem großen Wirkungskreis entfalten, wenn Andersdenkende „mundtot“ gemacht werden.  In einem nicht-totalitären Regime werden diejenigen, die mit dem dominanten „Pendel“ nicht übereinstimmen nach neuen Möglichkeiten für eine  lebenswertere Alternative suchen und (was quasi ein dialektisches Dilemma bildet) dabei neue „Pendel“ bilden.

Im Zeitalter des globalisierten Turbokapitalismus bieten sich dabei auch keine Fluchten mehr in irgendwelche Auswanderwelten, denn ähnlich wie im alten Märchen vom Hasen und Igel, sagt  der Igel „Ich bün al dor!“, was meint, dass der „Aussteiger“ auch auf der fernen Südseeinsel – früher oder später – mit den Auswirkungen des modernen Gesellschaftssystems, genannt Globalisierung,  konfrontiert wird.

Selbstverständlich helfen mir – bei der Überwindung des Leidens an den gegenwärtigen Zuständen – auch keine Tipps und Ratschläge eines selbsternannten Gurus, der zwischen Spa-Resort auf einer tropischen Insel und  Esoterikmessen hin- und herjettet und somit ein ziemlich „entrücktes“ Leben lebt. Und so denke ich:   „Soll der mal meinem Alltag erfahren (oder deinen) und  ich bin sicher, dass von der „Kraft der Gegenwart“ und dem Gefühl des Einsseins mit allen Mitgeschöpfen, der universellen Liebe also, nicht mehr viel übrig bleibt!“ Om shanti!

Insofern schlage ich vor, dass wir jenseits der „Erleuchtung“, für die es ja genug selbsternannte Fachfrauen  und -männer gibt, nach ganz praktischen Lebensalternativen suchen, die das „Hier und Heute“ erträglicher gestalten. Und da ist – was vielleicht für den einen oder anderen erstaunlich sein mag – Literatur, genauso wie Kunst überhaupt, ein adäquater Wegweiser.  Schließlich handelt es sich dabei um ein „Gedächtnis der Epochen“, das uns ermöglicht, die Gegenwart zu verlassen, um die Vergangenheit kennenzulernen. Gerade Literatur, die aus uns vollkommen entfernten Lebenszusammenhängen stammt, bietet eine Möglichkeit, Glaubenssätze, die wir für allgemeingültig halten, in Frage zu stellen und ihre „Scheinbarkeit“ zu erkennen. Literatur aus „anderen Kulturen“ hat mehr oder weniger im 21. Jahrhundert ausgedient, transportiert sie schließlich von Kinshasa bis New York die selbe,  an Marktinteressen verkaufte Welt.

„Alte“ Literatur jedoch  konfrontiert  uns  mit einem „fernen Spiegel“, durch den wir erblicken können, was wir im Alltagsbewusstsein nicht sehen wollen oder können. Eine solche „suchende“ und „entdeckende“ Lektüre ist besonders vielversprechend,    wenn wir davon ausgehen,  „dass in literarischen Texten auch Probleme und Erfahrungen Gestalt gewonnen haben, die in der Kontinuität gesellschaftlicher Problementfaltung und ihrer historiographischen Rekonstruktionen keine Geschichte gemacht haben.

“Hier lassen sich „Erinnerungen und Selbstvergewisserungen erschließen, die mit dem herrschenden Gedächtnis, den machtvollen Diskursen,  konkurrieren.“ (Schönbert, Jörg: Perspektiven zur Sozialgeschichte der Literatur. Tübingen 2007, S. 27)

Insofern habe ich mich an eine erneute Lektüre des “Till Eulenspiegels” gemacht, um daraus ganz praktische Lebenstipps zu generieren. Herausgekommen ist dabei eine “Lesehilfe” zum Till Eulenspiegel mit langen, gesellschaftskritischen Nachwort. Wenn ich die letzten Layout-Probleme bewältigt habe, wird sich das neueste Buch von mir  demnächst im Online-Bauchladen von Amazon wiederfinden.

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