Ein anachronistischer Samstag

 

Gestern war ich in Emden – mit dem Freundeskreis für Ur- und Frühgeschichte und den Denkmalpflegern. Insgesamt sechs Stunden Zugfahrt in der Regionalbahn, zeitweilig zusammen mit grölenden Fussballfans, hysterischen Jungfrauen und einem Aufgebot an bulligen Sicherheitspersonal, die erwartungsgemäß keine Miene verzogen. Eine Schaffnerin, die aussah, als ob sie direkt einem japanischen Manga entsprungen wäre und eine Sanitäranlage, die ich hier lieber nicht beschreibe, bildeten  das  weitere Hintergrundszenario für   angenehme Gespräche  mit Menschen, die mir zuvor nicht bekannt waren. Lebensanekdoten wurden ausgetauscht und eine Geschichte ergab alsbald die nächste. Und mir wurde langsam bewusst, dass im Alltag für diese Ausgiebigkeit der Gespräche  meist keine Zeit bleibt und  dass mittlerweile fast alles verkommen ist zu Minimal-Dialogen, die nur noch irgendwelchen Nützlichkeits- und Profilierungsansprüchen folgen.

Da lobe ich mir also  entspannte Bahnfahrten mit netten Menschen!  Bei einer solcherart “veralteten” Freizeitbeschäftigung wird uns der “Verlust” bewusst, den  die Schnelllebigkeit der modernen Zeit schon längst  als   Tribut gefordert hat, was wiederum Voraussetzung dafür ist, auch in Zukunft ein genießerisches Lebenstempo walten zu lassen.

Während ich also abwechselnd redete und zuhörte war der Zug vom südlichen Niedersachsen durch die ostfriesische Landschaft gerollt, was mir aber bei der Kur(t)zweiligkeit  der Gespräche durchaus “nicht langsam” vorkam.  Das Wetter war “schietig” und so war von den Organisator/inn/en – neben dem eigentlichen Ziel der Exkursion – kurzfristig noch der Programmpunkt “Bibliotheksbesichtigung” aufgenommen worden.

Zuvor  ging es aber zur Ausstellung “Land der Entdeckungen” im ostfriesischen Landesmuseum, wo uns die bronzezeitliche Moorscheibe von Moordorf  erneut begegnete, die zuvor die gleiche Reise wie wir angetreten hatte – nämlich von Hannover (ihre jetzige Heimat) nach Ostfriesland (wo sie ja auch ursprünglich herstammt).

Ein Shanty–Chor  spielte an der Delft und die Bibliothek  entpuppte sich alsbald als eine Kirche, die mit Leichtigkeit die Kulisse für fantastische Bücher-Abenteuer liefern könnte. Architektonisch empfand ich  das dortige  Zusammenspiel von alten Backsteinsäulen mit modernen Architekturelementen als Meisterwerk und gerne würde ich den anachronistischen Ort noch einmal besuchen, wenn denn die Kerzen der beiden riesigen goldenen Kronleuchter brennen und alles in ein flackerndes und geheimnisvolles Licht tauchen würden.

Die ehrenamtliche Führerin war ambitioniert und referierte fast 90 Minuten  mit Begeisterung nicht nur  über die Geschichte der Johannes a Lasco-Bibliothek, sondern  auch über die reformierte Theologie im Allgemeinen,  derweil mich streng reformatorische Pfarrer “in Öl” von den alten Wänden  anstarrten und ich mich wahrlich  glücklich schätzte,  ihnen nicht leibhaftig begegnen zu müssen.

Selbstredend war das Fotografieren verboten.

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Freiheit für den Gartenzwerg!

Ein künstlerischer Reibungsversuch. 1. Teil

Der Ausgangspunkt:  SCHOCKSTARRE

Wir sind von einer bildnerischen Reizüberflutung umgeben.  Gerade in den sozialen Netzwerkseiten werden wir von bunten Bildern überschüttet, die – so erscheint es mir zumindest  –   vom Publikum, umso mehr mit „Gefällt mir“ belegt werden, umso mehr Klischees bedient werden.

Was ist aber ein Klischee?

Es gibt keine eindeutige Definition.

Es erscheint abgedroschen und beliefert uns mit süßlichen Bildern, die wir schon viel zu häufig gesehen haben.

Ein  “Klischee” bezeichnet nicht nur  die vielen vermenschlichten Tierbildchen bei Facebook und Co.  Vielmehr geht der Ausdruck  “Klischee” über den reinen Bezug auf Bilder oder Einrichtungsgegenstände hinaus.  Es ist  ein eingefahrenes Denkschemata, eine schreckliche Schablone, die vom Rezipienten noch nicht einmal bewusst gewählt wird, die vielmehr das eigene Bewusstsein verklebt wie eine süßliche Fliegenfalle und uns kaum erkennen lässt, was sich hinter der gesellschaftlich vermittelten Abgedroschenheit noch an anderen,  fremden  (und befremdenden) Bildern in der Tiefe unseres Bewusstseins  verbergen mag.

Niemand ist vor dem Klischee sicher: auch ich nicht.  Selbst wenn wir intellektuell darüber reflektiert haben, können wir uns der Macht der Klischees nicht entziehen. Es lebe der Gartenzwerg!

In der Werbung wird gerne mit Klischees gearbeitet.  Das wissen wir alle: Die immer gleichen Bilder  werden bis zum Exzess wiederholt und hämmern sich so in unser Unterbewusstsein ein. Umso unbewusster wir sind, umso mehr erlangen diese Bilder Macht über uns, kommandieren uns und raunen uns zu, was wir zu mögen haben.

Absolute  “Mindcontrol” wird da ausgeübt (doch von wem?). All das, was wir  nämlich immer wieder sehen, hören oder schmecken,  das gefällt uns auch.

Einfachste Psychologie ist dies, die da im medialen Öffentlichkeitsraum praktiziert wird,  um uns zu manipulieren und letztendlich Geld, was hier im Lande gleichbedeutend mit Einfluss ist,  zu akkumulieren.

Wir  selbst merken dabei kaum, dass wir die Photoshop-Menschen der Plakatwände schon längst  als Ideal übernommen haben und  dies der Grund  dafür ist, dass uns  unsere Mitmenschen so schrecklich unperfekt und häßlich  vorkommen: unvergleichlich!  Und damit wir selbst in den Reihen der  Poser der virtuellen Welt bestehen können, konsumieren wir,  was die Kreditkarte hergibt – kaufen Cremes, unterziehen uns Schönheits-OPs, kaufen levitiertes Wasser,  gehen  ins schicke Frauen-Fitnesscenter und  was dergleichen (Un)sinn noch mehr ist.

Frappierenderweise werden zum  Opfer dieser Manipulation nicht nur verstandesmäßig unterbemittelte Menschen, sondern letztendlich wir alle.  Und selbst dann, wenn wir behaupten, davon frei zu sein,   ist das eventuell nur eine Illusion, die von unserer nächsten  (gerne auch “alternativen”)  Konsumentscheidung widerlegt wird.

Dennoch sind wir uns unumstößlich  sicher: Wir sind in unseren Kaufentscheidungen autark und Achselhaare bei Frauen sind einfach unästhetisch!  Als Multiplikatorinnen geben wir nun die unterschwelligen und dreisten  Botschaften  der Werbeindustrie an unsere Mitmenschen weiter und tragen dazu bei, dass sie zu  unumstößlichen Klischees werden.  Unsere Welt kapitalisiert sich immer mehr.  Es ist kalt geworden in Deutschland.

Deshalb fordere ich: Freiheit für den Gartenzwerg!

Freiheit für den Gartenzwerg!

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Gedanken zum Heimat-Begriff

Im Folgenden  ein Ausschnitt aus meinem Buch Lasst uns böse sein! Marinas Lesehilfe zum Till Eulenspiegel)

Was ist das  – Heimat?

Zuerst einmal ist es der Ort, an dem wir leben. Doch dieser Ort kann auch eine Wartehalle sein oder ein Durchgangslager: „Ich lebe hier, aber ich wohne hier nicht“, habe ich in einer Radioreportage die Bewohnerin eines Kölner „Brennpunkt“viertels sagen hören.

Wie fühlt es sich an – Heimat?

Heimat braucht Sicherheit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Wenn dies fehlt, dann ist es keine Heimat.

Heimat, das ist die Erinnerung an Lebenszeit, die wir an diesem einen Ort verbracht haben. Heimat, das ist oft mit Kindheit verbunden, obwohl es sicherlich auch möglich ist, in späteren Lebensphasen ein Heimatgefühl für bestimmte Orte zu entwickeln, was sich mit dem Adjektiv „heimisch“ adäquat ausdrücken lässt.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Heimat mit Spießigkeit in Verbindung gebracht wurde, mittlerweile ist Heimat wieder salonfähig geworden – wahrscheinlich weil die Heimat  in einer globalisierten Welt so ungemütlich geworden ist und letztendlich Gefahr läuft, verlustig zu gehen. Meine Zukunftsprognose: Entweder „dezentralisieren“ wir wieder, da wir sowieso, was zu hoffen ist, „arbeitslos“ im herkömmlichen (sic!) Sinne sind oder die Städte werden mehr und mehr in die Höhe anstatt in die Fläche gebaut, um Landschaft zu erhalten (siehe Venusprojekt) Heutzutage, wo die Urbanisierung vermutlich ihren „Peak Point“ überschritten hat, einfach deshalb, weil sie auf eine Definition von „Arbeit“ aufgebaut ist, die anhand der wirtschaftlichen Entwicklungen überholt zu sein scheint, hängen wir, indem wir Zeitschriften wie „Landlust“ lesen, einem Heimatgefühl hinterher, das ganz und gar in unserer Phantasie geboren ist und das sich genauso von der Abgrenzung von der unbehausten Realität nährt wie es gleichzeitig von ökonomischen Geschäftsinteressen gesteuert wird.

Es ist das Perfide am Heimatbewusstsein, dass man ein Gefühl dafür am ehesten entwickelt, wenn man von ihr, der Heimat, weit entfernt ist. Insofern erstaunt es auch nicht wirklich, dass unser Heimat-Begriff erst in der Romantik entstanden ist, die ja – was eben nicht zufällig ist – als literarisch-künstlerische Epoche zeitliche Überschneidun-gen mit der einsetzenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert aufweist, der Ära also, in der die verarmte Landbevölkerung in die neuen Ballungsräume strebte.

Erste Fabriken entstanden und große Teile der bäuerlichen Bevölkerung lösten sich aus ihren althergebrachten Lebenszusammenhängen, um ihr Glück in den neu entstehenden Ballungsräumen zu suchen.

Unterstützt wurde diese Landflucht durch eine Bevölkerungsexplosion, die schon im 18. Jahrhundert begonnen hatte und die letztendlich die Arbeits“kräfte“ zur Verfügung stellte, die die Industrialisierung für ihr Wachstum benötigte.

In den Städten entstand, um hier einmal den marxistischen Sprachgebrauch zu bemühen, eine reiche bourgeoise Oberschicht, demgegenüber ein städtisches Proletariat stand, das zum größten Teil unter erbärmlichen Bedingungen dahinvegetierte. Insofern ist die Annahme, dass die Arbeiter der Frühzeit der Industrialisierung ihrer verlorenen agrarisch geprägten Welt hinterher trauerten, nachvollziehbar, wenn auch nicht beweisbar.

Dieses angenommene Gefühl des Verlustes stellt wiederum den Nährboden für die neu entstandene „Heimatliteratur“ des Bildungsbürgertums dar, die eine Gegenwelt zu den industriellen „Moloch“-Städten aufzeigt. Nachdem die Idealisierung des Landlebens in der Heimatliteratur auch von der nationalsozialistischen „Blut und Boden“- Ideologie aufgenommen wurde, begegnet uns nach 1945 die Überhöhung des Landlebens in Heimat-Heftchen und vor allem in Fernsehspielen wieder. Gleichzeitig nimmt der angloamerikanische Einfluss zu, beispielsweise durch die Verfilmung von Fantasy-Literatur, die uns beispielsweise im „Herrn der Ringe“ eine überschaubare Hobbit-Welt präsentiert, die allerdings von Außen bedroht wird.

Und langsam, fast unmerklich, vollzieht sich in unserem Bewusstsein eine fast unumstößliche Verknüpfung des Heimat-Begriffes mit einer friedlichen Landidylle.

Beim Hören des Begriffes „Heimat“ entstehen bei uns Assoziationsketten vom niedlichen Landleben. Keine U-Bahnstationen mit gehetzten Menschen prägen das Bild, stattdessen sehen wir innere Bilder von Störchen auf reetgedeckten Hausdächern vor uns, und der Duft von Blaubeerkuchen, der im Kreis der Freunde im idyllischen Bauerngarten gegessen wird, durchzieht unsere Imagination.

Eine solche Romantisierung des Landlebens, die sicherlich nicht viel mit der Realität gemein hat, muss aber nicht „verkehrt“ oder „schlecht“ sein (um hier einmal „Begrifflichkeiten“ der moralischen Wertung zu nutzen). Schließlich kann ja gerade die „Überhöhung“ des Landlebens das Potential für eine zukunftsweisende Utopie aufzeigen. Vielleicht verleiten uns unsere Träume sogar zu mutigen Aktionen, um das Fantasierte in der Zukunft zu realisieren.

Bis es soweit ist, machen wir uns erst einmal auf, ein neues Heimatbewusstsein zu entwickeln.

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Urd

Die Nornen  sind die Schicksalsfrauen der germanischen Mythologie, die unterhalb der Weltenesche Yggdrasil sitzen und das Schicksal  (Wyrd) der Menschen bestimmen.
Da dieses nicht immer positiv ausfällt, sehe ich hier durchaus Parallelen zum westafrikanischen Elegba, der die Wünsche der Menschen an die höchste Gottheit nicht immer zur Zufriedenheit der Bittsteller ausrichtet und über den ich in der Vergangenheit an dieser Stelle schon ausführlich berichtet  habe.
Ähnlich wie bei ihm  verhält es sich auch bei uns:  Wer kennt  schließlich nicht das bekannte Märchen von Dornröschen? Dort segnen   zwölf Feen  das neugeborene Mädchen; die dreizehnte Fee spricht  aber  einen bösen Fluch aus.
Der Ursprung für ein solches  “märchenhaftes”  Verhalten liegt   in der germanischen Religion begründet. In der Snorra-Edda  aus dem 13. Jahrhundert heißt es in Gylf 4: “Unter der Esche bei der Quelle, steht eine schöne Halle; aus diesem Saal kommen drei Mädchen, die so heißen: Urd, Verdandi, Skuld; diese Mädchen bestimmen das Leben der Menschen; wir nennen sie Nornen; aber es gibt mehr Nornen, die zu jedem Kind kommen, das geboren wird, um sein Leben zu bestimmen, und die sind von göttlicher Abstammung, andere aber aus dem Geschlecht der Alben, und die dritten aus dem Zwergenschlecht (….). Die guten Nornen aus gutem Geschlecht bestimmen gute Leben, aber die Menschen, denen Unglück zustößt, verdanken das den bösen Nornen.”  (zitiert nach Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 2006,  S. 306)
Die drei Nornen werden häufig als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedeutet,  was auf die noch ältere Völuspá zurückgeht.
Meine getöpferte Norne,  deren Bilder ich hier hineingestellt habe, ist eindeutig Urd.
Barbara G. Walker  sieht in ihr  die Mutter Erde verkörpert, was sicherlich auf meine Töpferart auch haptisch zutreffen mag, jedoch, da  die Autorin  Urd als “ursprüngliche, einzeln auftretende und älteste Norne” anspricht, entspricht dies eher einer verklärenden Wicca-Welt im Sinne von “die große Mutter und ihr Sohn” als der  realen Quellenlage. (siehe: Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen. Frankfurt a. M. 1993, S. 797)
Schade.
Schön wäre es ja auf eine solche Urmutter zurückblicken zu können.  Doch im Zeitalter der  QUANTitäten erfreuen wir uns auch  an einer  Nornen-Trinität, die sich mit Hilfe von römisch-griechischen Vorstellungen,  im Rheingebiet zu einem  regelrechten  gesamteuropäischen Matronenkult entwickelt hat. Zukunftsweisend: Wer will da noch am europäischen Staatenzusammenschluss zweifeln!
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Lasst uns böse sein!

Mein neues Buch über Till Eulenspiegel  ist erschienen und ab sofort bestellbar:

Im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit nutzte der Schalknarr Till Eulenspiegel die Risse und Bruchstellen zwischen alter und neuer Lebensweise hemmungslos aus, um mit seinem Verhalten das Chaos, die Herrschaft des Bösen und die verkehrte Welt heraufzubeschwören. “Hei lewet noch!”: Till Eulenspiegel ist immer noch aktuell, befinden wir uns gegenwärtig schließlich in einer ähnlich beängstigenden gesellschaftlichen Umbruchsphase wie damals. Was das Verblüffende dabei ist: Literatur kann uns bei der Bewältigung von gegenwärtigen Schwierigkeiten helfen, besonders dann, wenn sie aus uns vollkommen entfernten Lebenszusammenhängen stammt. Sie bietet uns die Chance, Glaubenssätze, die wir für allgemeingültig halten, in Frage zu stellen, ihre “Scheinbarkeit” zu erkennen und so quasi hinter dem Spiegel zu blicken. Insofern ist es nicht paradox, eine Ausgabe des “Till Eulenspiegels” zur Hand zu nehmen, wenn nach ganz praktischen Lebenstipps gesucht wird, die das “Hier und Heute” erträglicher gestalten. Was dabei herauskommen kann, sind teilweise überraschende und bestechende Ideen, die durchaus zum Widerspruch animieren sollen. Lassen Sie sich überraschen.

Lasst uns böse sein!

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Elegba: Ein Trickster!

Elegba  ist  in der Orisha-Religion  der Herrscher über die Wege und die Straßenkreuzungen ist. Er hat viele Namen: Eleggua, Elegba, Eshú, Echu und Exú. In der Karibik wird er Legba oder Papa Legba genannt. Im brasilianischen Candomblé Kult, der ja christlich-katholische Einflüsse integriert, wird er mit dem Erzengel Gabriel verbunden; in der kubanischen Santaria mit dem Santo Nino de Atocha. Als Papa Legba weist er  Parallelen zu Petrus auf, der in volkstümlichen Vorstellungen darüber wacht, wer in den Himmel eingelassen wird und wer nicht.  Petrus besitzt den Schlüssel zum Heil und auch das Veve-Zeichen des karibischen Papa Legbas erinnert an einem Schlüssel, dessen dazugehörende Tür gleichzeitig Ein- und Ausgang darstellt.  Insofern ist es auch nur folgerichtig, dass seine AnhängerInnen  Darstellungen von ihm an der Rückseite ihrer Wohnungseingangstür anbringen.

Vergleichbares  kennen wir auch in Deutschland:  Im süddeutsch-katholischen Raum sieht man häufig die Namen der drei heiligen Könige an der Haustür angebracht, meist in der Form „C + M + B“, häufig noch mit einer Jahreszahl versehen. Die Könige sollen das Haus mit Glück und Segen versorgen, wozu die„Sternensänger“ die Initialien mit geweihter Kreide an die Türen schreiben.   Ursprünglich sollen die Initialien für Catharina, Barbara und Margaretha, den drei Jungfrauen,  stehen. Im rheinischen Gebiet finden wir als älteres Äquivalent die drei Matronen-Göttinnen,  die  wiederum, was allerdings eine Vermutung ist,   in ihrem keltisch-germanischen Ursprung, der sich mit römischen Glaubensvorstellungen vermischte,  auf die Schicksalsschwestern Urd, Verdandi und Skuld verweisen, die unter der Wurzel der Weltesche Yggdrasil an der Quelle der Weisheit sitzen, um das Schicksal der Menschen zu weben. Natürlich vermag ich nicht zu benennen, ob die drei Nornen zu jeder Zeit, also immer,  Segens- und Glücksspenderinnen sind;  ich vermute jedoch, wenn ich mir die Lage der Welt so anschaue, dass sie es nur „manchmal“ sind. Vermutlich geht es den drei Nornen  bei ihrer Weberei noch nicht einmal  um unser persönliches Glück, sondern eher darum, „das Schicksal“ der neun  Welten  in ihrer Ganzheit im Gleichgang  zu erhalten (was sich ja letztendlich als  vergeblich herausstellen wird: Ragnarök ist  schließlich unausweichlich).  Diejenige aber, die die Nornen ruft,  wird sich ihres  zwiespältigen Charakters  nicht unbedingt bewusst sein. Die Ruferin hat sicherlich in erster Linie  ihr persönliches  Glück und das ihrer Familie im Sinn.  Fatalerweise machen die Nornen mit den Menschen-Wünschen jedoch das, was sie für richtig halten und dies muss, wie wir alle wissen,  nicht unbedingt mit unseren Willen übereinstimmen.

Einen ähnlich  zwiespältigen Charakter  wie bei den Nornen finden wir auch bei  Elegba.

Er  ist er der Verwalter der Lebensenergie, die im  westafrikanischen Yoruba-Pantheon die Macht und Autorität Oludumares, des höchsten Gottes,  meint und mit  „Àsé“ bezeichnet wird.

Verschiedene Kulturen haben dieser Lebensenergie  unterschiedliche Namen gegeben, zum Beispiel  Prana, Od, Mana, Orgon.

Je nachdem,  von welcher Perspektive wir Elegba betrachten, zeigt er uns ein differentes Angesicht.  Manchmal erscheint er uns von kleiner Statur zu sein,  um uns schon im nächsten Augenblick groß, sehr groß und mächtig, zu erscheinen.

Die  Hut-Geschichte, die erstmalig von Leo Frobenius aufgezeichnet wurde und die ich hier – mit eigenen Worten –  „frei“ nacherzähle, führt uns den Doppelcharakter Elegbas deutlich  vor Augen.

Elegba wandert darin eines Tages einem Weg zwischen zwei Feldern entlang, auf denen jeweils ein Bauer arbeitet. Elegba möchte die Bauern verwirren. Dies gelingt ihm schließlich  mit Hilfe seines Hutes, der von der einen Seite weiß und von der anderen rot erscheint. Von vorne gesehen weist er eine grüne und von hinten betrachtet eine schwarze Farbe auf.

Später, als die beiden Bauern ins Dorf gegangen sind, berichten sie in unterschiedlichen Erzählvarianten von ihrer Begegnung mit Elegba. Der eine ist  sich sicher, einen Mann mit weißem Hut gesehen zu haben, der andere besteht hingegen darauf, dass dieser rot gewesen sei. Der eine sagt zum anderen, dass er wohl blind sein müsse. Dieser erwidert daraufhin, dass der Bauer wohl betrunken gewesen sei. Der Streit eskalierte und schließlich greifen  sie sich gegenseitig mit Messern an. Von den Dorfbewohnern werden sie auseinandergerissen und zum „Chief“ gebracht. Elegba ist  unter den Zuschauern bei der Gerichtsverhandlung und als der Häuptling nicht mehr weiter weiß, zeigt er seinen Hut. „Streit ist meine größte Freude!“, soll er gesagt haben.

Die Geschichte macht deutlich: Als Meister der Kommunikation beherrscht Elegba die bösartige Manipulation, die ihm leider – allzu häufig – einen diebischen Spaß bereitet. Schließlich lassen sich auf diese Art und Weise  Streitereien zwischen den Menschen  säen.

Als  Übermittler unser Botschaften an die übernatürliche Welt, seien es nun Danksagungen oder Bitten und Wünsche, scheint er  ein unzuverlässiger Partner zu sein. Fatalerweise ist genau dies seine Aufgabe und uns bleibt nur zu hoffen (sic!), dass er seine Aufgabe löblich erfüllt. Deshalb wird zu Beginn  von religiösen Ritualen  im Yoruba-Kontext immer auch Elegba angerufen, um den Weg „frei“  zu machen und eine unverfälschte Kommunikation zwischen Mensch und Gott zu ermöglichen.

Doch ich muss nicht erwähnen, dass er die Nachrichten nur zu gerne verfälscht und die Wünsche und Begehrlichkeiten der Menschen bei der  übergeordneten göttliche Instanz, genannt Olodumare,  different ankommen  als ursprünglich  vom Sender initiiert. So ist es dann auch kein Wunder, wenn dies zu  „Pleiten, Pech  und Pannen“ führt, die den eigenen Lebensweg, bestenfalls in die „falsche“ Richtung  führen lassen oder gar – zumindest  in unserem Weltbild – scheitern lassen.

Nun … jetzt kennen wir zumindest den Schuldigen.

Elegba ist aber  nicht nur negativ zu sehen. Er ist auch  der Herrscher über die vielfältigen Möglichkeiten und Gelegenheiten, die sich uns im Leben bieten.  Manchmal wünschen wir uns ein anderes Leben und es ist uns nicht möglich, von einer Spur (und es ist meist der ausgetretene Pfad, der uns schon von unserer Herkunftsfamilie vorgegeben ist) auf eine andere zu wechseln. Doch von Zeit zu Zeit tauchen sie auf – die Weggabelungen, die Kreuzungen und die neuen, ungeahnten Optionen. Elegba ist der Herrscher über die Straßenkreuzungen und er macht uns den Durchgang frei, für einen neuen Weg,  verlangt mitunter aber hohen Wegzoll. Manchmal verwehrt er uns ganz die Passage und sendet uns in einem Irrgarten, der anmutet wie die Welten der modernen Jump-and Run-Spiele,  wo wir ständig „eins auf die Mütze bekommen“, um dann doch nicht das nächste übergeordnet-hierarchische Level zu erreichen.

Natürlich suchen wir uns dieses Schicksal nicht von selbst aus. Wer möchte schon freiwillig seine Komfortzone verlassen? Und wenn wir es gezwungenermaßen dann doch tun, erscheint uns Elegba teuflisch-schalkhaft, ähnlich wie Mephistopheles in der „Faust“-Tragödie. Später  jedoch kann sich – wie durch in Wunder –  das vermeintliche Versagen als Lernerfahrung und als Transformation erweisen. Und die Irrungen und Prüfungen stellen sich als  nicht vergeblich heraus. Wir sind daran gewachsen.

Ja … Elegba hat zwei (und mehr)  Gesichter, je nachdem von welcher Seite wir  ein Lebensereignis  betrachten. Er vertritt keine  „Kuschel“philosophie, stattdessen fordert er uns dazu auf, eine Angelegenheit von verschiedenen Seiten zu beleuchten und dabei möchte er uns manchmal auch den unbequemen Weg  nahelegen. Er ist wahrscheinlich kein Vertreter des uneingeschränkten positiven Denkens, das ja immer die Gefahr beinhaltet nur das gegenwärtige Elend zu zementieren. Stattdessen schätzt er kritische Auseinandersetzungen, die durchaus für alle Beteiligten unbequem sein können. Bewusstwerdung ist das Zauberwort.

Elegba ist ein Trickster!

 

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