Was bringt die Zukunft?

Scheibensieben

Natürlich kann man sich zu jeder Zeit des Jahres mit Kaffeesatzlesen und sonstigen Orakeln beschäftigen; die Rauhnächte bieten uns aber eine zeitlich-räumliche Qualität, die solche introperspektivischen Beschäftigungen fördert.

Wie gerne würde ich euch hier im Blog von hüpfenden Lichtelfen erzählen, doch – ich kann es nicht beschönigen – mein Orakel-Ergebnis war verheerend düster.
Über meinen Kartenbild schwebte Lady Frieda Harris finstere Sechs der Kelche (“Enttäuschung”)  und der weitere “Untergang”, der sich vor mir ausbreitete, konkludierte in der Scheiben-Sieben.

Hajo Banzhaf schreibt dazu:

“Die Karte reflektiert einen Zustand des Zerfalls; nach der Morgenröte der Sechs Scheiben ist der Hintergrund der Sieben jetzt zu einer Brutstätte des Verderbens verkommen. (Es folgt ein Crowley-Zitat …) Abgeschnitten vom Wachstum und von der Vegetation erkennen wir eine blauviolette Schattenwelt, in der schwarze Pflanzenskelette anstelle von Früchten die sieben bleiernen Todesscheiben des Saturn hervorbringen, Symbol für das Unheil ohne Ende oder  unglückliches Ende, das keine Erlösung bringt.”

Ach, fällt mir ein, habe ich nicht irgendwo im Internet gelesen, dass der Herrscher des Jahres 2014 der Saturn sein soll?

Und so fühle ich mich – quasi schon vorauseilend – wie der leidende König Anfortas, der, umgeben von Ödnis und Einsamkeit, nicht wirklich leben, aber auch nicht sterben kann, derweil er von schrecklichen Schmerzen geplagt wird. Selbst der Gral schafft ihm keine Linderung.

Wenn der Saturn – so berichtet uns Wolfram von Eschenbach – seinen höchsten Stand erreicht hat, verschlimmert sich – auch das erstaunt nun nicht mehr – Anfortas Zustand. Er wird vom inneren Frost gepeinigt, der in seiner Umgebung Schnee im Sommer fallen lässt.

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen”,

sagte einst Adorno. Und so ist auch Anfortas eine Genesung von seiner Pein versagt.

“Entfremdung” überall. Die Neonreklame der Großstadt blendet uns grell und treibt uns an, uns zu betäuben und uns eben nicht die richtige Frage zu stellen, die im 21. Jahrhundert die  nach dem richtigen Leben sein muss.

Doch irgendwann – wir kennen schließlich die Grals-Historie – wird Parzival heranreiten  und die Worte finden, die Anfortas von seinen Leiden erlösen werden.

Soweit ist die Handlung aber noch nicht gediehen. Vorerst, im Jahre 2014,  bringt die Gefolgschaft den König zum See Brumbane, der in der Nähe der Gralsburg liegt. Die wohlriechende Lüfte über dem See sollen den üblen Geruch seiner Wunde vertreiben.

Die Trübnis, die das Orakel bei mir hervorbrachte, wurde  jedoch nicht durch das Element Wasser, sondern durch Äther, genauer gesagt durch das Hören des philosophischen Radios hinweggeblasen.

Prof. Dr. Bolz widersprach Adorno, verwies stattdessen auf die Spielräume des Ichs, die einen – auch angesichts von aggressiven Neofeudalismus  (meine Worte) noch bleiben  und sprach sich für eine positiv besetzte Bürgerlichkeit aus. Nicht jeder muss, angesichts der uns umgebende Zustände, zum Bohemian oder zum Revolutionär werden.

Nachdem ein Hörer dies mit “Tue deine Pflicht!” zusammenfasste, widersprach der Philosoph  zwar nicht,sagte aber, dass er es lieber anders ausgedrückt haben wolle, nämlich so:

“Tu das, was du tust, von ganzem Herzen und auch leidenschaftlich.”

Und dies erinnert mich wiederum an:

“Tu was du willst, ist das ganze Gesetz. Liebe unter Willen.”

Wer sagte dies gleich noch?

Aleister Crowley. Und so habe ich, zugegebenermaßen nach einigen mühevollen Gedankenkonstrukten,  meine freudvolle Erwiderung auf den finsteren Orakelspruch gefunden. Die Zukunft kann kommen! Die Lichtelfen fliegen wieder.

Schornsteinfeger

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Neujahrswanderung

Harzer Schmalspurbahn

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Eigentlich beabsichtigten meine Freundin und ich nur einen kleinen Harz-Rundweg. Was kann es  aber besseres geben als das neue Jahr mit der Besteigung eines Berges zu beginnen, besonders dann, wenn dieser so Mythologie-überladen ist wie der Brocken?

Der Weg hinauf kann dann leicht als eine symbolische Vorab-Inszenierung angesehen werden: Der Berg steht für das Ziel, das wir im Verlauf des Jahres erreichen wollen.   Beim Hinaufgehen übergehen wir dann leichten oder schweren Fußes alle Widrigkeiten, was uns  – quasi magisch-vorwegnehmend  – dafür stärkt, Herausforderungen im knallharten Lebenskampf mit ähnlicher Bravour  zu meistern. Man ist gewappnet für all die Ärgernissen, die auf einen warten, immer sein Ziel vor Augen, selbst wenn dieses sich als zugig erweisen sollte.  Sogar Glatteis und der damit verbundene Fall auf die festgefrorene hausdünne Schneedecke macht einer  wahren Heldin im Lebensabenteuer nichts aus.  Alsbald richtet sie sich wagemutig wieder auf und wandert – ganz Camphells Heldenreise folgend – weiter durch den Nebel, der beständig stärker wurde und der uns – ganz profan gesehen  – eine Aussicht auf die tief unter uns liegende  Landschaft oder – wieder ganz symbolisch gesehen – auf die  überwundene Profanität  ermöglichte. Weiter ging es: hurtig und geschwind, bis wir dann, es war wohl gegen 14.30 Uhr in der entmystifiziertenWelt,  – auf dem Hochplateau des Brocken ankamen. Ein  eisiger Wind fegte uns fast fort. Der Berggeist war uns nicht wohlgesonnen oder wollte uns – meine Annahme –  zumindest prüfen.  Wahrlich das  war kein Ort zum Verweilen.

Vielleicht war das Ziel  – wieder ganz symbolisch gesehen – dann doch nicht so gut gewählt? Aber wie heißt es so schön in den Kalendersprüchen, die ich  – schon wegen ihrer  dumpfen Plattheit – so  überhaupt nicht mag: Der Weg ist das Ziel. Und so ging es wieder hinab vom Berg, wo mir – kurz vor Einbruch der Dunkelheit – die Destination “Torfhaus” erreichten. Ein Bier zum Schluss verkürzte die Wartezeit auf den Bus – in einer Lokalität, die wohl an Amerika erinnern sollte, stattdessen aber nur den krampfhaften Versuch der Gastronomie-Wirtschaft illustrierte, auf eine hippe Lifestyle-Mode aufzuspringen, die irgendwie nur plebejisch-dümmlich wirkte. Nun ja …  wem es gefällt!

Einvernehmlich benannten wir die Wanderung zum leichten genussvollen Spaziergang um,  bei dem es ganz und gar unerheblich ist, ob überhaupt ein Ziel vorhanden ist. Ich  zumindest habe auch  im wirklichen Leben keine krampfhafte To-do-Liste für das beginnende Jahr aufgestellt, stattdessen pflege ich   – mein Vorsatz – eine gewisse genießerische Gelassenheit, was mich allerdings nicht davon abhalten wird, im nächsten Jahr erneut den Brocken zu besteigen.  Und dies selbstverständlich am Neujahrstag!

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