Arbeit und Gebet!

Rudolf von Laban glaubte anscheinend nicht an die Selbsterfüllung in der Lohnarbeit, die ein Trugschluss zu sein scheint, der in unserer Welt immer noch favorisiert wird, der sich aber schon längst selbst ad absurdum geführt hat.

Nicht jeder hat die Gaukelei als solche erkannt. Viele profitieren davon, dass wir die neofeudalistische Schmierenkomödie, die unser Leben bestimmt,  für eine unabwendbare Realität halten. So beDIENen wir sie, indem wir schaffen und schaffen, um die Folgen einer Inflation auf unser Privatleben abzumildern,  die andere beSCHLOSSen haben.

Unser soziales Leben haben wir derweil schon längst den immer schneller sich drehendem Hamsterrad geopfert. Freundschaften werden ausschließlich unter dem kalten  Kalkül des Nützlichkeitsanspruchs betrachtet, denn schließlich ist Zeit gleichbedeutend mit Geld.

Das ist eine Sklavenexistenz!

Selbst die antiken Griechen wussten schon, dass das wahre Menschsein im Müßiggang liegt, der eben nicht  tumbe Regeneration ist, sondern ein Sich-treiben-lassen im Fluss der Zeit bedeutet. Die damit verbundene Absichtslosigkeit, die sich nicht in To-Do-Listen gefangen halten lässt, ermöglicht uns die Annäherung an ein ästhetisches Ideal, das Laban im Folgenden als “Gebet” beschreibt.

Er schreibt:

“Die Wurzeln der Bewegungskunst sind Arbeit und Gebet. Arbeit sorgt für unsere materielle Existenz, das Gebet für unser spirituelles Wachsen und Reifen. Arbeit kann eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gebet bekommen, wenn sie nicht allein dem Lebensunterhalt, sondern höheren Zielen dient. Auch eine künstlerische Darbietung kann in die Nähe des Gebets rücken, indem sie Ideale verkörpert. Die Grenzen zwischen Arbeit und Gebet sind zuweilen fließend: Ein Ringen um Ideelles, wie es etwa im flehentlichen Gebet geschieht, kann eine ebenso harte – wenn nicht gar härtere – Anstrengung sein wie manche körperliche Arbeit. Beides kann den Einsatz all unserer Kräfte erfordern. Die Konflikte, um die es in Arbeit und Gebet geht, finden ihre künstlerische Umsetzung in Pantomime, Drama und Tanz. In früheren Zeiten entstand dramatische Dichtung und mit Musik begleiteter Tanz aus der Anrufung und Verehrung der Götter, und auch in unserer Zeit ist dies im Grunde noch so. In den Anfängen des philosophischen Denkens waren alle Kunstgattungen noch eine Einheit, heute sind sie jedoch getrennte Disziplinen. Aber selbst heute können sich Tanz und Schauspiel gelegentlich verschwistern: Worte lassen sich mit Musik und Bewegung erweitern, während Tanz und Musik von den im Wort vermittelten Gedanken erfüllt sein können. Spuren der ursprünglichen Mimenkunst sind heute noch im Marionettentheater zu finden, in Clownszenen im Zirkus und in pantomimischen Darbietungen; daneben bietet sich im Drama und Ballett ein weites Feld, wenn man sichtbare Bewegung studieren will. ” (Rudolf von Laban: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 2003, S. 97 f.)

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Auf Spurensuche

Wächterin
Welchen Spuren folgst du?
Was treibt dich an? Was begeistert dich?
Gibt es Themen, die dich so sehr reizen könnten, dass du zu ihnen materielle Dinge ansammeln, neu sortieren oder auch erst erschaffen könntest?

Wenn du hier mit Ja geantwortet hast, betreibst du SPURENSICHERUNG, was durchaus auch eine Kunstrichtung ist!

Ein paar Hintergrundinformationen gibt es nachfolgend.  Diese sollten dich aber keinesfalls davon abhalten, einfach anzufangen und den Spuren zu folgen, die du nur selbst sehen kannst.

Die Künstler/innen, die Spurensicherung betreiben, haben Zweifel am technischen Fortschrittsglauben und der eindimensionalen Sicht moderner Medien. Stattdessen setzen sie auf eine Introspektion: Sie beschäftigen sich mit alten, größtenteils in Vergessenheit geratenen Kulturen, versuchen künstlerisch Spuren festzuhalten und aus einzelnen Relikten realer oder erfundener Kulturen Aussagen über das Menschsein zu gewinnen. Einige Künstler betreiben auch Feldforschung: Sie untersuchen ihr persönliches näheres Umfeld und ihre eigenen Gefühle.

Insgesamt ähnelt das künstlerische Vorgehen den Methoden der Archäologie und Ethnologie. Spurensicherung befasst sich sowohl mit äußerlich wahrnehmbaren zeitlichen Ablagerungen als auch mit inneren Tiefenschichten. Dabei arbeitet sie meist mit fiktiven archäologischen Zeugnissen, mit Materialsammlungen, die nach scheinbar naturwissenschaftlichen Kriterien aufbereitet werden, tatsächlich aber nur mit einer Suggestion von Objektivität, von Recherche und von historischer Reflexion eine besondere Wirkung erzielen. Gesammelte Objekte werden zum Beispiel inventarisiert, sorgsam klassifiziert und in Schaukästen ausgestellt. Präsentiert werden unterschiedliche Fundstücke:

Steine, Blätter, Holzteile, Schneckengehäuse, Knochen;
Kleidungsstücke, Fassadenteile;
Fotografien, Textfragmente, Tagebücher.

Die Sammlung aller Objekte eines Künstlers einschließlich seiner Konzeptionen und Ideen können ein komplexes Gesamtkunstwerk ergeben.

Themen der Spurensicherung sind auch Individuelle Mythologien und die Auseinandersetzung mit anthropologisch-philosophischen Fragestellungen, wie sie der Anthropologe Claude Levi-Strauss als Vertreter des Strukturalismus thematisiert hatte.

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Der Zahn der Zeiten!

Blankenburg - Schloss
Blankenburg – Schloss

Endlich habe ich einmal etwas Ruhe, sodass ich über das vergangene Wochenende resümieren kann. Irgendwie stand es ja im Zeichen des Nicht-Perfekten, des Vorläufigen und des Fließenden.

– Erst stattete unsere allmonatliche Wildfrauenhaus-Wandergruppe Blankenburg im Harzvorland einen Besuch ab.

Dies scheint ein ungeheuer kraftvoller Ort zu sein, dessen Schloss – gerade durch seine nicht zu übersehenen Verfallserscheinungen – den unvergesslichen Charme des Niedergangs ausstrahlt. Ein großes Plakat verheißt aber eine beabsichtigte Renovierung, die eindeutig notwendig ist, andererseits aber auch eine durchaus ambivalent zu betrachtende “Schön-Verbesserung” zur Folge haben könnte.

Schließlich folgen zeitgenössische Renovierungsversuche eigentlich immer den “schön-kitschigen” Perfektionsbestrebungen der Neuzeit, deren Ergebnisse ansonsten überall im Lande zu bestaunen sind, die aber “irgendwie” auch seltsam falsch und “übertüncht” wirken. Insofern erfreute ich mich am unrenovierten Zustand des Blankenburger Schlosses und fragte mich, warum alte Gemäuer eigentlich nie so instandgesetzt werden, dass sie das Denkmal zwar “erhalten”, jedoch aber trotzdem den “Zahn der Zeit”, der ja offensichtlich sein Werk getan hat, wertschätzen können?

– Dann war letzten Sonntag Muttertag (und sicherlich haben die meisten Leserinnen dies in unserer schnelllebigen Zeit schon wieder vergessen!). Wir – was also die gesamte vitale Rest-Kernfamilie meint – besuchten, quasi als Muttertags-Ausflug, der dem unbeständigen Wetter trug, die Kestnergesellschaft, die sich langsam zum Event-Ausrichter entwickelt.

Dies ist allerdings ein anderes, durchaus auch ergiebiges Thema. Jedoch weist meine hier geäußerte Einschätzung durchaus Zusammenhänge zur aktuell dort gezeigten Ausstellung auf, die von irgendwelchen Gremien ausgewählte britische Künstlerinnen (männliche Künstler sind selbstverständlich mitgedacht!) zeigt, die wiederum repräsentativ für die dortige Kunstszene sein sollen.

Ein solches auf ein Land bezogene Thema reiht sich dann ein, in den derzeitig hochpromoteten hannoverschen Hype, anlässlich des 300jährigigen Jubiläums der Personalunion Hannovers mit Großbritanniens. (Man könnte meinen, dass wir in Hannover immer noch ein Monarchie hätten!).

“Kunst als Event!”, soll hier aber nicht Thema sein, stattdessen das Unperfekte.

Besagte GB-Künstlerinnen ließen sich davon inspirieren, dass die Kestner-Gesellschaft ihre Räume in einer ehemaligen Badeanstalt bezogen hat. (Auch hier sei mir eine Randbemerkung erlaubt: Die “Zerstörung” eines Jugendstil-Bades, auch wenn dieses geschickt zur Ausstellungsplattform umfunktioniert wurde, zeugt von der historisch-ästhetischen Ignoranz der mir unbekannten Entscheidungsträger. Frauen sind hier nicht mitgedacht!)

Wasser, das Fließende, die Metamorphose, die durch das reinigende Element Wasser vollzogen wird, die Transformation von einem Zustand in den anderen und eben auch die Zerstörung des anscheinend “Perfekten”, all dies sind Themen, die die Künstlerinnen bearbeitet haben.

Besonders beeindruckt haben mich die dilettantisch anmutenden Tonarbeiten, die auf provisorischen Holztischen platziert sind.

Und hier – an dieser Stelle – schließt sich dann für mich der Kreis zum Blankenburger Schloss mit der Aufforderung auch dort dem Unperfekten Raum zu geben und der marktkonformen, glatten Ästhetik eine Absage zu erteilen.

Das wäre dann wahre (sic!) KUNST!

Türöffner2

Türöffner

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Ein unbequemer Ort!

 

Die kleine Broschüre von 1933 (Verf.: Dr. Karl Henkel) beginnt folgendermaßen:

“Einer der lohnendsten und genussreichsten Ausflüge in de landschaftlich so viel Schönes bietende Umgebung Hildesheims ist die Tour zum Jägerhause, einem in tiefer Waldeinsamkeit im Heinberge gelegenen, im Besitze des Grafen Münster zu Derneburg befindlichen Jagdschlösschen, mit dem eine Restauration verbunden ist.”

Auch im Jahre 2014 bin ich noch entzückend vom Ort, der mittlerweile vollkommen vergessen zu sein scheint. Das Jägerhaus ist geschlossen und die Hubertuskapelle, die direkt unterhalb der ehemaligen Restauration liegt, lässt sich nur erreichen, indem man wahlweise über ein kleines Gatter oder – andere Möglichkeit – über umgefallene Bäume klettert. Dann endlich stehe ich vor der Sandsteinfelsenwand, die – hier noch einmal das alte Heftchen – “in ihrem Schoße die Kapelle birgt”.

Ich frage mich, ob es hier einst eine vorchristliche Opferstelle gegeben haben könnte. Immerhin:

“Abweisen wollen wir die Möglichkeit nicht ganz. Ein direkter Anhalt dafür aber ist nirgends vorhanden. Benachbarte Klippen tragen auf die alte Zeit hinweisende Namen: so die Ostara-Klippe. Für die Jägerhaus-Gegend und Jägerhaus-Klippen aber fehlt ein Name aus früherer Zeit, und somit bleibt die Annahme einer heidnichen Opferstätte nur Vermutungssache.”

Jedoch: Eine Reihe von illustren Gästen des 18. Jahrhunderts haben sich im Stein verewigt, nicht aber Hermann Göring, der in seiner Funktion als Reichsjägermeister dort mehrmals das Reichshubertusfest feiern ließ. Der hintere Anbau des Jägerbaus resultiert aus dieser Zeit; die Hakenkreuze lassen sich noch erahnen.

Insofern handelt es sich hier um ein durchaus “unbequemes Baudenkmal”, das die Frage aufwirft, wie mit Orten umgegangen werden soll, die während der nationalsozialistischen Zeit “überhöht” und ideologisch instrumentalisiert worden sind.

Der erschwerte Zugang zur Kapelle, die im Übrigen versperrt ist, bekommt so eine neue Konnotation und scheint mir letztendlich kein adäquater Umgang mit geschichtlichen Zeugnissen zu sein, die als “Störung” empfunden werden können.

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Heia, Walpurgisnacht!

Walpurgishalle Hexentanz 2

Wie heißt es so schön im Faust. Erster Teil:

Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Und so feiern wir in der Nacht zum 1. Mai die Walpurgisnacht. Zwar meide ich normalerweise laute Musik, wilde Menschenmassen und Krämerseelen, doch – sei es drum – es gibt keinen besseren Platz, dieses Fest zu zelebrieren, als das Harz-Gebirge!

 

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