Die Kulturseele

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Die Kulturseele ist geprägt vom „Paideuma“, das- nach Hans Fischer (1) – das „geistig-seelische Potential einer Kulturgemeinschaft (…), von dem die schöpferischen Impulse ausgehen“ beschreibt. Sie wird nicht vom Menschen geschaffen, stattdessen durchlebt die Kultur verschiedene Lebenszeiten, die denen des Menschen vergleichbar sind. Dies sind: Jugend, Blütezeit, Alter und Tod. Leo Frobenius nennt diesen Vorgang Kulturmorphologie.

Diese Kulturseelen-Idee nutzte ich, was gewagt ist, um es auf das Seelenverlust–Konzept von Sandra Ingermann (2) zu übertragen. Dieses umfasst eine schamanische Technik, in der eine Seele, die sich aufgrund eines Traumas vom Menschen gelöst hat, aus der nicht-alltäglichen Wirklichkeit zurückgeholt wird.

Wenn ich – nach Frobenius – davon ausgehe, dass auch Kulturen, genauso wie Individuen, eine Seele haben, dann können auch Kulturgemeinschaften aufgrund eines schrecklich empfundenen Erlebnisses einem Seelenanteil verlieren.

Wenn das Individuum im Verlauf seiner Entwicklung einen Seelenanteil verloren hat, dann kann das Konzept der Seelenrückholung helfen, vorausgesetzt, dass ich mich im schamanischen Paradigma bewege. Wenn ich kein Heimatgefühl habe, dann bin ich meiner Kultur entfremdet und insofern kann auch hier eine „Rückholung“ angezeigt sein, die immer auch eine neue Verbindung zu unseren Kulturwurzeln beschreibt.

Haben wir nicht irgendwann das Gefühl für Heimat verloren, fühlten uns unbehaust, allein gelassen und wurzellos? Wann war das? Wir können eine Trance-Reise dorthin unternehmen, um zu erfahren, welcher Punkt es war, an dem wir verloren haben, was uns als Menschen zusteht. Und wenn wir ihn dann gefunden haben, diesen Punkt des Verlorenseins, der absoluten Einsamkeit, dann können wir den Seelenanteil, der uns abhanden gekommen ist, zurückgeben an uns selbst, um dann letztendlich heil und ganz zu werden. Wir sollten uns nun gestärkt und „vollständig“ fühlen. Sandra Ingerman würde sagen: „Welcome back!“ (Auszug aus meinem Buch “Lasst uns böse sein! Marinas Lesehilfe zum Till Eulenspiegel”)

(1) Nach: Fischer, Hans: Völkerkunde im Nationalsozialismus. Aspekte der Anpassung, Affinität und Behauptung einer wissenschaftlichen Disziplin, Berlin/Hamburg 1990.
(2) Siehe: Ingerman, Sandra: Auf der Suche nach der verlorenen Seele: Der schamanische Weg zur inneren Ganzheit. Berlin 2005.

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