Das heroische Sein und seine Abgründe!

Mein täglicher Weg zur Arbeit bietet die Begegnung mit zwei Denkmälern, die gegensätzlicher nicht sein können. Schon in der Überlegung, in welcher Reihenfolge ich sie hier vorstelle, steckt politische Brisanz und Aussage. Wo also anfangen?

Ich fange bei der heutigen Kurt-Schumacher-Kaserne, die vor dem II. Weltkrieg Sitz des Generalkommandos XI. Armeekorps, Wehrkreiskommando XI, Wehrkreisverwaltung XI. war.

1936 wurde im Zug der Aufrüstung der Wehrmacht mit dem Bau der heutige Kurt-Schuhmacher-Kaserne am damaligen Misburger Damm (heute: Hans-Böckler-Allee) begonnen.

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Der Hannoversche Stadtanzeiger berichtet im Oktober 1937:

“Von den Heeresneubauten, die in letzter Zeit im Standort Hannover errichtet wurden, verdient, städtebaulich und architektonisch beurteilt, das neue Gebäude des Generalkommandos, der höchsten Dienststelle unseres hannoverschen Korps, eine besondere Würdigung, zumal seine zentrale Lage bestimmend sein wird für die weitere Ausgestaltung der breiten Ausfallstraße am Misburger Damm.
Klar, einfach und kraftvoll im Grundriss, in der Linienführung und in der Gestaltung einzelner bildnerisch besonders betonter Gebäudeteile, ist hier die Aufgabe, in Zweckmäßigkeit und Schönheit etwas Neues zu schaffen, das zugleich soldatischer Wesensart entspricht, auf das Beste gelöst worden. Die gesamte bauliche Anlage ist durchaus der Forderung gerecht geworden, ein unserer Wehrmacht würdiges Heim zu sein. Besonders eindrucksvoll ist das Portal des Hauptgebäudes gestaltet worden.
Bis zum Obergeschoss durchschneiden hier vier breite Werksteinpfeiler den vierstöckigen Rohziegelbau. Ihren Abschluss finden sie in einer den Wehrwillen und die Wehrkraft zum Ausdruck bringenden Steinmetzarbeit, die überkrönt ist von dem weit ausschwingenden Wehrmachtsadler. Der Blick durch diesen Haupteingang fällt auf den Ehrenhof mit der durch hohe Glastüren erhellten Fahnenhalle. Hier werden in Zukunft beim Generalkommando als der höchsten Dienststelle des Standortes die Fahnen und Standarten der hannoverschen Truppenteile untergebracht sein.
Eine weitere Belebung des ganz auf Licht und Sonne abgestimmten Innenhofes ist durch gärtnerische Anlagen erzielt. Kleine Springbrunnen an den vier Ecken der mit Herbstblumen umsäumten Rasenfläche vervollständigen diese Grünlage.”

Inwieweit hier romantische Philosophie faschistische Architektur beeinflusst hat, wird deutlich, wenn wir  den Philosophen Schelling bemühen.

Der schreibt nämlich:

„Die Hoffnung war, dass das künstlerische Genie in einem ästhetisch anziehenden Werk den Werten und Überzeugungen der Gemeinschaft gültigen Ausdruck geben könne. Ein solches Werk würde, so der Traum, ‚ewige Einigkeit unter uns‘ stiften. (Schelling, Materialien, 112) (S. 49)

Diese Aussage erscheint typisch für die Romantik, die die zunehmende Modernisierung als einen destruktiver Prozess der Entzauberung verstand, der eine neue Sinnstiftung entgegengesetzt werden muss.

Schelling bemüht die Gemeinschaft als Ziel, dessen Werte im ästhetisch anziehenden Werk” zum Ausdruck kommen. Genau diese Gemeinschaft aber, vor der der Einzelne zurücktritt, wird dann auch von Wilhelm Alex, General der Artillerie, angerufen, als er beim Richtfest am 3. April 1937 folgende Rede hält:

“Ich sehe davon ab, irgendeinen Mann besonders hervorzuheben. Die Männer, die hier geschafft haben, taten ihre Pflicht, keiner um eines persönlichen Lobes willen, sondern nur im Gedenken, mit den übrigen Arbeitskameraden zusammen etwas Großes auszurichten.”

Solch ein Ausspruch wäre in unserer heutigen Zeit undenkbar, zeigt er doch, dass der einzelne Mensch hier vor der Gemeinschaft zurücktritt, dass er also nicht aus egoistischen Motiven agiert, sondern sein Tun auf “etwas Großes” abzielen lässt.

Und weiter geht es in der Rede:

“So ist dieser Bau geschaffen im Geist echten Soldatentums, eines Soldatentums, das sich vielleicht in keinem Menschen mehr verkörpert als in einem Sohne dieses Landes. Scharnhorst, der hier in Hannover vor 150 Jahren als Lehrer an der Artillerieschule zu seinen Schülern gesprochen und immer wieder die soldatische Forderung gestellt hat: ‘Viel leisten – wenig hervortreten. Mehr sein als scheinen!’
In diesem Scharnhorstschen Geist wird auch der Stab des Generalkommandos, der in absehbarer Zeit in diesem Gebäude einzieht, ebenso wie die bis zur Stunde des Umzuges hier schaffenden Arbeiter seine Pflicht erfüllen.
Es soll uns nichts zu viel und nichts zu schwer sein, auch wenn den Leistungen keine Danksagungen folgen. Echte Soldaten sehen ihre Ehre nur in selbstloser Arbeit am Erfolg des Ganzen.” (Quelle: Broschüre Kurt-Schumacher-Kaserne Hannover)

Ich frage mich nun: Wird das Sein  in dieser Lesart immer heroisch verstanden, wenn es sich der Gemeinschaft dienbar macht, die hier – auch in der Tradition der Romantik –   als eine homogene ethnische oder nationale Einheit gesehen wird?

Und wenn die Einheit nicht mehr durch friedliche Überzeugungsarbeit erreicht werden kann,  dann öffnen sich aggressive Tiefen, die zum Ausschluss und zur Verfolgung von Minoritäten führen können.  Wenn sich die Gemeinschaft dann  gar in ihre Abwehrstrategien immer weiter  hineinsteigert und gleichzeitig ihre einzelnen Mitglieder auf ein Pflichtbewusstsein im Dienst des Ganzen einschwört, dann stürzt das heroische Sein, das dem Volksgedanken untergeordnet wird,  in die bekannten Abgründe der jüngsten deutschen Geschichte und braucht nun individualistische Helden, die da, wo es nötig ist, sich wagemutig gegen das wild entfachte Treiben der Gemeinschaft stellen, die eigentlich, im Ursprung einmal, romantisch-“gut” gedacht war.

Die möglichen Abgründe dokumentiert  die Gartenbauschule Ahlem, das zweite Denkmal, das am Ende meines Arbeitsweges steht.

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Sind die jeck?

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In Niedersachsen ist es bekanntlich ja schwer, gelebten Karneval zu begegnen und so muss ich denn den Fernseher anschalten, um das Kölner Dreigestirn – Jungfrau, Bauer und Prinz – in lustiger Aktion zu erleben.

Dass das Treiben gerade in Köln als eine der Karnevalshochburgen seine absurden Höhepunkte feiert, verwundert insofern nicht, wenn man denn weiß, dass Köln eine römische Stadtgründung ist und dass die damaligen Besatzer im Dezember ausschweifend die Saturnalien feierten.

Und während der Wein floss, schlüpften die Menschen auch damals schon in andere Rollen. Der Herr wurde zum Sklaven; der Sklave wurde zum Herrn. Der Alkohol lockerte die Zunge und so wurden auch damals schon Herrschaftsverhältnisse drastisch kritisiert.

Ähnlich ist es ja auch heute, wenn bei Karnevalssitzungen politische Verhältnisse aufs Korn genommen werden. Nachdenklich stimmt mich aber, wenn die rheinischen Jecken sich im selbst auferlegten politischen Gehorsam einen islamkritischen Karnevalswagen verbieten und sich so letztendlich im närrischen Kostüm genauso brav verhalten, wie sie es vermutlich im Alltag auch ständig tun.

So wird dann Prinz Carneval verraten und das bunte Treiben verkommt zum platten Tourismus-Event.

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