Zeitkritische Beunruhigungen

Kritik an einer Islamisierung und die Forderung nach einer gesteuerten Zuwanderung in Deutschland sind NICHT fremdenfeindlich. Die Ignoranz vor den Problemen einer schleichenden Islamisierung und den dadurch zu befürchtenden Rückfall unserer aufgeklärten Gesellschaft in vor-emanzipatorisch-archaisch- patriarchalisch geprägte Strukturen bei einer gleichzeitigen Förderung von Masseneinwanderung von islamisch- bildungsfernen jungen Männern, birgt jedoch u.a.. die Gefahr, dass fremdenfeindliche Impulse bei den Dumpfbürgern geweckt werden. Das macht mir Angst. Rassistischer Hass sollte sich niemals auf bestimmte Bevölkerungsgruppen fixieren. Ich beobachte aber- gerade in sozialen Netzwerken – eine gefährliche Radikalisierung auf allen Seiten. Die Brandstifter sind aber unsere links-grün-rot-schwarz ausgerichteten Gutmenschen, die wohlfeil im Mainstream schwimmen und dabei die Auflösung des Eigenem in einer multikulturellen Arbeits- und Konsumenten-Sklavenhaltergesellschaft in Kauf nehmen  und so die “Toleranz” der Menschen wohlwissend überfordern, nicht diejenigen, die den nicht unerheblichen Mut aufbringen, gegen die Folgen des Neoliberalismus und der Globalisierung einen Patriotismus zu setzen, der das Eigene – das Identitäre – bewahren will, um nicht zum kopftuchtragenden Zombie des Finanzkapitals zu werden. Wer in den heutigen Zeiten nicht faschistisch sein will, sollte wachsam sein: Was kann beispielsweise faschistischer sein als eine Antifa, die Feuerwerkskörper auf friedliche Demonstranten wirft? Sind nicht inszenierte und staatlich finanzierte “Vielfalt”-Demonstrationen, bei einer gleichzeitigen einseitigen Berichterstattung durch die Medien, die als Propaganda zu bezeichnen ist, ein Angriff auf unsere Demokratie? Warum werden die schwerwiegenden Probleme, die durch den Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen im Alltag entstehen, totgeschwiegen und warum werden diejenigen, die den Mut haben, dieses Tabuthema anzusprechen, mit subtilen Sanktionen belegt?… Es ist dringend angeraten, einen simplen und bequemen Meinungs-Dualismus zu verlassen und die Zwischentöne wahrzunehmen, einfach deshalb, weil doch sicherlich jeder von uns ein friedliches Miteinander wünscht. Jetzt und in der Zukunft! 

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Über die Riesen!

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Kleine Vorbemerkung: Ein Essay aus dem Jahre 2012, was ich aus durchaus aktuellem Anlass hier erstmals veröffentliche. Nicht jeder wird es  indes verstehen. Wie heißt es so schön? Das Mysterium schützt sich selbst.

„Was bedeuten Riesen für dich?“, wurde ich unlängst gefragt. Wer sich jetzt wundern sollte, wieso mir solch merkwürdig-märchenhafte Fragen gestellt werden, dem sei gesagt, dass eine solche Fragestellung in manchen Kreisen eine durchaus legitime Diskussionsgrundlage darstellt, was für mich Grund genug sein soll, sich damit – auch an dieser Stelle – ausführlicher zu beschäftigen. „Und wer weiß“, sagte ich mir voller Hoffnung, „vielleicht würde ich dabei unverhofft die Lösung für mein „alltägliches Elend“ finden. Doch damit ging ich – wie sich noch zeigen wird – in die Irre und alles wurde noch komplizierter und herausfordernder, als es sowieso schon war.

„Was bedeuten Riesen für mich?“, fragte ich mich also wiederholt selbst und erinnerte mich dabei an die großen, hünenhaften Gestalten der Volksmärchen, deren Körpergröße im eigenartigen Widerspruch zu deren kleinem Verstand stand. „Leicht zu übertölpeln“, kam mir als Beschreibung für einen Umgang mit ihnen in den Sinn; ein konkretes Volksmärchen, mit dem ich all dies hätte untermalen können, fiel mir allerdings nicht ein.

Um diesen Erinnerungseindruck vom „dummen Riesen“ näher zu erforschen, schlug ich in der Edda nach und traf dort u.a. auf Wafthrudnir, einen Riesen, der von Odin inkognito besucht wird, einzig allein, um im Wettstreit die Frage zu klären, wer von den beiden Kontrahenten weiser sei. Wafthrudnir unterliegt zwar, doch Odins Sieg kommt nur mit Hilfe einer List zustande, ist also eher ein Pyrrhussieg. Odin stellt nämlich Wafthrudnir u.a. eine Frage, die nur er selbst beantworten kann. Er möchte von ihm wissen, was er Balder vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert haben soll. Dies kann Wafthrudnir nun wirklich nicht wissen; er erkennt aber, dass er Odin vor sich hat, der ihm eine intellektuelle Falle stellt. So sagt er:

Nicht Einer weiß, was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet ich

Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

(Simrock, Karl (Übersetzung): Die Edda. Stuttgart 1878)

„Wenn die Riesen aber doch so klug sind wie Wafthrudnir, dann macht es Sinn, ihr Reich zu besuchen“, sagte ich mir und machte mich auf – in einer schamanischen Reise – ihre Welt zu besuchen, von der ich nur wusste, dass sie Utgard heißt und eine der neun Welten ist.

Ein Flößer war mir behilflich, das Grenzgewässer zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich eine kalte, gebirgige Welt, deren kahle Berge immer wieder von nur spärlich bewachsen Ebenen aufgelockert werden. Ich drang in diese Einöde nicht weit vor, zu kalt und abweisend kam mir diese Welt vor, in der sich alles – wie in einer zähflüssigen Masse – stark verlangsamt bewegen musste. So traf ich schon bald, an einen Felsen gelehnt, einen Riesen, der sich langsam und zögerlich vom felsigen Grund abhob. Ich stellte ihm eine persönliche Frage und erhielt als Antwort nur Schweigen. In dieser zeitverzögerten Welt ist alles Wollen und Streben vergebens. Stattdessen händigte mir der Koloss einen grauen, runden Stein aus, der symbolisch die Antwort auf meine Frage enthalten sollte. Gleichzeitig wusste ich, denn ich nahm – zeitgleich mit meinem eigenen – auch das Bewusstsein des Riesen wahr, dass er mir gegenüber vollkommen gleichgültig  eingestellt war und mir, die ich in seinen Augen so unendlich klein und unbedeutend war, jedes Geheimnis ganz offen verraten konnte, wohlwissend, dass dies für das Weltgeschehen vollkommen unbedeutend war. Was könnte ich, der ich nur ein Mensch bin, überhaupt bewegen? Nichts.

So kehrte ich zurück in meine Welt und der Stein verriet mir, dass er ein Zeichen für all die Kräfte ist, die sich einem in den Lebensweg stellen. An seiner runden Form erkannte ich, dass er eine Druse war, die, wenn sie denn vorsichtig aufgeschlagen werden würde, ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten würde. Dies wiederum, soviel war mir klar, stand für die Kräfte des eigenen Selbst, die zur Entfaltung gebracht werden sollten, was aber – was nun ein wenig obskur ist – von den Riesen verhindert wird.

Um gerade Letzteres zu verstehen, müssen wir uns erneut an germanische Mythenwelten erinnern. Dort nämlich ist ein Riese, nämlich Ymir, das erste Lebewesen, aus dem die neun Welten entstehen. Diese Schöpfungsmythologie verweist auf indoeuropäische Wurzeln. Im vedischen Mythos gehen aus den Körperteilen des Riesen Purusha die verschiedenen Teile der Welt hervor. Die Edda dagegen berichtet von der Quelle Hvergelmir, die der Mitte Nebelheims entspringt, und aus der wiederum Wasserläufe hervorgehen, die in eine „gähnende Kluft“, genannt Ginungagap, münden. Dort, wo heute unsere Welt ist, trifft das Eis auf die Hitze und das Feuer Muspelheims. Aus dem geschmolzenen Eis entsteht schließlich der Riese Ymir, ein Zwitterwesen, von dem all die Reifriesen abstammen.

Als das Eis taut, entsteht daraus die Kuh Audhumla. Von den vier Milchströmen, die aus ihrem Euter rinnen, ernährt sich Ymir. Die Kuh wiederum erhält sich dadurch am Leben, dass sie die salzigen Eisblöcke (oder Steine) ableckt. Beim ersten Mal, als sie das tut, taucht aus den Steinen ein Mann auf, genannt Búri. Er hat einen Sohn, der Burr heißt. Snorri teilt nicht mit, ob er ihn mit einer Riesin zeugt, wie später Burr, oder ob er ihn, genauso wie Ymir, aus sich selbst heraus schöpft.

Ymir nämlich kann dies. Einer seiner Füße erschafft mit den anderen einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen. Die Tochter des Riesen Bölthorn, genannt Bestla, vermählt sich mit Burr. Ihre drei Söhne sind die ersten Götter, nämlich Odin, Wili und We. Diese töten den Riesen Ymir. In seinem Blut ertrinken alle Hrimthursen (Reifriesen), nur der Riese Bergelmir und sein Weib retten sich und zeugen ein neues Riesengeschlecht. Die Götter bilden aus dem Körper des Riesen Ymir die Welt. „Und längs den Seeküsten jenseits gaben sie den Riesengeschlechtern Wohnplätze, und nach innen rund um die Erde machten sie eine Burg wider die Anfälle der Riesen, und zu dieser Burg verwendeten sie die Augenbrauen Ymir, des Riesen, und nannten die Burg Midgard.“ (Gm 41/Die Burg Midgard ist nicht zu verwechseln mit Midgard, der Menschenwelt.)

Warum die Götter Odin, Vili und Vé Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Welt erschaffen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Wenn wir diesen Mord aber in Zusammenhang mit 1 Mose 6,4 ziehen, wo von einer ersten Schöpfung die Rede ist, mit der der biblische Gott nicht zufrieden ist und die er deshalb zerstört, verweist der universale Zerstörungs-Mythos (von dem beispielsweise ja auch Platon in seinem Atlantis-Mythos berichtet) – ganz vorsichtig ausgedrückt – evtl. auf eine historische Tatsache, in der die Erde in den Zeiten einer nicht spezifizierbaren Urzeit von männlichen Göttern, wir können auch von Außerirdischen sprechen, kolonialisiert war, die sich mit Menschenfrauen vereinigten und so die Nephilim, riesenhafte Mischwesen, zeugten.

Dies korrespondiert letztendlich mit der protogermanischen Überlieferung, in der drei Götter den Urriesen töten. Im germanischen Kontext muss ich annehmen, dass die Riesen Außerirdische sind, welche die Energien aus sich selbst heraus erschufen, die wir als göttlich empfinden und für die wir unendlich viele Namen besitzen. Die Riesen mussten dann aber bemerken, dass sich diese Götter und Göttinnen gegen sie selbst wandten. Schließlich wurde nicht nur der Urriese umgebracht, die Götter schufen auch das erste Menschenpaar aus Bäumen und sie fungierten in der Folge als Verteidiger der Menschenwelt gegen die Riesen.

Im christlich-hebräischen Kontext muss ich, im Gegensatz dazu, davon ausgehen, dass die „Götter“ (und eben nicht die „Riesen“) ein Synonym für die Außerirdischen sind, die mit Menschenfrauen besagte Halbwesen, genannt Riesen, erschufen, diese dann aber, nachdem dadurch ihre Geheimnisse ausgeplaudert worden waren, vernichteten. In der Lutherbibel heißt es dann auch: „Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

Die Riesen verrieten den Menschen, wie uns die Apokryphen berichten, verbotenes Wissen und werden deshalb von den Göttern bis zum Ende der Welt „gebunden“; ihre Nachkommenschaft kommt dagegen in einer Sintflut ums Leben.

In der Edda – hier gibt es Parallelen zur christlich-hebräischen Überlieferung – sind die Riesen ebenfalls “gebunden“ und zwar in „Jötunheim“. Schließlich sind die Riesen nicht nur unkontrollierbare Naturgewalten, mit der sie auf einer profanen Interpretationsebene gerne gleichgesetzt werden. Über diese einfache Deutung hinaus erschließt sich eine weitere Interpretationsebene, und in der versuchen die Riesen, warum auch immer, Macht über die Menschenwelt zu erlangen, indem sie die Energien, die entstehen, wenn Menschen sich zusammenschließen – freiwillig oder unfreiwillig – kontrollieren und für Zwecke nutzen, die uns destruktiv vorkommen, die aber – wertfrei ausgedrückt – darauf ausgerichtet sind, die Welt, so wie wir sie kennen, zu destabilisieren.

Nach dem mystischen Weltbild, dem ich ja durchaus anhänge, lassen sich intellektuelle  Erkenntnisse auch in der Prosa finden; die Science-Fiction-Literatur erscheint mir dafür besonders geeignet zu sein, spielen deren Autoren doch mitunter mit obskuren Ideen, die sich dem üblichen, einengenden Gedankenkorsett entziehen und gerade dadurch auf eine Wirklichkeit jenseits der objektivierbaren Zahlenspielereien, die heutzutage sehr in Mode sind, verweisen. So sei mir an dieser Stelle ein Zitat aus einem Roman erlaubt, in dem die „Bewusstseinsparasiten“ (die ich mit „riesenhafte Kräfte“ übersetzen würde) wie folgt beschrieben werden:

„Sie zapfen den Menschen die Lebenskraft ab, ohne dass diese sich dessen bewusst werden. Ein Mensch, der sie erkennt und besiegt, wird für sie doppelt gefährlich, denn seine Kräfte der Selbsterneuerung werden die Oberhand behalten. Geschieht dies, so versuchen die Bewusstseinsparasiten vermutlich, ihn auf andere Weise zu vernichten – indem sie etwa andere Menschen gegen ihn aufbringen. (Wilson, Colin: Die Seelenfresser. Hemsbach über Weinheim 1983, S. 78)

Diese riesenhaften Kräfte versteht das menschliche Bewusstsein (noch) nicht und die Riesen müssen uns deshalb als „dumm“ erscheinen. Die Götter jedoch können diese Bewusstseinsebene verstehen, denn sie stammen selbst von Riesen ab, sind also ihre Geschöpfe. Sie wissen aber auch von den destabilisierenden Gefahren, die von den Riesen ausgehen. Warum sonst schützt Thor die Welt der Menschen mit einem Wall und ist auch ansonsten ständig damit beschäftigt, nicht nur gegen die Midgardschlange, sondern auch gegen die Riesen zu kämpfen? Vielleicht will er aber auch nur verhindern, dass das Wissen der Riesen zu uns dringt, da diese Kenntnis dem Menschen, aus Sicht der Asen, nicht dienlich wäre, evtl. gar zum Verderben führen würde, was an die biblische Paradiesgeschichte erinnert, wo der Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis auch von Gott verboten wurde.

Doch Thor tut vermeintlich gut daran, uns vor den riesenhaften Kräften zu schützen. Schließlich werden diese Kräfte schließlich gemäß der nordischen Eschatologie, Ragnarök herbeiführen. Andererseits ist besagte Vernichtung keine endgültige, sondern vielmehr – im Sinne des zyklisch-germanischen  Weltbildes – wird aus den Trümmern der alten eine neue, gereinigte Welt aufsteigen.

An dieser Stelle komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeuten Riesen für mich? Diese Frage führt letztendlich, wie mein Essay hoffentlich gezeigt hat, zum Konflikt, ob ich mich, und auch hier muss ich differenzieren zwischen persönlichen und weltgesellschaftlichen Belangen, eher für eine Stabilisierung der Verhältnisse ausspreche oder aber Auflösung herbeiführen möchte.

Niko Paech sagt im TAZ-Interview vom 21.01.2012:

„Für gesellschaftlichen Wandel brauchen Sie zunächst Pioniere, die geringe Risikoaversion haben und keine Angst, sich lächerlich zu machen. Dann kommen die, bei denen die Beobachtung der Pioniere ausreicht, um auch mitzumachen. Dann die, die ein Netzwerk brauchen. Dann werden jene stimuliert, die sich erst kuschlig genug fühlen, wenn das Neue von genug Leuten gemacht wird. Und irgendwann sind wir am Punkt angekommen, wo eine soziale Dynamik ausgelöst wird. Diese Diffusionslogik zeigt, dass es gar nicht funktionieren kann (wenn man denn positiven, gesellschaftlichen Wandel möchte, Anm. d. Autorin), gleich in den Mainstream zu gehen.“

Da ich mir an dieser Stelle (noch) nicht anmaßen möchte, Belange von universaler Bedeutung zu lösen, beschränke ich mich im Folgenden auf eine persönliche Ebene, wobei mir natürlich bewusst ist, dass persönliche Entscheidungen niemals abgelöst vom gesellschaftlichen Arrangement gesehen werden können und dass die persönliche Entscheidung für eine „Destabilisierung“ im eigenen Leben auch – quasi als Dominoeffekt – Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt hat.

Jedoch wird eine „Stabilisierung der Verhältnisse“ als Lösungsansatz für die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, so sie sich denn überhaupt mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen, attraktiver sein als eine „Destabilisierung“, die nur risikofreudigen Naturen vorbehalten sein wird.

Die „Festigung des Bestehenden“ verheißt schließlich süße, verlockende Sicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte in ihrer vermeintlichen Ruhe nicht gestört werden. Wer mag es ihnen auch verdenken, schließlich wäre alles andere auch düster-beängstigend. Dabei wird gerne übersehen, dass das menschliche Leben selbst ständiger Veränderung unterworfen ist. Die „Stabilität“ erscheint uns nur harmonisch, wenn wir sie mit einem gewissen inneren Abstand betrachten; bei näherer Sichtung tun sich jedoch bei jedem von uns Dramen auf, die unterschwellige, destruktive Abgründe nur mühsam verdecken. Dies liegt – wie ich schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Science-Fiction-Literatur gezeigt habe – an den „riesenhaften Kräften“, die unser Bewusstsein kolonisieren, seitdem die Menschheit sich entschlossen hat, die nur instinktgebundene Existenz zu verlassen.

Ist ein solcher Status Quo, wie ich ihn aufgezeigt habe, es wert, erhalten zu bleiben? Ich meine „Nein“, denn alles andere verdient die Bezeichnung „Tod“.

Eine „Festigung des Bestehenden“ wäre für mich, um auf eine gesellschaftliche Argumentationsebene zurückzukehren, nur wünschenswert, wenn wir in einer Welt lebten, die derjenigen der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter, gleichen würde, die wiederum nichts anderes als eine freundlich-fröhliche Wicca-Welt darstellt.

Edred Thorsson beschreibt diesen Existenzbereich wie folgt:

„In diesem Reich wird das organische Vorbild der organischen Existenz geformt. Das ist eine Welt des ewigen Gleichgewichts der zyklischen Natur – hier gibt es ständiges Wachstum, aber man kann hier keine tatsächlichen Veränderungen oder Geschehnisse sehen. Es gibt ewiges Wohlergehen, Frieden, Freude und Bequemlichkeit. Es ist das Reich sowohl der organischen als auch der persönlichen Zyklen.“ (Thorsson, Edred: Die neun Tore von Midgard. Uhlstädt-Kirchhasel 2004, S. 74 f).

Wenn wir aber in diesem Land, welches wir auch mit „Utopien“ benennen könnten, (noch) nicht leben können, dann zeigen sich für mich im persönlichen Leben nur zwei praktikable Möglichkeiten auf, nämlich entweder gegen die riesenhaften Kräfte – wie Thor – zu kämpfen (und dieses „Kämpfen“ beinhaltet auch – obwohl sie es abstreiten würden – die Attitüde der sogenannten Lichtarbeiter und selbsternannten Lebensratgeber, sich zwanghaft alles schönzureden, um so den negativen Kräften keine Aufmerksamkeit zu geben) oder aber, was unbequem ist, sich mit den riesenhaften Kräften zu verbinden und sie dadurch letztendlich zu beherrschen. Dadurch lernen wir die Waffen unserer Gegner zu nutzen und können so die „benannten“ und „erkannten“ Kräfte – zumindest für uns selbst – unschädlich machen oder – um einmal den Sprachgebrauch meines Anti-Virus-Programmes zu bemühen – „in Quarantäne schicken“.

Eine schwierige Entscheidung ist dies und ich neige dazu, sozusagen hin und her zu switchen, wohlwissend, dass gerade letztere Möglichkeit keine Option für die Allgemeinheit darstellt und ich mich damit auf Wirkkräfte einlasse, deren Intentionen ich nicht immer verstehen kann.

Das Reich der Riesen charakterisiert Thorsson nämlich folgendermaßen:

„Als Ausgleich zu Vanaheimr ist Jötunheimr ein Ort ständigen Wechsels. Es und seine Bewohner versuchen alles, das ihnen begegnet, zu opponieren und zu ändern. Aber das Reich selbst kann in keiner eigenen Metamorphose untergehen. Es ist ein Katalysator für Veränderung und Evolution, kann sich selbst nicht ändern oder entwickeln. Jötunheimr ist ein Ort der Auflösung – und der möglichen Täuschung für die, die auf seine „Tricke“ nicht vorbereitet sind. Jötunheimr ist die reaktive Kraft der Zerstörung, die zur evolutionären Veränderung nötig ist. (Thorsson, S. 75)

Jötunheimr als Raum der „evalutionären Veränderung“ ist immer dann gefragt, wenn auch im persönlichen Leben Transformationen angesagt sind. Doch die Riesen sind – wie ich ja schon mit Hilfe der Schilderung meiner schamanischen Reise dargelegt habe – uns gegenüber gleichgültig eingestellt, und mehr als einen lässig von ihnen hingeworfenen Hinweis auf unsere vermeintlich großen Fragen können wir von ihnen – ganz praktisch gesehen – nicht erwarten. Um aber wahre Veränderungen herbeizuführen, müssen wir uns, so wir denn Magier sind, mit göttlichen Energien verbinden oder aber – dies ist die zweite Möglichkeit – göttliche Eigenschaften oder religiöse Vorstellungen zu einem eigenständigen göttlichen Wesen (aus uns selbst) personifizieren. Um aber erstere Möglichkeit zu praktizieren, muss die göttliche Kraft dazu bereit sein. Die Riesen, die ich quasi als Götter der Götter ansehe, sind es jedenfalls nicht. Loki aber, der zu den Asen gehört, andererseits aber sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite von Riesen abstammt, bietet uns diese Möglichkeit, verlangt aber durchaus seinen Preis dafür. Schließlich ist er ein „Trickster“ und daher müssen wir wissen, worauf wir uns bei ihm einlassen, was wiederum schier unmöglich ist.

Insbesondere stellt sich mir die Frage, ob es eine Option ist, sich mit der Energie von Loki zu verbinden, um die „Seelenfresser“, die meinem Weltbild entsprechend ja von den Riesen initiiert sind, zu isolieren

Zuerst erschien es mir unklar, ob Loki, der ja selbst von seiner Abstammung – sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite – ein Riese ist, hier unterstützend wirken kann.

Nachdem ich diese Frage eine Zeitlang mit mir herumgetragen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er dafür geeignet ist, schließlich verhält er sich gegenüber den Riesen ambivalent, hilft einerseits zum Beispiel Thor bei der Rückholung des Hammers Mjölnir, andererseits verschuldet er Balders Tod, was letztendlich zu Lokis „Fesselung“ durch die Asen führt, die sich dadurch – meine Interpretation – von nun an in besonderem Maße den „riesischen Energien“ ausgesetzt fühlen. Schließlich ist derjenige, der sie, eben durch seinen ständigen Gestaltwandel davor schützen konnte, nicht mehr dazu in der Lage. Insofern ist die Gefahr groß, dass die Asen von einer Gesellschafts-Hypnose heimgesucht werden und in Zukunft auch immer weniger die Menschen vor den Riesen schützen können, was sich gegenwärtig u.a. dadurch zeigt, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Überwachungsstaaten entwickeln.

So können wir uns also auf die Götter nicht mehr verlassen und sind auf uns selbst zurückgeworfen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit Lokis Kräften zu verbinden. Loki, mit seiner Vorliebe für den Gestaltwandel, kann uns, wenn ich einmal auf der Ebene von Midgard argumentieren darf, lehren, es ihm gleichzutun. Dies wiederum enthält die Option zu verhindern, dass sich die riesenhaften Kräfte an unser Bewusstsein andoggen. Wahrscheinlich ist eben dieser Gestaltwandel, wir könnten auch vom ständigen Paradigmenwechsel sprechen, im Ursprung eben eine riesenhafte Eigenschaft, die wiederum befähigt, den Einfluss der Riesen, der letztendlich zum Massenbewusstsein führt, zu beherrschen. Insofern kann Loki uns lehren, die soziale Matrix beständig zu unterbrechen und Stagnation, was immer gleichbedeutend mit einer Anpassung des Selbst an gesellschaftliche Konventionen ist, zu unterminieren.

Wenn wir uns mit Loki verbinden, dann lassen wir uns nicht mehr – ungewollt und getäuscht – von der Kraft der Riesen, die immer dann entsteht, wenn Menschen   aufeinandertreffen, verführen. Vielmehr haben wir es nun selbst in der Hand, die riesenhaften Energien für unsere Zwecke nutzbar zu machen. All das, was mit den Stichwörtern „Revolution“, „Rebellion“, „unorthodoxe Ideen“, „schillernder Charakter“ und „Verwandlungsfähigkeit“ beschrieben wird, holen wir so in unser Leben und dabei habe ich, um einmal zum Ausgangspunkt meiner Argumentation zurückzukehren, durchaus die Hoffnung, dass ich auf einer persönlichen Ebene damit mein „alltägliches Elend“ verändern kann. Du vielleicht auch!

Doch, auf eine gesellschaftspolitische Dimension bezogen, halten wir Ragnarök mit einer solchen Vorgehensweise nicht auf. Schließlich ist die aufgezeigte Handlungsweise eine individuelle, die niemals für die Mehrheit der Menschen einen praktikablen Weg darstellt. Und so wird am Ende aller Tage Loki, der sich von seiner Fesselung befreit hat, das Naglfar-Schiff steuern, um gemeinsam mit den von ihm mit der Riesin Angrboda gezeugten Ungeheuern, den Riesen und den Bewohnern Hels gegen die Asen zu ziehen (Gylf 50). Bevor Surtr, der Feuerriese, schließlich die Welt in Flammen aufgehen lässt, töten sich Loki und Heimdall gegenseitig und uns bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere, neue Welt.

Heil Loki!

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Metropolis und die Volksgemeinschaft

Der Film „Metropolis“, 1926 des Regisseurs Fritz Lang

„Der Film zeigt, dass Volksgemeinschaft nicht allein eine Utopie der politischen Rechten darstellte. Er spielt in einer Stadt der Zukunft, in welcher die Bevölkerung als zwei völlig gegensätzliche Klassen getrennt lebt: die Arbeiter, die unter der Erde als Sklaven der Maschinen im Elend dahinvegetieren, und eine Oberschicht, die im Sonnenlicht ihr seichtes Leben im sorgenfreien Luxus dahinplätschern lässt. Diese ungerechten Verhältnisse provozieren schließlich einen gewaltätigen Aufstand: Tobende Arbeitermassen wollen die Maschinen zerstören, in deren Dienst sie den Großteil ihres Lebens fristen. Doch eine solche Maschinenstürmerei hat dem Film zufolge katastrophale Folgen, denn ohne die technische Apparatur überflutet das Grundwasser die unterirdische Stadt der Arbeiter und droht die Familie zu ertränken. Durch diese dramatisch dargestelle Gefahr, die nur durch die Wiederaufnahme der Arbeit abgewendet wird, soll deutlich gemacht werden, dass eine gewaltsame Revolution im Letzten nur auf eine Selbstzerstörung der gesamten Zivilisation hinauslaufen würde.

Die Lösung der Missstände wird dem Film zufolge nicht durch den Kampf der Arbeiter für ihre Interessen erreicht, sondern von oben durch den idealistischen Sohn des Diktators und eine aufopferungsvolle Sozialarbeiterin, die beide für christliche Nächstenliebe, Einsatzbereitschaft und Mitgefühl stehen. Diesen Repräsentanten der jüngeren Generation gelingt es, Frieden zwischen Kapital und Arbeit zu stiften: Ein fester Händedruck zwischen dem zweckrationalen Manager und einem moderat-einsichtigen Arbeitervertreter besiegelt die Verpflichtung, gemeinsam eine harmonisch-humane Gemeinschaft Wirklichkeit werden zu lassen.

Ein solcher politischer Ausgleich von oben entsprach genau dem Programm von Hitlers Bewegung, die schon mit dem Namen Nationalsozialistische Arbeiterpartei ihre Verpflichtung zur Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit innerhalb der nationalen Grenzen betonte. Im Gegensatz zu den traditionellen Konservativen betonte sie ihren Anspruch, auch die Interessen der kleinen Leute im Auge zu haben, und im Gegensatz zu den marxistischen Linksparteien betonte sie ihre nationalistische Orientierung: Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards für jene, die für sie zum deutschen Volk gehörten. Das Ziel könne nicht durch Klassenkampf oder andere innenpolitischen Auseinandersetzungen erreicht werden, da diese nur die internationale Schwächung und Verarmung Deutschlands zur Folge hätten, sondern nur durch die Förderung der patriotischen Bereitschaft aller, dem Gemeinwohl zu dienen. Es ging nicht um materielle Gleichheit im marxistischen Sinne, sondern, wie Hitler am 27. Januar 1934 in einem Interview sagte, um die Verwandlung des Staates in „einen einzigen Organismus. Es gibt in diesem organischen Wesen keine Verantwortungslosigkeit, keine einzige Zelle, die nicht mit ihrer Existenz für das Wohlergehen und Wohlbefinden der Gesamtheit verantwortlich wäre.“ (Rohkrämer, Thomas: Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Paderborn 2013, S. 181 ff.)

Vor diesem Hintergrund, nämlich der Volksgemeinschaft, die es im Nationalsozialismus aufzubauen galt, ist wohl auch folgende Wandmalerei zu deuten, der ich gestern in Hildesheim begegnete.

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Über die Abgründe, die sich auftun können, gerade weil hehre und anscheinend gute Ziele verfolgt werden, wie hier  eben die Volksgemeinschaft,  kann uns folgender Ausspruch Mephistopheles treffend Auskunft geben:

Ich bin die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Kleine Anmerkung: Der geneigte Leser wird es bemerkt haben, dass ich hier –  mit einem Augenzwinkern – den Satz, wie er in Goethes Faust nachzulesen ist, kreativ verändert  habe.  In der neuen Version lässt sich nun leicht eine gewisse Aktualität erkennen,  schließlich trachten  heutzutage “Gutmenschen” danach,  inflationär unser Alltagsleben zu bestimmen.

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Aletheia

Leider muss ich gestehen, dass ich die tiefe Bedeutung von Aletheia noch nicht wirklich erfasst habe. Insofern ist das Folgende mehr als ein Versuch anzusehen,  was aber – zumindest ahne ich das – ganz und gar der Aletheia im Heideggerschen Sinne entsprechen mag.

Aletheia: Das ist die  Unverborgenheit. Das ist die Wahrheit, also die  Bedingung der Möglichkeit, dass das Seiende seiend ist, das sich wiederum als Phänomen manifestiert.

Damit die  Unverborgenheit in das Erscheinen aufgeht, muss sie  – quasi wie eine Quelle – aus der Verborgenheit hervorsprudeln.

Hier seht ihr, quasi als Illustration, den Gottesbrunnen in Langenholzen bei Alfeld:

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Die Quelle  ist darauf angewiesen, dass das Wasser, das aus ihr heraustritt, irgendwann wieder in den Erdgrund zurückfließt, andernfalls würde sie versiegen.

So gehört die Verborgenheit zur  Unverborgenheit. Das Entspringen braucht das In-sich-zurückfließen. Die  scheinbare objektive Gewissheit muss  wieder in das Subjektive zurückfinden, um neue phänomenologische Wahrheiten hervorrufen zu können.  Und mein Versuch eines Verständnisses des Aletheia-Begriffes kehrt somit in die Verborgenheit zurück,  um neu erfahren und neu erdacht, sich abermals einen Weg an die Oberfläche zu bahnen, um  eine Wahrheit zu verkünden, die vielleicht mehr als meine eigene subjektive Sicht der Dinge sein  kann. Vorläufig.  Unverborgen.  Der Zyklus beginnt erneut. Wahrheit geschieht und ich beende meine Reflexion über Aletheia fröhlich an der Apenteichquelle bei  Winzenburg. Verborgen.

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Totalitär!

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Und ich denke darüber nach, ob ich zum 70. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die Frage stellen darf/kann, ob das folgende Zitat Albert Speers nicht immer noch aktuell sein kann (und wenn ja, in welcher Form?):

“Ich gebe die Antwort nicht mehr ….: dass im System Hitlers, wie in jedem totalitären Regime, mit der Höhe der Postion auch die Isolierung und damit die Abschirmung wächst; dass mit der Technisierung des Mordvorganges die Zahl der Mörder abnimmt und damit zugleich die Möglichkeit größer wird, nicht zu wissen; dass die Geheimhaltungsmanie des Systems Grade des Eingeweihtseins schafft und damit einem jeden Gelegenheiten zur Flucht vor der Wahrnehmung des Unmenschlichen offenhält. …. Ich gebe alle diese Antworten nicht mehr …. Ob ich gewusst oder nicht gewusst, und wie viel oder wie wenig ich gewusst habe, wird ganz unerheblich, wenn ich bedenke, was ich an Furchtbarem hätte wissen müssen und welche Konsequenzen schon aus dem wenigen, was ich wusste, selbstverständlich gewesen wären. Die mich fragen, erwarten von mir im Grunde Rechtfertigungen. Doch ich bin ohne Apologie.” (Erinnerungen, S. 127)

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Mein Wohnzimmeratelier. Ein weiblicher Blick auf den Kunstmarkt

Den folgenden Artikel habe ich ursprünglich für Artwork International im April 2015 geschrieben:

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Mein Wohnzimmeratelier. Ein weiblicher Blick auf den Kunstmarkt

Der Kunstmarkt: Das ist der gesellschaftlich wahrgenommene und zelebrierte Kunstzirkus. Er unterscheidet sich vom Kunstmachen. Nichtsdestotrotz berühren sich beide Bereiche. Leider.

Bei dem, was ich im Folgenden aufzeige, greife ich auf meine persönliche Erfahrungen zurück, verwebe sie – den Nornen, den Schicksalsfrauen gleich – mit soziologisch anmutenden Beobachtungen: hoffnungsvoll subjektiv.

Und wenn ich auf diese Art und Weise über den Kunstmarkt schreibe, und zwar vorrangig unter der Zuhilfenahme meiner geschlechtstypischen Sichtweise, dann trifft das, was ich beobachte, eventuell nicht nur auf Frauen punktgenau zu, sondern auch auf Männer, die nicht normgerecht agieren, die nicht in das Portefeuilles eines Marktes passen und sich vielleicht standhaft weigern, formbar zu sein und passend gemacht zu werden. Insofern ist mein weiblicher Blick auch ein menschlicher, der angewidert eine aus den Fugen geratende und dem Marktdiktum unterworfene Kunstwelt betrachtet.

Und so stelle ich erst einmal fest, dass der Kunstmarkt, dominiert wird von Männern, um die 30 Jahre, die vielleicht protegiert vom Meisterkünstler-Lehrer der renommierten Kunsthochschule, die sie besuchten, sich mutig den Selektionsprozessen des Marktes stellen. Und so bewerben sie sich auf sogenannte Kunststipendien, die ihnen ein Auskommen, zugeschnitten eben, auf ledige junge Männer, die keine Familie zu ernähren haben und auch sonst keine Verantwortung übernehmen müssen, ermöglichen, bis sie in der aufstrebenden und hippen Galerie unterkommen, die sie bestenfalls zur Marke umgestalten wird. Und vielleicht – das ist Hoffnung und zugleich das uneingelöste Versprechen – steigen sie in den Zenit einer kitschigen Celebrity-Kultur auf. Vorerst aber heißt sie die Villa Massimo willkommen.

Weibliche Lebensläufe verlaufen häufig anders, als es der auf männliche Biographien ausgerichtete Kunst-Karriereplan vorsieht. Und auch wenn die jungen Frauen heutzutage selbstbewusst der Meinung sind, ihnen ständen alle Türen und Tore offen und nur Qualität und Durchhaltevermögen entscheiden letztendlich über den windigen Erfolg, der gleichbedeutend mit sozialer Aufmerksamkeit ist, dann werden sie – das ist die Weisheit des Alters – eines Besseren belehrt werden.

Warum das so ist? Frauen werden sich – anders als junge Männer -, gerade im Alter um die 30 Jahren, mit einem eventuellen Kinderwunsch auseinandersetzen. Die damit einhergehende Partnerwahl muss getätigt werden, wobei – kleine Anmerkung – hier ein verlässlicher Partner gesucht wird, kein halbseidener Künstler, der dazu verdammt ist, sich von Stipendium zu Stipendium zu finanzieren und der dann – was das schlechteste Szenario für die Frau ist – auch noch durch das Verdiensteinkommen der selbstaufopfernd auf die Kunstkarriere verzichtenden kunstliebenden Partnerin unterstützt werden muss.

Aber auch, wenn die Frau nicht zur Muse und/oder Ernährerin eines zeitweise in der Villa Massimo hausenden Künstlers geworden ist, wird sie Rücksichten nehmen müssen: auf Kleinkinder, Kindergarten-Bastelbespaßungen, Elternabende …, alles unspektakulär, irgendwie alltäglich langweilig, aber eine Multitasking Herausforderung in Zeiten, wo die Entscheidung für Kinder zwei verlässliche Eltern-Einkommen benötigt, die erst einmal (v)erdient werden müssen. Und so wird die mütterlich-väterliche Dienstleistung zur Konzeptkunst, die kein Oligarchen-Sammler mit finanziellen Zuwendungen unterstützen wird.

Und wenn dann Frauen, ungeachtet all dieser Tatsachen, dennoch den Kunstmarkt bespielen wollen, dann müssen sie – das ist die bittere Wahrheit – auf Kinder und zwischenmenschliche Beziehungsgeflechte zumeist verzichten und sich so über die tradierte Rolle der Frau, die sich jahrhundertelang in unsere Köpfe gemeißelt hat – selbstbewusst hinwegsetzen und sich dafür auch noch beständig rechtfertigen: gegenüber dem sozialen Umfeld und gegenüber sich selbst. Schließlich lockt die Selbstverwirklichung am Horizont, doch – oh Schreck – in Zeiten des Post-Kapitalismus ist die Bedeutung dieses hehren Wortes pervertiert worden und beschreibt nun nur noch die hemmungslose Bereitschaft, sich selbst zu Markte zu tragen, wovon im Übrigen auch die jungen aufstrebenden männlichen Künstler betroffen sind. Erbarmungslos!

Und da der Mensch kein Dienstleistungs-Roboter ist, tun sich – früher oder später – auf psychischer Ebene Abgründe auf. Frauen ahnen es wohl voraus, weswegen sich nur eine Minderheit von ihnen entschließt, diesen Weg der Marktkonformität zu gehen. Die Männer dagegen werden von den jeweiligen Partnerinnen und Müttern aufgefangen und stabilisiert. Erfolgreich.

Im ach so beliebten und momentan politisch protegierten Gender-Mainstream-Konzept wird über Quoten versucht, Frauen eine Teilhabe am traditionellen Arbeitsmarkt zu ermöglichen; der Kunstmarkt, der durch und durch kapitalistisch ist, quasi mega-kapitalistisch, sperrt sich gegen solche Reglementierungen. Der Kunde entscheidet. Nun kann man es bedauern, dass in der Welt der Krämer, Unterhalter und ihrer Auftraggeber, Frauen so wenig Beachtung finden; man muss es aber nicht.

Baselitz hat – in chauvinistischer Gutsherren-Manier – gesagt, dass die fehlende Präsenz von Frauen im Kunstmarkt an der mangelnden Qualität der Bilder von Frauen liegt. Er ist selbstbewusst: mit seinen immer gleichen und immer wieder kopierten Sujets von Figuren, die einfach nur kopfstehen; Immer wieder … bis das, was irgendwann vielleicht einmal originell war, nur noch eine Kopie ist. BlauPAUSE.

Seiner Meinung nach bestehen die Frauen “die Marktprüfung” nicht. Sie haben nicht die Grenze des „Schwachsinns“ erreicht, die Männer zu Künstlern macht. Auch fehlt ihnen deren „Brutalität“. Es ist die alte Leier von der künstlerischen Obsession, zu der nur autarke Männer fähig sind, die eben nicht Kind und Mann, vielleicht als Muse, unterstützen wollen oder müssen.

Überheblich, arrogant: immerhin mutig-offen. Herr Baselitz scheint sich gewiss zu sein, dass ihm niemand mehr vom Künstler-Podest stürzen kann. Ihr aber: Lasst mich mit den alten Männern in Ruhe!

So wenden wir den Blick zurück zu den Anderen, wie Simone de Beauvoir die Frauen in ihren immer noch erschreckend aktuellen Buch „Das andere Geschlecht“ gennant hat. Das sind also die Frauen, die Zwischenmenschlichem mehr Wert geben als den Zirkus der schnelllebigen Aufmerksamkeiten. Sie fallen in das schwarze Loch der Nichtbeachtung. Jede Frau lernt diesen Abyss – früher oder später – kennen: dann, wenn sie knapp über 30 Jahre alt ist und mit Kindern im Schlepptau den öffentlichen Raum betritt und später, ab 40 Jahren, sowieso: Man versinkt als Frau in die Unsichtbarkeit des Nicht-Beachtet-Werdens, was in unserer Welt der Krämer, auch immer gleichbedeutend damit ist, keine Achtung zu erfahren. Niemals.

Und so wird man(n) früh zur alten Frau gemacht, denn nur der männliche Blick, der interessanterweise mittlerweile auch von Frauen antizipiert wird, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.

Und so, wenn man sich dann, nachdem man im Beruf seinen Mann und im Familienleben, was in den modernen Zeiten auch immer häufiger zur One-Woman-Show verkommen ist, seine Frau gestanden hat, sich mutig und viel zu spät in die schillernde Welt der Kunstschaffenden stürzt, dann steht – die Enttäuschung ist groß – nur noch das Bespielen eines prekären Hobbymarktes offen.

Selbst die GEDOK, wie ja auch andere Frauen-Förderprogramme und -vereine, die ja per se weibliche Biographien berücksichtigen wollen, unterliegen den penetrierenden Marktmechanismen und honorieren, was ihnen selbst Aufmerksamkeit generiert: Frauenverbände, die hier Strukturen nicht hinterfragen, stellen allerdings niemals eine Alternative zum Status Quo dar. Das braucht kein Mensch.

Und so bleibt dann nur die Ausstellung im Freizeitheim, im Café an der Ecke oder im Friseursalon. Und hier verspricht Erfolg, was die herkömmlichen Sehgewohnheiten bedient – niedliche Katzen, hübsche Landschaften – was dem Publikum eben gefällt.

Und wer das nicht möchte, der protegiert im zweiten Künstlerleben andere Nichtbeachtete: wohlgemerkt aus Intentionen heraus, die im Eigenmarketing liegen. So werden dann Kunst- und Kreativkurse angeboten oder es werden – wenn man es sich denn leisten kann – kleine Galerien eröffnet, um gegen Geld wohlgemerkt, Ausstellungsfläche an andere Hobbykünstler zu vermieten, immer in der Hoffnung, dass endlich irgendjemand und irgendwer die Kunst wahrnimmt, die da selbst fabriziert wird: „Is there anybody out there?“

Aus aufstrebenden Künstlerinnen werden Kunst-Dienstleisterinnen. Sie verwandeln sich zur wohlgefälligen und allseits bereiten Clownin mit eingefrorenem Lachen und steigen so langsam, immer höher, aus dem Abyss auf: Geisterhaft und mir schleierhaft!

Lichtjahre davon entfernt spielt sich die Welt des „wirklichen“ Kunstmarktes ab.

Damien Hirst malt Punkte, – Dots – , auch um den islamischen Markt zu erfreuen und ist damit nicht weit von der Katzen-Ikonographie des Hobbymarktes entfernt, allein das „Reframing“ verheißt hier größeres. Und da, wo eigentlich bildnerisch keine Unterschiede gemacht werden können, da besinnt man sich auf dem Abschluss der Kunsthochschule, auf das künstlerisch überragende Konzept und darauf, dass irgendwer einen irgendwann einmal zur Marke umgestylt hat: widerstandslos. Und so grenzt sich der Künstler-Star von all den namenlosen Hobbykünstlerinnen und Dilettanten ab.

Und hier, in der Welt der wahren und was damit gleichbedeutend ist, in der Welt, der hochpreisigen Kunst, haben Frauen im Regelfall keinen Zutritt. Auch ansonsten finden sich hier, die Selektion ist hart, nur einige ausgewählte Männer: jung, unerschrocken, formbar. Ein gutes Pferd im Stall der Galeristen sollen sie sein. Hier kann noch investiert werden und vielleicht ergibt sich dann für all die Geldanleger und – wäscher eine saftige Rendite. Grenzenlos.

Die Kunstvereine, und Museen bedienen dieses Theater – wohlfeil – und vielleicht – so sage ich mir – ist es ein großes Privileg, nicht wahrgenommen zu werden.

Hier will ich keinen Gender-Mainstream, keine Überwindung der Diskriminierung der Frauen im Kunstmarkt, keine Teilhabe am Deformierten, am Kaputten, sondern möchte in der Separation von ökonomischen Belangen, von der Welt des Verkaufens und von der Kunst-Fabrik, das Refugium erblicken, dass – und jetzt werde ich ganz und gar altmodisch – den Künstlern und den Künstlerinnen die Möglichkeit bietet, mit sich selbst zu ringen, ohne dabei auf Marktgewohnheiten und Zeitgeist-Vorlieben schauen zu müssen. Was dabei herauskommt, so ist meine Meinung, kann dann niemals trockene Kunst nach Konzepten, die die Marktinteressen diktiert haben, sein, sondern wird – jenseits der kopflastigen Betriebswirtschaftsstrategien – herrlich kopflos sein. Kein schales Gerippe, blutleer, die Knochen klappern im Wind (hört ihr es?), ist es nun, sondern Kunst wird es sein: mit Fleisch und mit Herz, von freien Frauen und Männern geschöpft!

Und so liebe ich denn mein Wohnzimmer-Atelier.

Abb.: Das Wohnzimmeratelier von Marina Sosseh, geb. 1966 – Marina Sosseh kreiert ihre individuellen Mythologien, erwandert sie und bringt sie künstlerisch zum Erwachen. Sie lebt in Hannover mit ihren beiden Söhnen. Studium der Germanistik, Geschichte, Soziologie an der Leibniz Universität Hannover, M.A. und Realschullehrerin. Sie hat vielfältige Erfahrungen in den exotischen Provinzen Deutschlands und anderswo durchlebt, künstlerische Ausbildung bei Erdogan Blut (u.a.)., jetzt autodidaktische Weltenwanderin und Kultplatz(er)finderin.

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