Die schrecklichste Kunst-Ausstellung meines Lebens!

Ich kann mich nicht erinnern jemals so fluchtartig-genervt eine Kunstausstellung verlassen zu haben, wie heute. Es ist der 27.9.2015. Es ist der letzte Tag der Präsentation von Pipilotti Rist in der Kestnergesellschaft Hannover und unglücklicherweise fühlte ich mich bemüßigt das, was andere schon hochgelobt haben, mit eigenen Augen zu sehen, ohne mich jedoch im Einzelnen vorab genauer über die Künstlerin, ihre Intention und ihr Werk zu informieren. Wäre ich doch lieber durch den Hermann-Löns-Park geschlendert oder in den Wellness-Bereich meines Fitness”Clubs” verschwunden! Nein, ich wollte fremde Kunst, die andere erdacht und kuratiert hatten, KONSUMIEREN. Das war ein Fehler.

Der erste Installationsraum im Kultur-Verein hing voller Kugeln, in denen sich Videos von Untersee-Landschaften in Großaufnahme spiegelten. Deep Blue. Das sah hübsch aus und würde sicherlich einen netter Empfangsraum für Sea Life abgeben, aber – ach -, die haben ja richtige Fische, dachte ich mir.

Der nächste Raum verhieß Spannung, schließlich musste ich die Schuhe aussziehen, um mich dann auf dunkle Baumarkt-Teppich-Auslegplatze hinzufletzen und bei weich gespülter New-Age-Musik, nur unterbrochen vom beständigen Gemurmel des Pärchens mit den rot-karierten Hemden hinter mir, eine visuelle Reise durch Körperwelten in Großaufnahme anzusehen, die in Überblendung und mit Kaleidoskop- oder Was-auch-immer-Effekt zu Natur-Bildchen, ebenfalls in Großaufnahme , überleiteten. Kunst als Event. So schön kann das Leben also sein, wenn alles fließt und sich miteinander zur glücklichen Seelenmassage vereint. Wohlgefällige Werbeästhetik ist das, allein die Werbe-Einblendung für die vegane Haut-Creme fehlte mir.

Dem Publikum wird es wohl in der Mehrzahl gefallen haben, schließlich wird hier eine Instagram-Ästhetik bedient, die unser ganzes Leben in monetesierbare Bahnen lenkt. Werbe-Ausstellungs-Design wird zur Kunst transformiert, indem die Messehalle mit dem Kunstverein ausgetauscht wird, indem also einfach die Räumlichkeit und so der Bezugsrahmen gewechselt wird. Alles ist beliebig. Wellness pur eben.  Eat, Pray, Love.

So mit visuellen, inhaltsleeren Eindrücken abgefüllt, begab ich mich in die oberen Räume, wo mich Konzeptkunst erwartete. Ich mag keine Konzeptkunst! Nan Goldin hatte hier die überaus originelle Idee Fotografien von alten Meistern des Louvres mit denen von ihren mehr oder weniger bekleideten Freunden, Bekannten oder anderen Narzissten zu kombinieren. Das ist eine nette Idee, die sicherlich für Facebook und anderen Netzwerk-Seiten geeignet erscheint, ansonsten aber nicht viel mehr ist, als die “Kreativ-Aufgabe” für den Oberstufen-Kurs, der eventuell – in der Folge – zu praller Kunst führen könnte. KÖNNTE! Das hier aber sind die blossen Vorübungen, von denen aber – so meine Vermutung – zumindest die Abgebildeten begeistert sind. Schließlich wird ihren Portraits nun durch  die Kontextuierung mit antiker Louvre- Mythologie ein Bedeutungsrahmen erschaffen, der – das fürchte ich – nicht wirklich vorhanden ist. Hohl-Kunst eben. Das hippe Kunst-Publikaum jedoch erschauert vor gespielter Begeisterung. Ich zumindest flüchtete aus der Kuratorinnen-Führung.

Zur Illustration dieses Beitrags kann es nur ein Nicht-Bild geben:

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Unehrlichkeit

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Unehrlichkeit: Dieser Begriff bezeichnete im Mittelalter und in der beginnenden Frühen Neuzeit keine sittlich-moralische Kategorie, vielmehr handelt es sich um eine juristische Definition. „Unehrlich“ war, wer einen „unehrlichen“ Beruf ausübt. Dies waren, wobei es je nach regionaler Definition durchaus Unterschiede gab, zu Beginn des 15. Jahrhunderts beispielsweise Henker, Latrinenleerer, Schinder, Gaukler und Prostituierte.

Beim Versuch einer einheitlichen Definition dieser Berufe kann man oberflächlich davon ausgehen, dass umherziehende Fremde, seien es nun Schausteller, Wahrsager oder Scherenschleifer, genauso wie Menschen, die mit der Tötung von Lebewesen zu tun hatten, als „unehrlich“ galten.

Allerdings fasst diese Erklärung nicht alle „unehrlichen“ Berufe zusammen, zumal die Auslegung von Landesteil zu Landesteil unterschiedlich gehandhabt wurde. Die Leinweber beispielsweise, deren Beruf in einigen Regionen als „unehrlich“ galt, in anderen wiederum nicht, entziehen sich dieser Definition.

Wie dem auch sei: Auf all diese beruflichen Gruppierungen konnte die Gesellschaft zwar nicht verzichten; die Menschen jedoch, die diese Arbeiten ausführten, wurden verachtet.

Insofern nehme ich jetzt mutig an, dass derjenige, der den „unehrlichen“ Berufen angehörte, auch nichts mehr zu verlieren hatte und wenn er nicht, was in Mitteleuropa der damaligen Zeit jedoch extrem unwahrscheinlich gewesen wäre, dem Determinismus eines indischen Kastendenkens verfallen wäre oder, was wahrscheinlicher ist, die Plagen des jetzigen Lebens auf eine göttliche Belohnung jenseits des „Jüngsten Gerichtes“ verortet hätte, dann wäre durch eine solche Stigmatisierung der Geist der Rebellion geschürt worden.

Dem Leser wird nun aufgefallen sein, dass dies eine selbstbewusste Behauptung von mir ist, denn schließlich kann ich nicht sicher sein, ob die psychische Verfassung eines heutigen Menschen mit dem eines Menschen im 15. Jahrhundert auch nur annähernd vergleichbar ist. Angenommen jedoch meine waghalsige Hypothese würde stimmen und die menschlichen Unterschiede wären nicht so groß wie man es vielleicht vermuten könnte, dann ließe sich annehmen, dass diejenigen der Unehrlichen, die sich der religiösen Daumenschraube entledigt hätten, gerade bedingt durch ihre angenommene Stigmatisierung, auch im 15. Jahrhundert schon fähig zum sozialen Protest gewesen wären.

Ich nehme also an, kann es jedoch nicht verifizieren: Wer zu den „unehrlichen“ Schichten gehörte, wollte – von Ausnahmen abgesehen – „ehrlich“ sein. Wer heute zur Mittelschicht gehört, orientiert sich an einer elaborierten Geldadelsschicht, um eine Zugehörigkeit zu erlangen, die doch verwehrt bleibt. „Bildung“ soll dann den Ausgleich schaffen, ungeachtet der Tatsache, dass in Deutschland Bildung schon längst kein Garant mehr für gesellschaftlichen Aufstieg darstellt. „Unehrlichkeit“, im Sinne meiner vorangegangenen Erläuterungen, ist „die“ Waffe überhaupt, die uns in einer Gesellschaft überleben lässt, die vom Verlust von Heimat geprägt ist und die uns dafür nur die trostlose Anonymität einer stylischen Großstadt gibt, die als einzigen Wertmaßstab die Huldigung der Warenwelt kennt. Die „unehrlichen“ Berufe sind heute vom Prekariat abgelöst worden. „Unehrlichkeit“ gibt uns die Freiheit zurück, auf anerzogene Normen und Werte zu pfeifen, die uns doch nur gefangen halten, zumal heutzutage Angehörige des Prekariats durchaus ein hohes Bildungsniveau erreicht haben und so intellektuell durchaus in der Lage sind, das Gefängnis als ein solches zu erkennen.

Jetzt will ich sicherlich nicht zum gewalttätigen Widerstand aufrufen, vielmehr zu einem leisen, friedlichen Protest, der beispielsweise durch gezielte Konsum-, Arbeits- und Medienverweigerung sein Ziel erreicht. Denn wenn wir ehrlich mit uns selbst sind: Wir haben nichts zu verlieren, außer das Kokon aus vermeintlicher Sicherheit, das aber in Wirklichkeit „Sklaverei“ heißt. Wie sagte schon Rousseau: „Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.“

Solange wir mitmachen, weil wir meinen, dass auch wir partizipieren können, stützen wir eine kleine Machtelite, die sich nicht um uns kümmert, die uns bei lebendigem Leibe ausbluten lässt – erbarmungslos. Und indem wir uns noch an angeblich „guten“ Glaubenssätzen klammern, domestizieren wir uns dabei selbst, ohne dass die Sklaventreiber auch nur in Erscheinung treten müssen. Alles verläuft subtil, was ungemein perfide ist.

So lasst uns all die überlieferten Dogmen, die uns daran hindern, die Faust zu ballen und auf unser Lebensrecht zu bestehen, fortwerfen. Wenn wir nicht verdammt sein wollen, ewige Verlierer zu sein, müssen wir den Mut haben, für uns selbst einzutreten. In diesem Sinne verstandenes „unehrliches“ Verhalten bringt Vorteile, denn wir erlangen damit unsere Selbstbestimmung zurück, was ja im modernen Sinne auch wirkliche Ehrlichkeit, nämlich Integrität, bedeutet. Lieber habe ich Feinde, als dass ich hinterrücks müde bemitleidet und belächelt werden.

(Textauszug aus meinem Buch “Lasst uns böse sein”, Foto: Dresden nach dem Bombenangriff am 14.2.1945)

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ALIENation am Nicht-Ort

Es gibt Nicht-Orte.

Diese Woche war ich an einem. Schaut selbst, wie es dort ausschaut:

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Das ist eine Fake-Landschaft auf der Industrie-Brache. Hier führt die Bundesanstalt für Arbeit Projekte durch, die Erwerbslose dadurch beschäftigt, dass sie Blumenbeete auf Industrie-Erde anlegen oder floreale Blumenarrangements kreieren.  Eine Arbeitslosen-Industrie schafft so Beschäftigung, indem sie Menschen markttauglich für einen Markt macht, der überhaupt nicht (mehr) existent ist und deren blumige Ergebnisse genauso verloren auf mich wirken, wie das Tun der dortigen Beschäftigten, die sich einer Kompetenz-Industrie unterwerfen müssen, anstatt frei und kreativ zu fliegen.

All dies hat mich hochgradig künstlerisch inspiriert. Es entstand eine Folge von Bildern, bei denen ich mich dem Genius Loci dieses Nicht-Ortes anzunähern versuchte:

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Mein letztes Bild der Serie zeigt in Groß-Aufnahme, was die erste Zeichnung, in der oberen Ecke nur schemenhaft angedeutet hat. Ob hier Hoffnung sichtbar wird? Entscheidet selbst!

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Lost Places: Limmer, Hannover

Demnächst wird das alles nicht mehr wieder zu erkennen sein. Das Bürogebäude und der Turm bleiben sicherlich erhalten, ob die Fabrikhallen bestehen bleiben und/oder umgenutzt werden können, ist fraglich. Sicher ist jedoch, dass da, wo jetzt noch düstere Ruinen die Phantasie beflügeln, bald langweilige Häuser und Wohnungen für die Performer der neuen Zeit stehen.

Die alten Fabrikanlagen halte ich für architektonisch-ästhetisch hochgradig interessant, da sie eine Zone zwischen der Neuen Sachlichkeit und den Feudalbauten  der alten Zeit eröffnen. Wenn dann der Verfall noch hinzukommt, eröffnen sie für den Betrachter wilde Räume, die die Phantasie beflügeln und dringliche Fragen nach der Vergänglichkeit unseres Tuns stellen. Die Industrie-Ruinen zeigen an, dass das, was gerade eben noch modern für uns war und was das Leben der damaligen Menschen nachhaltig bestimmt hat, nun schon wieder im  Zeitstrom versunken ist. Der Referenz-Raum der Bauten der industriellen Ära ist ein für allemal abgelaufen. Die Brache wird nun zur Zwielicht-Zone zwischen dem, was war und dem, was kommen kann. Da, wo die Zukunft noch nicht verplant ist, entstehen kreative Zonen, die in die Gegenwart zaubern können, was jenseits der Welt der Krämer liegen mag. Insofern bieten solche Plätze uns immer auch HOFFNUNG an.

 

 

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Geomantische Entdeckungen in Bad Harzburg

Da, wo einst eine Thingstätte ein mysthisches Naturerlebnis vermitteln sollte, im Stadtpark von Bad Harzburg, erhebt sich jetzt ein Kletterpark und ein Baumwipfelpfad, dessen Konstruktionen so aussehen, als ob Aliens sie dort haben unachtsam fallen lassen. Nicht schön ist das und letztendlich auch  nichts weiter als eine Zerstörung der Landschaft zugunsten eines lauten Event-Tourismus.

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Oben auf dem Berg erwartet mich dann die Canossasäule und die Ruine der alten Burg. Dort steht: “Nach Canossa gehen wir nicht. Reichtagssitzung 14. Mai 1872”. “Kein schlechter Wahlspruch in unruhigen Zeiten”, denke ich mir.

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Die von Hans Bergmann 1932 geschaffene  Harzsagenhalle war  leider nicht geöffnet.

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Von dort machte ich mich auf zum Kreuz des Ostens und war auf dem Weg dorthin angenehm überrascht von einem recht unscheinbar wirkenden Ort, der jedoch starke Energien aufwies: Der Sachsenbrunnen.  Das Wasser, das da strömt, kommt aus der Endleitung einer historischen Leitung, die einst die Wasserversorgung der Burg sicher stellen sollte, die jetzt aber vollkommen modernisiert wurde.  Der Ort aber an sich weist immer noch hohe Lebens-Energien auf. Ich habe die Bovis-Einheiten dort  gemessen und kam hier auf ca. 16500, was einen spirituellen Ort beschreibt.

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Weiter ging es zum Kreuz des Ostens, eines Felsgebildes, das von einem gigantischen Kreuz gedeckelt wird und dass in Richtung der verloren gegangenen deutschen Ostgebiete ausgerichtet ist. Im Halbkreis dazu finden sich Steine mit den Wappen der jeweiligen Landesteile.

Die Energien an diesem Ort  kamen mir sehr schwer vor. Sie erzählen von Leid und Elend,  das in der aktuellen Zeitströmung nicht integriert, sondern negiert wird. Der Halbkreis verlangt immer noch  danach, geschlossen zu werden, was vielleicht u.a. auch  so verstanden werden kann, dass, wenn ich denn die Nation als einen Körper ansehe, dessen zwanghafte Amputation nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch Phantomschmerzen erzeugt, die geheilt werden müssen.  Wegsehen kann keine Lösung sein.

Das Kreuz selbst, was recht unachtsam auf den Felsen angebracht ist,  scheint mir  ein Empfänger für astronomische Energien zu sein, was von den Erbauern sicherlich nicht beabsichtigt wurde, nichtsdestotrotz aber diese Funktion übernommen hat.  Wer weiß, vielleicht ist es eine Art von  Akupunkturnadel, die  die nicht integrierten Themen erlösen will? Dafür spricht auch, dass die  Bovis-Einheiten 18000 betragen, was sehr hoch ist.

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Von hier aus wanderte ich zu den Rabenklippen. Zu der Ortsenergie erhielt ich  keinerlei Zugang: zu groß war der Andrang von Selfie-knipsenden Besuchern.

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Über das Molkenhaus, dass mit BE 11000 ein angenehm verspielter Ort ist, ging es dann wieder zurück nach Bad Harzburg.

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Während der gesamten Wanderung war immer wieder die Präsenz des Brockens für mich spürbar, der – da bin ich mir sicher – ein heiliger Berg ist, dessen Kraft die ganze Harz-Region zu einem einzigartigen Landschaftstempel hat werden lassen.

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Unkalkulierbarkeit als neue Tugend oder Wege aus der Mobbinggesellschaft

Jetzt hat mich letztens  jemand als “unkalkulierbar” bezeichnet.

Für mich war klar, dass damit meine Person abgewertet werden sollte, was mich im ersten Moment schwer verletzt hat. Gerade deshalb machte ich mir in der Folgezeit so meine Gedanken, ob die Aussage auch in meiner Einschätzung negativ oder doch eher positiv sein könnte. Ich kam dabei zu interessanten Ergebnissen, die ich hier gerne teilen möchte.

Am Anfang meiner Überlegungen steht ein Satz, den ich im philosophischen Radio hörte. Er  besagt, dass je genauer wir etwas vermessen, umso mehr  die Unterschiede hervortreten.

Wenn ich also in der Arbeitswelt ständigen Evaluationen unterworfen werde, fördert das die Qualität nur insofern, als dass sie alle Mitarbeiter an einer äußeren Schablone misst, deren Kriterien meist noch nicht einmal kommuniziert, geschweige denn selbst bestimmt werden. Man könnte hier auch von Gleichmacherei, Maschinisierung, Entmenschlichung, Zombifizierung sprechen. Der Untergang des Abendlandes naht, wie Herr Spengler schon im Jahre 1920 richtig erkannt hat.

Wer in die Schablone passt oder sich passend macht, darf friedlich weiter seine Tätigkeit verrichten. Die Handlung an sich aber, dass hier nämlich  überhaupt eine Schablone an die Arbeits-Sklaven angelegt wird, führt dazu, – oh Schreck – dass einige Mitarbeiter als nicht regelkonform und somit für das zweifelhafte System als störend eingestuft werden. Dank der Schablone fällt das nun auch den dumpfesten Persönlichkeiten richtig auf; deshalb muss nun – wie ja schon eine volkstümliche Spruchweisheit verkündet – , was nicht passt, passend gemacht werden.

Regeln werden aufgestellt, die nun streng überwacht werden. Die Meute kann losgelassen und die Hetze kann beginnen, indem andere – besser genormte Mitarbeiter – auf das “schwarze Schafe” angesetzt und/oder konstruierte Sachverhalte instrumentalisiert werden. Der Einfachheit halber ist das Mobbing-Opfer nur eine Person, da nur so gemeinschaftliche Solidarität gegen die nächste Stufe der Hierarchie-Pyramide verhindert werden kann. Der Sündenbock trägt nun die alleinige Schuld für das schlechte Abschneiden im Evaluations-Ranking, die mangelnde Auslastung, die Kritik im Netz, … usw. Probleme werden individualisiert und die Kollegen atmen freudig auf, dass ihre zeitweilige und geheime Regel-Unkonformität nicht aufgedeckt wird und freuen sich darüber, dass nicht sie an den Pranger gestellt werden, sondern jemand anderes.

Es folgen zweifelhafte Disziplinierungen, vielleicht auch die Entfernung aus der Gemeinschaft der Befehlsempfänger. Die Existenzsicherung wird angegriffen; die Gesundheit mit psychischem Druck zerstört.

In anderen Parallel-Kulturen werden Hühner geopfert, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Sind wir davon so weit entfernt?

Ich denke nicht. In unserer posthumanen Gesellschaft ist nur der ein guter Mitarbeiter, der – im Sinne der Herrschaftsausübung – kalkulierbar für eine Gesellschaft ist, die schon längst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern nur noch die Interessenvertretung einer Elite darstellt, die ihre Macht  nur  mit Hilfe all der Büttel des Systems, die – während sie ihr merkwürdiges Tageswerk verrichten – noch davon ausgehen, dass sie dem “Guten” dienen, letztendlich ihre Seele aber schon der Bewusstlosigkeit geopfert haben, aufrechterhalten kann.

Umso mehr sich das Gesellschaftsgefüge im Neofeudalismus auflöst, umso mehr muss im kleinen System, also beispielsweise im Arbeitsumfeld des Krankenhauses, des Finanzamtes, des Wirtschaftskonzerns  oder was weiß ich, institutioneller Druck aufgebaut werden, einfach um zu verhindern, dass die Zeichen des Zusammenbruches, die sich im Außen schon deutlich zeigen, nicht nach Innen auswirken. Die Methoden des Wirtschaftsliberalismus im Konglomerat mit einer anscheinend ungebrochenen deutschen Tradition, die vom Soldatenkaiser bis zur Gegenwart führt, und die die zweifelhafte Tugenden des Obrigkeits-Glaubens, des Wegschauens, Weghörens und des Mund Haltens befördert, soll das Herrschaftssystem fest in Beton gießen. Hinzu kommt eine Medien-Propaganda-Maschinerie, die das Bewusstsein der Menschen mit Kalendersprüchen verflacht. Umso dümmer die Bevölkerung, umso mehr Nutzen ziehen die Eliten daraus.

Mit all den aufgezeigten Methoden, das ist die Hoffnung, soll das System am Laufen erhalten bleiben. Die Gefahr ist allerdings groß, dass deren einzelne Mitglieder dabei schwermütig werden, was dann erst einmal einen erbarmungslosen Austausch von schwächelnden Mitarbeitern durch neue, die den Druck noch verkraften können, rechtfertigen wird. So braucht es dann kurzfristig u.a. einen unkontrollierten Bevölkerungsschub aus der ganzen Welt, der die Erwerbssuchenden, Erwerbslosen und “Drückeberger” – wie sie ja auch medienwirksam genannt werden – dazu bringen wird, immer prekärere Lebensumstände zu tolerieren. Zusätzlich werden die Menschen durch vielfältige und  künstlich  ins Haus geholte  Kultur-, Religions- und Existenzkonflikte vom Nachdenken abgehalten.

Das hier aufgezeigte ist mittlerweile  bundesdeutsche Gegenwart, die allerdings – meiner Einschätzung nach – nicht von einem “Superhirn” geplant wurde, sondern – im Gegenteil –  eher einer unbewussten Konsens-Politik geschuldet ist.

Ich komme jetzt zum Blick in die Zukunft.

Die Halbwertzeit, um mal einen passenden Begriff aus der Ökonomie für Sachwerte zu benutzen, indes wird – das ist meine Prophezeiung – bei der kommenden Generation von Arbeitssklaven geringer ausfallen, als bei der jetzigen. Bei einer gleichzeitigen weiter zunehmenden Robotisierung der Arbeitswelt ist hier Nachhaltigkeit jedoch nicht mehr nötig, auch wenn die Mitarbeiter des Gesundheits”management” das Gegenteil behaupten mögen. Die unverfälschte Wahrheit ist aber, dass das System nur so lange am Leben erhalten bleiben muss, bis der technische Fortschritt so weit gediehen ist, dass intelligente Maschinen die meisten Arbeitsabläufe fast vollständig übernehmen können. Das wird – so meine Einschätzung – bei gleichbleibender technischer Entwicklung spätestens in zwanzig Jahren der Fall sein.

Die Maschinen, einmal programmiert, werden das Bestehende zementieren, indem sie die Notwendigkeit einer Kontrolle obsolet machen, indem sie offensichtlich und für jeden einsehbar “richtige” Arbeits-Ergebnisse liefern. Der Weg dorthin ist indes nicht mehr überprüfbar, wer will schon eine rationale Beweisführung mit millionenfachem Daten-Output verifizieren können? Das gelingt niemanden,  weswegen uns eingeredet werden wird, dass wir den Maschinen  ganz einfach (sic!)  vertrauen müssen. In dieser Phase der Auflösung (von Entwicklung will ich hier nicht mehr sprechen, schließlich enthält dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch implizit immer auch die Hoffnung auf einem positiven Fortschritt) werden die ehemaligen Arbeits-Sklaven bestenfalls noch als Unterhalter und Konsumenten benötigt, wenn überhaupt.

Ich denke an dieser Stelle lieber nicht weiter und verweise auf die zahlreichen Science Fiction-Produktionen in den Kinos, die uns auf weitergehende Szenarien vorbereiten.

Wenn wir indes all das hier Aufgezeigte nicht wollen, brauchen wir  die Tugend der Unkalkulierbarkeit, die offensichtlich gefürchtet wird. Wir müssen das Dogma der Rationalität hinterfragen und darüber nachdenken, was wir von vergangenen Zeitaltern lernen können, die sich in der Gegenwart nicht in der Form durchgesetzt haben, wie die Aufklärung und ihr alleiniger Gott – die Ratio. Brauchen wir also beispielsweise eine neue Romantik? Ich meine ja.

 

Hört auch hier:

Wolfgang Buschlinger – Das philosophische Radio

Sinngemäß  wird hier  gesagt, dass das Funktionieren  idealisiert und derjenige, der vermeintlich reguliert werden muss,  als “geisteskrank” stigmatisiert wird: Wolfgang-Schmidbauer-Redezeit

 

Die blaue Blume der Romantik:

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