Die schwarze Sonne

260820151969

Marko Pogacnik schreibt über seine Erfahrung mit der schwarzen Sonne in “Synchrone Welten”. Ulm 2011, S. 54:

In diesem Augenblick packt mich eine furchtbare Kraft und hebt mich schwindelerregend hoch ins Universum. Ich erfahre mich als völlig isoliert in einem unendlich kalten und leblosen Raum. Es gibt nichts, womit ich eine Beziehung aufnehmen könnte. Die Welt, in der ich mich befinde, ist ganz und gar fremd und unfreundlich. Ein unbeschreibliches Gefühl von Unglück überflutet mich. Ich bin winzig einem riesigen Raum ausgeliefert und endgültig verloren. Zum Glück darf ich im nächsten Moment wieder in meinem warmen Körper zurückfinden.

Das was der Autor hier als negatives Trance-Erlebnis schildert, ist das, was der Anhänger des Pfades zur linken Hand sucht. Die Isolation vom natürlichen Universum muss vollzogen werden, um in die vollkommene Bewusstheit des Selbst zu gelangen. Das ist – dies hat Marko Pogacnik richtig erkannt – ein zutiefst beunruhigender Prozess, der einen danach schreien lässt, wieder in die Gemeinschaft der liebenden Mitmenschen, des mütterlichen Universums oder in den heimeligen Verein aufgenommen zu werden. Wir wünschen doch – im Innersten unseres Herzens – Verbindung und Vergesellschaftung, doch hier ist Ent-Gesellschaftung und Entfremdung geboten.   Erschwerend hinzu kommt – wenn  diese Schwelle erst einmal übertreten ist –  gibt es nur insofern einen Weg zurück, als dass man partiell und Kraft seines Willens entscheiden kann,  für eine gewisse Zeit im Paralleluniversum des  einlullenden All-Einheitsgefühls zu verbringen, quasi zur Erholung. Dies kann aber niemals mehr von Dauer sein, zu deutlich sticht  für uns dessen Scheinheiligkeit  aus der Matrix hervor und angeekelt müssen wir uns davon abwenden.

Marko Pogacnik, wenn ich ihn denn richtig verstanden habe,  geht davon aus, dass die Kraft der schwarzen Sonne, die er negativ interpretiert,  nachlassen wird und das jenes, was ich hier als Scheinheiligkeit beschrieben habe, in der Zukunft so  lichtvoll sein wird, dass keine Schatten mehr auftreten.  Im Schema der neun Welten wäre dieser  Zustand in Lichtalfheim erreicht,  der sich mir noch nicht erschlossen hat und den ich in der Zukunft schamanisch-künstlerich bereisen möchte.

Mein momentaner Erkentnisstand lässt sich vorläufig in der hypothetischen Aussage zusammenfassen, dass wir weder alleinige Kinder der lichten noch Kinder der schwarzen Sonne sind.

Zu dieser Erkenntnis brachte mich u.a. das Anschauen einer Dokumentation über den Künstler  James Turrell. Er versucht  in seinen beeindruckenden  Sky-Objekten den Himmel mit seinen unterschiedlichen Sonnen-Lichtqualitäten  für uns erfahrbar zu machen. Der Mensch nämlich  kann den  Blick in die Sonne und das grelle Licht nicht aushalten und muss seine Augen zukneifen. Er ist ein Geschöpf des Zwielichtes.

Ich fasse zusammen: Es ist uns nicht möglich, die Sonne unmittelbar zu erfahren.

Auf einer symbolischen Ebene stellt die helle Sonne die Welt  für Gott und für dessen Anbetung. Es  ist die Religion der Herde und – ganz aktuell – des scheinbaren Gutmenschentums, dass – ohne selbst nachzudenken – vorgegebenen Regeln und Werten blind folgt und devot um Hilfe bittet, wenn sich denn die verschiedenen Abgründe des Daseins auftun. Die Wirklichkeitsebene der bewusstlosen  Unterwerfung  müssen wir uns nicht mühsam aneignen; wir werden quasi in sie hinein”erzogen”  und  von ihr müssen wir uns  isolieren , um  so die falsche Moral zu durchbrechen.  Das ist eine wahrlich schwierige Aufgabe und dafür steht bildlich das Zeichen der schwarzen Sonne.

Die schwarze Sonne  fordert uns dazu auf,  mit ihr furchtlos zu arbeiten  und gerade dadurch ein eigenmächtiges ethisches Gewissen zu erlangen, was denen der Herde und ihrer Schafe  überlegen sein muss.

Die schwarze Sonne birgt jedoch immer die Gefahr,  sich in ihr  zu verlieren und zu dem zu werden, wovor man sich einst grauste und was eigentlich der Ausgangspunkt war,  um überhaupt die Lethargie Midgards zu verlassen und zu beschließen, dass da mehr sein muss, als nur blanke hedonistische Gefälligkeiten und vielfältige  Lakaien-Dienste.

Und so ist die Kraft der  schwarzen Sonne, die gleichermaßen tief im Innern der Erde brennt, wie auch in uns selbst,  kein Feuer was uns wärmt.  Es trennt uns. Wir starren in ihr kleineres Symbol – die schwarze Flamme – und gehen unseren einsamen Weg weiter und weiter. Wir blicken nicht zurück.

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