Die Wewelsburg

p1000782

Gestern machte sich die Wildfrauenhaus-Wandergruppe zur Wewelsburg in das nördliche Westfalen auf. Von Paderborn aus brachte uns der Bus direkt zur Burg, die wir allerdings erst einmal links liegen ließen und eine kleine Rundwanderung startete. Diese führte uns zuerst durch dunkle Niederungen, in der wir all die Erschöpfungen der letzten Arbeitswoche ließen, bevor wir bei den “Sieben Eichen” unseren Umkehrpunkt  und nach einer kurzen Steigung die lichte Feldmark erreichten.

Unsere kleine Tour erinnert indirekt an die Freimaurer-Gärten, die ja auch den Gartenbesucher erst in den “dunklen Wald” und die Einsamkeit führen,  um Kontemplation und die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit zu befördern, bevor die freie Fläche mit den Obstbäumen erreicht wird (siehe  u.a. auch: Hinüberscher Garten). Und wirklich fanden auch wir am Wegesrand noch Apfelbäume mit Früchten vor.

Nach einer kleinen Stärkung ging es dann, entlang der Feldmark,  zur Burg zurück. Der Nordturm mit seiner Gruft und den Obergruppenführer-Saal zog uns magisch an. Die “schwarze Sonne” wollte von uns besucht werden, nachdem einer meiner Begleiterinnen noch ein Mistelzweig vor die Füße fiel, der in den kommenden Rauhnächten wohl ihre Wohnung zieren wird.

Marcello La Speranza schreibt zwar in seinem Buch Brisante Architektur, dass die Betreiber der Wewelsburg auf Information setzen und dass sie die Geschichte des Ortes nicht vertuschen wollen (vgl. S. 200), jedoch scheint mir die Platzierung des Ikea-Equipments  mit Sitzsäcken und Beistelltischchen auf der schwarzen Sonne  genau die gegenteilige Sprache zu sprechen. Es wird sozusagen nur so getan, als ob hier offen mit der eigenen Historie umgegangen wird und ein freier Diskurs befördert werden soll.  In Wirklichkeit  aber wird die staatlich vorgeschriebene Interpretationshohheit niemals aufgegeben und nur eine pädagogisierter Sichtung zugelassen, der den Besucher zum “dummen Kind” degradiert, dem nicht zugetraut wird, eigene Schlüsse zu ziehen.  Folgerichtig lässt sich der Nordturm auch nicht über den Burgplatz begehen (Die Tür ließ sich zwar noch öffnen, aber dann versperrte ein Gitter den Zugang!), stattdessen muss erst eine textlastige  Ausstellung über die Gräueltaten der Nationalsozialisten absolviert werden. Wenn dann endlich die kameraüberwachten (sic!)  “Kulträume” betreten werden können, wird alles dafür getan, um deren Raumwirkungen zu durchbrechen. Expressionistisch anmutende Gemälde hängen über den zwölf Säulenpodesten, in denen wohl einst Urnen mit der Wappenasche gestorbener SS-Männer gestanden haben sollen. Ein Dokumentarfilm erklärt “irgendetwas” und stört mit seiner Beschallung das Erlebnis der interessanten Klangerfahrung des Raumes, der die eigenen Worte, quasi in einem Energiekegel, spiralförmig nach oben treibt. Dort prangt an der Decke ein Hakenkreuz, was – wenn denn der “gedeckelten” und verzerrten Präsentation konsequent gefolgt werden würde, eigentlich mit rosafarbenen Pompons und Einhorn-Mobiles verziert werden müsste, würde dies doch das Ikea-Sitzplatz-Szenario im oberen Saal perfekt ergänzt!

Dort, im Obergruppenführersaal,  betätigten uns übrigens als Möbelrücker, woraufhin mit ca. zehn Minuten Zeitverzögerung, eine Mitarbeiterin des Museums erschien, die alles wieder zurück auf das Bodenornament platzierte und mir später auch misstrauisch folgte, nachdem ich mich zurück an die ehemaligen Feuerstelle des unteren Raumes begeben hatte. “Kann es eine paradoxere Tätigkeit geben?”, frage ich mich.

Hier soll also verdeckt werden, was offensichtlich vorhanden ist.  Ich würde dringend zur Konsequenz raten und deshalb entweder alles unter Verschluss halten oder einen wirklichen Zugang zum Nordturm erlauben? Alles andere ist einfach nur lächerlich und zeugt davon, wie wenig die politischen Eliten ihrer eigenen Bevölkerung vertrauen. Der Krieg ist schon lange vorbei.

Das Fotoalbum zum Ausflug ist hier zu betrachten.

PDF Creator    Sende Artikel als PDF