Der Schulbiologiegarten in Hannover und die Frankfurter Soße

In Hannover kann man am Sonntagvormittag den Schulgarten Burg besuchen. Innerhalb der Schulzeit gibt es immer um 10.30 Uhr ein breites Angebot an naturkundlichen Sonntagsführungen zu genießen , die allesamt kostenlos sind. Das Angebot richtet sich vorrangig an Familien, kann aber auch von Erwachsenen besucht werden. Ein geführter Rundgang durch den Garten richtet sich regelmäßig explizit an Erwachsen.

Der Garten geht auf die pädagogische Idee zurück, dass Schüler, wenn sie denn manuell im Garten arbeiten, nicht nur die einheimische Pflanzenwelt kennenlernen, sondern auch nachhaltig ihre Persönlichkeit, im Umgang mit der Natur, positiv entwickeln, indem sie friedfertiger und ausgeglichener gestimmt werden. Dies scheint mir momentan, nötiger denn je zu sein.

Geschichtliches!

Im Ursprung sollten Schulgärten das naturkundliche Wissen der Schüler stärken, was in einem preußischen Erlass zum Ausdruck kam und in der Umsetzung dazu führte, dass die Lehrer Pflanzen als Anschauungsmaterial für ihren Unterricht benötigten. 1883 wurde deshalb  ein erster Botanischer Garten in Kleefeld  gegründet, der Pflanzen für Schulen als Anschauungsmaterial liefern sollte. Dieser erwies sich schnell als zu klein, sodass in der Nachbarschaft zur  Alice-Salomon-Schule, ebenfalls in Kleefeld, ein neuer Garten entstand.  Da Linden damals noch nicht zu Hannover gehörte, entstand auch dort ein Liefergarten, der noch heute als Untergarten des Schulbiologiezentrums Hannover existiert. “Der Schulbiologiegarten in Hannover und die Frankfurter Soße” weiterlesen

Sturm überm Acker

Nachdem ich im letzten Beitrag den Kampf der Stedinger Bauern gegen die Kirchenfürsten Bremens erwähnt hatte, sendete mir ein Facebook Freund folgendes Gedicht eines seiner Ahnen, nämlich von Bruno Hanns Wittek, zu:

Meiner Heimat Berge tragen
nicht den Glanz von ewigen Firnen,
aber um die grünen Stirnen
rauscht der Wald seit Vätertagen,
wandern Wolken sanft und still.

Drunten, wo die Hütten stehen,
weint das Korn im Sommerwinde,
kommt der liebe Gott auf Zehen
wie zu einem kleinen Kinde,
das er lächelnd trösten will.

Heimat, der ich oft begegnet
in des Alltags Weltenmühle,
tausendmal bin ich gesegnet;
wenn ich deinen Atem fühle,
fühl ich tausendfachen Lohn.

Die um dieses Glück nicht wissen,
laß sie wandern in die Weite:
Herz und Schuh und Rock zerrissen,
geh ich zärtlich dir zur Seite
als dein vielgeliebter Sohn.

Nun passt ein Loblied auf die Heimat ja gut zu meinem Blog. Den Anknüpfungspunkt mir diesen Link zu senden, stellte  aber Witteks Roman “Sturm überm Acker” dar. Inhaltlich  geht es dort auch um einen “Bauernkrieg”. Dieser wurde  aber nicht in einer Schlacht, sondern 1848 im Österreichischen Reichstag ausgetragen: Hans Kudlich stellte hier den Antrag, dass die Bauern von der Zehntabgabe, Robot (Frondiensten) und allen “Untertänigkeitsverhältnissen” befreit werden sollten und hatte damit in weitgehenden Teilen Erfolg,

Antiquarisch habe ich mir die literarische Umsetzung nun, in der Ausgabe von 1927 und in Frakturschrift, für 1.99 € bestellt und sehe jetzt freudig einer interessanten Lektüre entgegen. So führt denn eins zum anderen …

 

 

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Von der Freilichtbühne Stedingsehre in den Hasbruch-Urwald

Heute stelle ich  euch eine Wandertour vor, die sowohl den geschichtlich Interessierten einen Höhepunkt bietet wie auch den Naturliebhabern vielfältige Schönheiten des Waldes erleben lässt.

Nachdem ich vor einiger Zeit das Reichsmusterdorf Dötlingen besucht hatte und im Nachgang darüber recherchiert hatte, war mir auch die in der Nähe liegende Freilichtbühne Stedingsehre als eine nationalsozialistische Kultplätze ein Begriff geworden. Meine Neugier war erwacht und so fuhr das Wildfrauenhaus am letzten Samstag mit der S-Bahn von Bremen aus  nach Bookholzberg/Ganderkesee. Dort folgten wir den Schild “Freilichtbühne” und erreichten nach wenigen Minuten das Berufsförderungswerk Weser-Ems, auf dessen Gelände sich die ehemalige Freilichtbühne Stedingsehre befindet.

Im Zuge der Thingplatzbewegung entstanden zwischen 1936 und 1938  Freilichtbühnen in  ganz Deutschland, die, ähnlich wie im griechischen Theater, darstellendes Spiel mit Religion verbinden sollten. Den Platz der tradierten Religion übernahm hier eine säkularisierte Religion mit  ideologischen Zielen  wie  “Volk” und “Heimat”. Alte Mythen oder historische Ereignisse wurden genutzt, um neue Mythologien zu erschaffen.

In Stedingsehre beruft man sich auf den im Jahre 1233/34 stattgefundenen Bauernkrieg, in dem sich die Bewohner des Stedinger Landes gegen den Bischof der Stadt Bremen mit seinen 4000 Rittern  aufgelehnt hatten.  Die  Schlacht am 27. Mai 1234  fand nur 10 km von Bookholzberg entfernt statt, nämlich in Altenesch.

Das Stück von August Hinrichs nimmt unter dem Leitmotiv “Nicht in die Knie”  pathetisch Stellung für die unterdrückten Bauern.

Drei Akte vom Kampf und Untergang der Stedinger Freibauern gegen die Kirchenfürsten aus Bremen. Verbrannte Erde, verbranntes Leben am Ende, und doch der Ruf  ‘Stedingen lebt’. Kämpfen, Opfer, Weiterleben: das waren die neuen dramatischen Akte. (aus Rühle, Günther: Theater in Deutschland 1887-1945: Seine Ereignisse – seine Menschen. Februar 2007)

Die halbrund Freilichtbühne war extra für die Aufführung des niederdeutschen Spiels “De Stedinge” vom Architekten Walter Reimann geschaffen worden. Ein eigens errichtetes Kulissendorf, bestehend aus abgetragenen und neu errichteten niedersächsischen Bauernhäusern, auf einer angelegten Insel, sorgte  für das entsprechende Ambiente.

Bis auf die Kirche, die während eines Fliegerkrieges zerstört wurden, stehen die Gebäude noch.

Leider gibt es vor Ort keinerlei Informationstafeln, die über die historische Bedeutung des Ortes aufklären. Ein geplantes Dokumentationszentrum kam leider nicht zustande. Auf der Freilichtbühne selbst weiden Schafe, sodass sie nicht betreten werden kann. Selbst wenn man dies aber können würde, wäre der Eindruck verfälscht, da von dort aus Büsche und Bäumchen eine freie Sicht auf das Dorfensemble verhindern. Schade. Ein unbequemes Denkmal eben!

 


Von Stedingsehre machten wir uns in Richtung Hasbruch auf, der nach einer kurzen Strecke am Rande der Straße über einen  gemütlichen Feld-Wiesen-Weg erreichbar ist.

Dort starteten wir eine Rundwanderung, die auf der Tafel am Parkplatz zwar noch ausgeschildert ist, im Wald selbst aber nicht angezeigt wird.

Der Hasbruch ist ein ehemaliger Hutewald, also ein Wald, der als Weide für das Vieh genutzt wurde. Jungbäume konnten sich so nicht entwickeln. Die älteren Bäume dagegen fanden ideale Bedingungen vor, weshalb sich der Hasbruch  einen eindrucksvollen Bestand von Baum-Titanen aufweist.  Die Friderikeneiche ist mit ihren 1200 Jahren der älteste Baum Niedersachsens.

In voller Größe ließ sie sich von mir nicht fotografieren, zumal die Umgebung des Baumes aus Schutzgründen abgesperrt ist.

 

40 Hektar  des Hasbruchs sind als Naturwald ausgezeichnet. Hier lässt sich erahnen, wie vielfältig der Wald, jenseits forstwirtschaftlicher Bewirtschaftung sein kann.

 

Unsere Tour auf komoot zum Nachwandern:

Alle Fotos unserer Wanderung könnt ihr hier sehen.

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Elfen-Kuckucksheim

Paul Scheerbart beeinflusste  mit seinen Gedanken über Glasarchitekten den Architekten Bernd Taut.


 

Auch das Haus Atlantis in Bremen ist eindeutig von der Glasarchitektur beeinflusst, wobei ich allerdings nicht zu sagen vermag, ob dies willentlich geschah oder eher  in Hinblick auf eine Öffnung zum Kunsthandwerk. Jedenfalls ist es im Innern fantastisch, im Äußeren leider durch eine vorgehängte Fassade zerstört.

Ursprünglich zeigte die Außenfassade Odin, der an einem Kreuz hängt, das sich wiederum innerhalb eines Rades, das mit den 24 Runen des älteren Futhark beschriftet ist, befindet.

Die Bilder von Berit, die sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, zeigen Details aus dem von Bernd Hoetger entworfenen Himmelssaal, der heute zu einem Hotel (Radisson Blu) gehört. Mit etwas Glück (oder mit Voranmeldung) kann es aber besichtigt werden.

Das Revolutionäre an der Glasarchitektur war der Versuch, die Abgrenzung zur Außenwelt architektonisch zu überwinden.

Lichtdurchfluteten Kuckucksheime sollten so entstehen.

Kennt ihr die Volksmärchen von Johann Karl August Musäus? Er verfolgte den Anspruch in gesteigerten Maße märchenhaft zu sein und dies mit einem romantisch-ironischen Unterton. In den Büchern der Chronika der drei Schwestern lässt er eine Königstochter  einen Delphin heiraten, mit dem sie fortan im schönen Schloss, den Rest der Zeit aber tief unten im See in einer kristallenen Wohnung hausen muss. Der Bruder besucht sie und möchte sich dort verstecken, damit ihr verzauberter Gemahl sie nicht finden kann. Bertha antwortet darauf: “Ach, …, wie könnt ich dich verbergen? Siehst du nicht, dass diese Wohnung von Kristall ist, und dass alle Wände so durchsichtig sind, wie der Eishimmel. “

Oh, diese Bilder verzaubert mich, inspiriert mich, läsat meine Phantasie nach oben, in dem Himmelssaal, fern ab all der Banalitäten und Gemeinheiten des irdischen Lebens, steigen.

Die heutigen Glasburgen der Banken, Versicherungen, aber auch der Politik, wirken längst nicht so filigran-fragil, wie es der Baustoff Glas vermuten lässt.  Musäus “Eishimmel” scheint mir eine treffliche Begrifflichkeit zu sein, denn schließlich spielt die moderne Glasarchitektur den Betrachter nur Offenheit und demokratische Mitbestimmung vor. In Wirklichkeit handelt es sich bei ihnen  jedoch um eine gläserne Abschottung, die diejenigen, die sie umschließt, mit einer Aura der Exklusivität und des Arkanwissens versorgt. Von der  Realität sind ihre Insassen genauso abgeschnitten, wie Bertha in ihrem gläsernen Haus. Doch sie wird erlöst.

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Der goldene Vogel

 

 

Ein ganzes Wochenende habe ich mich,im Zuge eines Seminars, mit einem Märchen der Brüder Grimm beschäftigt: “Der goldene Vogel”. Ich kannte es nicht und las es mir erstmals während der Bahnfahrt von Hannover nach Mühlheim an der Ruhr durch.

Das Seminar wurde von der Europäschen Märchengesellschaft ausgerichtet.

Die Fahrt war angenehm, teilte ich mir das Zugabteil (auch das gibt es noch!) mit einem netten Ehepaar und einer Frau, die durch ganz Deutschland fahren, um U-Bahnhöfe zu fotografieren. Im Gegensatz zu den furchtbaren Großraumwagen bieten die Abteile, die privat wirken, die Möglichkeit zu Gesprächen. “Der goldene Vogel” weiterlesen

Die Hoheprosterinnen bei den Externsteinen 

Was für ein Wochenende! Nicht nur, dass ich den wunderbaren Wörlitzer Park besucht habe (Bericht folgt noch), sondern dass ich meinen Geburtstag und die Walpurgisnacht/Beltane in angemessener Umgebung, nämlich bei den Externsteinen, zelebriert habe.

Freudig überrascht waren meine Freundin und ich darüber,  dass sich die Anreise von Hannover aus, auch ohne Automobil, mittlerweile recht komfortabel gestaltet. Es  verkehrt nämlich, vom Heil- und Kraftort Bad Pyrmont aus, der Bus 792. Er mäandert über die schmucken Dörfer und fährt an den Wochenenden des Sommerhalbjahres die touristischen Höhepunkte der Region, u. a. auch die Externsteine, an.

Auf diese Art und Weise entspannt angekommen, schauten wir uns das Besucherzentrum an den Externsteinen an.

Im kleinen Ausstellungsraum informiert es aus verschiedenen historischen, naturkundlichen und geologischen Perspektiven über die Steine, legt aber ganz klar seinen Schwerpunkt auf die christliche Überschreibung der heidnischen Kultstätte.  Insofern erhält man dort keinerlei Erklärung darüber,  was Neu- und Altheiden zu den Externsteinen zieht. Die Interviews, die man sich an der letzten Station, gleich nach dem Exkurs über die archäologischen Grabungen in der nationalsozialistischen Zeit,  anhören kann, hinterlassen den Eindruck, dass es sich um eine Art von exotischer Partyzone mit Met-Hörnchen  und anderen Skurilitätenhandelt, die, aufgrund eines erhöhten Müllaufkommens, besser zu unterbinden seien.

Und wirklich ist es so, dass an den großen naturreligiösen Feiertagen, insbesondere zur Walpurgisnacht und zur Sommersonnenwende, allerhand buntes Volk  zu den Externsteinen pilgert und auch wir folgten diesem Ruf.

In der Vergangenheit war dort auch das Zelten möglich und sicherlich hat auch die Detmolder Dorfjugend das inoffizielle Event zum kollektiven Besäufnis und “erster Liebe” zwischen Didgeridoo-Spielern und Avalon-Feen genutzt.  So erklärt sich dann vermutlich auch das Abfallproblem, von dem wir im Besucherzentrum hörten und was von den Anbetern von Thor, Einhorn und Großer Göttin sicherlich nicht verursacht wurde.

Das Zelten ist nun nicht mehr erlaubt und der Parkplatz wurde gestern ab 18 Uhr gesperrt. Am Spätnachmittags brachte sich ein Polizeiauto unterhalb der Externsteine zusätzlich in kontrollierende Position.

Wir saßen mittlerweile entspannt auf der Wiese und beobachteten das Geschehen, nachdem wir im Wald ein kleines Orakel vollzogen hatten, in dessen Verlauf wir die Trumph-Karte der Hohepriesterin in die der Hohe”prost”erin umbenannten und diesen Akt der Verwandlung mit Schierker Feuerstein und Rotwein besiegelten. Danach suchten wir die Steinkreise , die uns bei unserem letzten Besuch von einem katholischen Priester  (wirklich!!!) gezeigt worden waren, auf. Zwischenzeitlich hatte ich zwar in den sozialen Netzwerken gelesen, dass sie zerstört worden waren, mittlerweile sind  jedoch glücklicherweise neue entstanden. Ein religiöses Bedürfnis, so es denn da ist, lässt sich eben nicht einfach durch kommunale Beschlüsse eliminieren.

Die in einem Baumstamm eingeritzten Runen Othala und Tiwaz wiesen uns den Weg zu den religiösen Plätzen, so dass wir daraufhin in der Mitte eines Labyrinths unseren Pakt mit den Göttern und Göttinnen der Heimat  erneuern konnten.

 

Ein Bier am Kiosk, dessen Wirt mich merkwürdigerweise mit “Herzilein” anredete (die Kräfte der Walpurgisnacht mögen hier schon gewirkt haben), gestaltete das Warten auf dem Bus, der fast pünktlich um 17.50 ankam, lustig. Auf diese Art und Weise positiv gestärkt, sehen wir nun einer freudvollen Sommerzeit entgegen.

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