Alchemie in Halle

Schon früh hatte ich erste Berührungspunkte mit der Alchemie und zwar in Form dieses Heyne-Taschenspiels von 1975, das die Zeiten nur unvollständig überlebt hat und dessen 64 Karten jetzt ein wenig zerfleddert daherkommt. Leider klärt mich die beigelegte kurze Anleitung nicht darüber auf, woher die Holzschnitte und die gereimten Sinnsprüche stammen.

Jedenfalls ziehe ich mir gleich eine Karte des Tages und erhalte:

Die Arbeit

Der Töpfer seine Scheibe dreht.
Aus Ton und Wasser der Topf entsteht.
Mußt Trockenes und Feuchtes binden.
So kann das Wasser die Erd‘ nicht überwinden.

Die Erklärung, die praktischerweise auf der Rückseite stehen, sieht das Wasser als Symbol des Unbewussten. Dieses wird negativ im Sinne von Trieb und „niedrige Stimmung“ gewertet, die das Gelingen der Arbeit verhindern. Aber auch ein Zuviel an Verstand verhindert den Erfolg, der durch den Zusammenhalt der schöpferischen Kräfte charakterisiert ist.

Die allegorischen Darstellungen und Sinnsprüche dienen dazu, die eigene Selbstentwicklung zu fördern. Vom Verlag intendiert war das sicherlich nicht. Die Veröffentlichung als „Spiel“ verheißt erst einmal vordergründig Unterhaltung, die dann aber, dafür sorgen die alten Abbildungen, doch in die Tiefe führen.

Leider ist dieses Spiel nur noch, wenn überhaupt, als Flohmarktware erhältlich.

Wohingegen das Orakelspiel die Selbsttransformation durch alchemistische Bezüge befördert, lässt die Ausstellung in Halle diesen spirituellen Aspekt vollkommen außen vor und kapriziert sich stattdessen auf die Zusammenhänge zwischen Alchemie und modernen Naturwissenschaften. Das Weltgeheimnis soll entschlüsselt werden und eine beständige Annäherung an dieses hehre Ziel sehen die Ausstellungsmacher in der Alchemie, die zur Entwicklung der modernen Chemie  sowie der Pharmakologie und so u.a. auch zu John Daltons Atomhypothese geführt hat, verwirklicht.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind die Überresten von Gerätschaften, die sich in einer Abfallgrube befanden. Diese gehörten zu einer Alchemistenwerkstatt, die in einem ehemaligen Franziskanerkloster, das im Zuge der Reformation nicht mehr vom Orden genutzt wurde, beheimatet war. Anhand der Chemikalienreste, die sich an den Geräten nachweisen ließen, lässt sich nachvollziehen, womit sich die dortigen Alchemisten im 16. Jahrhundert befassten. Die Produktion von Gold stand hier nicht im Vordergrund, stattdessen wurde hauptsächlich das hochgiftige Antimonium hergestellt. Diesem wurde, wenn es denn in geringen Mengen produziert wird, eine reinigende Wirkung unterstellt, weswegen man damals glaubte, ein Allheilmittel für alle Krankheiten der Welt gefunden zu haben.

Der Gang durch die sehenswerte Ausstellung endet „jenseits des Atoms“. Ein Bild des Inneren des Genfer Teilchenbeschleunigers ist dann auch über den gefundenen archäologischen Inventar angebracht und verweist so auf die gegenwärtige Annäherung an das „Weltgeheimnis“. Die zwinkernde Warnung,  bei all diesen wissenschaftlichen Höhenflügen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren, darf am Schluss nicht fehlen: Der Besucher erfährt, dass im Jahre 2016 ein schnöder Marder, den größten Teilchenbeschleuniger der Welt außer Betrieb gesetzt hat (Zeitungsmeldung).

Neben der Ausstellung in Halle, zeigt auch das Berliner Kulturforum eine Alchemie-Ausstellung, die allerdings ihren Schwerpunkt auf der Verbindung von Alchemie und Kunst liegt. Der künstlerische Schaffensprozess weist nämlich Parallelen zum alchemistischen Prozess der Transformation auf. Beide, Künstler und Alchemist, wollen Neues erschaffen.

Auch auf dem Besuch der Berliner Ausstellung freue ich mich schon.

Alchemie. Die Suche nach dem Weltgeheimnis (Halle, bis 05.06.2017)

Alchemie und die große Kunst läuft im Berliner Kulturforum  (Berlin, bis 17.06.2016)

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