Begegnung mit Giorgio de Chirico in Mailand

„De Chirico glaubte an Vorbestimmen, an Vorahnungen und Zeichen, an die Magie von Orten und an die Bedeutung bestimmter Konstellationen.“ (Schmied, Wieland: Die sieben Städte Giorgio de Chiricos. In: Rubin, William/Schmied, Wieland/Clair, Jean: Giorgio de Chirico. München 1982, S. 9)

Nun, am letzten Tag meines Wochenend-Mailandaufenthaltes (siehe auch hier) besuchte ich die Giorgio de Chirico-Ausstellung, bevor ich, nach einem kurzen und regnerischen Spaziergang durch das Modeviertel von Mailand, wieder nach Hamburg zurückflog.

Giorgio de Chirico

Seine Bilder sind sicherlich bildnerisches Allgemeingut. Auch wenn nicht jeder den Name Giorgio de Chirico gehört haben mag, haben sich seine leeren Stadtansichten, die mit ihren verloren wirkenden Gliederpuppen (Manichini) kulissenhaft wirken, in das ikonographische Gedächtnis von Kunstinteressenten eingebrannt.

Als ich im Dezember Mailand besuchte, fand dort gerade eine große Ausstellung zu Giorgio de Chirico im Palazzo Reale statt. Sie zeigte Arbeiten des Künstlers aus diversen Museen, beispielsweise dem Metropolitan Museum of Art in New York, der Tate Modern in London, dem Centre Pompidou in Paris, der Pinacoteca und dem Museo del Novecento in Mailand, usw.


Mich führte eine gewisse Faszination für Giorgio de Chirico an monströse Bühnenbildern erinnernden Plätzen mit ihren Arkaden und Türmen, Fluchtpunkten, die sich ins Nichts verlaufen und den dunklen, viel zu langen Schatten, die von antiken Statuen auf Sockeln geworfen werden und uns von der Verlorenheit derer erzählen, deren frische jugendliche Lebendigkeit in Stein zementiert wurde, in die Ausstellung.


Giorgio de Chirico hat sich übrigens dagegen verwehrt, dass seine Darstellungen als Bühnenbilder bezeichnet wurden. So schrieb er an den Direktor des Paris-Midi:

Sehr geehrter Herr Herausgeber,

ich bitte Sie um Ihre freundliche Unterstützung bei meinem Protest gegen die irrige Interpretation meiner Bilder seitens der Kritiker, welche die ‚Indépendants‘ reszensieren. Ausgenommen Apollinaire sprachen fast alle von Bühnenbildner. Ich möchte nun, daß diese Herren erfahren, daß meine Gemälde nichts mit Bühnenbildern zu tun haben, was ihre Titel ja hinreichend beweisen

ihr sehr ergebner Giorgio de Chirico

Zitiert nach: Fagiolo dell’Arco, Maurizio: De Chirico in Paris 1911 – 1915. In: Rubin, William/Schmied, Wieland/Clair, Jean: Giorgio de Chirico. der Metaphysiker, München 1982, S. 27.


Was ist metaphysische Malerei (Pittura metafisica)?

Der Name leitet sich von Metaphysik ab. Die metaphysische Malerei wurde von Giorgio de Chirico, seinem Bruder Alberto Savinio und Carlo Carrà in Ferrara gegründet. Das Gewöhnliche wurde mystifiziert. Die Plätze sehen aus, als ob sie einem Traum entnommen wären, der für sozialere Zeitgenossen, als ich es wohl bin, alptraumartige Züge annehmen würden, wenn sie denn in sie hineingeworfen wären: Menschenleer kommen sie daher, nur scheinbar belebt von Maschinenpuppen.

Sind wir die Maschinenpuppen?

Die Puppen sind Spielzeug, also Dinge, die die Realität abbilden, ohne im eigentlichen Sinne das zu sein, was sie vorgeben zu sein. Das Spielzeugschiff wird kein Meer durchfahren. Sie sind Illusionen und verbreiten gerade dadurch eine metaphysische Würde, die eine seltsame Poesie verbreitet.

Virtuelle Realitäten

So weit allerdings sind diese Phantasien von Giorgio de Chirico nicht von den virtuellen Realitäten entfernt, die ich mit meinem Avatar in den neuen Spiellandschaften des 21. Jahrhunderts durchwandere.

Hier seht ihr mich, in Form meines Avatars, im VR-Spiel „Dance Central:“ alters- und konturlos. Meine körperlich-reale Existenz ist zugunsten einer Spielfigur zurückgetreten, dessen auswählbare Algorithmen eine Individualität vorgaukeln, die de facto nicht mehr vorhanden ist und so schieße ich dann ein Selbstportrait an einem imaginären Tanzort. Metaphysische Poesie, im Sinne von Giorgio de Chirico, kann ich hier jedoch nicht erblicken, vielmehr nur eine grelle Maschinenwelt, die in ihrer scheinbaren Belebtheit aber eine ähnliche Leere verbreitet, wie die leeren Marktplätze des Malers. Giorgio de Chirico wollte dabei den höheren Sinn der Dinge aufzeigen, jenseits dessen, was objektiv vorhanden ist.


Nun aber gibt es keinen höheren Sinn mehr, nur noch leeren Narzissmus. Hermann Hesse sagte im Gespräch mit Miguel Serrano: „Ach, (…), in fünfzig Jahren ist die Erde ein Friedhof für Maschinen und die Seele des Raumfliegers identisch mit der Kabine seiner Rakete!“ (Serrano, Miguel: Meine Begegnungen mit C. G. Jung und Hermann Hesse in visionärer Schau, Einsiedeln 1997, S. 43)

In fünfzig Jahren … Das ist die Zeit, in der wir gerade leben.


Auch Giorgio de Chirico muss schon Ekel vor dem eigenen Jahrhundert verspürt haben, weswegen er wohl, so meine Vermutung, sich der Ikonographie der antiken Kunst bediente.


So lässt er dann Statuen auf leeren Plätzen stehen. Er erinnert damit an all die unzähligen Dichter, die im griechischen Arkadien ihr Paradies gefunden haben.
Selbst Jean Cocteau, ein Freund Giorgio de Chiricos, lässt eine Statue tot umfallen und sie zum Schneeball transformieren, der einen unschuldigen Knaben tötet (siehe den Film „Der Tod eines Dichters“).


Bekannte Vertreter der Pittura Metafisica waren Giorgio de Chirico, Carlo Carrà, F. Casorati und G. Morandi. ( G. Morandi ist mir schon hier begegnet. )

Die Pittura Metafisica wird als Gegenströmung zum Futurismus gedeutet. Carlo Carrà war Futorist, bevor er sich der Pittura Metafisica zuwendete. Dies zeigt, dass klare-eindeutige Abgrenzungen meist wenig funktionieren und nichts weiter sind als Plattitüden. Der Mensch kann im Laufe seines Lebens mal das eine und mal das andere sein: ganz wie es ihm gefällt. Carlo Carrà wendete sich hernach dem klassischen Realismus zu.

Dickbäuchige Mutterfiguren künden auch in Giorgio de Chiricos Bildern von schwelgerischen Füllen, die keine Begrenzungen kennen und immer neue Wunder gebären.

Mailänder Mode

Im Anschluss an den Ausstellungsbesuch schlenderte ich noch durch das Mailänder Modeviertel, wo die ein oder andere Schaufensterdekoration fast genauso surreal wirkte wie die Landschaften von Giorgio de Chirico.

All die Schaufensterpuppen und Drahtgestelle mit ihren bunten Kleidungsfetzen sind assoziativ nicht allzu weit entfernt von den Figuren Giorgio de Chiricos. Man stelle sich nur vor, wie die Modepuppen einsam auf einem überdimensionierten Marktplatz stehen würden, verloren, ihre Arme ineinander verschlungen, robotergleich, leer und in ihrer ganzen Ausdruckslosigkeit dann doch ausdrucksvoll. Gerade las ich, dass die großen Modemacher schon längst damit angefangen haben, virtuelle Mode für Avatar oder Instagram-Puppen zu kreieren.

Es regnete.

Auf nach Cuzco!

Den Abschluss meines Mailand-Wochendes bildete der Besuch in einem peruanischen Restaurant. Im El Hornero war die Atmosphäre fröhlich. Ein Inka-Bier noch und dann ging es auch schon zurück zum Mailänder Flughafen. Selbst dort waren noch Hochglanzfotografien von artifiziellen Modellen zu sehen, die Kleidung trugen, die ich mir nicht leisten konnte.

Die Modelle wirkten, als ob sie gleich fröhlich lachend aus dem Plakat hinausschreiten wollten, hin zur Tristesse des Wartesaals des Mailänder Flughafens, den sie nur einem kurzen Moment mit viel zu lautem italienischen Geplapper beglücken würden, bevor sie endgültig erstarren würden, wie die Gliederpuppen eines Georgio de Chiricos.

Was im Mittelalter die Künstler auf einen Irrweg führte, als sie die gotische Kunst erfanden, war die Naturbetrachtung; dasselbe Phänomen lässt sich bei allen modernen Künstlern beobachten: bei Dichtern, Malern und Musikern. Ein wirklich in die Tiefe gehendes Werk wird vom Künstler aus den entlegensten Tiefen seines Seins geschöpft; dort plätschert kein Bächlein, singt kein Vogel, raschelt kein Laub; Gotik und Romantik verschwinden; und an ihrem Platz erscheinen die Dimensionen, die Geraden, die Formen der Ewigkeit und des Unendlichen. Dieses Gefühl der Offenbarung lenkte die Baumeister Griechenlands; dasselbe Gefühl schuf die römische Architektur; deshalb glaube ich, dass die griechischen und die römischen Bauten und alle, die, wenn auch leicht abgewandelt, nach deren Prinzipien errichtet wurden, die größte Tiefe in der Kunst erreicht haben.

Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade. Erinnerungen und Reflexionen, Bonn 2011, S.. 40

Am nächsten Morgen schon hatte mich der trostlose Arbeitsalltag wieder.

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