Bescheidenheit ist eine Zier, oder?

Heutzutage ist sie aus der Mode gekommen – die Bescheidenheit. Stattdessen wird die Präsentation, besonders die Selbst-Präsentation, groß geschrieben und man übt sich beständig darin, möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Mir selbst fällt das schwer, wurde ich doch als Kind zur Bescheidenheit erzogen und so lernte ich, wenn mir etwas halbherzig angeboten wurde, auch „Nein, danke“ zu sagen und bei Umsonst-Angeboten für Kinder es unterhalb meiner Würde zu befinden, mich anzustellen, um irgendetwas zu bekommen, was ich doch niemals wirklich brauchen würde. Das kam mir damals schon  wie Bettelei vor und auch heute erzeugt ein solches Verhalten, wenn ich es denn bei anderen beobachte, mein Missfallen.

Bescheidenheit geht mit Genügsamkeit einher und die kann ein glückliches Leben ermöglichen, schließlich macht man sich dabei nicht abhängig von dem, was andere einen offerieren und was ja – wir wissen das alle –  immer auch eine Gegenleistung verlangt.

Wir leben jedoch in einer Aufmerksamkeits-Gesellschaft, in der diejenigen, die am meisten Selbstdarstellung betreiben, mittlerweile nicht nur im privaten, sondern gerade auch im beruflichen Bereich, den größten Erfolg verzeichnen können. Besonders schlimm finde ich es, dass die eitle Inszenierung seiner Selbst, die mit der Übertreibung einhergeht und damit auch die Lüge salonfähig macht, bei beruflichen „Performern“ (sic!) und wohlfeilen Politikern schon für ein Qualitätsmerkmal gehalten wird und all diejenigen, die von Haus aus stiller und introvertierter sind,  keine Chance haben, überhaupt  in  Postionen zu gelangen, in denen sie einen positiven Effekt auf die Gesellschaft ausüben könnten.

Meiner bescheidenen Ansicht nach ist die Selfie-Fotografie dann auch nur ein visuelles Indiz dafür, wie diese Gesellschaft beständig in Degeneration begriffen ist.  Auch die fortlaufende  Präsentation  einer oberflächigen Glamour-Welt der Reichen und Schönen im Privatfernsehen, fördert nicht die Selbstbildung, die Genügsamkeit und damit die Zufriedenheit bei den Menschen, die sich das anschauen, sondern stattdessen eher eine beständige Unzufriedenheit, die mit der  sinnlosen Jagd nach immer neuen  blinkendem Tand einhergeht.  Glücklich derjenige, der sich davon nicht beindrucken lässt und der eine  freiwillige Selbstbeschränkung, die vielleicht auch noch mit einer ironischen Untertreibung einhergeht, pflegt!

Bei den Stoikern, wie beispielsweise Epikur und Marc Aurel, findet sich vielfältige Inspiration für eine solche Geisteshaltung. Dabei möchte ich jedoch nicht einer schicksalsverordneten Einschränkung das Wort geben, von der die Stoiker ausgehen. Die Annahme nämlich, dass das menschliche Leben vollständig von einer Schicksalsmacht determiniert ist, mag ich nicht bejahen, müsste ich dann nämlich den Menschen eine individuelle Handlungsfreiheit ganz oder zumindest zum größten Teil aberkennen.

Wenn ich die  Vorliebe der Stoiker für das kausale Denken bei meinen Überlegungen ausklammere, dann bleibt das Bemühen um Selbstformung, um durch Denken Anteil am Göttlichen zu erlangen, als  ein praktizierbarer Weg, der aufgezeigt wird, um Seelenruhe zu erlangen.

Weisheit, die die Voraussetzung für die Seelenruhe ist, setzt bei den Stoikern  folgendes voraus:

– Affektkontrolle: Sie führt zur Freiheit von Leidenschaften (Apatheia). Apathie meint hier aber nicht Teilnahmslosigkeit und Passivität, sie beinhaltet vielmehr Aktion, die sich auf die Gemeinschaft bezieht.

– Ataraxie (Unerschütterlichkeit): Das ist die Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen.

– Selbstgenügsamkeit (Autarkie)

In der Selbstgenügsamkeit finden wir die Bescheidenheit wieder, mit der ich meine Ausführungen begann. Sie darf niemals mit der christlichen Demut verwechselt werden. Letztere setzt ein devotes Verhältnis vom Knecht oder Untergebenen zum Herrn und Meister voraus.

Die Selbstgenügsamkeit des Stoizismus wird auch Autarkie genannt. Im modernen Sprachgebrauch wird dies mit Unabhängigkeit übersetzt, womit wir uns der Bedeutung der stoischen Selbstgenügsamkeit annähern. Diese Art von Bescheidenheit braucht kein Außen mehr, was es zu beeindrucken gilt. Wenn ich also aufhöre, meine Umwelt durch vielfältige Bluffs von mir überzeugen zu wollen, mache ich mich gleichzeitig unabhängig von ihr. Unabhängigkeit wiederum ist ein anderes Wort für Isolation, die wiederum eine Grundvoraussetzung der Seelenruhe zu sein scheint.

Eine Gesellschaft jedoch, die die Großmäuligkeit gegenüber der Bescheidenheit präferiert, kann, im schrecklichen Umkehrschluss, niemals eine weise Gesellschaft sein. Zeit also für ein Umdenken!

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