Faszinierendes Rajasthan

Jetzt liegt meine von Marco Polo Reisen organisierte Sonderreise Indien “Faszinierendes Rajasthan”  hinter mir und ich bin wieder zurück im (glücklicherweise) sonnigen Deutschland. Nachdem der fehlende Schlaf vom Rückflug in der Nacht nachgeholt wurde,  muss ich nun erst einmal die vielen, vielen Eindrücke, die während auf der Reise auf mich einprasselten, sortieren und rekapitulieren.

Ich schaue mir die fast 1000 Fotografien an, die ich während der Rundreise geknipst habe, und kann kaum noch den einen märchenhaften Maharadscha-Palast von den anderen unterscheiden.

Die Anreise

Am 29. September  ging es los. Ich flog von Hannover nach Frankfurt, wo ich umstieg. Die Transferzeit von einer Stunde und zwanzig Minuten war viel zu knapp bemessen, zumal der Zubringerbus, der mich vom City-Hopper-Flugzeug zum Terminal brachte,  gefühlt endlos lange über das Flughafengelände mäanderte, sodass ich dann nur noch eine Stunde Zeit hatte, um den Flieger nach Delhi zu erreichen.  Stress breitete sich aus und vom gemütlichen Schlendern durch den Frankfurter Flughafen war ich weit entfernt.   Die Sicherheitskontrollen taten ihr übriges, um meinen Adrenalinspiegel ansteigen zu lassen. Vollkommen durchgeschwitzt wurde ich dann, zehn Minuten vor Abflug, von  einer Stewardess mit den Worten: “Wollen Sie auch noch mitfliegen?”, begrüßt. “Faszinierendes Rajasthan” weiterlesen

Wochenrückblick im Zeichen der Wintersonnenwende

Julkind. Mixed Media, 29,7 x 42

Was für eine merkwürdige Woche. Am Montag fühlte ich mich noch fit, jedoch im Vorfeld schon gestresst von den vielen bevorstehenden Terminen. Am späten Nachmittag überfiel mich dann ein Krankheitsgefühl mit Schüttelfrost und ich lag nur noch auf dem Sofa. Immerhin schaute ich mir noch eine  Reportage über Venedig an, die aktuell noch in der Arte-Mediathek zu finden ist (hier).

Am Dienstag stand die Regionsversammlung an, in der ich mich, trotz fortgesetzten Unwohlseins, quälte, schließlich war ich, innerhalb unserer Fraktion, diesmal diejenige, die die Haushaltsrede (hier) halten sollte. Wir sind ja nur zwei gewählte Vertreter unserer rein kommunal aufgestellten Wählergemeinschaft und wechseln uns  mit dieser Aufgabe ab.

Nun ja …  man darf ja durchaus andere politische Meinungen vertreten als ich, jedoch sollte man, das ist meine feste Überzeugung, gerade im öffentlichen Rahmen einen gewissen Anstand bewahren, wozu eben auch gehört, sich die Reden der anderen Fraktionen in Ruhe anzuhören und nicht durch laute Zwischenrufe, störende Privatgespräche oder durch das demonstrative Verlassen des Saals zu torpedieren. Das macht mich  traurig, zeigt es doch, dass in unserer sogenannten Demokratie mittlerweile eine faire Debattenkultur nicht mehr vorhanden ist und dass gerade diejenigen, die sich hier als moralisch überlegen ausgeben,  dringenden Lernbedarf aufweisen.  In der anschließenden “Diskussion” der Haushaltsreden zeigte sich, dass der Inhalt unserer Rede scheinbar überhaupt nicht verstanden wurde, warf man der AFD und uns, von Seiten einer SPD-“Kollegin” nämlich, “unerträgliche deutschtümelnde Arroganz” vor und ein anderer SPDler las daraufhin  Schlicht-Prosa (wohl aus den sozialen Netzwerken entnommen) vor, in der das multikulturelle Erbe der Weihnachtsgeschichte betont wurde. So ist das eben: Es reicht schon aus, die Probleme der Jetzt-Zeit nur zu benennen, um als “rassistisch”  gebrandmarkt zu werden. Der mediale Beifall ist den so Handelnden dabei auch noch sicher, die im Rausch der scheinbaren moralischen Überlegenheit  nicht bemerken, dass sie sich längst zu Steigbügelhaltern des Totalitarismus haben degradieren lassen. “Wochenrückblick im Zeichen der Wintersonnenwende” weiterlesen

Forget about Nick

Da hatte ich mich gefreut, zwei Kino-Gutscheine gewonnen zu haben, um dann feststellen zu müssen, dass der Betreiber des einzigen Programmkinos, das den Film in Hannover zeigt, sich aus fadenscheinigen Gründen weigert, diese einzulösen. Ärgerlich.  Ich hatte eine Freundin eingeladen, weswegen ich, trotz des Ungemaches,  die Tickets käuflich erwarb. Positiv gestimmt war ich dabei nicht, wollte nun aber wissen, ob der Film, den ich unter normalen Umständen nicht besucht hätte, irgendwelche Überraschungen für mich bereithalten würde.

Wenn in einem deutschen Film, der in New York spielen soll, in Wirklichkeit aber fast die gesamte Zeit in einem schicken Loft-Appartement platziert ist, auf der Tür des New Yorker Buchladens ein “Refugees Welcome” – Abziehbildchen klebt, dann handelt es sich um geförderte Staatspropaganda. Nicht immer muss sie im direkten Auftrag erfolgen.  Mittlerweile  reicht es bei den meisten Kulturschaffenden aus, an den staatlichen Fördertöpfen zu hängen, um im vorauseilendem Gehorsam “politisch korrekt” zu agieren.

Inhaltlich handelt Margarethe von Trottas Film von zwei abservierten Frauen, die vom gemeinsamen Ex die Wohnung überschrieben bekommen haben und diese sich nun, mehr oder wenig freiwillig, teilen müssen. Die Ältere von den beiden verkörpert den mütterlichen Typ. Diese hat die eigene Karriere  zugunsten der Familie zurückgestellt, um dann in den letzten fünf Jahren noch einen Doktor in Neuerer Deutscher Literatur nachgeschoben zu haben, der sich jedoch beruflich nicht mehr verwerten lässt. Sie ist eben zu alt und so bringt sie dann in New York im kleinen Kreis jungen Menschen die Gedichte von Ingeborg Bachmann nahe. “Magst du das dann mal vorlesen?”, sagt sie, derweil die andere, die einst ihren Mann übernommen hat, die nun gemeinsame Wohnung, mit Hilfe eines smarten Maklers, Kaufinteressenten präsentiert. Lustig ist das jedoch nicht.

Ihre Mitbewohnerin ist 40 Jahre alt, was anscheinend das Alter ist, wo Nick, so heißt der Ex, sich  jüngere Gespielinnen sucht. Immerhin hat er den einstigen Mannequin eine Modefirma finanziert, wo sie sich nun, auf der Suche nach altersgerechter Kleidung, im Life-Style-Business versucht. Vollständig darauf kann sie sich jedoch nicht konzentrieren, ist sie schließlich vom Liebeskummer zerfressen.

Und der Mann, um den sich alles dreht? Der hat sich ein junges Modell geangelt, ist aber von deren Lebensstil überfordert, sodass er reumütig zur Karrierefrau, die einst auch mal eine Modepuppe war, zurückkehrt. Die verzeiht,  macht aber zur Bedingung, dass er nun beide Exfrauen nehmen müsste und ich frage mich, ob das Spaß oder die Aufforderung zur Polygamie ist. In den ge”gender”ten Zeiten, in denen wir heutzutage  leben, ist doch alles Verhandlungsbasis, nur anscheinend die Rolle der Frau nicht, die nach wie vor auf den Mann fixiert zu sein scheinen muss.  Insgesamt fand ich den Film daher enttäuschend.

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Münchhausen in Agfacolor

Kürzlich lief auf Arte der UFA Klassiker Münchhausen.  Was für ein fantastisch-abgedrehter Film!

Interessanterweise kann ich mir, trotz seines Alters, noch immer ansehen und dabei im Filmgenuss schwelgen. Nicht bei allen Filmen funktioniert das. So wollte ich mir letztens mal wieder “Momo”  anschauen, musste  dann aber bereits nach den ersten 10 Minuten ausschalten, weil mir das alles doch viel zu albern vorkam.

Ganz anders beim Münchhausen-Film. Während des Schauens stiegen bei mir ganz langsam wieder Erinnerungen auf, hatte ich diesen Film ja in meiner Kindheit schon  gesehen, aber alles vergessen, vor allem war mir überhaupt nicht mehr bewusst, wie  kreativ dieser Film ist, der sich nur grob an die Münchhausen-Vorlage hält, ansonsten aber einen wilden Plot aufbaut, der zwischen der Gegenwart und der märchenhaften Vergangenheit hin und her springt und so die lineare Zeiterfassung außer Kraft setzt.

Erich Kästner hat übrigens Regie geführt. In Dresden, wo er aufgewachsen ist, gibt es  im Haus seines Onkels ein Museum, was seinen literarischen Schaffen gewidmet ist. Eine Figur, die Erich Kästner Kindheits-Ich darstellt, sitzt frech auf der Grundstücksmauer. Als ich vergangenen Samstag in Dresden war, ist der rote Doppeldeckerbus der Stadtrundfahrt daran vorbeigefahren.

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Captain Fantastic

Im Film “Captain Fantastic” wird interessanterweise auch in der Öko-Idylle der Leistungsgedanke mit strukturierter Tagesordnung niemals aufgegeben , sondern  perfektionisiert. Die Beschulung durch die Eltern in der Naturidylle ist dem Lernergebnissen an staatlichen Schulen haushoch überlegen, was, nachdem die Wildnis notgedrungen verlassen werden musste,  beim Zusammentreffen mit den von der Trash-Kultur infizierten Sprößlingen  der Verwandtschaft deutlich wird. Die Kinder von “Captain Fantastico” zeigen sich, in der Konfrontation mit dem schrillen-amerikanischen Kapitalismus, zwar autistisch-nerdhaft und deshalb für den Zuschauer  ungewollt komisch, sind aber durch die vom Vater vorausgegangene  praktizierte Willensschulung, die sie an der felsigen Steilwand lehrte, ihre eigenen körperlichen Grenzen zu überschreiten, vor allen zivilisatorischen Gefahren gefeit.  Sie haben quasi, durch die Schulung in der Wildnis, übermenschliche Fähigkeiten erlangt.  (Warum muss ich dabei bloss an Louis Trenker denken?)

“Captain Fantastic'” arbeitet so dem zu, was er vordergründig vorgibt zu kritisieren. Der Film suggeriert durch seinen Titel, dass er einer bizarre Aussteiger-Romantik frönt, in der Tat zeigt er aber deutlich, dass der gegenwärtige Zeitgeist keinen Platz mehr für Hippies kennt. Eine  libertäre Ideologie, ganz im Sinne von Ayn Rand, wird gefrönt, die wohl,  angesichts der globalisierten Verwerfungen, das Überleben des von Abstiegsängsten geplanten Mittelstandes sichern soll.

Der Film endet dann auch schlussfolgernd  im IKEA-Einfamilienhaus, wo Captain Fantastic  und seine Kinder ein geordnetes Leben finden, jedoch das in der Wildnis praktizierte Homeschooling beibehalten.

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Kolberger Disziplinierungen

Nie werde ich vergessen, wie ich vor einiger Zeit  mit Verleumdungen konfrontiert wurde, die vermutlich einzig und allein dem Zweck verfolgten, mich klein zu machen, mich wieder auf Linie zu bringen, nachdem ich in der Vergangenheit einmal meine Kritik in Worte gefasst und diese auch zur Kenntnis gegeben hatte, in der naiven Vorstellung, dass die Verantwortlichen nicht darum wüssten und unter der Voraussetzung, dass dort Menschen sitzen würden, die den offensichtlich aufgezeigten Problemen ins Auge sehen würden und an einer Lösung interessiert wären. Dem war nicht so.

Stattdessen war ich mit einer kräftezehrenden Disziplinierung konfrontiert, wo angebliche Vergehen gegen mich kreiert wurden und auch nicht davor zurückgeschreckt wurde, zu instrumentalisieren, was nutzbar gemacht werden konnte. So kann es passieren …

All dies, was ich erlebt habe, erinnert mich an eine Szene im wirklich filmtechnisch mehr als gelungenen Durchhaltefilm der Nationalsozialisten “Kolberg” (Regie Veit Harlan), wo ein selbsternannter “Vater” des Dorfes Kritik übt, indem er sich gegen den Befehl des Kommandanten stellt, einfach deshalb, weil dessen Befehl wenig durchdacht ist. Der zur Hilfe geeilte preußische Offizier Gneisenauer verlangt nun von ihm, die Folgen der Befehlsverweigerung (ein Graben wurde zugeschüttet) wieder rückgängig zu machen und erst danach wäre er bereit, ihn überhaupt anzuhören. Wo käme man denn dahin, wenn jeder eine eigene Meinung sowie Mitsprache hätte und individuell entscheiden würde!

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Das Funktionieren des Systems steht eben über der Vernunft des Einzelnen und erst wenn man bereit ist, sich dem System bedingungslos unterzuordnen, kann das Gemeinschaftsgefüge erfolgreich funktionieren: so die Botschaft des Films.

Die Kolberger, die dies verstanden haben,  können schließlich, durch Befehlsgehorsamkeit und Opferbereitschaft, der einfallenden napoleonischen Armee erfolgreich entgegentreten.

Zuvor ordnet sich auch der rebellierende H. Nettelberg dem Offizier Gneisenauer unter, der sich danach aber – Überraschung! – zu einer Anhörung bereit erklärt, wo er seine zuvor gezeigte  befehlerische Härte mit dem Verweis auf Freundschaft und gegenseitige Unterstützung relativiert. Auch lässt er sich nun davon überzeugen, dass Nettelbergs Kritik eigentlich inhaltlich richtig gewesen war, womit der Film “Kolberg” hier in seiner vorrangig propagandistischen Aussage selbst “bricht” und so versöhnlicher zu sein scheint, als das, was ich erleben durfte.

Über die Schrecken von vielfältigen “Systemen”  habe ich schon wiederholt geschrieben, z.B. hier. Und für alle,  die es verstehen können,  sei gesagt,  dass jedes System immer Gefahr läuft,  sich zum thursischen zu entwickeln.

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“Lou Andreas Salomé”: Meine kleine Filmkritik

Kann man sich ansehen, muss man aber nicht! Für die Biographie von Lou Andreas Salomé wird ein herkömmliches Erzählformat genutzt. Uninspiriert. Eine alte Lou diktiert einem jungen Germanisten ihr Leben. So ist dann der Rahmen für die linear eingefügten Lebens-Sequenzen vorgegeben, in denen die Männer seltsam “bescheuert” herüberkommen und die Protagonistin sie dauerbeschwipst zumeist abweist, während sie gleichzeitig schlaue Lebensweisheiten von sich gibt. Das feministische Lehrstück wird untermalt von melancholischer Klaviermusik in der Endlosschleife. “Deutsches Autorenkino” reloaded. Der auf diese Weise politisch korrekt belehrte Zuschauer kann im Anschluss an die Filmvorführung intelligent-erhaben nach Hause schweben und alles ganz exorbitant gefunden haben! Bei mir bleibt jedoch ein fader Beigeschmack. Filmkunst geht anders.

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A Clockwork Orange

Dies ist einer der verstörendsten Filme, den ich jemals gesehen habe.

In einer Zeit, wo der einstige Humanismus sich immer mehr in die Fratze des Neoliberalismus verwandelt und wo unter dem Deckmäntelchen des Guten konkrete, aber auch subliminale Gewaltexzesse vollzogen werden, empfehle ich einen gepflegten Filmabend, der keine Entspannung verspricht, dafür aber geeignet ist, gegenwärtige gesellschaftliche Zementierungen in Frage zu stellen. Schließlich markiert das um sich greifende Dogma der Political Correctness mittlerweile die Grenze zwischen dem, was sich im Einklang mit dem herrschenden und medial-propagierten Glaubenssystem befindet und was deshalb auch gedacht und gesagt werden darf und dem, was ein unumstößliches TABU darstellt, das nur mit dem Risiko des sozialen Todes verletzt werden darf. Unaussprechlich!

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“Totale Stressauflösung” oder “Auf den Spuren eines Taugenichts”


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In  Peter Sloterdijks Aufsatz „Streß und Freiheit“ werden zwei Formen der Unfreiheit vorgestellt: „Die erste Form der Unfreiheit erfahren wir als politische Unterdrückung, die zweite als Bedrückung durch die Realität, die man zu Recht oder zu Unrecht die äußere nennt.“ (S. 29)

„Die beiden primären Unterdrückungen lassen sich als Varianten von Streß-Erleben beschreiben. Politische Repression bildet ein Streß-System, das so lange Erfolge vorweist, wie die Unterdrückten sich eher für Streßvermeidung – umgangssprachlich: Gehorsam, Ergebung, Dienstbereitschaft – entscheiden als für Auflehnung und Revolution. In technischer Sprache bedeutet eine antityrannische Revolte eine ,maximale Streß-Kooperation‘ (nach Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen, 1996) seitens der Beherrschten zur Beseitigung einer unannehmbar gewordenen Belastung durch Herrschaft. Revolutionen brechen aus, wenn Kollektive in kritischen Momenten ihre Streß-Bilanz intuitiv neu berechnen und zu dem Schluss kommen, dass das Dasein in der Haltung unterwürfiger Streß-Vermeidung letztlich teurer kommt als der Auflehnungsstreß. Im äußersten Fall lautet die Rechnung: Besser tot als länger Sklave. Wo solches Bilanzziehen populär wird, ist es mit Herrschaftsduldung und Obrigkeitsgläubigkeit vorbei, momentan oder bleibend.“ (S. 29 f.)

Und weiter schreibt er über Jean Jacques Rousseau:

„ ,Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.‘ Jetzt war er zu einer Klarheit vorgestoßen, wie nur die tiefe Gelassenheit sie gewährt. Ohne Zweifel war diese ein Lohn der Angst, da die Gemütslage des Autors vom extremen Streß unter äußerer Feindschaftsnot in eine radikale Relaxation umgeschlagen war.“ ((Sloterdijk, S. 34)

Was Rousseau angeht, so darf man feststellen, dass er auf seine Weise den Endpunkt jeder möglichen Revolte gegen die Tyrannei des Realen erreicht hatte. Mit der wie auch immer flüchtigen doch zeitweilig vollkommenen Entlastung von Sorge, Streß und Wirklichkeit tritt subversiv und unwiderstehlich die reine Subjektivität ans Licht. In der Urszene des Subjekts offenbarte sich dieses als exemplarischer Taugenichts, weltfremd und unverwendbar – mehr glückliches Tier als Übermensch, mehr Träumer als Charakter, mehr Auswanderer als Weltverbesserer, mehr Urlauber als Unternehmer.

Und so wollen wir denn die Sorgengemeinschaft verlassen und zum Taugenichts werden, denn schließlich gelingt es uns nicht, sich   – für den Preis unserer Freiheit – dauerhaft anzupassen. Als Taugenichts werden wir insgeheim bewundert, aber auch belächelt.  Doch wenn wir uns vom anscheinend harmlosen Taugenichts zum Übermenschen entwickeln, wird die zum gegenwärtigen Zeitpunkt  manifestierte Welt beginnen, mit ihren unbewussten Kräften, was ich, wenn ich denn die nordische Mythologie als Bezugsrahmen nutze, als “Welt der Riesen” bezeichne, gegen uns anzukämpfen. In den Augen der Matrix  sind wir dann nicht mehr nur Weltflüchtige, sondern auch “eigenartig” in der Form, als dass wir unsere Subjektivität nutzen, um die zementierte Realität aufzuweichen und stellen somit eine Gefahr für das Belastungskollektiv dar.

Schließlich  kommt  das Bestreben, die Matrix im Sinne unseres subjektiven Willens zu verändern, einer Kündigung des unterschwelligen Vertrages mit der Sorgengemeinschaft gleich, die uns beständig vorschreibt, was man darf und was man soll.  Die Matrix und ihre  tumben Büttel wissen schließlich, wenn auch unbewusst,   dass ihr Konstrukt nur ein subtiles Gebilde darstellt, dass seine Form allein dadurch erringt, dass es beständig genährt wird, von denjenigen, die ihr –  ungefragt und von Repressionen bedrängt – Lebensenergie und Glauben zur Verfügung stellen. Dafür, dass sie diesen Pakt auf scheinbarer Gegenseitigkeiten eingehen, erhalten sie vielfältige Belobigungen und wertlosen Tand, der ihnen  ein Philister-Dasein in dem Rahmen dessen garantiert, der ihnen von der Matrix zugestanden wird. Derjenige jedoch, der an den Gitterstäben seines Käfigs rüttelt, stellt das Belastungskollektiv in Frage und damit auch diejenigen, die diesen dienen.  Er kann zwar – wenn er Glück hat –  als  unterhaltsamer Narr geduldet werden, ansonsten aber wird seine Vernichtung angestrebt.

Peter Sloterdijk  beschreibt diesen Vorgang eindringlich, wobei er allerdings den Bezug auf  die Literatur wart, was – da bin ich mir gewiss –   auch auf andere Manifestationen von “Lockerungen” zutrifft, die auf die Auflösung der Sorgengemeinschaft zielen.

„Sobald bei einem exemplarischen Einzelnen die völlige Stressauflösung eingetreten ist, wird dank deren infektiöser Bekundung durch Literatur bei vielen anderen die Frage evoziert, wie es in ihrem Fall mit der Auflösung steht. Modernität strebt immer letzten Lockerungen zu. Das ist der Grund, warum das Lesen von moderner Literatur nicht harmlos sein kann. Wo sie ihren Einfluss ungehindert entfaltet, wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die mit der Zeit die gesamte Gesellschaft verstrahlen könnte, sofern nicht rechtzeitig subjektivitätsdämpfende Maßnahmen ergriffen werden. Dies könnten nach Lage der Dinge nur freiheitsdämpfende und streßsichernde Maßnahmen sein. Wir verstehen, warum das Drama nur in dieser Folge ablaufen kann. Wenn das primäre Subjekt der neuen Freiheit das vom Sozialstress entbundene, mittelpunktlos in sich dahin driftende, von allen Meinungen emanzipierte, bis in die Tiefe seiner selbst sorglose rêverie-Subjekt ist, liegt auf der Hand, wieso die massenhafte Freisetzung von Subjektivität dieser Art auf eine Katastrophe des Sozialen hinauslaufen könnte. Sie bedroht die soziale Synthesis mit der individualistischen Kettenreaktion, an deren Ende die Massenflucht der sorglosen einzelnen aus dem Belastungskollektiv stünde. Diese würde die soziogenen Stressfelder zersetzen, die, wie gezeigt, den Zusammenhang zwischen den Gesellschaftern ausmachen. Tatsächlich ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Stress-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft.“ (S. 37 f.)

Und so sind wir erst von der Dienerin des Belastungskollektivs  zum  “Taugenichts” geworden, haben dann  in der Freiheit  unsere eigene Subjektivität entdeckt und öffnen nun mit der Kraft unserer Utopien und Visionen die Welt jenseits des Spiegels.  Wir schaffen Kunst.  Wir sind “eigen”artig und …  glücklich.

Doch immer dann, wenn wir die Verbindung zwischen der inneren Welt, die immer auch mit den Numinosen kommuniziert, mit der Sorgengemeinschaft herstellen, wir also nicht in der geschützten Einsiedelei leben, dann stellen wir offensichtlich eine Gefahr für die objektive Welt dar, schließlich haben wir die geforderte Aufopferung unseres Selbst verweigert und könnten deshalb ein Vorbild für andere  darstellen. Und so werden wir von der Sorgengemeinschaft  moralisch abgewertet, als “krank” verurteilt und mit der Bedrohung unserer Existenz sanktioniert.

Wir werden in Teile zerlegt, was eine schamanische Initiation darstellt. Wir sind Odin, der am Baum hängt und sich selbst geopfert ist:  selber mir selbst.

Wenn wir diese Vorgänge jedoch  unbeschadet überleben, uns also selbst  wieder zusammensetzen, dann  WERDEN wir zum Übermenschen. Und so entscheiden wir uns jetzt für die rote Pille.

 

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Metropolis und die Volksgemeinschaft

Der Film „Metropolis“, 1926 des Regisseurs Fritz Lang

„Der Film zeigt, dass Volksgemeinschaft nicht allein eine Utopie der politischen Rechten darstellte. Er spielt in einer Stadt der Zukunft, in welcher die Bevölkerung als zwei völlig gegensätzliche Klassen getrennt lebt: die Arbeiter, die unter der Erde als Sklaven der Maschinen im Elend dahinvegetieren, und eine Oberschicht, die im Sonnenlicht ihr seichtes Leben im sorgenfreien Luxus dahinplätschern lässt. Diese ungerechten Verhältnisse provozieren schließlich einen gewaltätigen Aufstand: Tobende Arbeitermassen wollen die Maschinen zerstören, in deren Dienst sie den Großteil ihres Lebens fristen. Doch eine solche Maschinenstürmerei hat dem Film zufolge katastrophale Folgen, denn ohne die technische Apparatur überflutet das Grundwasser die unterirdische Stadt der Arbeiter und droht die Familie zu ertränken. Durch diese dramatisch dargestelle Gefahr, die nur durch die Wiederaufnahme der Arbeit abgewendet wird, soll deutlich gemacht werden, dass eine gewaltsame Revolution im Letzten nur auf eine Selbstzerstörung der gesamten Zivilisation hinauslaufen würde.

Die Lösung der Missstände wird dem Film zufolge nicht durch den Kampf der Arbeiter für ihre Interessen erreicht, sondern von oben durch den idealistischen Sohn des Diktators und eine aufopferungsvolle Sozialarbeiterin, die beide für christliche Nächstenliebe, Einsatzbereitschaft und Mitgefühl stehen. Diesen Repräsentanten der jüngeren Generation gelingt es, Frieden zwischen Kapital und Arbeit zu stiften: Ein fester Händedruck zwischen dem zweckrationalen Manager und einem moderat-einsichtigen Arbeitervertreter besiegelt die Verpflichtung, gemeinsam eine harmonisch-humane Gemeinschaft Wirklichkeit werden zu lassen.

Ein solcher politischer Ausgleich von oben entsprach genau dem Programm von Hitlers Bewegung, die schon mit dem Namen Nationalsozialistische Arbeiterpartei ihre Verpflichtung zur Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit innerhalb der nationalen Grenzen betonte. Im Gegensatz zu den traditionellen Konservativen betonte sie ihren Anspruch, auch die Interessen der kleinen Leute im Auge zu haben, und im Gegensatz zu den marxistischen Linksparteien betonte sie ihre nationalistische Orientierung: Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards für jene, die für sie zum deutschen Volk gehörten. Das Ziel könne nicht durch Klassenkampf oder andere innenpolitischen Auseinandersetzungen erreicht werden, da diese nur die internationale Schwächung und Verarmung Deutschlands zur Folge hätten, sondern nur durch die Förderung der patriotischen Bereitschaft aller, dem Gemeinwohl zu dienen. Es ging nicht um materielle Gleichheit im marxistischen Sinne, sondern, wie Hitler am 27. Januar 1934 in einem Interview sagte, um die Verwandlung des Staates in „einen einzigen Organismus. Es gibt in diesem organischen Wesen keine Verantwortungslosigkeit, keine einzige Zelle, die nicht mit ihrer Existenz für das Wohlergehen und Wohlbefinden der Gesamtheit verantwortlich wäre.“ (Rohkrämer, Thomas: Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus. Paderborn 2013, S. 181 ff.)

Vor diesem Hintergrund, nämlich der Volksgemeinschaft, die es im Nationalsozialismus aufzubauen galt, ist wohl auch folgende Wandmalerei zu deuten, der ich gestern in Hildesheim begegnete.

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Über die Abgründe, die sich auftun können, gerade weil hehre und anscheinend gute Ziele verfolgt werden, wie hier  eben die Volksgemeinschaft,  kann uns folgender Ausspruch Mephistopheles treffend Auskunft geben:

Ich bin die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

Kleine Anmerkung: Der geneigte Leser wird es bemerkt haben, dass ich hier –  mit einem Augenzwinkern – den Satz, wie er in Goethes Faust nachzulesen ist, kreativ verändert  habe.  In der neuen Version lässt sich nun leicht eine gewisse Aktualität erkennen,  schließlich trachten  heutzutage “Gutmenschen” danach,  inflationär unser Alltagsleben zu bestimmen.

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