Teetempel

 

Es ist eine Einschränkung unseres Erkenntnisvermögens,
wenn wir nur die Methoden, die heute in Laboratorien angewandt werden, ausüben.
Wäre die Natur ein Mechanismus, so wären diese Verfahren ausreichend. Die
Schönheit der Welt bezeugt, dass hinter den Sinneserscheinungen nicht bloß ein
Mechaniker, sondern auch eine Künstlerin wirkt. Im Mittelalter kannte man sie als die
Göttin ‚Natura‘. Auf Namen kommt es nicht an. Will man aber zu dem Erleben und
der Erkenntnis eines Wesenhaften in der Natur und in der Kulturgeschichte
gelangen, ist die Kunst die geeignetste Auslegerin dieser Sphäre. Die spirituellen
Zeugnisse der Vorgeschichte sind ohne einen originären neuzeitlichen Zugang zu
diesen Bereichen nicht sachgemäß verstehbar.

Diese Zeilen fand ich unlängst auf den Seiten des Forschungskreises Externsteine.

Und welcher Platz wäre geeigneter gewesen, um der Wahrheit hinter diesen Zeilen nachzuspüren, als der sogenannte „Teetempel“ in Derneburg! Er vereinigt klassizistischen Charme mit einer wild wuchernden Waldlandschaft, die einst, als dieses Gebäude erbaut wurde,  nicht vorhanden war.  Da bot der  Tempel einen freien Blick auf  die Gartenanlagen und das Schloss.

Ich trank dort meinen Tee, ganz wie der Graf, der dort „die englische Sitte des Teetrinkens zelebrierte“ (aus: Laves-Kulturpfad Broschüre, siehe hier). Dann fing es an zu regnen.

 

Laves Teetempel

Pyramiden und die eigene Unsterblichkeit!

Unlängst habe ich ja erst die steinerne Pyramide im Parc Monceau in Paris besuchen dürfen. In Derneburg, im Kreis Holle, begegnete  mir nun erneut eine Pyramide. Auch diese entspricht – ähnlich wie das Pariser Beispiel – freimaurerischen Gedankengutes.

Wie ich  nämlich der Broschüre „Laves-Kulturpfad“ entnehmen kann, die im „Glashaus“-Café ausliegt, soll über der steinernen Tür der von Laves erbauten Begräbnisstätte einst gestanden haben:

„Ewig ist die Fortschreitung zur Vollkommenheit, wenngleich am Grabe die Spur vor dem Auge verschwindet.“

Vielleicht wird damit die Pyramide als ein Sinnbild des menschlichen Lebens verstanden, dass  sich immer weiter entwickelt, bis es dann in der Spitze fast das Göttliche erreicht, was – je nach Weltanschauung – extern oder intern -gedacht werden kann. 1839, als das Mausoleum errichtet wurde, wird man – so meine Vermutung – das Göttliche über den Menschen verortet haben.

Die Pyramide folgt in ihrem Aufbau der heiligen Geometrie, die vom Göttlichen bestimmt wird.  Der Mensch steht nicht außerhalb der Schöpfung, sondern verfolgt seine bewusste Weiterentwicklung innerhalb von Gottes Plan. Stufig strebt die Pyramide nach oben und verliert dabei an Fläche, was sinnbildlich für eine Konzentration auf das Wesentliche stehen kann. Die Pyramide ist somit mit dem Menschen vergleichbar, der seine Persönlichkeit immer weiter schult, ähnlich wie Faust, der  zum Schluss der Tragödie  göttliche Gnade erfahren darf. Schließlich verkünden die Engel dort:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Der Spruch am Mausoleum verheißt dagegen, dass  „die Spur vor dem Auge verschwinde“.

Wenn ich nun das Auge als Sinnbild für das Göttliche, das allsehende Auge also, interpretiere, dann wird, im Widerspruch zum Goethe-Zitat, nicht mehr die Perspektive des Menschen eingenommen, sondern die Sichtweise von Gott antizipiert, für den dann das menschliche Leben nur eine Spur ist, die letztendlich nichtig ist. Ob Erlösung hier noch zu erwarten ist, bleibt fraglich.

Die Selbstvermessenheit, in der der kleine Spruch die Gott-Perspektive einnimmt, muss Zeitgenossen übel aufgestoßen sein. Was aber meiner Meinung nach schwerer ins Gewicht fällt, ist die tiefe Verzweiflung angesichts des Todes, der keine Hoffnung auf einem gütigen Gott ermöglicht, die  hier durchscheint. Gott ist unser Leben egal. Das lese ich aus den Zeilen.

Und da, wo man auf keinem Gott mehr vertraut, da lässt man sich selbst ein Denkmal, wohl nach dem Vorbild der Cestius-Pyramide in Rom, errichten und triumphiert  so selbst über die Vergänglichkeit der Zeiten. Man wird zum eigenen Gott. Die Nachkommen, im Angesicht eines solchen Selbstbewusstseins, lassen den Spruch  ängstlich wegmeißeln.

Zum Weiterlesen – Derneburg im Internet

Pyramide

Verbotene Filme

httpv://www.youtube.com/watch?v=1EEN4dWoip0

„Verbotene Filme“ habe ich heute im Kino gesehen.

Eine Dokumentation, die, wie momentan üblich, collagenartig Filmschnippsel und Meinungen arrangiert und so den Zuschauern ermöglicht, zu eigenen Schlüssen zukommen, jenseits von offensichtlicher Beeinflussung und „Propaganda“, die ja letztendlich das Thema „NS-Propagandafilme“ kontrapunktieren würde.

Im Hintergrund der Dokumentation steht die Annäherung an die Beantwortung der Frage, ob die Filme aus der Nazizeit freigegeben werden sollten oder nicht?

Als ein gut gewähltes Intro habe ich den  filmisches Einstieg in das Thema empfunden das ganz praktisch auf das hochexplosive Nitro-Material anspielt, auf das die Filme archiviert sind. Weiter geht es dann im Stil einer klassischen Studienarbeit, die exemplarische Filmausschnitte  einzelnen Themen wie „Antisemitismus“, „anti-britisch“, „Euthanasie“, …. zuordnet. Dabei folgt  der Regisseur  Felix Moeller üblichen Gewichtungen. So nimmt das Thema Juden-Hass einen sehr viel größeren inhaltlichen und zeitlichen Rahmen  ein,  als beispielsweise „anti-polnische“  Filme oder das  Thema „Thriller“.

Insgesamt hätte ich mir eine  längere Konfrontation mit den Originalmaterialen gewünscht, die auch nicht ständig vom Setting der Vorführung oder gar Meinungsbekundungen von  Schulklassen  „gebrochen“ worden wären.   Hier scheint der Regisseur Angst vor seiner eigenen Courage gehabt zu haben. Offensichtlich wollte er es vermeiden, die Zuschauer „zu direkt“ der Wirkung der Filme auszusetzen. Schade!

Letztendlich erscheint mir die Einteilung in verschiedene Themenblöcke „uninspiriert“, andererseits – dies sei ehrlicherweise gesagt – bezweifle ich, dass zum jetzigen Zeitpunkt der Diskussion ein positionierterer dokumentarischer Umgang in Deutschland möglich wäre. Insofern spreche ich eine klare Sehempfehlung aus, hoffe aber, dass diese Dokumentation  nur den Anfang einer offeneren Auseinandersetzung mit dem filmischen Erbe der NS-Zeit markiert.

Flugkünste

The Heroic Siegfried oppo p 54

Wenn ich fliegen will, dann tanze ich Sabar.

Bei den Männern, zumindest denen der Heldensage, ist das anders- Wieland, nicht unbedingt ein sympathischer „Held“, vergewaltigt Badhilde, schmiedet sich dann ein Federkleid und kann, mit Hilfe dieser ersten Flugmaschine, der Rache ihres Vaters, König Nidung, entfliehen.

Die Ausstellung im privaten Luftfahrtsmuseum Hannover beginnt mit diesem zweifelhaften Helden, zeigt erste Anfänge der zivilen Luftfahrt, um sich dann der mitlitärischen Nutzung der Flugmaschinen zu widmen.

Bisher hat Technikgeschichte nicht unbedingt zu meinen primären Interessen gezählt und so wusste ich bis zum heutigen Tag nicht, warum der IATA-Flughafen-Code von Hannover ein J am Ende aufweist (HAJ).

Ob das vielleicht mit den Hannoveraner Karl Jatho zusammenhängt, der

„nach persönlichen Notizen sowie angeblich 30 Jahre später beigebrachten notariellen Bestätigungen einer der ersten Menschen (war), die einen motorisierten Flug druchgeführt haben“ (Wikipedia, besucht am 01.04.2014)?

Die netten ehrenamtlichen und durchaus auskunftsfreudigen Mitarbeiter des Luftfahrtsmuseum können diese Frage sicherlich beantworten. Nicht nur deshalb gebe ich  hier eine klare Besuchsempfehlung.

Luftfahrtmuseum Hannover

 

Flugzeug

Tanz in den Zwanziger Jahren!

»Man tanzt Foxtrott, Shimmy, Tango, den altertümlichen Walzer und den schicken Veitstanz. Man tanzt Hunger und Hysterie, Angst und Gier, Panik und Entsetzen. Ein geschlagenes, verarmtes, demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz.“ So interpretiert Klaus Mann in seinem Lebensbericht  „Der Wendepunkt“ die Tanzwut nach dem Ersten Weltkrieg. Nach vier entbehrungsreichen Jahren und dem für die meisten Deutschen sehr enttäuschenden Kriegsende gab es zwar wenig zu feiern, aber viel nachzuholen.

Der Auftakt zu dieser beginnenden Euphorie der Lebenslust war nicht vielversprechend, im Gegenteil: Im ganzen Land herrschte nach Abschluss des Krieges und eingeschränkt auch noch danach ein allgemeines Tanzverbot.

Damit wollte man vermeiden, dass vergnügungssüchtige Deutsche sich von einer Tanzveranstaltung in die nächste stürzten, ungeachtet der politischen Unruhe im Land.

Kurz vor Kriegsende beschrieb ein Journalist im Hannoverschen Anzeiger vom 15. September 1918 seine Beobachtungen am Kröpcke

»Die Feldgrauen, die aus der Hölle an der Front kommen, sehen sich kopfschüttelnd dies Treiben an, sie könnens nicht fassen, dass es hier so viele Menschen gibt, die sich leichtfertig hinwegsetzen über den Ernst der Zeiten, ohne zu denken an die Brüder und Vater, die draußen stehen im wilden Kampfe, Minute um Minute den Tod vor Augen.“

Meinen vollständigen Artikel über die Tanzwut  zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Hannover, den ich noch unter einem anderen Nachnamen veröffentlichte,  habe ich eingescannt und er lässt sich nun nachstehend als pdf-Datei abrufen.  Er enthält u.a. auch einen Exkurs über  „Die neuen Tanzvergnügen der Homosexuellen“ von Reiner Hoffschildt.

Ursprünglich ist der gesamte Beitrag,  dies sei korrekterweise hier angegeben, 1991 im Buch „Wochenend & schöner Schein. Freizeit und modernes Leben in den Zwanziger Jahren“ (hrsg. von Adelheid von Saldern und Sid Auffahrt) erschienen.

Viel Spaß bei der Lektüre!

Ein Vergnügungsbummel durch das Hannover der Zwanziger Jahre

Quedlinburg: Advent in den Höfen

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Allgemeinhin gestaltet sich die Zeit vor Weihnachten bei mir nicht besonders besinnlich. Zu dicht sind die beruflichen und privaten Verpflichtungen, um sich bei Kerzenschein und Spekulatius-Keksen entspannt in die Dunkelheit fallen zu lassen.

Eine willkommene Unterbrechung der Vorweihnachts-Hektik stellte die  „Wildfrauenhaus“-Wanderung dar, die letzten Sonntag stattfinden sollte und die wir – mangels sportlichen Ehrgeizes – zu einer Städtetour umfunktioniert hatten. Und so machten wir uns am Sonntag auf zu einer kleine Reise  in den Ostharz: Werningerode oder  Quedlinburg standen zur Auswahl.

Letztendlich entschieden wir uns für Quedlinburg. Die Aufnahme der Stadt in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes verhieß schließlich  kulturell-historische Entdeckungen.

Schon im Zug von Halberstadt nach Quedlinburg ahnten wir, dass es so entspannt-historisch erforschend nicht werden würde, wie von mir geplant. Der kleine HEXen-Express war rappelvoll mit Ausflüglern, die allesamt das gleiche Ziel vor Augen hatten,  nämlich Quedlinburg.
Die ganze Stadt, laut Wikipedia eines der größten Flächendenkmäler Deutschlands, war zum Weihnachtswunderland umfunktioniert worden.  Das Projekt nennt sich „Advent in den Höfen“, was bedeutet das einige Höfe der  sage und schreibe 1327 Fachwerkhäuser für die Besucher geöffnet und mit allerlei Krämer- und Kunsthandwerker bestückt sind, aber auch – was ich wirklich sehr löblich  finde – von Vereinen, Schulen und Nachbarschaftszusammenschlüssen bespielt werden.

Sympathie für das Ehrenamt hin oder her: Ich hätte gerne an den Einnahmen der kapitalistisch organisierten  Glühweinstände partizipiert, die fleißig von den vielen Besuchern frequentiert wurden.

Bevor wir aber selbst uns mit Hilfe alkoholischer Getränke in einem beschwingten Zustand versetzen wollten,  stand Kultur auf  dem Programm. Immerhin wollten wir die Stiftskirche, der mein Kunst-Reiseführer ja immerhin fünf Seiten widmete, nicht ungesehen lassen. Doch die einheimische Bevölkerung, die wir fragten, wusste mit der Bezeichnung  „Stiftskirche“ nicht wirklich etwas anzufangen.  Das Zauberwort „Schlossberg“  hätte uns wohl schneller zum Ziel geführt, so aber mäanderten wir noch eine längere Zeit durch das Weihnachtswunderland und fanden uns schließlich vor dem  Schlosshotel (oder Quedlinburger Stadtschloss) wieder, wo uns dieser Herr der Renaissance streng entgegenblickte:

 

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Neben dem Stadtschloss sahen wir die Ruine eines Benediktinerinnenkoster, was einst von der Äbtissin Matthilde, Gemahlin von Heinrich I und Vater von Otto d. Großen, 986 gegründet wurde, ließen dieses aber ohne nähere Begutachtung „rechts“ liegen und gingen zurück zum Marktplatz, von dem wir dann – oh Wunder!  – wirklich den Schlossberg erreichten.

 

Quedlinburg

 


Um die  Stiftskirche St. Servati  zu betreten, mussten wir sage und schreibe 4 € Eintritt bezahlen (und dies ohne Krypta, dafür aber mit Domschatz, der 1945 von Amerikanern geraubt wurde und 1992 „zum Teil“ zurückkehrte).  Eintritt, um eine Kirche zu besichtigen, war für mich ein gewisses Novum und ich fragte mich, wie schlecht es der Kirche in Deutschland gehen müsste, um  die neutestamentliche „Tempelreinigungs“-Geschichte auf diese gierige Art und Weise zu paraphrasieren?  

Wikipedia belehrte mich aber, dass die Stiftskirche  eben nur noch von den Religionsgemeinschaften „genutzt“ wird,  was wahrscheinlich bedeutet, dass es „Staatseigentum“ ist und dies nicht nur seit den Zeiten der DDR: Schon 1938 wurde die Kirche von der SS besetzt und  von Heinrich Himmler zur „Weihestätte“ umfunktioniert.  Die Geschichte vom „ersten deutschen König“, der in Quedlinburg der Sage nach die Nachricht von seiner Königswahl erhalten haben soll,  wurde überhöht und für nationalsozialistische Zwecke fruchtbar gemacht.

 

Bundesarchiv Bild 183-H08447, Quedlinburg, Heinrichs-Feier, Heinrich Himmler



Wie wir alle  wissen: Geschichte wird gemacht, wobei heutzutage  eher touristisch-marktwirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen als nationale.

 

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cuba libre


Fazit: „Advent in den Höfen“  ist sicherlich ein tolles Event für alle Weihnachtsmarkt-Liebhaber;  wer aber die Stadt in Ruhe genießen möchte, der sollte anderen Tagen den Vorzug geben.

Seltsame Orte: Die RosebuschVerlassenschaften

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Im Zuge der „Nacht der Museen“ bin ich letzten Samstag – gänzlich ohne Vorbereitung – auf die Rosebuschverlassenschaften getroffen. Dort wurde mir – auf eine verstörende Art und Weise – die Macht der Dinge eindrucksvoll vor Augen geführt.

Es scheint ein großer Unterschied zu sein, ob man ein Objekt eines Künstlers im Museum oder in der Galerie bestaunt oder ob man auch körperlich direkt in ein groß angelegtes Environement, eben das Lebenswerk eines Künstlers, eintritt.

Letzteres ist hier der Fall.

Alles ist in rostbraun getaucht und weckt Assoziationen von einer Industriekultur, die längst dem Untergang verfallen ist.

Ich, die ich mit Holocaust-Fersehsendungen aufgewachsen und deshalb absolut überdrüssig jeglicher Mahnmale und didaktischer Filmchen  bin, stelle erstaunt fest, dass dieses Environment eine Tür öffnet in eine zentnerschwere Blockade, die ich diesem Thema mittlerweile entgegenbringe. Hier wird der Bogen gespannt zwischen  der Ästhetik der alten Fabriken, ihrer Ausschusswaren und der industriellen Vernichtung von „Anderen“  und vom „Anderen“ zur Zeit des Nationalsozialismus.  Dies alles geschieht auf einer sehr emotionalen Ebene. Und so verliere ich mich zwischen den Dingen, widersprüchliche Gefühle  werden ausgelöst, packen mich und beschäftigen mich auch noch im Nachhinein.

Die Rosebuschverlassenschaften sind das blanke Gegenteil zur modernen „Simplify your life“-Philosophie. Anstatt sich von den Dingen zu befreien, um etwas Neues in das Leben zu holen, wird hier  vielmehr das Alte in neue Zusammenhänge gestellt und dabei auf eine sehr emotionale Weise neu interpretiert.

Es ist eine Assemblage, in der der Besucher zum Täter wird. Zwischen all den Verlassenschaften finden sich  immer wieder Textzitate oder ebenfalls rostbraune Bilder, die Menschen auf der Flucht zeigen und die mir wie die Manifestation der Geister der Verstorbenen vorkommen.

Sie raunen mir zu:
Was hat das alles mit uns heute zu tun?

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Kyffhäuser

Sehr imposant ist das Kyffhäuserdenkmal, das – um hier einmal ein menschliches Bezugssystem als Vergleich zu wählen – wie ein gewaltiger Arm ist, der sich kräftig in den Himmel reckt, um die Erdenergie des Kyffhäusergebirges in den Himmel abzugeben.

Empfehlenswert ist es, sich von Kelbra aus, über die alte Alleestraße und durch pittoreske Obstplantagen hindurch, langsam dem Kyffhäuserdenkmal zu nähern.

Fritz Fenzl hat in seinem Buch „Magische Orte in Deutschland“ (Rosenheim 2011, S.179) das Kyffhäusergebirge als einen „wichtigen Ort des abwartenden Schlafens und des gewaltigen Wiederkommens“ bezeichnet. Leider erklärt er dabei nicht, was er damit genau meint. Ich nehme allerdings an, dass dahinter der Gedanke steht, dass der Kraftort darauf wartet, als ein solcher wahrgenommen zu werden und dass die Tore zur Anderswelt noch verschlossen sind, sich aber erneut öffnen möchten.

Und auch mir kam die Energie, während meines sommerlichen Aufenthaltes in Kelbra, nicht wirklich fassbar vor. Ich bin dort auf die Suche nach einer energetischen Wahrnehmung gegangen, die sich aber nur schwerlich offenbarte – jedenfalls nicht auf der schroffen Seite des Kyffhäusergebirges, die dem Südharz zugeneigt ist und auf der sich oberhalb der Königspfalz Tilleda, die Ruinen der Unterburg und schließlich die eigentliche Kyffhäuser-Burg mit ihrem imposanten Denkmal erheben.

Dieses – auf einer intuitiven Ebene – nicht Greifbare, was ich dort erlebte, würde ja durchaus Fritz Fenzls Beobachtung stützen. Ich wollte es jedoch genauer wissen. Insofern war ich zweimal beim Denkmal gewesen: das erste Mal ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes, das andere Mal am Ende. Und beim zweiten Mal kamen mir die schlummernden Energien dann „lebendiger“ vor und ich konnte mich dem imposanten Denkmal, bestehend aus einem Turmbau, der an eine imposante Walhalla-Burg erinnert und der sich aus einer künstlichen Grotte erhebt, neu annähern.

Was war in der Zwischenzeit geschehen? Ich war in Bad Frankenhausen gewesen, allerdings zu kurz, um die Salzstadt wirklich zu würdigen, war danach aber – eher notgedrungen, da das öffentliche Busnetz in diesem Landesteil desolat zu sein scheint – über das ganze Gebirge zurück zum Denkmal gewandert. So hatte ich – wenn auch nicht willentlich – die Energien der Südseite des Gebirges zum Norden getragen. Dies ist – eine mutige Hypothese – vielleicht die Voraussetzung dafür, dass sich der Kraftort mir ein wenig „entschleierte“, zumal die gespürten Energien auf beiden Seiten des Kyffhäusergebirges für mich als diametral entgegengesetzt fühlbar waren.

Das südliche Gebirge ist von weiblichen Energien getragen, die nördlichen, steil abfallenden Höhenzüge sind jedoch von männlichem Herrschaftsdenken dominiert.

Diese Wahrnehmung wird auch von den historischen Fakten unterstützt, die mir – zumindest in Bezug auf den südlichen Teil – zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt waren.

In der Nähe von Bad Frankenhausen finden sich nämlich sogenannte „Kannibalen“höhlen, in denen veneto-illyrische Feldbauerinnen, noch bevor die Germanen das Frankenhäuser Tal besiedelten, einer chtonischen Fruchtbarkeitsgöttin geopfert hatten. In einem der Höhlenheiligtümer fand sich gar ein hölzerner Spinnwirtel, „das Symbol der spinnenden Unterweltgottheiten, der Fruchtbarkeitsgöttin aus dem Kreise der Nerthus-Gottheiten, in deren unterirdische Behausung der heilige See und das heilige Moor führten.“ (nachzulesen bei: Behm-Blancke, Günter: Höhlen. Heiligtümer. Kannibalen. Leipzig 2005, S. 238)

Und so sind sie immer noch präsent – die weiblichen Wesen, die hier einst verehrt wurden, vielleicht später auch noch von den germanischen Eroberern, die sich einen direkten Zugang zum begehrten Salz schaffen wollten und deshalb die Gegend der Goldenen und Diamantenen Aue besiedelten,

„Die Germanen gelüstete es nach dem mitteldeutschen Salz, das sie bisher nur als kostbares Tauschmittel erhalten hatten. Zum Schutz gegen die feindlichen Absichten ihrer Nachbarn errichteten die mitteldeutschen Volksstämme nunmehr im Grenzgebiet, längs des Kyffhäusers und des Harzes, eine Reihe von Burgen. Wir wissen nicht, ob sie Schauplatz heißer Kämpfe wurden, aber wir wissen, dass die Veneto-Illyrer unterlagen. Sie gingen in den Kelten und Germanen auf.“ (ebd., S. 21).

„ (….) die alte venoto-illyrische Muttergottheit war der germanischen wesensähnlich“ (ebd., S. 236),

und so ist anzunehmen, dass die Göttin – nun wohl unter einem anderen Namen – auch später noch verehrt wurde. Geschichten, als abgesunkene Mythen sozusagen, erzählen immer noch davon, dass gute Menschen, die sich auf den Zauberberg verirren, Glück und Segen empfangen, böse jedoch mit einer Strafe rechnen müssen (nach: Ebd., S. 24).

Auf der nördlichen Seite ist von weiblichen Gottheiten wenig spürbar. Diese Seite ist geprägt von einer großen Burganlage, auf der sich das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal erhebt. Es wurde in der Regierungszeit von Wilhelm II. zu Ehren von Wilhelm I. errichtet. Vom Architekten Bruno Schmitz, der auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal entworfen hatte, wurde dabei das Reiterbild Wilhelms I. über eine Darstellung von Kaiser Barbarossa gestellt und damit in Zusammenhang mit der bekannten Kyffhäusersage gebracht, in der Barbarossa im Berg wohnt und darauf wartet, ihn verlassen zu können. Dass es sich in Wirklichkeit in der mittelalterlichen Sage um Barbarossas Enkel Friedrich II. handeln muss, der sich wünschte, das Römische Reich Deutscher Nation von der Macht der Kirche befreien zu können, ist ein Fehler, der sich durch eine Verwechslung des Stadtarztes Adelphus zu Landshut schon seit dem 16. Jh. festgeschrieben hatte.

Wie dem auch sei: Die künstlerische Darstellung Barbarossas erinnert an Wotan, was eben nicht nur eine Reminiszenz an wilhelminische Germanenverehrung sein kann, sondern es scheint auch möglich zu sein, dass die mittelalterliche Sage auf eine frühere Wotanverehrung am Berg hinweist; die vielen „Kegel“sagen, die am Kyffhäuserberg lokalisiert sind, verweisen jedoch auf den Donnergott Thor.

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Die männliche Energie der nördlichen Seite des Berges scheint also schon bis in frühgeschichtliche Zeiten zurückzuweisen. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Sinn und Zweck des im 19. Jahrhundert errichteten Denkmals war, ein Bollwerk gegen äußere und innere Feinde zu zementieren. Kriegervereine, in deren Auftrag das 81 m hohe Monument errichtet worden ist, wollten mit Hilfe von solch großen Denkmälern, und das Kyffhäuser-Denkmal ist ja nur eines von vielen, die Reichseinheit betonen und sich gleichzeitig von der Sozialdemokratie abgrenzen.
neobarocke Baustil des Denkmals betont die imperialistische Intention des damaligen pompös-repräsentativen Zeitgeistes. Die heutigen Motorradfahrer, die den Kyffhäuser als Rennstrecke missbrauchen, setzen die Tradition des männlichen Testosterons ungebrochen fort.

Weiblichen und männlichen Energien des Gebirges verlangen nach einem Ausgleich. Vielleicht stellt  die Quelle des „Heiligen Borns“, der  auf der nördlichen Seite  des Gebirges gelegen  ist, den gesuchten Ort dar, wo beide zu einer Transformation zusammengeführt werden können. Dies ist allerdings nur eine Vermutung. Hier müsste geomantisch weiter geforscht werden, um so dem Ort sein Potential zurückzugeben.
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Die „Alte Taufe“

Einmal im Monat gehen wir – das ist eine Gruppe von interessierten Hannoveraner/inne/n – gemeinsam  wandern. Dabei verknüpfen wir das Wandern mit spirituellen Themen und lernen darüber hinaus die  nähere Umgebung kennen.

Das letzte Mal waren wir  hier:

Alte Taufe. DetailAlte Taufe

Das ist die „Alte Taufe” und mein Sonntagsausflugs-Führer von Ingeborg Müller sagt dazu:

„Dabei ist dieser sagenumwobene Stein einen Besuch wert, auch wenn seine Geschichte recht blutrünstig ist. Offensichtlich ist dieser mächtige Steinquader mit seiner schüsselartigen Vertiefung von Menschenhand behauen. Angeblich sollen hier einst in dem von Cheruskern bewohnten Gebiet Blutopfer durch das Schlachten von weißen, als heilig angesehenen Pferden erbracht worden sein. Sie galten dem germanischen Kriegsgott Tiu, von dem auch der Name Deister abgeleitet werden kann. Später aber habe ein heidnischer Adliger auf jenem Stein, der damals inmitten eines Burghofes gestanden haben soll, die Erstgeborenen der von ihm besiegten Christen geopfert, ehe er sich dort voller Reue als Christ taufen ließ. Damit wurde die ‘Alte Taufe’ zum Taufstein.” (S.51 f.)

Nun, mich selbst interessieren die germanischen Wurzeln mehr als die christlichen Schauergeschichten, die später auf die alten Kraftplätze projiziert worden sind. Insofern nehme ich an, dass an diesem Stein früher Recht gesprochen worden ist, schließlich ist Tiu oder auch Tyr der Gott des Things, des Rates also.

Doch er ist noch viel mehr: Genauso wie Odin, der ihn später verdrängte, ist er der große Himmelsgott. Ihm ist eine eigene Rune zugeordnet. Es ist ein Pfeil, der nach oben zeigt und den die Krieger einst auf ihre Speere zeichneten.

Diese Rune steht für Gerechtigkeit und verweist durch ihre aufstrebende Form auf das Irminsul, womit ich dann – für alle, die es verstehen wollen – den Zusammenhang zu den Externsteinen hergestellt habe.