Der Park an der Ilm in Weimar (4. Tag)

Die mir in Weimar verbleibende Zeit nutzte ich, nachdem ich mir einige Gebäude des nationalsozialistischen Weimars angeschaut hatte, noch für eine kurze Begehung des Parks an der Ilm, der zwischen 1778 und 1828 entstand.

Der Park  zeigte sich mir, obwohl wir doch schon den März datieren, im winterlichen Kleid.

Immer wieder taten sich dabei Sichtachsen auf. Hier wandert der Blick zu Goethes Gartenhaus, was einst der Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach den Dichter geschenkt hatte und was von Goethe 1776 bezogen wurde.

Sichtachsen als gestalterisches Moment der Gartengestaltung sind mir u.a. schon vom Wörlitzer Landschaftspark bekannt und wirklich war dieser das Vorbild für den Park an der Ilm. Herzog Karl August und Goethe  hatten Wörlitz nämlich, im Zuge einer Informationsreise besucht, bevor sie unter Einbeziehung älterer Anlagen, mit der Planung in Weimar begannen. In der Anfangszeit leitete Goethe die gestalterische Arbeit, später wurde dies vom Herzog übernommen.

Leider ließ es meine Zeit nicht zu, alles zu entdecken. So schlenderte ich von der Parkhöhle kommend zur künstlichen Ruine und dann zum römischen Haus, um dann im kleinen Bogen umzukehren und vorbei an Goethes Haus zurück zur Altstadt zu laufen. “Der Park an der Ilm in Weimar (4. Tag)” weiterlesen

Dichterhäuser in Weimar: Schiller- und Goethehaus (3. Tag)

Das Schillerhaus

Am dritten Tag besuchten wir das Schillerhaus, wo Herr Dr. Paul Kahl einen Vortrag  über “Wilhelm Tell und die Weimarer Klassik” hielt.

Das Konzept der Weimar-Jena-Akademie literarische Betrachtungen  mit Ortsbegehungen zu verknüpfen, spricht mich ausgesprochen an, schließlich korrespondiert es mit meinem Ansatz des mythologischen Wandern, spart jedoch, das ist wohl dem herrschenden Zeitgeist geschuldet, eine sinnlich-empfindsame Durchdringung aus und  kapriziert sich stattdessen ganz auf eine verstandesmäßige Herangehensweise.

Im Schiller-Wohnhaus schrieb der Dichter seinen “Wilhelm Tell” und verbrachte hier auch die letzten drei Jahre seines Lebens. 1847 gelangte das ehemalige Wohnhaus in städtischen Besitz, woraufhin  die Räume in Kulträume umfunktioniert wurden. Den Ist-Zustand beschreibt Dr. Kahl wie folgt:

Was man hier sieht ist eine “bildungsbürlich-biedermeierliche Innenrauminszenierung des 19. Jahrhunderts in der Mansarde, erweitert um eine stilgeleitete Innenrauminszenierung der späten DDR im ersten Stockwerk. (Kahl, P.: Der Geschichtsort Schillerhaus in Weimar)

Schon vor Goethe wurde Schiller als eine bürgerliche Identifkationsfigur angesehen, an dessen Person sich eine Verehrung inszenierte. Auf dem Original-Bett des Dichters häuften die Besucher im 19. Jahrhunderts Rosen an und auch A. Hitler soll dies bei seinem Besuch im Schiller-Haus getan haben, was ihn später jedoch nicht davon abhielt, den “Wilhelm Tell” verbieten zu lassen.

Da das Seminar nun beendet war, zog ich, samt Gepäck vom  Wielandsgut Oßmannstedt und seiner doch recht einfachen Übernachtungsmöglichkeit, in Form eines Bettgestelles, was auf dem Boden lag,  in das Hotel Best Western Premier Hotel Russischer Hof um. Das luxuriöse Zimmer, was mich nun willkommen hieß, war schon eher nach meinem Geschmack und meine Laune stieg bei der Aussicht auf eine entspannte  Nacht, die dann allerdings ein wenig durch die Geräusche der Lüftungsanlage (oder was auch immer?) gestört wurden. Vielleicht hätte ich diese aber auch einfach abstellen können. “Dichterhäuser in Weimar: Schiller- und Goethehaus (3. Tag)” weiterlesen

Der zweite Tag in Weimar: Das Stadtschloss mit seinen Dichteräumen und das Deutsche Nationaltheater

Am zweiten Tag meines Aufenthaltes im Weimarer Land hörten wir am Vormittag einen weiteren  inspirierenden Vortrag von Dr. Paul Kahl über Goethes Iphigenie und diskutierten anschießend, inwieweit de Tyrann erziehbar ist. Wohingegen sich Goethe hier für eine humanistisch geprägte Konfliktlösung ausspricht, zeigt Schiller im Wilhelm Tell auf, dass Aufklärung und Empfindsamkeit angesichts eines ungezügelten Despotismus scheitern muss. In der anschließenden Diskussion wurde dann von einigen Teilnehmern der Tyrann mit H. Trump gleichgesetzt, was mir dann  doch reichlich vereinfachend vorkam.

Das Stadtschloss mit seinen Dichterräumen

Danach fuhren wir mit Fahrgemeinschaften nach Weimar.  Im Stadtschloss, der einstmaligen Residenz der Herzöge von Weimar und Eisenach, besuchten wir die Dichterzimmer von Goethe und Schiller. Insgesamt gibt es vier solcher Memioralräume, die jeweils den literarischen Motiven von Goethe, Schiller, Wieland und Herder gewidmet sind.  Eingerichtet wurden sie im Auftrag von Maria Pawlowna, verheiratet mit Carl Friedrich, Erbprinz von Sachsen-Weimar. Sie wollte damit die Wichtigkeit der Dichter für ihre Politik unterstreichen und sich dadurch natürlich selbst aufwerten.

Ein antikes Sarkophagrelief, das Szenen von Euripides “Iphigenie bei den Tauren” zeigt, was wiederum als Vorlage für Goethes Iphigenie gedient hat,  gab Anlass für die Herrichtung der Dichterzimmer. Im Goethe-Raum befinden sich dann auch mehrere Bilder, die Goethes Iphigenie illustrieren, gleichwie sich im Schiller-Raum ein Gemälde zum “Wilhelm Tell” befindet. Obwohl in diesem Zimmern die Literatur im Vordergrund stehen sollte, sind in beiden altarähnlich inszenierte Dichter-Büsten in Szene gesetzt.

 

Zum weißen Schwan

Aufgrund des dichten Terminplans hatten wir nur eine kleine Mittagspause zur Verfügung, die ich zum Besuch des Gasthauses “Zum weißen Schwan” nutzte. Ich entschied mich für das Mittagsmenü mit Vorspeise, Hauptgericht und Espresso, was mit insgesamt 14 € preislich moderat war und auch vorzüglich mundete.

Das Deutsche Nationaltheater

Danach ließen wir uns durch das Deutsche Nationaltheater führen und ich hatte die Gelegenheit endlich einmal den Bühnenbereich und die Werkstätten eines Theaters zu besuchen. Leider plauderte unsere junge Führerin  nach meinem Geschmack etwas zu begeistert über das  anscheinend überaus “politisch korrekte” Regietheater in Weimar, sodass ich, entgegen meiner Absicht mich zurückzuhalten, zum Widerspruch animiert wurde.

Wetterkapriolen

Damit aber nicht genug! Bei der Rückfahrt gerieten wir in heftigste Schneeverwehungen,  sodass  unsere Fahrerin uns nicht bis zum Wielandsgut bringen könnte und wir die letzten Kilometer im eisigen Wind zu Fuß zurücklegen mussten.

Der nachfolgende Vortrag über “Weimar und die deutsche Geschichte” verschob sich, da auch andere Teilnehmer mit ähnlichen Transportproblemen zu kämpfen hatten, leicht nach hinten. Die  nachfolgende Diskussion verlief angeregt, wenngleich einige der Seminarkollegen mir zwar immer noch freundlich, aber doch deutlich distanziert entgegentraten.  Woran das wohl lag? 🙂

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Zu Besuch bei Wieland: Der 1. Tag im Weimarer Land

Von Hannover ging es heute über Göttingen und Erfurt nach Oßmannstedt. Jetzt bin ich im ehemaligen Wohnhaus von Christoph Martin Wieland, der 1797 dem Gutshof nördöstlich von Weimar erwarb, um dort mit seiner Familie nach Art eines römischen Landjunkers zu leben.

Das ruhige Landleben inspirierte ihm zum Scheiben und Dichten. Auch heute noch ist es ganz still im ehemaligen “Osmantium”,  das jetzt zur Klassik Stiftung Weimar gehört und in desen Bildungsstätte (Weimar-Jena-Akademie) ich mich gerade aufhalte.

Für mich ist es ganz ungewohnt, einmal nicht ein ständiges urbanes Rauschen, wie ich es aus Hannover gewohnt bin, zu hören. Das Gästezimmer ist spartanisch und das Wieland-Museum lässt sich leider nicht besuchen, da noch  bis zum  25.03 Winterpause ist

Dafür kann ich mich an das Fenster setzen und auf dem barocken Delphin-Brunnen im Schnee-Ambiente schauen und ganz langsam all die Hektik hinter mir lassen, die in den letzten Monaten mein ständiger Begleiter war. Durchatmen – zu sich kommen …. Das Leben kann so schön sein, wenn es denn nicht das ewige Ticktack des Existenzkampfes im Fokus hat.

Ich horche einem Vortrag über die Beziehung von Goethe zu Schiller und der Referent jongliert so wortgewaltig mit der Sprache, dass es mir, die ständig dem einfallslosen Verwaltungs-Journalisten-Wirtschaftsdeutsch in den politischen Ausschüssen ausgesetzt ist, eine kontrastierende Freude ist.

Umrahmt wird das Gut von einem kleinen Landschaftspark, der vom Reichsgrafen von Bünau angelegt wurde. Irgendwo hier, an der Ilm, sind Anna Dorothea Wieland, Christopf Martin Wieland und Sophie Brentano begraben. Ein Obelisk kennzeichnet diesem Platz. Morgen werde ich mich auf die Suche nach ihm begeben.

Liebe und Freundschaft / umschlang die verwandten / Seelen im Leben, / und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein. (Grabspruch)

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Auf dem Heiligenberg in Heidelberg

Ich hatte es mir so entspannt vorgestellt: Mit dem ICE um halb Acht  nach Frankfurt fahren, um dann um  11 Uhr meine Stadtbegehung zu starten. Leider kam es anders. Der ICE war schon vor Hannover liegen belieben und fiel ersatzlos aus. Der IC, der mir als Ersatz angeboten wurde, fuhr später, brauchte länger und hatte schon  in Hannover eine Verspätung von 10 Minuten. Es wurde nicht besser. Außerplanmäßig musste er nach Darmstadt fahren, weil irgendetwas umrangiert werden musste, um dann eine andere Strecke nach Heidelberg zu fahren. Dank all dieser Umstände hatte ich nun zwar ausreichend Zeit, um mein Buch zu lesen, meine Aufenthaltsdauer in Heidelberg reduzierte sich so aber so auf magere vier Stunden.

Nun  hatte ich leider keine Zeit mehr  für die hübsche Altstadt, die aufgrund der Vorweihnachtssaison sowieso überfüllt war: Ich wollte zumindest den Thingplatz sehen. So überquerte ich also die Altstadt-Brücke und ging eine steile Straße (genannt Schlangenweg), die aus vielen, vielen Treppen bestand, hinauf und erreichte so den Philosophenweg.

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In Draculas Reich. Teil 4

Jetzt ist ja schon reichlich viel Zeit seit meiner kleinen Rumänien-Reise vergangen, noch immer aber ist mein Bericht von meiner Pauschal-Rundfahrt nach Siebenbürgen und den Moldau-Klöstern nicht abgeschlossen Vergessen habe ich das Weiterschreiben nicht, nur leider droht solch müßige Tätigkeiten, wie eben das Bloggen,  im leider allzu hektischen Alltagsgeschäft unterzugehen. Traurig, dass dies selbst in der Vorweihnachtszeit, die eigentlich ruhig sein sollte, nicht anders ist.

Wie dem auch sei: Ich nehme mir die Zeit und setzte meinen Bericht fort.  Hier findest du die vorangegangenen Teile: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Der Weg führte mich von Biertan aus, noch am selben Tag, weiter nach Schäßburg (Sighisoara). Die mittelalterliche Altstadt hat sich hier fast vollständig erhalten und wenn man durch die Gassen mit ihren bunten Häusern schlendert, hat man das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist. “In Draculas Reich. Teil 4” weiterlesen

In Rübezahls Reich, Teil 2

Am zweiten Tag in Hirschberg (pol. Jelinia Góra) fuhr ich mit dem Bus nach Agnetendorf (pol. Jagniatków). Da ich am zentralen Busbahnhof startete, musste ich erst den Bus Nr 3. bis nach Slaskie nehmen, um dann in den Bus Nr. 15 umzusteigen. Den hätte ich aber auch schon zentral in Hirschberg wählen können, beispielsweise am Jugendstil-Theater, nur eben nicht am Busbahnhof.

Alle Polen, die ich um Rat fragten, waren sehr hilfsbereit und bemüht mich irgendwie zu verstehen, was letztendlich dann auch klappte.

Bei der Planung meines Ausflugs hat mir übrigens folgende deutschsprachige Broschüre, die ich online fand, sehr geholfen: Jelinia Góra aktiv

Im malerisch gelegenen Agnetendorf ist die Endhaltestelle der Buslinie Nr. 15 direkt am Gerhart Hauptmann Haus gelegen. Von hier aus hätte ich auch noch zur mittelalterlichen Burg Kynast wandern können, aufgrund bestehender Gewitterwarnungen entschied ich mich jedoch dagegen.

Direkt gegenüber der Endhaltestelle liegt das ehemalige Anwesen Gerhart Hauptmanns. Da die sowjetischen Besatzungskräfte gewisse Sympathien für Gerhart Hauptmanns  sozialkritisches Drama “Die Weber” aufbrachten, wurde er nicht Opfer der Vertreibung der Deutschen und konnte bis zu   seinem Tod 1 sein Anwesen, was er selbst “Wiesenstein” nannte.  Schließlich setzte aber die polnische Regierung  196 seine Enteigung durch, woraufhin er kurz darauf verstarb.

Bis zu seinem Tode muss er hier glückliche Zeiten durchlebt haben. Er wohnte hier als Dichter des Naturalismus mit seiner zweiten Frau Margarete Marschalk. Das Haus galt als Treffpunkt für Künstler und Literaten.

Ich näherte mich dem auf einem Granitfelsen gebauten Haus langsam und beging erst einmal den Garten, in dem sich immer wieder wilde Steinhaufen fanden, in deren Schatten sich angenehme Rast einlegen lässt. Überall sind Bänke und Tische aufgestellt und laden zum Verweilen ein.

Ich könnte mir gut vorstellen, wie Gerhart Hauptmann hier mit Freunden, Künstlern und Literaten zusammengesessen hat und über den Realismus des Naturalismus im Gegensatz zum Klassizismus der Goethezeit debattiert hat.

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Sturm überm Acker

Nachdem ich im letzten Beitrag den Kampf der Stedinger Bauern gegen die Kirchenfürsten Bremens erwähnt hatte, sendete mir ein Facebook Freund folgendes Gedicht eines seiner Ahnen, nämlich von Bruno Hanns Wittek, zu:

Meiner Heimat Berge tragen
nicht den Glanz von ewigen Firnen,
aber um die grünen Stirnen
rauscht der Wald seit Vätertagen,
wandern Wolken sanft und still.

Drunten, wo die Hütten stehen,
weint das Korn im Sommerwinde,
kommt der liebe Gott auf Zehen
wie zu einem kleinen Kinde,
das er lächelnd trösten will.

Heimat, der ich oft begegnet
in des Alltags Weltenmühle,
tausendmal bin ich gesegnet;
wenn ich deinen Atem fühle,
fühl ich tausendfachen Lohn.

Die um dieses Glück nicht wissen,
laß sie wandern in die Weite:
Herz und Schuh und Rock zerrissen,
geh ich zärtlich dir zur Seite
als dein vielgeliebter Sohn.

Nun passt ein Loblied auf die Heimat ja gut zu meinem Blog. Den Anknüpfungspunkt mir diesen Link zu senden, stellte  aber Witteks Roman “Sturm überm Acker” dar. Inhaltlich  geht es dort auch um einen “Bauernkrieg”. Dieser wurde  aber nicht in einer Schlacht, sondern 1848 im Österreichischen Reichstag ausgetragen: Hans Kudlich stellte hier den Antrag, dass die Bauern von der Zehntabgabe, Robot (Frondiensten) und allen “Untertänigkeitsverhältnissen” befreit werden sollten und hatte damit in weitgehenden Teilen Erfolg,

Antiquarisch habe ich mir die literarische Umsetzung nun, in der Ausgabe von 1927 und in Frakturschrift, für 1.99 € bestellt und sehe jetzt freudig einer interessanten Lektüre entgegen. So führt denn eins zum anderen …

 

 

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Der goldene Vogel

 

 

Ein ganzes Wochenende habe ich mich,im Zuge eines Seminars, mit einem Märchen der Brüder Grimm beschäftigt: “Der goldene Vogel”. Ich kannte es nicht und las es mir erstmals während der Bahnfahrt von Hannover nach Mühlheim an der Ruhr durch.

Das Seminar wurde von der Europäschen Märchengesellschaft ausgerichtet.

Die Fahrt war angenehm, teilte ich mir das Zugabteil (auch das gibt es noch!) mit einem netten Ehepaar und einer Frau, die durch ganz Deutschland fahren, um U-Bahnhöfe zu fotografieren. Im Gegensatz zu den furchtbaren Großraumwagen bieten die Abteile, die privat wirken, die Möglichkeit zu Gesprächen. “Der goldene Vogel” weiterlesen

Der Freischütz und die faustische Seele

Vielleicht liegt es am schlechten Frühlingswetter, dass ich mein Bett überhaupt nicht mehr verlassen möchte. Endlich keine Sonne mehr, die einen dazu auffordert, das wohlige Bett zu verlassen, um durch eine optisch aufdringliche Blütenpracht zu spazieren. Endlich, trübes Wetter, dass mich meine Zeit, umgeben von Tabletts, Ebook-Readern, richtigen Büchern, krümeligen Kuchen und Bier, im Bett genießen lässt.

Ich mache es wie die Könige.
Ich regiere mein Reich vom Bett aus.

“Legendär war das Bett von Alexander dem Großen. Es hatte einen goldenen Baldachin und stand in einem Zelt mit 50 goldenen Pfosten. Auf diesem Prunkbett fläzend, pflegte er Besprechungen mit seinen Heerführern zu halten. Die Römer machten das Bett endgültig zum Lebensmittelpunkt, indem sie auf pompösen Speiseliegen, verziert mit Intarsien aus Gold, Silber und Schildpatt, schlemmten und schlummerten.

Frankreichs Könige präsentierten sich vom 14. Jahrhundert an bei offiziellen Anlässen im  “lit de justice”, , einem Thron in Bettform. Das “Bett der Gerechtigkeit” sollte die souveräne Haltung des Oberhauptes betonen, das seine Staatsgeschäfte lässig aus Kissen heraus tätigen kann. Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV nannte 413 Schlafstätten sein Eigen, davon 155 überdimensionierte Exemplare. Viel Bett bedeutete viel Potenz.” (Prüfer, Tillmann: Eine Bettgeschichte, gefunden am 21.04 auf www.zeit.de)

Unterbrochen habe ich meine 14tägige Regentschaft mit allerlei Kultur- und Natur-Ausflügen, von denen ich euch hier mehr oder weniger berichtet habe. Bisher nicht erwähnt habe ich meinem Besuch der Oper im benachbarten  Hildesheim.

Hildesheim hat nur ein Theaterhaus; Hannover dagegen besitzt eine eigene Oper, war aber, bei der letzten Inszenierung, die ich dort besuchte, so pädagogisch-schmuddelig, dass ich es fortan vermieden hatte, dieses Haus erneut zu betreten. Bei der Aufführung des “Freischützes” hatte sich nämlich der Regisseur Kay Vogel am Begriff der “Nationaloper” abgearbeitet, was in der Praxis dann zu einem erbärmlichen Konglomerat von Penis-Symbolen, Pegida-“Nazis” (bzw. das, was der Regisseur dafür hält) und Schießereien im Rotlicht-Milieu verkam. Diesen in Szene gesetzten Irrsinn hielt ich nur bis zur Pause durch. Dann verließ ich fluchtartig das Opernhaus.

In Hildesheim wird nun erneut der “Freischütz” aufgeführt und ich nutzte die Chance,  die traumatischen Bilder der hannoverschen Inszenierung durch neue und bessere zu überschreiben. Glücklicherweise verschonte mich der Regisseur Dominik Wilgenbus mit politisch  aktuellen Bezügen, stattdessen überlässt er es den Zuschauern, im Zeichenhaften der Sage, als die er den “Freischütz” versteht, Bezüge zum eigenen Leben, was ja immer auch Nöte beinhaltet, zu ziehen. Dabei lehnt er sich an das Puppenspiel an und überzeichnet die Akteure mit bunten Trachtengewändern ins Grotesk-Komische-Klamaukhafte. Vor diesem so harmlos wirkenden Bühnenraum plagen den jungen Jäger Max  die bekannten Versagensängste, die er durch das Gießen von teuflischen Freikugeln beheben wird. Er versucht so, auf einer äußerlichen Ebene, Abhilfe für sein Problem zu schaffen. Im Programmheft lese ich, dass er auf diese Art und Weise den Weg des Guten, der den Menschen auf sich selbst zurückwirft und Kräfte in seinem Innern mobilisiert, scheut. Der Regisseur sagt dazu: ” Max ist dem Faust verwandt, verkörpert aber als nicht gelehrter Mann eine andere Dimension des dämonischen Menschen. Er sucht das Böse nicht, er lässt es zu. Er beschließt den Teufelspakt und räumt so den dämonischen Mächten Gewalt über sich ein.” (S. 5)

Diesen Gedankengang halte ich für bemerkenswert, berührt er nämlich die Frage, ob das wirklich Böse nicht gerade dort verankert ist, wo Menschen unbewusst alles mitmachen, ohne selbst Verantwortung zu übernehmen. In einer Reihe von Artikeln habe ich mich mit diesem Thema, auch aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, auseinandergesetzt und bin – vereinfacht gesagt – zum Schluss gekommen, dass das Böse im Kollektiv verwurzelt ist und dass die Menschen vorrangig dafür anfällig werden, wenn sie meinen, im Auftrag des vermeintlich Guten zu handeln (siehe auch hier).

Deshalb sehe ich in meiner modernen Interpretation, die vermutlich keineswegs mit der Wirkungsabsicht von Carl Maria von Weber übereinstimmt und in der ich die moralisch intendierten Rollen von Kasper und Agathe außerhalb meiner Betrachtung lasse, in den Kräften des teuflischen Samiels das Prinzip der Rebellion gegen die eingefahrene dörfliche Gemeinschaft verwirklicht. Dieses Kollektiv lässt zu, dass der junge Mann ein Probeschießen erfolgreich bestehen muss, um Agathe ehelichen zu dürfen. Max erhebt sich darüber und versucht, das schäbige Spiel, das da mit seinem Glück getrieben wird, durch die Nutzung von Freikugeln auszutricksen. Insofern kehrt sich, innerhalb meiner Interpretation, der Gut-Böse-Dualismus um. Zum Schluss wird er insofern erfolgreich sein, als dass der Eremit, der eine Allegorie auf Gott zu sein scheint, das Probeschießen abschafft.

Mit dem Regisseur stimme ich darin überein, dass es Parallelen zwischen Max und Faust gibt. Max ist jedoch  weitaus schwächer angelegt als Faust, was daran liegen mag, dass er kein Gelehrter ist und sich von Kasper verführen lässt, wohingegen Faust dem Pakt mit Mephistoles bewusst eingeht und danach trachtet, die Welt nach seinen Wünschen zu kreieren und so sein eigenes Königreich zu erschaffen.

Ach, ich habe meines schon gefunden!

Für alle Opernfreude, geht es hier zum Hildesheimer Freischütz.

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