Die schwarze Sonne

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Marko Pogacnik schreibt über seine Erfahrung mit der schwarzen Sonne in „Synchrone Welten“. Ulm 2011, S. 54:

In diesem Augenblick packt mich eine furchtbare Kraft und hebt mich schwindelerregend hoch ins Universum. Ich erfahre mich als völlig isoliert in einem unendlich kalten und leblosen Raum. Es gibt nichts, womit ich eine Beziehung aufnehmen könnte. Die Welt, in der ich mich befinde, ist ganz und gar fremd und unfreundlich. Ein unbeschreibliches Gefühl von Unglück überflutet mich. Ich bin winzig einem riesigen Raum ausgeliefert und endgültig verloren. Zum Glück darf ich im nächsten Moment wieder in meinem warmen Körper zurückfinden.

Das was der Autor hier als negatives Trance-Erlebnis schildert, ist das, was der Anhänger des Pfades zur linken Hand sucht. Die Isolation vom natürlichen Universum muss vollzogen werden, um in die vollkommene Bewusstheit des Selbst zu gelangen. Das ist – dies hat Marko Pogacnik richtig erkannt – ein zutiefst beunruhigender Prozess, der einen danach schreien lässt, wieder in die Gemeinschaft der liebenden Mitmenschen, des mütterlichen Universums oder in den heimeligen Verein aufgenommen zu werden. Wir wünschen doch – im Innersten unseres Herzens – Verbindung und Vergesellschaftung, doch hier ist Ent-Gesellschaftung und Entfremdung geboten.   Erschwerend hinzu kommt – wenn  diese Schwelle erst einmal übertreten ist –  gibt es nur insofern einen Weg zurück, als dass man partiell und Kraft seines Willens entscheiden kann,  für eine gewisse Zeit im Paralleluniversum des  einlullenden All-Einheitsgefühls zu verbringen, quasi zur Erholung. Dies kann aber niemals mehr von Dauer sein, zu deutlich sticht  für uns dessen Scheinheiligkeit  aus der Matrix hervor und angeekelt müssen wir uns davon abwenden.

Marko Pogacnik, wenn ich ihn denn richtig verstanden habe,  geht davon aus, dass die Kraft der schwarzen Sonne, die er negativ interpretiert,  nachlassen wird und das jenes, was ich hier als Scheinheiligkeit beschrieben habe, in der Zukunft so  lichtvoll sein wird, dass keine Schatten mehr auftreten.  Im Schema der neun Welten wäre dieser  Zustand in Lichtalfheim erreicht,  der sich mir noch nicht erschlossen hat und den ich in der Zukunft schamanisch-künstlerich bereisen möchte.

Mein momentaner Erkentnisstand lässt sich vorläufig in der hypothetischen Aussage zusammenfassen, dass wir weder alleinige Kinder der lichten noch Kinder der schwarzen Sonne sind.

Zu dieser Erkenntnis brachte mich u.a. das Anschauen einer Dokumentation über den Künstler  James Turrell. Er versucht  in seinen beeindruckenden  Sky-Objekten den Himmel mit seinen unterschiedlichen Sonnen-Lichtqualitäten  für uns erfahrbar zu machen. Der Mensch nämlich  kann den  Blick in die Sonne und das grelle Licht nicht aushalten und muss seine Augen zukneifen. Er ist ein Geschöpf des Zwielichtes.

Ich fasse zusammen: Es ist uns nicht möglich, die Sonne unmittelbar zu erfahren.

Auf einer symbolischen Ebene stellt die helle Sonne die Welt  für Gott und für dessen Anbetung. Es  ist die Religion der Herde und – ganz aktuell – des scheinbaren Gutmenschentums, dass – ohne selbst nachzudenken – vorgegebenen Regeln und Werten blind folgt und devot um Hilfe bittet, wenn sich denn die verschiedenen Abgründe des Daseins auftun. Die Wirklichkeitsebene der bewusstlosen  Unterwerfung  müssen wir uns nicht mühsam aneignen; wir werden quasi in sie hinein“erzogen“  und  von ihr müssen wir uns  isolieren , um  so die falsche Moral zu durchbrechen.  Das ist eine wahrlich schwierige Aufgabe und dafür steht bildlich das Zeichen der schwarzen Sonne.

Die schwarze Sonne  fordert uns dazu auf,  mit ihr furchtlos zu arbeiten  und gerade dadurch ein eigenmächtiges ethisches Gewissen zu erlangen, was denen der Herde und ihrer Schafe  überlegen sein muss.

Die schwarze Sonne birgt jedoch immer die Gefahr,  sich in ihr  zu verlieren und zu dem zu werden, wovor man sich einst grauste und was eigentlich der Ausgangspunkt war,  um überhaupt die Lethargie Midgards zu verlassen und zu beschließen, dass da mehr sein muss, als nur blanke hedonistische Gefälligkeiten und vielfältige  Lakaien-Dienste.

Und so ist die Kraft der  schwarzen Sonne, die gleichermaßen tief im Innern der Erde brennt, wie auch in uns selbst,  kein Feuer was uns wärmt.  Es trennt uns. Wir starren in ihr kleineres Symbol – die schwarze Flamme – und gehen unseren einsamen Weg weiter und weiter. Wir blicken nicht zurück.

Lost Places: Limmer, Hannover

Demnächst wird das alles nicht mehr wieder zu erkennen sein. Das Bürogebäude und der Turm bleiben sicherlich erhalten, ob die Fabrikhallen bestehen bleiben und/oder umgenutzt werden können, ist fraglich. Sicher ist jedoch, dass da, wo jetzt noch düstere Ruinen die Phantasie beflügeln, bald langweilige Häuser und Wohnungen für die Performer der neuen Zeit stehen.

Die alten Fabrikanlagen halte ich für architektonisch-ästhetisch hochgradig interessant, da sie eine Zone zwischen der Neuen Sachlichkeit und den Feudalbauten  der alten Zeit eröffnen. Wenn dann der Verfall noch hinzukommt, eröffnen sie für den Betrachter wilde Räume, die die Phantasie beflügeln und dringliche Fragen nach der Vergänglichkeit unseres Tuns stellen. Die Industrie-Ruinen zeigen an, dass das, was gerade eben noch modern für uns war und was das Leben der damaligen Menschen nachhaltig bestimmt hat, nun schon wieder im  Zeitstrom versunken ist. Der Referenz-Raum der Bauten der industriellen Ära ist ein für allemal abgelaufen. Die Brache wird nun zur Zwielicht-Zone zwischen dem, was war und dem, was kommen kann. Da, wo die Zukunft noch nicht verplant ist, entstehen kreative Zonen, die in die Gegenwart zaubern können, was jenseits der Welt der Krämer liegen mag. Insofern bieten solche Plätze uns immer auch HOFFNUNG an.

 

 

A Clockwork Orange

Dies ist einer der verstörendsten Filme, den ich jemals gesehen habe.

In einer Zeit, wo der einstige Humanismus sich immer mehr in die Fratze des Neoliberalismus verwandelt und wo unter dem Deckmäntelchen des Guten konkrete, aber auch subliminale Gewaltexzesse vollzogen werden, empfehle ich einen gepflegten Filmabend, der keine Entspannung verspricht, dafür aber geeignet ist, gegenwärtige gesellschaftliche Zementierungen in Frage zu stellen. Schließlich markiert das um sich greifende Dogma der Political Correctness mittlerweile die Grenze zwischen dem, was sich im Einklang mit dem herrschenden und medial-propagierten Glaubenssystem befindet und was deshalb auch gedacht und gesagt werden darf und dem, was ein unumstößliches TABU darstellt, das nur mit dem Risiko des sozialen Todes verletzt werden darf. Unaussprechlich!

„Totale Stressauflösung“ oder „Auf den Spuren eines Taugenichts“


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In  Peter Sloterdijks Aufsatz „Streß und Freiheit“ werden zwei Formen der Unfreiheit vorgestellt: „Die erste Form der Unfreiheit erfahren wir als politische Unterdrückung, die zweite als Bedrückung durch die Realität, die man zu Recht oder zu Unrecht die äußere nennt.“ (S. 29)

„Die beiden primären Unterdrückungen lassen sich als Varianten von Streß-Erleben beschreiben. Politische Repression bildet ein Streß-System, das so lange Erfolge vorweist, wie die Unterdrückten sich eher für Streßvermeidung – umgangssprachlich: Gehorsam, Ergebung, Dienstbereitschaft – entscheiden als für Auflehnung und Revolution. In technischer Sprache bedeutet eine antityrannische Revolte eine ,maximale Streß-Kooperation‘ (nach Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen, 1996) seitens der Beherrschten zur Beseitigung einer unannehmbar gewordenen Belastung durch Herrschaft. Revolutionen brechen aus, wenn Kollektive in kritischen Momenten ihre Streß-Bilanz intuitiv neu berechnen und zu dem Schluss kommen, dass das Dasein in der Haltung unterwürfiger Streß-Vermeidung letztlich teurer kommt als der Auflehnungsstreß. Im äußersten Fall lautet die Rechnung: Besser tot als länger Sklave. Wo solches Bilanzziehen populär wird, ist es mit Herrschaftsduldung und Obrigkeitsgläubigkeit vorbei, momentan oder bleibend.“ (S. 29 f.)

Und weiter schreibt er über Jean Jacques Rousseau:

„ ,Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.‘ Jetzt war er zu einer Klarheit vorgestoßen, wie nur die tiefe Gelassenheit sie gewährt. Ohne Zweifel war diese ein Lohn der Angst, da die Gemütslage des Autors vom extremen Streß unter äußerer Feindschaftsnot in eine radikale Relaxation umgeschlagen war.“ ((Sloterdijk, S. 34)

Was Rousseau angeht, so darf man feststellen, dass er auf seine Weise den Endpunkt jeder möglichen Revolte gegen die Tyrannei des Realen erreicht hatte. Mit der wie auch immer flüchtigen doch zeitweilig vollkommenen Entlastung von Sorge, Streß und Wirklichkeit tritt subversiv und unwiderstehlich die reine Subjektivität ans Licht. In der Urszene des Subjekts offenbarte sich dieses als exemplarischer Taugenichts, weltfremd und unverwendbar – mehr glückliches Tier als Übermensch, mehr Träumer als Charakter, mehr Auswanderer als Weltverbesserer, mehr Urlauber als Unternehmer.

Und so wollen wir denn die Sorgengemeinschaft verlassen und zum Taugenichts werden, denn schließlich gelingt es uns nicht, sich   – für den Preis unserer Freiheit – dauerhaft anzupassen. Als Taugenichts werden wir insgeheim bewundert, aber auch belächelt.  Doch wenn wir uns vom anscheinend harmlosen Taugenichts zum Übermenschen entwickeln, wird die zum gegenwärtigen Zeitpunkt  manifestierte Welt beginnen, mit ihren unbewussten Kräften, was ich, wenn ich denn die nordische Mythologie als Bezugsrahmen nutze, als „Welt der Riesen“ bezeichne, gegen uns anzukämpfen. In den Augen der Matrix  sind wir dann nicht mehr nur Weltflüchtige, sondern auch „eigenartig“ in der Form, als dass wir unsere Subjektivität nutzen, um die zementierte Realität aufzuweichen und stellen somit eine Gefahr für das Belastungskollektiv dar.

Schließlich  kommt  das Bestreben, die Matrix im Sinne unseres subjektiven Willens zu verändern, einer Kündigung des unterschwelligen Vertrages mit der Sorgengemeinschaft gleich, die uns beständig vorschreibt, was man darf und was man soll.  Die Matrix und ihre  tumben Büttel wissen schließlich, wenn auch unbewusst,   dass ihr Konstrukt nur ein subtiles Gebilde darstellt, dass seine Form allein dadurch erringt, dass es beständig genährt wird, von denjenigen, die ihr –  ungefragt und von Repressionen bedrängt – Lebensenergie und Glauben zur Verfügung stellen. Dafür, dass sie diesen Pakt auf scheinbarer Gegenseitigkeiten eingehen, erhalten sie vielfältige Belobigungen und wertlosen Tand, der ihnen  ein Philister-Dasein in dem Rahmen dessen garantiert, der ihnen von der Matrix zugestanden wird. Derjenige jedoch, der an den Gitterstäben seines Käfigs rüttelt, stellt das Belastungskollektiv in Frage und damit auch diejenigen, die diesen dienen.  Er kann zwar – wenn er Glück hat –  als  unterhaltsamer Narr geduldet werden, ansonsten aber wird seine Vernichtung angestrebt.

Peter Sloterdijk  beschreibt diesen Vorgang eindringlich, wobei er allerdings den Bezug auf  die Literatur wart, was – da bin ich mir gewiss –   auch auf andere Manifestationen von „Lockerungen“ zutrifft, die auf die Auflösung der Sorgengemeinschaft zielen.

„Sobald bei einem exemplarischen Einzelnen die völlige Stressauflösung eingetreten ist, wird dank deren infektiöser Bekundung durch Literatur bei vielen anderen die Frage evoziert, wie es in ihrem Fall mit der Auflösung steht. Modernität strebt immer letzten Lockerungen zu. Das ist der Grund, warum das Lesen von moderner Literatur nicht harmlos sein kann. Wo sie ihren Einfluss ungehindert entfaltet, wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die mit der Zeit die gesamte Gesellschaft verstrahlen könnte, sofern nicht rechtzeitig subjektivitätsdämpfende Maßnahmen ergriffen werden. Dies könnten nach Lage der Dinge nur freiheitsdämpfende und streßsichernde Maßnahmen sein. Wir verstehen, warum das Drama nur in dieser Folge ablaufen kann. Wenn das primäre Subjekt der neuen Freiheit das vom Sozialstress entbundene, mittelpunktlos in sich dahin driftende, von allen Meinungen emanzipierte, bis in die Tiefe seiner selbst sorglose rêverie-Subjekt ist, liegt auf der Hand, wieso die massenhafte Freisetzung von Subjektivität dieser Art auf eine Katastrophe des Sozialen hinauslaufen könnte. Sie bedroht die soziale Synthesis mit der individualistischen Kettenreaktion, an deren Ende die Massenflucht der sorglosen einzelnen aus dem Belastungskollektiv stünde. Diese würde die soziogenen Stressfelder zersetzen, die, wie gezeigt, den Zusammenhang zwischen den Gesellschaftern ausmachen. Tatsächlich ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Stress-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft.“ (S. 37 f.)

Und so sind wir erst von der Dienerin des Belastungskollektivs  zum  „Taugenichts“ geworden, haben dann  in der Freiheit  unsere eigene Subjektivität entdeckt und öffnen nun mit der Kraft unserer Utopien und Visionen die Welt jenseits des Spiegels.  Wir schaffen Kunst.  Wir sind „eigen“artig und …  glücklich.

Doch immer dann, wenn wir die Verbindung zwischen der inneren Welt, die immer auch mit den Numinosen kommuniziert, mit der Sorgengemeinschaft herstellen, wir also nicht in der geschützten Einsiedelei leben, dann stellen wir offensichtlich eine Gefahr für die objektive Welt dar, schließlich haben wir die geforderte Aufopferung unseres Selbst verweigert und könnten deshalb ein Vorbild für andere  darstellen. Und so werden wir von der Sorgengemeinschaft  moralisch abgewertet, als „krank“ verurteilt und mit der Bedrohung unserer Existenz sanktioniert.

Wir werden in Teile zerlegt, was eine schamanische Initiation darstellt. Wir sind Odin, der am Baum hängt und sich selbst geopfert ist:  selber mir selbst.

Wenn wir diese Vorgänge jedoch  unbeschadet überleben, uns also selbst  wieder zusammensetzen, dann  WERDEN wir zum Übermenschen. Und so entscheiden wir uns jetzt für die rote Pille.

 

Opfertanz

Thomas Altmann schreibt im „Manifest der Diloggún“:

„Durch die Vernichtung des körperlichen und formhaften Zustandes eines Gegenstandes, einer Pflanze oder eines Tieres wird geistige Energie freigesetzt, indem sie der Stofflichkeit entbunden, aus ihrer Bindung an Stoff befreit wir, und dies in überproportionalem Maße. Diese geistige Energie kann – und muss- sinnvollerweise auf ein geistiges Ziel gerichtet werden, um Resultate im Orun zu erzielen, die ihrerseits wieder in der diesseitigen Welt (Ayé) Realitäten bewegen. Ein Opfer ist ein magischer Akt.“
(Altmann, Thomas, 11/2009: Manifest der Diloggún, S.3)

In Afrika werden Hühner geopfert, um diese Kraft freizusetzen. In Deutschland ist es mittlerweile subtiler. Dort werden die Seelen von Menschen geopfert, um mit ihrer Lebensenergie die gesellschaftliche Trance, genährt aus Stasis und Angst, zu nähren. Wenn die Seele sich aber erst einmal vom Körper gelöst hat, dann bleibt der Mensch „seelenlos“ zurück. Er wird zum Zombie, zum blechernen Maschinenmenschen, der nur noch funktioniert.

Und der Maschinenmensch fragt sich, sofern er überhaupt noch dazu in der Lage ist, welchen Anteil er selbst am Schrecken der Welt, um ihn herum, hat?

Marko Pogacnik  schreibt:

„Lasst uns in Gedanken an den Anfang aller Existenz gehen. Die Welt, die um uns herum schwingt, stellt sich unseren Sinnen als eine fest in Form gegossene Welt dar. Die feste Form der Umwelt könnte sich jedoch eines Tages als Täuschung entpuppen, wenn sich die Vermutung bestätigen sollte, dass unsere fünf Sinne die Funktion haben, aus den Schwingungsfeldern unserer Umgebung diejenigen Elemente herauszupicken, die sich in einem festen, logisch nachvollziehbaren Weltbild zusammenfassen lassen. Würde das dann nicht bedeuten, das die Wirklichkeit, die wir beobachten, lieben oder sogar hassen, unsere eigene und eigenartige Schöpfung ist? Ich frage mich immer wieder, wie die Welt, durch die Augen einer Biene oder eines Bären gesehen, aussieht. (Pogacnik, Marko: Synchrone Welten. Geomantie des zwölfdimensionalen Lebensraums. Aarau und München 2011, S. 8?)

Doch NEIN: Ich widerspreche der Vorstellung einer 100% Konstruktion der Wirklichkeit durch das einzelne Individuum, wie es uns manche Esoteriker vermitteln wollen, schließlich würde dies auch bedeuten, dass ich mich selbst zum Opfer mache. Und obwohl ich – wie es uns Marko Pogacnik nahelegt – sicherlich meine Welt immer auch  konstruiere,  sie also durch verschiedene Gedanken-Filter betrachte, existiert  – da bin ich mir gewiss – eine objektive Welt, die wir mehr oder weniger vollständig, abhängig von der persönlichen Tagesform und von der uns zur Verfügung stehenden  Intelligenzleistung,  sowie der Synthese von intuitivem und intellektuellem Wissen,  … etc. erfassen, die wir aber nicht immer in unserem Sinne beeinflussen können.  So erkennt die Biene einen Teil der Wirklichkeit, wir aber einen anderen. Als Mensch, der  – um mit Nietzsche zu sprechen-  bestrebt sein sollte, sich zum Übermenschen zu entwickeln, obliegt es uns, auch die Wirklichkeitserfassung einer Biene in unser Weltbild zu integrieren, das eines Elefanten und jenes unser Mitmenschen. Und so werden wir, indem wir die terra mundi in all ihren Facetten erkennen, die objektive Wirklichkeit  also „paradimensional“ erfahren, zum Übermenschen, zum Magier und zur Zaunreiterin.

Mehr noch: Wir sind diejenigen, die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe innehaben und dies häufig nicht wahrhaben wollen. Deshalb sei es LAUT verkündet: Wir sind die Hüterinnen der Erde.

Und wenn wir unsere Kraft nicht mehr verleugnen, dann ist der erste Schritt dafür getan, dass uns die äußere Welt keinerlei Leid mehr zuzufügen vermag. Schließlich, das wissen wir nun,  haben wir dieses Elend  teilweise (aber nicht vollständig!!!)  auch selbst erschaffen und dadurch haben wir  –  jetzt JA – das willfähige Opfer  der Zustände der objektiven Welt abgegeben. Unbewusst. Entfremdet von uns Selbst.

Rahel Jaeggi  schreibt dazu:

„Entfremdet (nämlich) sind wir immer von etwas, das uns zugleich eigen und fremd ist. In entfremdete Verhältnisse involviert, scheinen wir auf komplizierte Weise immer zugleich Opfer und Täter zu sein. Derjenige, der sich in seiner bzw. durch seine Rolle entfremdet, spielt diese gleichzeitig selbst; wer sich durch fremde Wünsche geleitet sieht, hat diese doch gleichzeitig  verursacht – und  es würde die Komplexität der Situation verkennen, wenn wir hier schlicht von internalisiertem Zwang oder von psychischer Manipulation sprächen. Soziale Institutionen, die uns erstarrt und fremd gegenüberstehen, sind gleichzeitig von uns geschaffen. Wir sind hier, das ist das Spezifische der Entfremdungsdiagnose, nicht Herr über das, was wir zusammen — tun.“ (Entfremdung: Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, 2005)

Erich Fromm bringt das im  o.g. Zitat ausgedrückte  Gefühl der Ohnmacht noch drastischer auf dem Punkt, u.a.  auch,  indem er, ganz zufällig, eine Referenz auf meine  Riesen-Thematik  gibt. Er nutzt nämlich den Begriff „Riesenmaschine“, um zu beschreiben, was den bürgerlichen Menschen in einem Indifferenz-Verhältnis beherrscht.

„Er (der bürgerliche Mensch) produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen, und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht.“

Und nachdem wir nun die tödliche Mechanik der Riesenmaschine erkannt haben: endlich,  erinnern wir uns daran, dass wir nicht Sklavin, sondern gleichsam Erbauer und Zerstörerin sind: ganz wie es uns beliebt. Wenn wir das Leid der objektiven Wirklichkeit teilweise selbst zu verantworten haben, dann können wir auch dessen  dumpfen Staccato durchbrechen, indem wir den Weg der EIGENMACHT beschreiten.  BEWUSST! Er besteht im beständigen Wandel, im beständigen „Werden“, womit wir die Festlegung auf ein starres Weltbild ablehnen müssen, denn dies würde erneut die riesenhaften Kräfte herbeirufen, die immer dann erwachen, wenn sich ein unbewusster Schlaf, oder  – anders ausgedrückt – eine Gesellschaftshypnose, über die Menschen wie ein starres Leichentuch legt.

Insofern sollte es unser beständiges Trachten sein,  die objektive Wirklichkeit in all ihren Facetten zu erkennen  und  auch zu beherrschen, indem wir unser subjektives Wollen in die objektive Welt tragen: gleichsam dekonstruktivistisch wie auch konstruktivistisch.

Dies ist auch die Botschaft von Odin, dem männlichen Hauptgott des germanischen Pantheons, dem mit Loki eine spirituelle Bruderschaft verbindet, hinter der sich das tiefe Geheimnis verbirgt, dass es sich bei Loki um einen abgespaltenen Schattensaspekt  von Odin handelt.

Loki hat  in seiner göttlichen Triade, bestehend aus Odin und seinen Brüdern Vili und Vé, dem Riesen Ymir getötet. Dadurch sorgt er dafür, dass das menschliche Leben dazu dienen soll, sich aus der Abhängigkeit zu ihren riesenhaften Schöpfern, symbolisiert durch Ymir,  zu  befreien und stattdessen das eigene Bewusstsein und damit gleichsam  eine  freudvolle Ekstase  zu entwickeln, um letztendlich  von ihnen – den Thursen-Riesen – eine Erklärung für ihre  fehlerhafte Schöpfung einfordern zu können.  Dann – und nur dann –  begegnen sich Gleiche unter Gleichen, was zu einer  reinigenden Metamorphose führen wird, wie sie uns nach dem Ende dieser Welt in der Edda versprochen wird.

Und so tanzt das einstige  Opfer auf den Überresten einer Zivilisation, die aufgehört hat, diesen Namen zu verdienen.

Schluss nun – ein für allemal – mit Riesen. Fort mit euch! „Existenz existiert“, wir erinnern uns an das Paradigma von Ayn Rand und trachten danach in der Kraft dieses Augenblicks,  unser Bewusstsein zu leben. Totentanz. Opfertanz. Freudenzauber.

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Über die Riesen!

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Kleine Vorbemerkung: Ein Essay aus dem Jahre 2012, was ich aus durchaus aktuellem Anlass hier erstmals veröffentliche. Nicht jeder wird es  indes verstehen. Wie heißt es so schön? Das Mysterium schützt sich selbst.

„Was bedeuten Riesen für dich?“, wurde ich unlängst gefragt. Wer sich jetzt wundern sollte, wieso mir solch merkwürdig-märchenhafte Fragen gestellt werden, dem sei gesagt, dass eine solche Fragestellung in manchen Kreisen eine durchaus legitime Diskussionsgrundlage darstellt, was für mich Grund genug sein soll, sich damit – auch an dieser Stelle – ausführlicher zu beschäftigen. „Und wer weiß“, sagte ich mir voller Hoffnung, „vielleicht würde ich dabei unverhofft die Lösung für mein „alltägliches Elend“ finden. Doch damit ging ich – wie sich noch zeigen wird – in die Irre und alles wurde noch komplizierter und herausfordernder, als es sowieso schon war.

„Was bedeuten Riesen für mich?“, fragte ich mich also wiederholt selbst und erinnerte mich dabei an die großen, hünenhaften Gestalten der Volksmärchen, deren Körpergröße im eigenartigen Widerspruch zu deren kleinem Verstand stand. „Leicht zu übertölpeln“, kam mir als Beschreibung für einen Umgang mit ihnen in den Sinn; ein konkretes Volksmärchen, mit dem ich all dies hätte untermalen können, fiel mir allerdings nicht ein.

Um diesen Erinnerungseindruck vom „dummen Riesen“ näher zu erforschen, schlug ich in der Edda nach und traf dort u.a. auf Wafthrudnir, einen Riesen, der von Odin inkognito besucht wird, einzig allein, um im Wettstreit die Frage zu klären, wer von den beiden Kontrahenten weiser sei. Wafthrudnir unterliegt zwar, doch Odins Sieg kommt nur mit Hilfe einer List zustande, ist also eher ein Pyrrhussieg. Odin stellt nämlich Wafthrudnir u.a. eine Frage, die nur er selbst beantworten kann. Er möchte von ihm wissen, was er Balder vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert haben soll. Dies kann Wafthrudnir nun wirklich nicht wissen; er erkennt aber, dass er Odin vor sich hat, der ihm eine intellektuelle Falle stellt. So sagt er:

Nicht Einer weiß, was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet ich

Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

(Simrock, Karl (Übersetzung): Die Edda. Stuttgart 1878)

„Wenn die Riesen aber doch so klug sind wie Wafthrudnir, dann macht es Sinn, ihr Reich zu besuchen“, sagte ich mir und machte mich auf – in einer schamanischen Reise – ihre Welt zu besuchen, von der ich nur wusste, dass sie Utgard heißt und eine der neun Welten ist.

Ein Flößer war mir behilflich, das Grenzgewässer zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich eine kalte, gebirgige Welt, deren kahle Berge immer wieder von nur spärlich bewachsen Ebenen aufgelockert werden. Ich drang in diese Einöde nicht weit vor, zu kalt und abweisend kam mir diese Welt vor, in der sich alles – wie in einer zähflüssigen Masse – stark verlangsamt bewegen musste. So traf ich schon bald, an einen Felsen gelehnt, einen Riesen, der sich langsam und zögerlich vom felsigen Grund abhob. Ich stellte ihm eine persönliche Frage und erhielt als Antwort nur Schweigen. In dieser zeitverzögerten Welt ist alles Wollen und Streben vergebens. Stattdessen händigte mir der Koloss einen grauen, runden Stein aus, der symbolisch die Antwort auf meine Frage enthalten sollte. Gleichzeitig wusste ich, denn ich nahm – zeitgleich mit meinem eigenen – auch das Bewusstsein des Riesen wahr, dass er mir gegenüber vollkommen gleichgültig  eingestellt war und mir, die ich in seinen Augen so unendlich klein und unbedeutend war, jedes Geheimnis ganz offen verraten konnte, wohlwissend, dass dies für das Weltgeschehen vollkommen unbedeutend war. Was könnte ich, der ich nur ein Mensch bin, überhaupt bewegen? Nichts.

So kehrte ich zurück in meine Welt und der Stein verriet mir, dass er ein Zeichen für all die Kräfte ist, die sich einem in den Lebensweg stellen. An seiner runden Form erkannte ich, dass er eine Druse war, die, wenn sie denn vorsichtig aufgeschlagen werden würde, ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten würde. Dies wiederum, soviel war mir klar, stand für die Kräfte des eigenen Selbst, die zur Entfaltung gebracht werden sollten, was aber – was nun ein wenig obskur ist – von den Riesen verhindert wird.

Um gerade Letzteres zu verstehen, müssen wir uns erneut an germanische Mythenwelten erinnern. Dort nämlich ist ein Riese, nämlich Ymir, das erste Lebewesen, aus dem die neun Welten entstehen. Diese Schöpfungsmythologie verweist auf indoeuropäische Wurzeln. Im vedischen Mythos gehen aus den Körperteilen des Riesen Purusha die verschiedenen Teile der Welt hervor. Die Edda dagegen berichtet von der Quelle Hvergelmir, die der Mitte Nebelheims entspringt, und aus der wiederum Wasserläufe hervorgehen, die in eine „gähnende Kluft“, genannt Ginungagap, münden. Dort, wo heute unsere Welt ist, trifft das Eis auf die Hitze und das Feuer Muspelheims. Aus dem geschmolzenen Eis entsteht schließlich der Riese Ymir, ein Zwitterwesen, von dem all die Reifriesen abstammen.

Als das Eis taut, entsteht daraus die Kuh Audhumla. Von den vier Milchströmen, die aus ihrem Euter rinnen, ernährt sich Ymir. Die Kuh wiederum erhält sich dadurch am Leben, dass sie die salzigen Eisblöcke (oder Steine) ableckt. Beim ersten Mal, als sie das tut, taucht aus den Steinen ein Mann auf, genannt Búri. Er hat einen Sohn, der Burr heißt. Snorri teilt nicht mit, ob er ihn mit einer Riesin zeugt, wie später Burr, oder ob er ihn, genauso wie Ymir, aus sich selbst heraus schöpft.

Ymir nämlich kann dies. Einer seiner Füße erschafft mit den anderen einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen. Die Tochter des Riesen Bölthorn, genannt Bestla, vermählt sich mit Burr. Ihre drei Söhne sind die ersten Götter, nämlich Odin, Wili und We. Diese töten den Riesen Ymir. In seinem Blut ertrinken alle Hrimthursen (Reifriesen), nur der Riese Bergelmir und sein Weib retten sich und zeugen ein neues Riesengeschlecht. Die Götter bilden aus dem Körper des Riesen Ymir die Welt. „Und längs den Seeküsten jenseits gaben sie den Riesengeschlechtern Wohnplätze, und nach innen rund um die Erde machten sie eine Burg wider die Anfälle der Riesen, und zu dieser Burg verwendeten sie die Augenbrauen Ymir, des Riesen, und nannten die Burg Midgard.“ (Gm 41/Die Burg Midgard ist nicht zu verwechseln mit Midgard, der Menschenwelt.)

Warum die Götter Odin, Vili und Vé Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Welt erschaffen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Wenn wir diesen Mord aber in Zusammenhang mit 1 Mose 6,4 ziehen, wo von einer ersten Schöpfung die Rede ist, mit der der biblische Gott nicht zufrieden ist und die er deshalb zerstört, verweist der universale Zerstörungs-Mythos (von dem beispielsweise ja auch Platon in seinem Atlantis-Mythos berichtet) – ganz vorsichtig ausgedrückt – evtl. auf eine historische Tatsache, in der die Erde in den Zeiten einer nicht spezifizierbaren Urzeit von männlichen Göttern, wir können auch von Außerirdischen sprechen, kolonialisiert war, die sich mit Menschenfrauen vereinigten und so die Nephilim, riesenhafte Mischwesen, zeugten.

Dies korrespondiert letztendlich mit der protogermanischen Überlieferung, in der drei Götter den Urriesen töten. Im germanischen Kontext muss ich annehmen, dass die Riesen Außerirdische sind, welche die Energien aus sich selbst heraus erschufen, die wir als göttlich empfinden und für die wir unendlich viele Namen besitzen. Die Riesen mussten dann aber bemerken, dass sich diese Götter und Göttinnen gegen sie selbst wandten. Schließlich wurde nicht nur der Urriese umgebracht, die Götter schufen auch das erste Menschenpaar aus Bäumen und sie fungierten in der Folge als Verteidiger der Menschenwelt gegen die Riesen.

Im christlich-hebräischen Kontext muss ich, im Gegensatz dazu, davon ausgehen, dass die „Götter“ (und eben nicht die „Riesen“) ein Synonym für die Außerirdischen sind, die mit Menschenfrauen besagte Halbwesen, genannt Riesen, erschufen, diese dann aber, nachdem dadurch ihre Geheimnisse ausgeplaudert worden waren, vernichteten. In der Lutherbibel heißt es dann auch: „Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

Die Riesen verrieten den Menschen, wie uns die Apokryphen berichten, verbotenes Wissen und werden deshalb von den Göttern bis zum Ende der Welt „gebunden“; ihre Nachkommenschaft kommt dagegen in einer Sintflut ums Leben.

In der Edda – hier gibt es Parallelen zur christlich-hebräischen Überlieferung – sind die Riesen ebenfalls “gebunden“ und zwar in „Jötunheim“. Schließlich sind die Riesen nicht nur unkontrollierbare Naturgewalten, mit der sie auf einer profanen Interpretationsebene gerne gleichgesetzt werden. Über diese einfache Deutung hinaus erschließt sich eine weitere Interpretationsebene, und in der versuchen die Riesen, warum auch immer, Macht über die Menschenwelt zu erlangen, indem sie die Energien, die entstehen, wenn Menschen sich zusammenschließen – freiwillig oder unfreiwillig – kontrollieren und für Zwecke nutzen, die uns destruktiv vorkommen, die aber – wertfrei ausgedrückt – darauf ausgerichtet sind, die Welt, so wie wir sie kennen, zu destabilisieren.

Nach dem mystischen Weltbild, dem ich ja durchaus anhänge, lassen sich intellektuelle  Erkenntnisse auch in der Prosa finden; die Science-Fiction-Literatur erscheint mir dafür besonders geeignet zu sein, spielen deren Autoren doch mitunter mit obskuren Ideen, die sich dem üblichen, einengenden Gedankenkorsett entziehen und gerade dadurch auf eine Wirklichkeit jenseits der objektivierbaren Zahlenspielereien, die heutzutage sehr in Mode sind, verweisen. So sei mir an dieser Stelle ein Zitat aus einem Roman erlaubt, in dem die „Bewusstseinsparasiten“ (die ich mit „riesenhafte Kräfte“ übersetzen würde) wie folgt beschrieben werden:

„Sie zapfen den Menschen die Lebenskraft ab, ohne dass diese sich dessen bewusst werden. Ein Mensch, der sie erkennt und besiegt, wird für sie doppelt gefährlich, denn seine Kräfte der Selbsterneuerung werden die Oberhand behalten. Geschieht dies, so versuchen die Bewusstseinsparasiten vermutlich, ihn auf andere Weise zu vernichten – indem sie etwa andere Menschen gegen ihn aufbringen. (Wilson, Colin: Die Seelenfresser. Hemsbach über Weinheim 1983, S. 78)

Diese riesenhaften Kräfte versteht das menschliche Bewusstsein (noch) nicht und die Riesen müssen uns deshalb als „dumm“ erscheinen. Die Götter jedoch können diese Bewusstseinsebene verstehen, denn sie stammen selbst von Riesen ab, sind also ihre Geschöpfe. Sie wissen aber auch von den destabilisierenden Gefahren, die von den Riesen ausgehen. Warum sonst schützt Thor die Welt der Menschen mit einem Wall und ist auch ansonsten ständig damit beschäftigt, nicht nur gegen die Midgardschlange, sondern auch gegen die Riesen zu kämpfen? Vielleicht will er aber auch nur verhindern, dass das Wissen der Riesen zu uns dringt, da diese Kenntnis dem Menschen, aus Sicht der Asen, nicht dienlich wäre, evtl. gar zum Verderben führen würde, was an die biblische Paradiesgeschichte erinnert, wo der Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis auch von Gott verboten wurde.

Doch Thor tut vermeintlich gut daran, uns vor den riesenhaften Kräften zu schützen. Schließlich werden diese Kräfte schließlich gemäß der nordischen Eschatologie, Ragnarök herbeiführen. Andererseits ist besagte Vernichtung keine endgültige, sondern vielmehr – im Sinne des zyklisch-germanischen  Weltbildes – wird aus den Trümmern der alten eine neue, gereinigte Welt aufsteigen.

An dieser Stelle komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeuten Riesen für mich? Diese Frage führt letztendlich, wie mein Essay hoffentlich gezeigt hat, zum Konflikt, ob ich mich, und auch hier muss ich differenzieren zwischen persönlichen und weltgesellschaftlichen Belangen, eher für eine Stabilisierung der Verhältnisse ausspreche oder aber Auflösung herbeiführen möchte.

Niko Paech sagt im TAZ-Interview vom 21.01.2012:

„Für gesellschaftlichen Wandel brauchen Sie zunächst Pioniere, die geringe Risikoaversion haben und keine Angst, sich lächerlich zu machen. Dann kommen die, bei denen die Beobachtung der Pioniere ausreicht, um auch mitzumachen. Dann die, die ein Netzwerk brauchen. Dann werden jene stimuliert, die sich erst kuschlig genug fühlen, wenn das Neue von genug Leuten gemacht wird. Und irgendwann sind wir am Punkt angekommen, wo eine soziale Dynamik ausgelöst wird. Diese Diffusionslogik zeigt, dass es gar nicht funktionieren kann (wenn man denn positiven, gesellschaftlichen Wandel möchte, Anm. d. Autorin), gleich in den Mainstream zu gehen.“

Da ich mir an dieser Stelle (noch) nicht anmaßen möchte, Belange von universaler Bedeutung zu lösen, beschränke ich mich im Folgenden auf eine persönliche Ebene, wobei mir natürlich bewusst ist, dass persönliche Entscheidungen niemals abgelöst vom gesellschaftlichen Arrangement gesehen werden können und dass die persönliche Entscheidung für eine „Destabilisierung“ im eigenen Leben auch – quasi als Dominoeffekt – Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt hat.

Jedoch wird eine „Stabilisierung der Verhältnisse“ als Lösungsansatz für die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, so sie sich denn überhaupt mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen, attraktiver sein als eine „Destabilisierung“, die nur risikofreudigen Naturen vorbehalten sein wird.

Die „Festigung des Bestehenden“ verheißt schließlich süße, verlockende Sicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte in ihrer vermeintlichen Ruhe nicht gestört werden. Wer mag es ihnen auch verdenken, schließlich wäre alles andere auch düster-beängstigend. Dabei wird gerne übersehen, dass das menschliche Leben selbst ständiger Veränderung unterworfen ist. Die „Stabilität“ erscheint uns nur harmonisch, wenn wir sie mit einem gewissen inneren Abstand betrachten; bei näherer Sichtung tun sich jedoch bei jedem von uns Dramen auf, die unterschwellige, destruktive Abgründe nur mühsam verdecken. Dies liegt – wie ich schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Science-Fiction-Literatur gezeigt habe – an den „riesenhaften Kräften“, die unser Bewusstsein kolonisieren, seitdem die Menschheit sich entschlossen hat, die nur instinktgebundene Existenz zu verlassen.

Ist ein solcher Status Quo, wie ich ihn aufgezeigt habe, es wert, erhalten zu bleiben? Ich meine „Nein“, denn alles andere verdient die Bezeichnung „Tod“.

Eine „Festigung des Bestehenden“ wäre für mich, um auf eine gesellschaftliche Argumentationsebene zurückzukehren, nur wünschenswert, wenn wir in einer Welt lebten, die derjenigen der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter, gleichen würde, die wiederum nichts anderes als eine freundlich-fröhliche Wicca-Welt darstellt.

Edred Thorsson beschreibt diesen Existenzbereich wie folgt:

„In diesem Reich wird das organische Vorbild der organischen Existenz geformt. Das ist eine Welt des ewigen Gleichgewichts der zyklischen Natur – hier gibt es ständiges Wachstum, aber man kann hier keine tatsächlichen Veränderungen oder Geschehnisse sehen. Es gibt ewiges Wohlergehen, Frieden, Freude und Bequemlichkeit. Es ist das Reich sowohl der organischen als auch der persönlichen Zyklen.“ (Thorsson, Edred: Die neun Tore von Midgard. Uhlstädt-Kirchhasel 2004, S. 74 f).

Wenn wir aber in diesem Land, welches wir auch mit „Utopien“ benennen könnten, (noch) nicht leben können, dann zeigen sich für mich im persönlichen Leben nur zwei praktikable Möglichkeiten auf, nämlich entweder gegen die riesenhaften Kräfte – wie Thor – zu kämpfen (und dieses „Kämpfen“ beinhaltet auch – obwohl sie es abstreiten würden – die Attitüde der sogenannten Lichtarbeiter und selbsternannten Lebensratgeber, sich zwanghaft alles schönzureden, um so den negativen Kräften keine Aufmerksamkeit zu geben) oder aber, was unbequem ist, sich mit den riesenhaften Kräften zu verbinden und sie dadurch letztendlich zu beherrschen. Dadurch lernen wir die Waffen unserer Gegner zu nutzen und können so die „benannten“ und „erkannten“ Kräfte – zumindest für uns selbst – unschädlich machen oder – um einmal den Sprachgebrauch meines Anti-Virus-Programmes zu bemühen – „in Quarantäne schicken“.

Eine schwierige Entscheidung ist dies und ich neige dazu, sozusagen hin und her zu switchen, wohlwissend, dass gerade letztere Möglichkeit keine Option für die Allgemeinheit darstellt und ich mich damit auf Wirkkräfte einlasse, deren Intentionen ich nicht immer verstehen kann.

Das Reich der Riesen charakterisiert Thorsson nämlich folgendermaßen:

„Als Ausgleich zu Vanaheimr ist Jötunheimr ein Ort ständigen Wechsels. Es und seine Bewohner versuchen alles, das ihnen begegnet, zu opponieren und zu ändern. Aber das Reich selbst kann in keiner eigenen Metamorphose untergehen. Es ist ein Katalysator für Veränderung und Evolution, kann sich selbst nicht ändern oder entwickeln. Jötunheimr ist ein Ort der Auflösung – und der möglichen Täuschung für die, die auf seine „Tricke“ nicht vorbereitet sind. Jötunheimr ist die reaktive Kraft der Zerstörung, die zur evolutionären Veränderung nötig ist. (Thorsson, S. 75)

Jötunheimr als Raum der „evalutionären Veränderung“ ist immer dann gefragt, wenn auch im persönlichen Leben Transformationen angesagt sind. Doch die Riesen sind – wie ich ja schon mit Hilfe der Schilderung meiner schamanischen Reise dargelegt habe – uns gegenüber gleichgültig eingestellt, und mehr als einen lässig von ihnen hingeworfenen Hinweis auf unsere vermeintlich großen Fragen können wir von ihnen – ganz praktisch gesehen – nicht erwarten. Um aber wahre Veränderungen herbeizuführen, müssen wir uns, so wir denn Magier sind, mit göttlichen Energien verbinden oder aber – dies ist die zweite Möglichkeit – göttliche Eigenschaften oder religiöse Vorstellungen zu einem eigenständigen göttlichen Wesen (aus uns selbst) personifizieren. Um aber erstere Möglichkeit zu praktizieren, muss die göttliche Kraft dazu bereit sein. Die Riesen, die ich quasi als Götter der Götter ansehe, sind es jedenfalls nicht. Loki aber, der zu den Asen gehört, andererseits aber sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite von Riesen abstammt, bietet uns diese Möglichkeit, verlangt aber durchaus seinen Preis dafür. Schließlich ist er ein „Trickster“ und daher müssen wir wissen, worauf wir uns bei ihm einlassen, was wiederum schier unmöglich ist.

Insbesondere stellt sich mir die Frage, ob es eine Option ist, sich mit der Energie von Loki zu verbinden, um die „Seelenfresser“, die meinem Weltbild entsprechend ja von den Riesen initiiert sind, zu isolieren

Zuerst erschien es mir unklar, ob Loki, der ja selbst von seiner Abstammung – sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite – ein Riese ist, hier unterstützend wirken kann.

Nachdem ich diese Frage eine Zeitlang mit mir herumgetragen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er dafür geeignet ist, schließlich verhält er sich gegenüber den Riesen ambivalent, hilft einerseits zum Beispiel Thor bei der Rückholung des Hammers Mjölnir, andererseits verschuldet er Balders Tod, was letztendlich zu Lokis „Fesselung“ durch die Asen führt, die sich dadurch – meine Interpretation – von nun an in besonderem Maße den „riesischen Energien“ ausgesetzt fühlen. Schließlich ist derjenige, der sie, eben durch seinen ständigen Gestaltwandel davor schützen konnte, nicht mehr dazu in der Lage. Insofern ist die Gefahr groß, dass die Asen von einer Gesellschafts-Hypnose heimgesucht werden und in Zukunft auch immer weniger die Menschen vor den Riesen schützen können, was sich gegenwärtig u.a. dadurch zeigt, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Überwachungsstaaten entwickeln.

So können wir uns also auf die Götter nicht mehr verlassen und sind auf uns selbst zurückgeworfen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit Lokis Kräften zu verbinden. Loki, mit seiner Vorliebe für den Gestaltwandel, kann uns, wenn ich einmal auf der Ebene von Midgard argumentieren darf, lehren, es ihm gleichzutun. Dies wiederum enthält die Option zu verhindern, dass sich die riesenhaften Kräfte an unser Bewusstsein andoggen. Wahrscheinlich ist eben dieser Gestaltwandel, wir könnten auch vom ständigen Paradigmenwechsel sprechen, im Ursprung eben eine riesenhafte Eigenschaft, die wiederum befähigt, den Einfluss der Riesen, der letztendlich zum Massenbewusstsein führt, zu beherrschen. Insofern kann Loki uns lehren, die soziale Matrix beständig zu unterbrechen und Stagnation, was immer gleichbedeutend mit einer Anpassung des Selbst an gesellschaftliche Konventionen ist, zu unterminieren.

Wenn wir uns mit Loki verbinden, dann lassen wir uns nicht mehr – ungewollt und getäuscht – von der Kraft der Riesen, die immer dann entsteht, wenn Menschen   aufeinandertreffen, verführen. Vielmehr haben wir es nun selbst in der Hand, die riesenhaften Energien für unsere Zwecke nutzbar zu machen. All das, was mit den Stichwörtern „Revolution“, „Rebellion“, „unorthodoxe Ideen“, „schillernder Charakter“ und „Verwandlungsfähigkeit“ beschrieben wird, holen wir so in unser Leben und dabei habe ich, um einmal zum Ausgangspunkt meiner Argumentation zurückzukehren, durchaus die Hoffnung, dass ich auf einer persönlichen Ebene damit mein „alltägliches Elend“ verändern kann. Du vielleicht auch!

Doch, auf eine gesellschaftspolitische Dimension bezogen, halten wir Ragnarök mit einer solchen Vorgehensweise nicht auf. Schließlich ist die aufgezeigte Handlungsweise eine individuelle, die niemals für die Mehrheit der Menschen einen praktikablen Weg darstellt. Und so wird am Ende aller Tage Loki, der sich von seiner Fesselung befreit hat, das Naglfar-Schiff steuern, um gemeinsam mit den von ihm mit der Riesin Angrboda gezeugten Ungeheuern, den Riesen und den Bewohnern Hels gegen die Asen zu ziehen (Gylf 50). Bevor Surtr, der Feuerriese, schließlich die Welt in Flammen aufgehen lässt, töten sich Loki und Heimdall gegenseitig und uns bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere, neue Welt.

Heil Loki!

Aletheia

Leider muss ich gestehen, dass ich die tiefe Bedeutung von Aletheia noch nicht wirklich erfasst habe. Insofern ist das Folgende mehr als ein Versuch anzusehen,  was aber – zumindest ahne ich das – ganz und gar der Aletheia im Heideggerschen Sinne entsprechen mag.

Aletheia: Das ist die  Unverborgenheit. Das ist die Wahrheit, also die  Bedingung der Möglichkeit, dass das Seiende seiend ist, das sich wiederum als Phänomen manifestiert.

Damit die  Unverborgenheit in das Erscheinen aufgeht, muss sie  – quasi wie eine Quelle – aus der Verborgenheit hervorsprudeln.

Hier seht ihr, quasi als Illustration, den Gottesbrunnen in Langenholzen bei Alfeld:

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Die Quelle  ist darauf angewiesen, dass das Wasser, das aus ihr heraustritt, irgendwann wieder in den Erdgrund zurückfließt, andernfalls würde sie versiegen.

So gehört die Verborgenheit zur  Unverborgenheit. Das Entspringen braucht das In-sich-zurückfließen. Die  scheinbare objektive Gewissheit muss  wieder in das Subjektive zurückfinden, um neue phänomenologische Wahrheiten hervorrufen zu können.  Und mein Versuch eines Verständnisses des Aletheia-Begriffes kehrt somit in die Verborgenheit zurück,  um neu erfahren und neu erdacht, sich abermals einen Weg an die Oberfläche zu bahnen, um  eine Wahrheit zu verkünden, die vielleicht mehr als meine eigene subjektive Sicht der Dinge sein  kann. Vorläufig.  Unverborgen.  Der Zyklus beginnt erneut. Wahrheit geschieht und ich beende meine Reflexion über Aletheia fröhlich an der Apenteichquelle bei  Winzenburg. Verborgen.

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Virtueller Kunstworkshop, Teil 2

Das Ergebnis meines virtuellen Kunstworkshops der letzten Woche gibt einen Eindruck davon, wie ein kreativer Prozess bei mir abläuft. Dies kann euch vielleicht animieren, es ähnlich zu versuchen oder aber eure kreativen Techniken mit meiner zu vergleichen.

Konkret habe ich ausgehend von einem zufällig ausgelosten Begriffes des Deutschen Wörterbuches von Jacob und Wilhelm Grimm in einem durchaus als tranceartig-schamanistisch zu beschreibenden Zustand Kornähren gemalt, die sich immer mehr zur Rune Othala verformten. Die Deutung dieser Rune habe ich dann erneut mit dem Begriff des Wörterbuches verknüpft, was wiederum neue Assoziationsketten freisetzte, die mich – was aber in der Video-Präsentation nicht eingearbeitet ist – letztendlich bis zu den Walküren, den germanischen Totendämonen, führten.

Mittels dieses spielerischen Prozesses kreiere ich, indem ich Kontexte verschiebe und das Bewusstseinsfeld der Synchonitäten für mich nutze, individuelle Mythologien, die aber durchaus das Kraftfeld tradierter Mythen berühren und mit ihnen wiederum in Dialog treten. Dies schafft einen rational-intuitiven Wachstumsprozess (Xeper!), kann aber auch – das ist quasi der doppelseitige Nutzen – das angesprochene Kraftfeld im objektiven Universum mäandernd-ausweitend befördern.

Und wie sieht es bei denjenigen aus, die ein solchermaßen initiiertes Kunstprodukt konsumieren – vielleicht sogar unwissend? Wird der Betrachter durch seine Rezeptionen und Interpretationen nicht auch in das Kraftfeld befördert, geht in das Gespräch damit und wird so selbst zum Teil des Stromes des Werdens? Und wenn er dies nicht ignoriert oder negiert, kann es ihn dann nicht auch befördern, sein Selbst beständig zu transformieren? Ist nicht genau dies die heilende Wirkung von Kunst, die sich als erweiterter „Aura“ -Begriff beschreiben lässt?

Zum Nachlesen: Vorstellung der Projektidee
Weitere Erklärungen zum Konzept der Individuellen Mythologien finden sich hier.

Weiße und schwarze Magie

Obelisk in der Dunkelheit

Plotin, einer der Neuplatoniker, unterscheidet die Welt in drei Schichten. Ganz oben ist der Geist, aus dem die Welt fließt. Er verfestigt sich zur Materie, die weit entfernt ist vom Geist. Die Götter befinden sich in der Zwischenebene und sollen uns „auf“ helfen. Nach Plotin lautet nämlich das finale Ziel, dass der Mensch das „Eine“, also den numinosen Geist erreicht und damit eine mystische Symbiose bildet, um letztendlich den ewigen Wiedergeburten zu entgehen.

Wenn jetzt der Mensch die Götter beschwört (Theurgie) ist dies nach herkömmlicher Auffassung weiße Magie, wenn er sich aber beispielsweise mit der Totenbeschwörung beschäftigt (Goetik), dann gilt das als böse, schließlich verbinden wir uns dann mit Geistern, die den Aufstieg nicht geschafft haben. Happy Halloween!

Divination wiederum wäre in diesem System weiße Magie, denn schließlich greife ich damit das „Feld“ ab, was zum Aufstieg zum Einen dienen soll. Die Götter geben mir quasi „Zeichen“. Bewusste Veränderung der Divinationsergebnisse wären dann aber wiederum schwarze Magie, genauso wie selbstverständlich Flüche.

Alles sehr interessant – schließlich hat der Neuplatonismus seinen Einfluss auf die mittelalterliche Philosophie gehabt, die wiederum die christliche Heilslehre in eine neuplatonische Schablone umschrieb. Unterschwellig scheint – sozusagen als christliches Kulturgut – die eben aufgezeigte Definition von weißer und schwarzer Magie bis heute zu wirken.

Jedenfalls werden nun nicht nur die Aufklärungsschriften der christlichen Fundamentalisten gegen das Halloween-Spektakel verständlich, auch können wir esoterisch-spirituelles Handeln nun im Sinne von Plotin deuten. Und das bringt Überraschungen:

Wenn jetzt nämlich die Geomanten ein Mantrasingen für die Erdheilung zelebrieren ist das neuplatonisch „eng“ gesehen als „schwarze“ Magie zu interpretieren, da es sich dabei um einen bewussten Eingriff in das göttliche Feld handelt. Genauso ist jegliche Form von Reiki zu beurteilen und rein performativ betrachtet ist ein gut gemeinter Segen genauso eine magische Operation wie ein böser Fluch.

Dies wird die sogenannten „Lichtarbeiter“ sicherlich erstaunen, wähnen sie sich doch auf der Seite der Guten.

Die Grenzen zwischen „weiß“ und „schwarz“ schwinden also, besonders dann, wenn wir jetzt beispielsweise auch noch versuchen wollen, die Kerzenmagie der katholischen Kirche einzuordnen. Dabei handelt es sich eindeutig um schwarze Magie.

 

Arbeit und Gebet!

Rudolf von Laban glaubte anscheinend nicht an die Selbsterfüllung in der Lohnarbeit, die ein Trugschluss zu sein scheint, der in unserer Welt immer noch favorisiert wird, der sich aber schon längst selbst ad absurdum geführt hat.

Nicht jeder hat die Gaukelei als solche erkannt. Viele profitieren davon, dass wir die neofeudalistische Schmierenkomödie, die unser Leben bestimmt,  für eine unabwendbare Realität halten. So beDIENen wir sie, indem wir schaffen und schaffen, um die Folgen einer Inflation auf unser Privatleben abzumildern,  die andere beSCHLOSSen haben.

Unser soziales Leben haben wir derweil schon längst den immer schneller sich drehendem Hamsterrad geopfert. Freundschaften werden ausschließlich unter dem kalten  Kalkül des Nützlichkeitsanspruchs betrachtet, denn schließlich ist Zeit gleichbedeutend mit Geld.

Das ist eine Sklavenexistenz!

Selbst die antiken Griechen wussten schon, dass das wahre Menschsein im Müßiggang liegt, der eben nicht  tumbe Regeneration ist, sondern ein Sich-treiben-lassen im Fluss der Zeit bedeutet. Die damit verbundene Absichtslosigkeit, die sich nicht in To-Do-Listen gefangen halten lässt, ermöglicht uns die Annäherung an ein ästhetisches Ideal, das Laban im Folgenden als „Gebet“ beschreibt.

Er schreibt:

„Die Wurzeln der Bewegungskunst sind Arbeit und Gebet. Arbeit sorgt für unsere materielle Existenz, das Gebet für unser spirituelles Wachsen und Reifen. Arbeit kann eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gebet bekommen, wenn sie nicht allein dem Lebensunterhalt, sondern höheren Zielen dient. Auch eine künstlerische Darbietung kann in die Nähe des Gebets rücken, indem sie Ideale verkörpert. Die Grenzen zwischen Arbeit und Gebet sind zuweilen fließend: Ein Ringen um Ideelles, wie es etwa im flehentlichen Gebet geschieht, kann eine ebenso harte – wenn nicht gar härtere – Anstrengung sein wie manche körperliche Arbeit. Beides kann den Einsatz all unserer Kräfte erfordern. Die Konflikte, um die es in Arbeit und Gebet geht, finden ihre künstlerische Umsetzung in Pantomime, Drama und Tanz. In früheren Zeiten entstand dramatische Dichtung und mit Musik begleiteter Tanz aus der Anrufung und Verehrung der Götter, und auch in unserer Zeit ist dies im Grunde noch so. In den Anfängen des philosophischen Denkens waren alle Kunstgattungen noch eine Einheit, heute sind sie jedoch getrennte Disziplinen. Aber selbst heute können sich Tanz und Schauspiel gelegentlich verschwistern: Worte lassen sich mit Musik und Bewegung erweitern, während Tanz und Musik von den im Wort vermittelten Gedanken erfüllt sein können. Spuren der ursprünglichen Mimenkunst sind heute noch im Marionettentheater zu finden, in Clownszenen im Zirkus und in pantomimischen Darbietungen; daneben bietet sich im Drama und Ballett ein weites Feld, wenn man sichtbare Bewegung studieren will. “ (Rudolf von Laban: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 2003, S. 97 f.)