Teetempel

 

Es ist eine Einschränkung unseres Erkenntnisvermögens,
wenn wir nur die Methoden, die heute in Laboratorien angewandt werden, ausüben.
Wäre die Natur ein Mechanismus, so wären diese Verfahren ausreichend. Die
Schönheit der Welt bezeugt, dass hinter den Sinneserscheinungen nicht bloß ein
Mechaniker, sondern auch eine Künstlerin wirkt. Im Mittelalter kannte man sie als die
Göttin ‚Natura‘. Auf Namen kommt es nicht an. Will man aber zu dem Erleben und
der Erkenntnis eines Wesenhaften in der Natur und in der Kulturgeschichte
gelangen, ist die Kunst die geeignetste Auslegerin dieser Sphäre. Die spirituellen
Zeugnisse der Vorgeschichte sind ohne einen originären neuzeitlichen Zugang zu
diesen Bereichen nicht sachgemäß verstehbar.

Diese Zeilen fand ich unlängst auf den Seiten des Forschungskreises Externsteine.

Und welcher Platz wäre geeigneter gewesen, um der Wahrheit hinter diesen Zeilen nachzuspüren, als der sogenannte „Teetempel“ in Derneburg! Er vereinigt klassizistischen Charme mit einer wild wuchernden Waldlandschaft, die einst, als dieses Gebäude erbaut wurde,  nicht vorhanden war.  Da bot der  Tempel einen freien Blick auf  die Gartenanlagen und das Schloss.

Ich trank dort meinen Tee, ganz wie der Graf, der dort „die englische Sitte des Teetrinkens zelebrierte“ (aus: Laves-Kulturpfad Broschüre, siehe hier). Dann fing es an zu regnen.

 

Laves Teetempel

Was bringt die Zukunft?

Scheibensieben

Natürlich kann man sich zu jeder Zeit des Jahres mit Kaffeesatzlesen und sonstigen Orakeln beschäftigen; die Rauhnächte bieten uns aber eine zeitlich-räumliche Qualität, die solche introperspektivischen Beschäftigungen fördert.

Wie gerne würde ich euch hier im Blog von hüpfenden Lichtelfen erzählen, doch – ich kann es nicht beschönigen – mein Orakel-Ergebnis war verheerend düster.
Über meinen Kartenbild schwebte Lady Frieda Harris finstere Sechs der Kelche („Enttäuschung“)  und der weitere „Untergang“, der sich vor mir ausbreitete, konkludierte in der Scheiben-Sieben.

Hajo Banzhaf schreibt dazu:

„Die Karte reflektiert einen Zustand des Zerfalls; nach der Morgenröte der Sechs Scheiben ist der Hintergrund der Sieben jetzt zu einer Brutstätte des Verderbens verkommen. (Es folgt ein Crowley-Zitat …) Abgeschnitten vom Wachstum und von der Vegetation erkennen wir eine blauviolette Schattenwelt, in der schwarze Pflanzenskelette anstelle von Früchten die sieben bleiernen Todesscheiben des Saturn hervorbringen, Symbol für das Unheil ohne Ende oder  unglückliches Ende, das keine Erlösung bringt.“

Ach, fällt mir ein, habe ich nicht irgendwo im Internet gelesen, dass der Herrscher des Jahres 2014 der Saturn sein soll?

Und so fühle ich mich – quasi schon vorauseilend – wie der leidende König Anfortas, der, umgeben von Ödnis und Einsamkeit, nicht wirklich leben, aber auch nicht sterben kann, derweil er von schrecklichen Schmerzen geplagt wird. Selbst der Gral schafft ihm keine Linderung.

Wenn der Saturn – so berichtet uns Wolfram von Eschenbach – seinen höchsten Stand erreicht hat, verschlimmert sich – auch das erstaunt nun nicht mehr – Anfortas Zustand. Er wird vom inneren Frost gepeinigt, der in seiner Umgebung Schnee im Sommer fallen lässt.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“,

sagte einst Adorno. Und so ist auch Anfortas eine Genesung von seiner Pein versagt.

„Entfremdung“ überall. Die Neonreklame der Großstadt blendet uns grell und treibt uns an, uns zu betäuben und uns eben nicht die richtige Frage zu stellen, die im 21. Jahrhundert die  nach dem richtigen Leben sein muss.

Doch irgendwann – wir kennen schließlich die Grals-Historie – wird Parzival heranreiten  und die Worte finden, die Anfortas von seinen Leiden erlösen werden.

Soweit ist die Handlung aber noch nicht gediehen. Vorerst, im Jahre 2014,  bringt die Gefolgschaft den König zum See Brumbane, der in der Nähe der Gralsburg liegt. Die wohlriechende Lüfte über dem See sollen den üblen Geruch seiner Wunde vertreiben.

Die Trübnis, die das Orakel bei mir hervorbrachte, wurde  jedoch nicht durch das Element Wasser, sondern durch Äther, genauer gesagt durch das Hören des philosophischen Radios hinweggeblasen.

Prof. Dr. Bolz widersprach Adorno, verwies stattdessen auf die Spielräume des Ichs, die einen – auch angesichts von aggressiven Neofeudalismus  (meine Worte) noch bleiben  und sprach sich für eine positiv besetzte Bürgerlichkeit aus. Nicht jeder muss, angesichts der uns umgebende Zustände, zum Bohemian oder zum Revolutionär werden.

Nachdem ein Hörer dies mit „Tue deine Pflicht!“ zusammenfasste, widersprach der Philosoph  zwar nicht,sagte aber, dass er es lieber anders ausgedrückt haben wolle, nämlich so:

„Tu das, was du tust, von ganzem Herzen und auch leidenschaftlich.“

Und dies erinnert mich wiederum an:

„Tu was du willst, ist das ganze Gesetz. Liebe unter Willen.“

Wer sagte dies gleich noch?

Aleister Crowley. Und so habe ich, zugegebenermaßen nach einigen mühevollen Gedankenkonstrukten,  meine freudvolle Erwiderung auf den finsteren Orakelspruch gefunden. Die Zukunft kann kommen! Die Lichtelfen fliegen wieder.

Schornsteinfeger

Müßiggang

Ramberg Freischuetz wildes Heer

Müßiggang: 

Das ist der Stoff aus dem Abenteuer entstehen, so beispielsweise im Roman „Vril“ von Edward Bulwer-Lytton, den ich am 2. Weihnachtstag begonnen habe, zu lesen.

Schon auf der ersten Seite steht:

„Doch als in meinem einundzwanzigsten Lebensjahr mein Vater starb und ich dadurch in den Besitz eines großen Vermögens und zu unumschränkter Lebensfreiheit gelangte, ließ ich meiner angeborenen Lust zu Reisen und Abenteurern freien Lauf, verzichtete auf die Jagd nach dem Dollar und wurde ein unsteter Wanderer, der in ewigem Wechsel durch alle Länder dieser Erde irrte.“

„Lebensfreiheit“, was für ein schönes Wort und – diese Erkenntnis ist bitter – solange wir gezwungen sind uns auf „die Jagd nach dem Dollar“ zu begeben, sind wir nicht frei  genug, um das entspannte Nichtstun mehr als partiell zu pflegen.

Doch um den Müßiggang  zu erproben, um zu merken, wie es ist, nicht mehr getrieben zu sein von der Notwendigkeit die nächste Stromrechnung, Miete und Versicherungen zu bezahlen, dafür ist in der Tat die Zeit zwischen dem 21. 12 und dem 6.1.geeignet wie keine andere im Jahr.

Manche verfallen indes gerade in diesen Wochen in zweifelhaften Ablenkungen zwischen Glühwein und überladenen Festtagsmenü  mit  Familiengesprächen, die genauso alkoholgetränkt wie auch nichtssagend sind.  Anschließend laufen sie weiter im Hamsterrad: vollgefressen und dem Diätplan der „Kartenmacher“, also derjenigen, die die Welt schon längst vermessen und aufgeteilt haben, hinterher.

Doch du gehörst sicherlich nicht dazu. Und so lässt du dich frohgemut  nach den Weihnachtstagen mit all den süßlichen Gebäck und schwülstigen Worten in jenes dunkle Loch fallen, in dem wir uns besinnen können auf unser Selbst.

Vielleicht bist du sogar mutig und trittst hinaus, hörst ein gewaltiges Toben, Brausen und Hundegekläff. „Hoh-ho-ho“, schallt es und alsbald steht der wilde Jäger mit seiner Horde von Geschöpfen des Zwischenreiches vor dir.

Und du fällst sicherlich nicht ängstlich hernieder, sondern blickst Wotan mutig  in sein eines Auge  und  tanzt alsbald  mit der Hel  ausgelassen durch die Nacht.

Jetzt sind die Rauhnächte. Nutze sie.

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Zarathustra am Maschsee. Teil 2

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Wir setzen also unseren kleinen Spaziergang fort.

Ein Wort zur Warnung: Mit  Teil 1  dieser Artikelserie solltest du dich zuvor vertraut gemacht haben, denn andernfalls wird dir das Folgende seltsam vorkommen. Nachdem wir die Bronzelöwen hinter uns gelassen haben, begegnen wir knapp vor der Höhe der Geibelstraße einen Menschenpaar.
Auf diese Doppelfigur von Georg Kolbe möchte ich zum Schluss unseres Spazierganges  noch einmal zurückkommen.

An dieser Stelle  meiner Argumentation ist es erst einmal nur bedeutsam, dass das Menschenpaar im Kontext der von mir verfolgten Interpretation der Skulpturen-Landschaft als Illustration zum Zarathustra – zumindest oberflächig betrachtet  –  „nicht passt“.

Der Löwe nämlich verwandelt  sich bei Nietzsche  in ein Kind.

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Das Kind begegnet uns gleich zweimal am Maschsee, nämlich im Fischreiter, der nächsten Skulptur, und später  im Putto auf dem Musikpavillon. Beide Skulpturen befinden sich am Südufer und gehen auf dem Bildhauer Hermann Scheuernstuhl zurück.

Die tierischen Vorstufen  sind nun überwunden. Das Kind ist das autonome Individuum und der ÜBERMENSCH.

Fischreiter1

Fischreiter2

Was macht aber einen ÜBERMENSCHEN aus?

Das ist  u.a. der Künstler. Er ist der Prototyp des Übermenschen, der neue Werte aus sich selbst erschafft und fröhlich hinaus in die Welt trägt.

Der Künstler, in Nietzsches ambivalenter Sicht zugleich leidenschaftlicher Welterzeuger und Vampir ohne große Leidenschaften, verwirklicht die ästhetische Vernunft (und „vernünftelt“ (Kant) nicht darüber). Als der – wie Nietzsche herausfordernd formuliert – „im verwegensten Sinne …Unnütze“ (Ü 37, 1870/71) will er nicht zur allgemeinen Kultur und Bildung beitragen, sondern verkörpert in seiner Person die höhere Form einer künstlerischen Kultur. Deren Signatur ist die Verwandlung des abgelehnten Lebens in ein bejahtes Dasein, der vorgefundenen Welt in einen gewollten Entwurf. Die ästhetische Vernunft ist keineswegs der zweifelhafte Versuch, die aus Praxis und Geschichte  vertriebene Wahrheit im Schongebiet der Kunst überwintern zu lassen (das sind spätmoderne Hirngespinste), sondern schon im Ansatz leiborientierte Weltbewältigung. Wahrheit gibt es für die ästhetische Vernunft nur, solange es Lust gibt, und als Verführung zum guten Leben und Gelingensethik wird ästhetische Vernunft aktiv. (Schirmacher, Wolfgang: Kunst und Künstlichkeit der Wahrnehmung: Kulturphilosophie nach den Nihilismus, zitiert nach: http://www.egs.edu)

Rückblickend  verstehen wir nun auch die Funktion der Menschenpaar-Skulptur, die uns zwischen „Löwe“ und „Kind“ begegnet ist.

Das Paar stellt die radikale Zensur dar, die die Verwandlung des Löwen zum Kind erfordert.

Man muss nämlich den Gedanken an die ewige Wiederkunft, dass sich nämlich  alles unendlich wiederholt, ertragen, um den Nihilismus des Löwen zu überwinden und sich stattdessen mit einem „Akt der gänzlichen Einverleibung“  idendtifizieren, um als Übermensch geboren zu werden.

Wie könnte dies besser bildlich umgesetzt werden, als durch einen Mann und eine Frau,  die immer die Möglichkeit in sich tragen, dass sie durch Vereinigung und Empfängnis ein neues Leben erschaffen können?

Das Menschenpaar verweist so auf die Geburt von etwas Neuem, dass seine Vorstufen vergessen hat: Wenn wir  als Kind in das Leben treten, wissen wir nicht darum, was vorher war.  Wir können uns nicht an jene Existenzstufen erinnern, die wir durchlebten, bevor wir Mench geworden sind.

Insofern erstaunt es auch nicht, dass das Fischreiter-Kind, das den Fisch lenkt, gerade beabsichtigt, diesen in das erfrischende Nass des Sees hüpfen zu lassen, denn schließlich verweist die allgemeine Symbolik des Wassers auf das Urmeer und das mütterliche  Fruchtwasser, aus dem jegliches Leben entspringt.

Ein neues Leben beginnt im Kind, was vollkommene Unschuld und freudiges Spiel ist.

Jedoch birgt der Zustand des Kindes  eine  nicht zu unterschätzende Gefahr in sich. Wenn das Kind  nämlich die Stimme des Common Sense vernimmt oder die des einsamen Denkens, anstatt ihnen mit den Mitteln der ästhetischen  Vernunft zu begegnen, kann es zurückfallen in das unkritische  und einlullende Wir oder in jenes des einsamen Ichs, was sich feindlich gegen die Welt aufstellt.

Das Putto-Kind auf dem Musikpavillion  streckt dann auch optimistisch sein Ärmchen  in den Himmel und will uns damit vermutlich sagen:

„Ich bin kein statischer Endzustand, sondern muss immer wieder neu errungen werden.“

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 3

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Objektive Ethik: „Not to return to morality, but to discover it.“ Letzter Teil

Das rote Sofa

 

Nachdem ich mich jetzt schon gesondert mit den Begriffen „Ethik“  (1. Teil) und „Objektivität“ (2. Teil)  beschäftigt habe,  versuche ich diese  beiden jetzt zusammenzubringen, was – mit Verlaub gesagt – ein schwieriges Unterfangen ist.

In den vorangegangenen Teilen meines Blogs sollte deutlich geworden sein, dass „objektive Ethik“ ausschließlich dann Sinn macht, wenn wir eine objektive Welt annehmen, die unabhängig von unserer eigenen Subjektivität besteht, die wiederum die objektive Welt nur gefiltert durch unsere eigenen Wahrnehmungen aufnimmt.

Nur wenn wir von einer Objektivität ausgehen, kann es  auch objektivierbare Maßstäbe und Zwecke des sittlichen Handelns geben.

Wohingegen  Kant  die Frage nach der Ethik mit dem „kategorischen Imperativ“ beantwortet, handelt es sich bei der objektiven Ethik, um eine in der Tradition von Aristoteles stehende Tugendethik (Nikomachische Ethik). Dabei hat sich Aristoteles bei der Bestimmung von Ethik am noblen und weisen Menschen orientiert. Er reflektiert jedoch nicht die gesellschaftlich-historischen Gründe, weshalb und warum  die Noblen ihre Werte entwickelt haben.

Wenn wir den letzten Einwand einmal außerhalb unserer Betrachtungen lassen, so besitzt der noble Mensch – im Sinne von Aristoteles – nicht nur die Freiheit der Wahl, die immer Voraussetzung für ethisches Handeln sein muss, sondern auch die Weisheit, die es ihm erst ermöglicht, sich seiner eigenen Wertpyramide bewusst zu werden und gemäß seiner favorisierten Ideale seine alltäglichen Entscheidungen zu treffen.

Jeder Wert nämlich, den wir verfolgen, besitzt einen Aufforderungscharakter, der uns vom Seienden zum Sein-Sollenden führt.

Ich würde hier, anstatt vom Sein-Sollenden,  eher von unseren  eigenen Utopie sprechen, die wir willentlich ins Dasein bringen wollen und die uns daran hindern, unseren Freund  beispielsweise zu belügen, wenn wir zuvor den Wert der Ehrlichkeit für uns präferisiert haben.

Die sich in der objektiven Realität  befindenden  Tugenden und Werte sollen aber – so Aristoteles – etwas darstellen, was jeder, der sich in einem vergleichbaren Kontext befindet, anstreben wird.

Gerade Letzteres stelle ich mir in der Praxis problematisch vor. Insofern denke ich mir die objektive Realität nicht statisch. Sie ist vielmehr Veränderungen unterworfen, da – so mein Philosophielexikon – „ständig neue Werte über die Schwelle des Wertbewusstseins treten“ und „andere ausscheiden“. Ob damit Aristoteles einverstanden wäre, vermag ich nicht zu sagen.

Soviel zum Idealfall: Wir wissen es jedoch alle, dass der moderne und  besonders der städtische  Mensch gehetzt und getrieben ist. Er hat weder Zeit noch Muße, sich bei den vielen, vielen Entscheidungen, die wir ständig – eng getaktet, wie wir nun einmal sind  – treffen müssen, auf einen „eigenen“ und von ihm selbst erarbeiteten (was immer gleichbedeutend ist mit „selbst durchdachten“) Code von Werten berufen zu können.

Die Gefahr ist groß, dass er auf diese Art und Weise  beruflich zum Befehlsempfänger und privat zum „Zombie“ degeneriert, der nur noch nachplappert, was der Mainstream vorgibt. Er reflektiert nicht selbst.

Ein solcher Mensch ist  in seinem  persönlichen Sein sehr weit von einer „objektiven Ethik“ entfernt,  wie sie – in Berufung auf Aristoteles – von Ayn Rand  gefordert wird.

Stattdessen gibt er sich mit ethischen Theorien zufrieden, die ich einmal als „Fallen“ (im Sinne von Mausefallen) übersetzen möchte und die uns, wenn wir es denn zulassen,  gefangen halten in einem Kanon von  unerbittlichen „To do“ und  „Not to do“-Listen. (Auch hier beziehe ich mich jetzt auf Ayn Rand.)

Die Fallen des Versagens:

  • Wir berufen uns auf ein übernatürliches Wesen, das  altruistische und andere Opfer von uns verlangt, deren tieferen  Sinn nur  die Gottheit  allein kennt. Zum Dank für all unsere Opfer erhalten wir – später, irgendwann, nach dem Tode –  wahlweise eine nette Wiedergeburt, einen Aufenthalt im Paradiesgarten mit vielen Jungfrauen oder einem Liegestuhl im Himmel des Herrn.  Einzige Voraussetzung dafür ist es, dass wir an die entsprechende Religion glauben müssen, bestenfalls „wie die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich“.  Im diesseitigen Leben stellt der Tod unser ultimatives Ziel dar. (Referenz: das europäische Mittelalter)
  • Wir berufen uns nicht nur auf  das Kollektiv, das Volk und die Gemeinschaft, nein: wir dienen hier auch. Der Ausdruck „dienen“ impliziert die Pflicht der Selbstlosigkeit, in dem wir unser Leben der entkörperlichten Volksgemeinschaft opfern, was natürlich, so wird es gesagt,  unsere Pflicht ist. (Referenz: Sowjetunion, Nationalsozialismus).
  • Sehr perfide ist die letzte Falle. Darin glaubt der Mensch, dass es keinerlei objektive Prinzipien der Ethik  gibt und dass er sich – quasi wie im Gemischtwarenladen – nur heraussuchen muss, was  ihm gerade passend erscheint. Alles ist möglich und beliebig. (Referenz: Gegenwart)

Bei allen drei Fallen  handelt es sich um Variationen des Altruismus, der wiederum unweigerlich verbunden ist mit dem Opfergedanken.

Eventuell ist dies gerade im letzten Fall nicht leicht nachvollziehbar. Warum auch soll es sich im dritten Beispiel um eine altruistische Spielart handeln?  Ich jedenfalls musste eine Weile darüber nachdenken, bis ich auf die Lösung kam.

Verständlich wurde es mir erst, als ich berücksichtigte, dass Ayn Rand „objektive Ethik“ nicht so verstanden haben will, dass sie die Erlaubnis beinhaltet, uns ausschließlich unseren egoistischen Gelüsten hinzugeben, ohne dabei Rücksicht auf unsere Umgebung  nehmen zu müssen. Der Räuber begibt sich, so Ayn Rand, sogar auf ein subhumanes Level.

Ein  egoistisches Verhalten, das nur den eigenen Begierden unterworfen ist,  würde der dritten Falle entsprechen, die dem altruistischen Moralmodell insofern entspringt, als dass es hier in sein  Gegenteil verkehrt ist: Alles, woran der Einzelne Spaß gewinnt, wird in das eigene subjektives Ethiksystem integriert. Alles ist erlaubt und alles ist beliebig; Konflikte entstehen jedoch, wenn die Frage nach den Eigentumsverhältnissen der gewählten Prinzipien gestellt wird.

Der Ausweg, der uns bewahrt, solchen Fallen zum Opfer zu fallen, stellt ein philosophischen Denken dar,  bei dem wir beständig ein reflektierendes Bewusstsein entwickeln.

Dies beschreibt  Ayn Rand wie folgt:

is not a passive state of registering random impressions. It is an actively sustained process of identifying one’s impressions in conceptual terms, of integrating every event and every observation into a conceptual context, of grasping relationships, differences, similarities in one’s perceptual material and of abstracting them into new concepts, of drawing inferences, of making deductions, of reaching conclusions, of asking new questions and discovering new answers and expanding one’s knowledge into an ever-growing sum. The faculty that directs this process, the faculty that works by means of concepts: is: reason. The process is thinking.

(…)

But man’s responsibility goes still further: a process of thought is not automatic nor „instinctive“ nor involuntary – nor infalliable. Man has to initiate it, to sustain it and to bear responsibility for its results. He has to discover how to tell what is true or false and how to correct his own errors; he has to discover how to validate his concepts, his conclusions, his knowledge; he has to discover the rules of thought, the laws of logic, to direct his thinking. Nature gives him no automatic guarantee of the efficacy of his mental effort.

Vor diesem Hintergrund sollte nun auch das folgende Zitat aus „Atlas Shrugged“ zu verstehen sein, was sich schon in der Quintessenz in den Überschriften meiner Blog-Serien wiederfindet und was ich jetzt – zum Schluss – in voller Länge zitieren möchte. Es stellt quasi die Aufforderung dar, vorgegebene moralische Polaritäten zu überwinden und im Sinne einer bewussten Individualität und Kraft der eigenen Rationalität Zugang zu den ethischen Kategorien im objektiven Universum zu erhalten, die unter den uns gegebenen Voraussetzungen Allgemeingültigkeit besitzen.

John Galt spricht:

„Through centuries of scourges and disasters, brought about by your code of morality, you have cried that your code had been broken, that the scourges were punishment for breaking it, that men were too weak and too selfish to spill all the blood it required. You damned man, you damned existence, you damned this earth, but never dared to question your code … You went on crying that your code was noble, but human nature was not good enough to practice it. And no one rose to ask the question: Good? – by what standard?“
„You wanted to know John Galt’s identity. I am the man who has asked that question.“
„Yes, this is an age of moral crisis … Your moral code has reached its climax, the blind alley at the end of its course. And if you wish to go on living, what you now need is not to return to morality, … but to discover it.

 

 Publikumsgeschmack

 

 

Objektive Ethik: „Not to return to morality, but to discover it.“ Teil 2

Nachdem ich  in einem vorangegangenen Artikel schon eine Annäherung an den Begriff der Ethik vollzogen habe,  beschäftige ich mich heute mit der Definition von Objektivität, um dann beides in Überlegungen zur objektiven Ethik münden lassen.

Um also mit Wilhelm Busch zu sprechen: Dies ist der zweite Streich. Doch der dritte folgt sogleich.

Den ersten Teil könnt ihr hier nachlesen: Teil 1 

Was ist nun aber „Objektivität“?

Der Terminus „Objektivität“ beschreibt das Erkennen durch das Erfassen realer Gegenstände und objektiver Ideen.  In einer streng verstandenen objektiven Sichtweise wird jegliche Subjektivität ausgeschlossen, was – da wir ja von menschlicher Natur sind – letztendlich ein unmögliches Vorgehen darstellt. Insofern kann ich den Satz zustimmen: Keine Objektivität ohne Subjektivität.

Unter  http://www.wissenbloggt.de/?p=14056  finde ich folgende Erklärung der „Objektivität“:

Die objektivistische Epistemologie (Erkenntnistheorie) geht davon aus, dass Konzepte aus Beobachtungen abgeleitet werden und dass alle Behauptungen, die nicht nachweisbar auf Beobachtungen beruhen, willkürlich sind und keiner weiteren Beachtung würdig (darunter der Yeti, Big Foot und Gott – jedenfalls bis zu dem Grad, als dass blind an sie geglaubt wird. Insofern Belege angeboten werden, sieht die Sache anders aus).

Das naturwissenschaftliche Denken scheint – wie keine andere Wissenschaftsdisziplin – dafür geeignet zu sein, die nötigen Beweise, Fakten und Überprüfungen zu liefern, um die uns umgebende Welt objektiv  (was im allgemeinen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit rational und vernünftig verwendet wird),  zu verorten.

… So jedenfalls wird es in der heutigen Zeit gerne geglaubt (sic!).

Jedoch sollten wir uns selbst verdeutlichen, dass selbst die Objektivität der Naturwissenschaften nicht voraussetzungslos ist. Insofern sollten wir  den Glaubenssatz (denn um nichts anderes handelt es sich hier), dass nämlich naturwissenschaftliche Methoden Objektivität gewährleisten  nicht ohne Skepsis hinnehmen, z. B.   indem wir uns selbst Fragen stellen:

  • Wird dieser Objektivitätsanspruch willkürlich – und das heißt nichts anderes als von bestimmten Interessen geleitet – vollzogen?
  • Werden die naturwissenschaftlich-technischen Methoden auf Bereiche angewandt für die sie gar nicht entwickelt worden sind?
  • Erfasst die moderne Naturwissenschaft mit ihren Gesetzen die gesamte Natur?
  • Haben die Methoden der modernen Naturwissenschaft tatsächlich eine Situation herbeigeführt, die zwangsläufig industrielle Produktionsmethoden und moderne Lebensweise zur Folge haben mussten?
  • usw.

Eine blinde Gläubigkeit an die Naturwissenschaften, wie sie den momentanen Zeitgeist entspricht, scheint  nicht haltbar zu sein.

Objektivität meint – laut Philosophie-Lexikon –  immer  „das Freisein von subjektiven Zutaten“. Letztendlich ist das ein Diktum, das kein menschliches Wesen erfüllen kann, schließlich spielt unser subjektives Sein immer in den Erkenntnisprozess mit hinein und ist von diesem nicht zu trennen. Andererseits erweitern wir ständig unseren Wissenshorizont und gerade die moderne Hirnforschung lässt uns die biologischen Ursachen unseres Denkens immer mehr verstehen, sodass sich für mich die Frage stellt, ob wir uns nicht selbst  in unserer Entfaltung  – gerade durch die Annahme, dass es eben nicht möglich ist –  determinieren und dass es für uns zukünftig doch machbar sein  wird, eine objektive Sicht, die sich gegenwärtig noch im  Unmanifestierten befindet, auf die Welt zu erlangen.

Meiner Meinung nach ist Objektivität nichts anderes als das Absolute,  was die Sehnsucht des Menschen erfüllen soll,  dem Unsinn des Todes zu erklären. Wir wollen ja sortieren, einordnen und katalogisieren, um unseren scheinbaren Frieden mit dieser letzten und schrecklichen Determinanten zu machen, die all unser Streben in ein finsteres Grab münden lässt.

Wenn ich von der Annahme einer objektiven Welt ausgehe, die im Gegensatz zum Subjektiven steht, kann das Absolute mit „Gott“ identifiziert werden.

Ich  denke mir jedoch immer ein Wesen  dazu, das nicht-menschlich ist und das diese Objektivität  quasi verwaltet, bewahrt, versteht, weiterentwickelt (das tun wir allerdings auch selbst ständig)  und nicht unbedingt nur verkörpert.  Es ist also nicht identifiziert mit der objektiven Welt, hat jedoch Anteil an ihr und ist ihr gleichzeitig überlegen.

Doch wissen tue ich all dies nicht. Einen Beweis muss ich schuldig bleiben. Ein Gedankenversuch ist es, um das Unbegreifliche begreifbar zu machen. Ich  füge also eine metaphysische Numen-Instanz  in mein Weltbild ein (das Eine), der ich jetzt allerdings nicht das Gesicht einer Verwaltungsfachangestellten geben möchte und die  sich daher besser als nicht näher fassbare „Bewusstheit“ umschreiben lässt.

Liebe Leserinnen, füllt den Begriff „Bewusstheit“ nach eurem Gusto, denn natürlich sollst du dir ein Bildnis machen!

Wem   dir aber mein Verweis auf das Metaphysische nicht behagt,  dann tut sich eine weitere praktizierbare Möglichkeit auf, schließlich können wir auch davon ausgehen, dass wir selbst (und nur wir selbst!) die Wirklichkeit konstruieren. Alles ist möglich. Alles ist denkbar. Willkommen in der Vielheit!

Dabei ist es letztendlich unerheblich, ob es nun neben meiner und deiner Sichtweise auf das Lebewesen „Schaf“ noch eine objektive Realität von „Schaf“ existiert. Der Konstruktivismus würde dies und damit auch die Existenz von „Objektivität“ im Ganzen abstreiten; ich dagegen gehe davon aus, dass es nicht nur ein objektives Sein des Schafes „für sich“ gibt, sondern auch eine Objektivität  des Schafes „an sich“.

Jedoch ist dies für mich und für dich  im praktischen Leben letztendlich vollkommen unrelevant und für das Schaf im Übrigen auch.

Schaf