Chancengleichheit?

Wenn ich so einen kleinen Blick zurück im Zorn wage, auf die vergangenen Jahre, muss ich  leider feststellen, dass ich keine berühmte Künstlerin, Schriftstellerin und Philosophin geworden bin, der die Menschen huldvoll zur Füßen liegen oder die zumindest nach ihrer Sicht der Dinge gefragt wird.

Noch nicht einmal ein  klein wenig Ruhm war mir vergönnt und ich gehe eigentlich davon aus – pessimistisch wie ich nun einmal bin -, dass dies auch so bleiben wird.

Jetzt neige ich ja weniger dazu, Fehler bei mir selbst zu suchen, vielmehr sehe ich – ganz zeituntypisch – das Problem im Großen gesellschaftlichen Gefüge verankert.

Dort werde ich dann auch schnell  fündig und stelle fest, dass,  wenn man nicht aus einer begüterten Familie stammt, die mit Geldmanipulationen so manche Veränderung im objektiven Universum zugunsten des eigenen Nachwuchses vornehmen kann und wenn man auch nicht – wie vielleicht 1% der Menschen – einfach das unverschämte Glück hat, „zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort“ zu sein,  dann ist man nach wie vor  darauf angewiesen, eine unbarmherzige Tretmühle zu durchlaufen und dabei einen langen Atem zu demonstrieren. In der Praxis heißt dies:   unbezahlte Praktikas zu machen, sich auf schlecht honorierte Stipendien zu bewerben,  Arbeiten nur für die persönliche Reputation „umsonst“ einzureichen, hier einmal einen Zeitvertrag zu übernehmen und sich dort „lieb Kind“ zu machen, dabei immer „lachend“ und „positiv denkend“ zu sein … etc.

Genau an dieser Stelle muss ich dann ganz realistisch feststellen, dass mir bestimmte Opfer, die Erfolg immer verlangt (noch nie zuvor war mir bisher dieses kleine männliche Pronomen in ERfolg aufgefallen – bis heute!), als Frau und Mutter, die sich eben immer verantwortlich für ihre Kinder gezeigt hat,  nur für den Preis der Verantwortungslosigkeit möglich gewesen wären. Und so wurde dann der Kompromiss-Beruf angenommen (immerhin ethisch korrekt, was nicht jede/r behaupten kann!), der die Familie regelmäßig mit Einkommen versorgt.

Viel Zeit für die eigentliche Passion blieb – gerade als die Kinder klein waren – nicht. Langsam werden sie erwachsen und die Last (und Freude) der Verantwortung wird weniger. Es entstehen neue Freiräume, die  mit kreativem und künstlerischem Tun gefüllt werden.

Für „voll genommen“ indes werde ich dabei nicht. Es ist ja nicht „professionell“ und  diejenigen, die darüber zu befinden haben, sind Männer, denen jegliches Verständnis für weibliche Lebenswege fehlt  und die – mit Vorliebe – ihresgleichen protegieren. Fatalerweise hört der Rest der Menschheit auf die Botschaften solcher  Leithammel,  nimmt sie für „bare Münze“ und lädt so deren Fetische mit ihrer Lebensenergie auf.

Als Frau hingegen versinkt man im mittleren Lebensalter in die gesellschaftliche Unsichtbarkeit. Nicht wahr genommen, von wem auch immer! Die eigene „Lebensleistung“ zählt nichts im großen Wettrennen der Aufmerksamkeiten.

Einige meiner Leser/innen, besonders die jungen,  werden nun den Kopf schütteln und meinen, dass das nicht stimmt und dass Frauen heute alle Möglichkeiten der Welt hätten.

Ein schöner Glaube ist das.

Lasst euch gesagt sein: So wie mir geht es vielen Frauen. Doch die meisten schweigen, denn schließlich gilt  „Zorn“ nicht als schick.

Die Unsichtbarkeit der Frauen findet sich auch in den  Geschichtsbücher, die voller wichtiger Männer sind . Die Frauen, die ihnen ihr Leben erst ermöglicht haben,  sind der Vergessenheit anheim gefallen sind.

Muss das nicht verwandelt werden?

Jedoch nicht so, dass sich die Frauen zwischen ihrer althergebrachten Rolle und der zusätzlich zu erfüllenden beruflichen Rolle aufreiben, und dies in einer medialen Umwelt, die sie als Sexualobjekte oder „nicht existent“ diskreditiert. und auch nicht in einer Gesellschaft, die Geschlechterrollen zur Beliebigkeit erklärt und die Mutterschaft staatlichen Stellen überantwortet. Stattdessen wünsche ich mir eine Infragestellung des männlich-besetzten Referenzrahmens, der uns als GOTTgegeben verkauft wird.

Meine Vision ist die Schaffung einer wertschätzenden, mütterlichen Welt, die Raum bietet zur Entfaltung des einzelnen Individuums, ohne die testesterongeladenen Konkurrenzspiele und ohne die ständige Suggestion von Mangel und Begrenztheit, und stattdessen Fülle lebt.

Und wer weiß? Vielleicht kommt dies dann auch den Männern zugute, denn schließlich sind sie alle Söhne einer liebenden Mutter.

Und so erteile ich nun einem Sohn das letzte Wort. Bei Goethe schließlich findet sich meist das passende Zitat:

Faust
Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich!

Mephistopheles
Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.
(http://gutenberg.spiegel.de/buch/3645/14)

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Ingrid
Gast

Hallo Marina,
ja! Der Artikel spricht mich auch an….hatte ihn am Samstag schon gelesen…denn meine Themen sind nicht! nur Tanz…;-)
sondern auch immer Frauen in dieser Welt!
Danke!
Liebe Grüße aus der Hauptstadt
Ingrid