Corona-Tagebuch

Das gesellschaftliche Leben ist zum Erliegen gekommen. Lock-Down wird es genannt und ich suche, wie so häufig in den Zeiten der globalisierten Hast und Eile nach einer angemessenen deutschen Bezeichnung dafür. Der Duden schlägt mir „Ausgangssperre“ vor und entlarvt den englischsprachigen Begriff als das, was er in Wirklichkeit ist: ein Euphemismus. 

Anstatt die Grenzen zu schließen, hat die Politik, die jetzt eifrig darum bemüht ist, freiheitlich-demokratische Grundkräfte außer Kraft zu setzen, die Bürger dieses Landes in ihren Wohnungen eingesperrt und ihnen Kontaktverbote aufgelegt. Ist nun „der gräßliche Höhepunkt unserer Höhepunktkultur“, wie es Fritz Leiber in seinem Corona-Roman „Herrin der Dunkelheit“ so passend beschreibt, erreicht?

Auch nach diesem dystopischen Alptraum werden wir so schnell nicht wieder zu dem zurückfinden, was „Normalität“ genannt wird, was aber auch im Vorfeld schon eine endlose und schreckliche Beschleunigung zwischen To-Do- und Bucket-Listen war. Vielleicht ist dieses Virus nur der folgerichtige Endpunkt einer krankhaften Entwicklung, die im momentanen Stillstand ihren Umkehrpunkt findet, zurück zu einer Gesellschaft, die innehält und wieder Raum für Kreativität und freundliche Schaffenskraft findet und die begreift, dass die Unterhaltung von medizinischen und pädagogischen Einrichtungen nicht einfallslosen Ökonomen und Juristen überlassen werden kann, sondern stattdessen sachverständige Weitsicht benötigt, die von einem mitfühlenden Humanismus geleitet wird. 

Ich befürchte indes, dass wir auch im Herbst dieses Jahres unsere Mitmenschen noch vorrangig als Überträger einer todbringenden Krankheit ansehen werden. Isolation ist gefragt und der freundliche Händedruck wird zum Affront auf die leibliche Gesundheit des anderen. Es könnte gar sein, dass die Krankheit dem globalisierten Kapitalismus nur eine kleine, schrecklich-todbringende Pause verordnet hat und dass er hernach wieder an Fahrt gewinnt, als ob nichts geschehen wäre. 

Die Rufe danach werden lauter und schriller. Die Gefahr ist groß, dass die Menschen dann gespalten sein werde, in diejenigen, die schon immunisiert sind und die deshalb ohne gesellschaftliche Einschränkungen agieren können und diejenigen, die noch vorsichtig sein müssen oder um die es, im Sinne eines perversen marktwirtschaftlichen und altersdiskriminierenden Denkens, sowieso nicht schade wäre, da sie keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr einspielen. Und dann gibt es noch diejenigen, die jetzt schon Narrenfreiheit haben. 

Keiner wird es sagen, aber herrscht nicht die Prämisse, dass die Wirtschaft wieder schnell zum Laufen gebracht werden muss und dass gewisse persönliche Kollateralschaden eben das persönliche Opfer zu sein haben, dass man den Menschen abverlangen müsse? Diese Kriegsrhetorik wird nicht ausgesprochen; sie scheint aber das Agieren unserer Politiker mehrheitlich zu bestimmen. Und so zeigt die Einstellung des öffentlichen Lebens zwar Erfolg und die Kurve der Neuansteckungen verlangsamt sich; diese Maßnahmen sollen nun aber voreilig zurückgefahren werden, nur gebremst von den Schranken, die die Kapazitäten unseres ausgedünnten Gesundheitssystems vorgeben. Das darf nicht zusammenbrechen. 

Vor diesem Hintergrund wird meine Hoffnung wohl eine Utopie bleiben, dass uns die unstrukturierte Zeit, die uns die Pandemie beschert hat, zu einem gesellschaftlichen Umdenken führt und dass das Hamsterrad dadurch langsamer wird. 

Dies sollten wir fordern, anstatt voreilig nach einer Normalität zu verlangen, die uns und unsere Angehörigen zum gegenwärtigen Zeitpunkt in leibliche Gefahren bringen könnte.

Meine Lektüreempfehlung in Zeiten von Corona: Fritz Leiber: Herrin der Dunkelheit. Hier ist die Rückseite des Heyne-Taschenbuches von 1980 zu sehen.

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