Das Impulstanzfestival in Wien

Letzten Sommer hat es mich u.a. nach Wien verschlagen. Anlass war das alljährlich stattfindene Impulstanzfestival.

Germaine Acogny war dort mit Workshops vertreten, was Grund genug für mich war, die Reise nach Wien einzuschlagen. Sie ist dadurch bekannt geworden, dass sie afrikanische Tanzbewegungen u.a. mit zeitgenössischen Tanz verbindet, ein Gedanke der mir sehr nahesteht, habe ich schließlich in den jungen Jahrzehnten meines Lebens ähnliches erprobt, ohne dabei aber jemals irgendeine andere Aufmerksamkeit zu bekommen, als die meines Spiegelbildes.

Es ist schon sehr lange her, dass ich als alleinerziehende Mutter mit meinen Kindern nach Düsseldorf gereist bin, nur um Germaine Acognys Tanztheaterproduktion „Fagaala“ zu sehen, womit ich sagen will, dass ich sehr viel Aufwand für meine ihr entgegengebrachte Begeisterung aufbrachte.

Doch jetzt musste ich feststellen, dass es „zu spät“ war. Ich war eine andere geworden: körperlich sicherlich nicht mehr so fit wie damals, meine Liebe für den afrikanischen Tanz war, auch in Konfrontation mit den westafrikanischen Realitäten, als ein sehr deutscher Hang zum Exotismus von mir erkannt worden und meine Bereitschaft mich den Drills von divenhafte Attitüden und Regieanweisungen jenseits meiner eigenen Willensbekundungen unterzuordnen, war auch nicht mehr geben. Letzteres mag daran liegen, dass ich mein Geld zum überwiegenden Teil als Lehrerin verdiene. Mir ist es zuwider von anderen Weisungen zu empfangen, was wahrscheinlich zum Teil eine Déformation professionelle darstellt, also keinesfalls den motivierten Dozenten des Festivals angelastet werden kann.

Meine afrikanischen Träume waren verschwunden, ähnlich wie es mir zuvor auch schon mit dem Bauchtanz (und dem Tribal-Tanz) ergangen war (siehe hier und hier!).

Jenseits des 50. Lebensjahres war mein tänzerischer Ehrgeiz auf den Spaß und den Gesundheitsaspekt fokussiert, nicht darauf, irgendwelchen Choreografien hinterherzutanzen und der Außenwelt noch irgendetwas beweisen zu müssen. Und so scheiterte ich nicht nur bei Germaine Acogny, sondern auch beim Bollywood-Tanz, unterrichtet von Terrence Lewis. Dieser Kurs war darauf ausgerichtet, schnell gelernte Choreografien (oder auch mehrere) mit nach Hause nehmen zu können und ihn dann, zu Hause zu vertiefen, um ihn dann beispielsweise im örtlichen VHS-Kurs, dann im gemäßigten Tempo, weitergeben zu können. Nicht schlecht, aber nicht mein Interesse. Auch fehlte mir ein gefestigtes Vorwissen im Bollywood-Stil.

So brach ich dann meine Besuche beim Impulstanz-Festival nach 3 1/2 Tagen ab und lernte daraus, dass sich meine Interessen gewandelt und mein tänzerisches Können nicht dem von professionellen jungen Tänzern entspricht. Sollte ich das Impulstanzfestival, was ja jedes Jahr stattfindet, erneut besuchen, würde ich nur noch absolute Anfängerkurse besuchen, um mir weitere Erschütterungen meines tänzerischen Selbstverständnisses zu ersparen. 🙂

Das schmerzt nämlich. Gut, dass es dann, auch im Rahmen des Festivals, eine Tanztheatervorführung gab, die es in sich hatte und darüber hinaus den verletzten und deformierten (also auch älter werdenden) Körper zum Thema hatte, was ja genau mein Thema war. Im Wiener Leopoldsmuseum dekonstruierte die Company Liquid Loft unter Chris Haring menschliche Körper und feierte, ganz im Sinne der Bilder von Egon Schiele, die Auflösung. Man ging dabei durch Museumsräume im Keller und konnte polyphonen Körpern zuschauen, deren Performance sich in der Leere der Räume verlor. Ich wurde dabei zum Teil eines Rituals, dessen Choreografie ich nicht kannte und dessen magische Absicht ich nur erahnen konnte.

Das Impulstanzfestival wird von einer Reihe von Veranstaltungen begleitet; zusätzlich zu den Workshops für verschiedene Könner- und Nicht-Könner-Stufen gibt es auch offene Angebote. Das Programm für den Sommer erscheint im April und falls uns, dass Corona-Virus bis dahin nicht weiterhin fest in der Hand hat, kann ein tänzerischer Besuch in Wien lohnenswert und erkenntnisreich sein.

Auch der Ort, wo die meisten der Workshops stattfinden, ist interessant. Es sind die Probebühnen der Staatsoper und des Burgtheaters, die sich innerhalb von ursprünglich militärischen Backsteingebäuden befinden.

Das Arsenal wurde ursprünglich anlässlich der Märzrevolution 1848 erbaut und besteht aus insgesamt 31 Gebäuden, die in einer mittelalterlich-italienisch inspirierten Architektur erbaut wurden. Eines dieser Gebäude ist das Heeresgeschichtliche Museum, wo u.a. der Wagen des Sarajevo-Attentats gezeigt wird. Lohnenswert ist nicht nur das Museum, sondern auch das entspannte Schlendern durch die weitläufigen Anlagen!

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