Das künstlerische Stelldichein

Allen meinen interessierten und freundlichen Lesern wünsche ich, wenn auch etwas spät, einen guten und bekömmlichen Start in das neue Jahrzehnt. Die Zeit der Rauhnächte und der Rekapitulation liegt jetzt auch schon wieder hinter uns, sodass wir uns sicherlich bereit für neue Erfahrungen und Erlebnisse, unabhängig davon, ob diese nun eher esoterischer oder exoterischer Natur sein werden, fühlen.

Gute Vorsätze

Viele Menschen beginnen jedes neue Jahr mit Vorsätzen und Plänen. Sportliche Trainingspläne stehen dabei ganz oben in der Skala der Beliebtheit. Deren Nutzen möchte ich auch nicht in Abrede stellen, frage mich aber, wie unsere Gesellschaft ausschauen würde, wenn wir, genauso wie wir 30 Minuten Muskelaufbautraining 3 x pro Woche versuchen in den Tagesablauf zu pressen, Zeit für einen Gedankenaustausch auf philosphischer Ebene, eine Lektürestunde oder eine Gedichteschmiede einräumen würden? Wie wäre es, wenn wir dabei nicht auf messbare Resultate der Selbstoptimierung schielen würden und uns stattdessen dem freudvollen Spiel überlassen würden, denn, wie schon Schiller in seiner „Ästhetischen Erziehung des Menschen“ sagte: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Setzen wir unser kleines Gedankenexperiment also fort:

Unser Fitness-Armband würde uns dann nicht nur unerbittlich an die Bauch-Beine-Po-„Challenge“ erinnern, sondern auch daran, dass wir ein Zitat bedenken oder ein Lied trällern sollten.

Eine App würde uns vorschlagen einen Spaziergang zu tätigen, der keinen Sinn und Zweck erfüllen würde, außer dem, irgendetwas Neues im altbekannten Umfeld zu entdecken und sei es nur die Schönheit eines architektonischen Elements an einer Hauswand, die wir bisher übersehen hatten. Das elektronische Programm würde uns dazu verführen den harzigen Duft einer Tanne mit wachen Sinne wahrzunehmen und uns interessiert zu fragen: „Haben Sie diese Woche schon ein Bild gemalt, ganz ohne dabei eine Ausstellung oder einen Auftrag erfüllen zu müssen? Haben Sie ein Gespräch mit einem Fremden gesucht und etwas Neues dabei erfahren? Was haben Sie heute getan, was, jenseits aller ökonomischen Verwertbarkeiten und Eitelkeiten, die unsere Gesellschaft so vollständig dominieren, nur den Wert und Zweck hat, den sie ihm selbst einräumen?“ Ganz und gar EIGENNÜTZLICH.

Der Weg des Künstlers

Es ist schon Jahrzehnte her, dass ich Julia Camerons Buch „Der Weg des Künstlers“ (*) und ihre Folgepublikationen gelesen habe. Ihre Bücher sind so populär-eingängig geschrieben, wie es eben im amerikanischen Kulturkreis üblich ist und wie es dort für richtig empfunden wird. Mir dagegen ist es, wie bei den meisten Büchern aus dieser Weltgegend, viel zu leicht dahingeplappert. Tiefgang ist zwar unzweifelhaft bei Julia Cameron Büchern enthalten, doch ihr Redeschwall mit irgendwelchen erfundenen oder wahren Beispielen aus dem Leben ihrer Mitmenschen, nebelt meine Aufmerksamkeit ein und lässt mich die gedanklichen Schätze mitunter erst auf dem zweiten oder dritten Blick erkennen.

Julia Camerons wertvolle Tipps richten sich an Menschen, denen ihre Kreativität ein Lebenselixier ist.

Sie empfiehlt:

  • den Spaziergang
  • Morgenseiten
  • den Künstlertreff

Über den Spaziergang habe ich schon gebloggt, wobei ich mich allerdings nicht auf Julia Cameron beziehe . Man möge hier nachlesen.

Morgenseiten, die nichts anderes als regelmäßige Tagebuchaufzeichnungen meint, praktiziere ich leider nicht, stattdessen führe ich dieses Internet-Tagebuch, was dadurch, dass es öffentlich ist, natürlich nicht die Freiheit bietet, die privat geführte Morgenseiten, im Sinne von Julia Cameron, bieten würden. Deren Morgenseiten leben gerade davon, dass sie vollständig unzensiert sind und daher auch Platz für allerhand Unsinn oder seitenlanges Gejammer bieten. Lesen aber will einen solchen Sermon sicherlich niemand, weshalb der Weltenschmerz vermutlich mehr in das private Tagebuch als in den öffentlichen Raum gehört. Wer sich aber auf ein solches Schreiben, was keinen Leser kennt, einlässt, wird erfahren, so das Versprechen von Julia Cameron, dass es entlastend auf die eigene Seele wirken wird. Die ständig strömenden Gedanken der Tagebuchschreiber werden auf das Papier gebannt und so wird der Kreis der Wiederkehr der immer gleichen Problemfelder gebrochen. Das kann befreiend wirken und wahrscheinlich so manche Psychotherapie ersetzen.

Der Künstlertreff meint nichts anderes als eine Verabredung mit sich selbst.

Julia Cameron nennt es auch „künstlerisches Stelldichein“, was mir besser gefällt, weshalb ich diese Bezeichnung auch für die Überschrift dieses kleinen Essays übernommen habe.

Julia Cameron erklärt den Künstlertreff folgendermaßen: „Hier handelt es sich um eine Expedition von etwa einer Stunde, die Sie einmal in der Woche im Alleingang unternehmen, um etwas Festliches, Stimmungsvolles oder für Ihr kreatives Bewusstsein Interessantes zu erkunden. Dabei geht es um Ihre Autonomie, aber auch um ein wenig Abenteuerlust.“ (Cameron, Julia: Den Weg des Künstlers weitergehen, München 2003, S. 25)

Der regelmäßige Künstlertreff, so meine Meinung, kann ein probates Mittel sein, um modernen Effizienzbestrebungen, die, ausgehend vom Berufsleben, mittlerweile auch das Privatleben penetriert haben, entgegenzuwirken.

Eine letzte Frage

Braucht man zu einem Künstlertreff einen Terminkalender oder eine App mit Erinnerungsfunktion, die streng fragt, ob der Nutzer auch diese Woche schon seinen Künstlertreff abgehalten hat und ob dieser auch erfolgreich war?

Ich denke nein und erkenne, dass auch die von mir zu Beginn meines Artikels phantasierte Fitness-App der Welt der Ökonomie, die immer bemüht ist sich auch ihre Gegenbewegungen im Sinne des Marktes einzuverleiben, zugeordnet ist.

Eine Welt des Müßiggangs und des Freiraums braucht jedoch keine Apparate mehr, die uns von außen steuern, fernsteuern, schließlich sind wir nur uns selbst verantwortlich. Durch unser Leben schlendernd. Zum künstlerischen Stelldichein.

(Cameron, Julia: Den Weg des Künstlers weitergehen, München 2003, S. 398)

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