Das nationalsozialistische Weimar (4. Tag)

Am Montag haben die meisten Museen in Weimar geschlossen, so nutzte ich die verbliebene Zeit hauptsächlich dazu, das nationalsozialistische Weimar zu entdecken.

Da ich mich dabei vor allem dafür interessiere, wie zur Zeit des Nationalsozialismus Mythos kreiert  bzw. wie  bestehende  religiöse Rituale und Symbole umgedeutet werden, um sie für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen und ich in diesem Zusammenspiel durchaus eine Erklärung für den zeitweisen Erfolg dieser Ideologie sehe, machte ich mich auf dem Weg zur Nietzsche-Gedächtnishalle.

Die Nietzsche-Gedächtnishalle

(Humboldtstr. 38) Diese liegt genau neben dem Nietzsche-Archiv, dessen Namen irreführend ist, handelt es sich dabei schließlich nicht um ein Archiv, sondern um ein Museum, was – Überraschung – am Montag geschlossen war.  Immerhin lässt sich der Audioguide online auf der Webseite der Klassik-Stiftung nachhören.

Hier, in der “Villa Silberblick, starb Nietzsche und seine Schwester richtete hier ein Archiv ein, was der Edition des Nachlasses ihres Bruders dienen sollte.

Schon 1910 plante sie, die Einrichtung einer Gedächtnishalle. Diese Idee wurde von den Nationalsozialisten wieder aufgegriffen, was nicht verwunderlich ist, sah Hitler schließlich als eine Bezugsgröße des Dritten Reiches an. Im Jahre 1934 erhielt der Publizist und Architekt Paul Schultze-Naumburg den Auftrag zum Entwurf einer Gedächtnishalle. Eine Fertigstellung wurde jedoch durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindert und so kamen auch die von Benito Mussolini gestifteten Dionysos- und Apollo-Statuen nicht mehr zur Aufstellung.

Ab 1946 wurde die Halle vom Radio DDR 2  und nachfolgenden MDR genutzt und steht seit der Jahrhundertwende leer.

Das hier ist die tempelähnliche Eingangshalle, die natürlich verschlossen war.

Die durch einen Gitterzaun versperrte Zufahrt zwischen Nietzsche-Archiv und Gedächtnishalle lässt die Größe der sich nach hinten erstreckenden Gebäude erkennen.

 

Heute Morgen habe ich mich mal als Mini-Vloggerin versucht. #weimar #nietzsche #nietzschegedenkhalle

Gepostet von Marina Sosseh am Montag, 19. März 2018

Im Zusammenhang mit dem Neubau des Bauhaus-Museums (dazu später)  bin ich mir ziemlich sicher, dass  dann auch die abgelegene und vom Verfall bedrohte Nietzsche Gedächtnishalle in den Fokus geraten wird und sei es nur dadurch , dass die Parteien-Ideologen darin eine Ausstellung der Opfer des Nationalsozialismus mit Bezug auf die Vereinnahmung von Nietzsches Gedankengut im Nationalsozialismus installieren werden wollen. Mich graust bei dieser Vorstellung, ziehe ich ja den musealen Ansatz vor, die Dinge für sich sprechen zu lassen. Ich verfolge dabei das Ideal des mündigen Bürgers, der sich selbst eine Meinung bilden kann und würde mir daher eher einen Zugang zur Gedächtnishalle wünschen, der die Räumlichkeiten zeigt, ohne sie zu kommentieren, allenfalls sie zur Präsentation von wechselnden Ausstellungen nutzt.

Elephant

An der Fürstengruft vorbei schlenderte ich danach wieder zurück zum Hotel, wo ich eine kleine Pause einlegte. Dabei passierte ich das Hotel Elephant (Markt 19), was wegen Umbau ebenfalls geschlossen war und als ein typisches Gebäude der NS-Zeit interessant gewesen wäre, zumal die Innenausstattung noch erhalten geblieben sein soll.

 

Das Gauforum

Unmittelbar an das ehemalige Gauforum angrenzend befindet sich die Baustelle für das neue Bauhaus-Museum, was pünktlich zum Bauhaus-Jubiläum 2019 eröffnet werden soll.

Der Standort ist brisant und soll die nationalsozialistische Architektur-Ästhetik anscheinend brechen. Pikanterweise setzt sich die Stadt Weimar mit diesem von mir vermuteten Ansinnen ungewollt  in die Tradition der Nationalsozialisten, die einst der “linken Bauhaus-Bewegung mit dem Gauforum entgegenwirken wollten.

Hinweisschild vor dem “alten” Bauhausmuseum:

Die Weimarer Zeitung berichtet dann am 19. März  (hier!) auch von den Plänen das Bauhaus Museum  in Verbindung mit dem Gauforum zu einer – Achtung Modebegriff!) – TOPOGRAPHIE der Moderne zu machen.

Volkhardt Knigge, Direktor der Stiftung Buchenwald und Mittelbau Dora wird zitiert, der den Ort “zivilgesellschaftlich” nutzbar machen will wobei ich mich frage, ob dies nicht schon geschieht, schließlich wurde der Rohbau der “Halle der Volksgemeinschaft” erst zur riesigen Lagerhalle und  dann 2004 zum Tempel des Konsums untergebaut. Um den Zufluss der Kunden zu gewährleisten wurde das Gauforum mit einem Parkplatzbereich unterkellert.  Vielleicht lege ich aber dem Ausdruck  “zivilgesellschaftlich” einen etwas banaleren und weniger pädagogisch implantierten  Referenzrahmen zu Grunde, als dies H. Knigge tut.

Blick auf das Gauforum, wobei ich vor dem jetzigen Einkaufszentrum stehe. Der Bagger zeigt den Bauplatz des Bauhaus-Museums an.

Neoklassizismus im Stil des Dritten Reichs:

“Zivilgesellschaftliche” Modifikationen:

Natürlich ist dies nur ein kleiner Ausschnitt zu dem, was sich alles in Weimar an brisanter und nicht so brisanter Architektur und Geschichte entdecken lässt. Das nationalsozialistische Weimar mit seiner erhalten gebliebenen Architektur ist sicher eine Exkursion wert.

Ich selbst war u.a.  noch beim ehemaligen Ärztehaus, bevor ich die restliche, mir in Weimar zur Verfügung stehende Zeit für einen Spaziergang im Park an der Ilm nutzte und mich so wieder in die Goethezeit  zurück transferierte.

Das Ärztehaus

Das Gebäude wird momentan von der Bauhaus-Universtitä Weimar für die Institute der Studienrichtung Medieninformatik genutzt und war, diesmal wohl wegen der Semesterferien, geschlossen.  Schade, gerne hätte ich mir die aus der NS-Zeit erhalten gebliebenen Buntglasfenster angeschaut, so blieb mir nur der Blick von Außen.

Das dreigeschossige Gebäude zeigt heute noch typische Architekturmomente des Dritten Reiches, vor allem der Balkon, die hochgezogenen Fenster, die symmetrische Anordnung. die Werksteinquader und das auskragenden Dachgesims sind Elemente, die in der NS-Zeit gern verwendet wurde. (Marcello La Speranza: Brisante Architektur, S. 92 f.)

Zur Vertiefung mögen diese Hinweise dienen:

Stadttour Nationalsozialismus, herausgegeben von der Klassik Stiftung Weimar

La Speranza, Marcello: Brisante Architektur. Graz 2016

 

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