Der Rattentempel

Wer meine Indien-Reise von Anfang an verfolgen möchte, möge hier beginnen.

Der Karni-Mata-Tempel in Deshnoke bei Bikaner

(03.10) Von Bikaner fuhren wir weiter bis nach Jodhpur, nicht ohne einen Zwischenstopp in Deshnoke eingelegt zu haben.

Rund 30 Kilometer von Bikaner entfernt befindet sich der Karni-Mata-Tempel, dessen Besonderheit es ist, dass er von unzähligen Ratten bewohnt wird.

Nicht nur die Kuh ist in Indien heilig; in diesem Tempel sollen auch die Ratten Glück bringen, ganz besonders dann, wenn sie weiß sind und über die Füße des Glücksuchenden laufen.

Da ich auf ein solches Glück gerne freiwillig verzichteten wollte,war ich schon glücklich darüber, dass unser Reiseleiter uns bereits in Dehli angeraten hatte, für den Besuch im Rattentempel die Badelatschen aus dem Luxushotel mitzunehmen, sodass sich der Kontakt mit dem Getier nicht ganz so unmittelbar gestalten würde, wie es die  Gläubigen im Tempel anscheinend befürworten. Die laufen nämlich barfuss herum, setzen sich auf den Boden  oder auf die  Stufen und warten darauf, dass eine heilige  Ratte über ihre Füße läuft und sich von  ihnen füttern lässt.  Es wird noch nicht einmal davor zurückgeschreckt, gemeinsam mit den Ratten von einem Teller Reis zu essen. Befremdlich ist das für mich!

Leckereien für die Ratten  gibt es vor dem Tempel  zu kaufen.

Was ist aber der Hintergrund für dieses für mich doch arg gewöhnungsbedürftige Treiben?

Der Tempel wurde für die Göttin Karni-Mata errichtet und sieht eigentlich recht prächtig aus.

Die Göttin Karni-Mata  war einmal eine reale Person, die schon während ihrer Lebenszeit  im 14. Jahrhundert als Heilige verehrt wurde. Die Angehörigen der Bikaner Fürstenfamilie (und wohl auch “gewöhnliche” Menschen) sind zu ihr gekommen, um sie um Rat zu fragen.  Der Legende nach soll ihr ein toter Fürstensohn gebracht worden sein, den sie wieder zum Leben erwecken sollte. Sie begab sich auf eine Trance-Reise zum Totengott Yama, den sie um die Rückgabe der Seele des Fürstensohnes bat.

Dies gelang nicht. Der Totengott  teilte ihr mit, dass die Seele des Kindes schon wiedergeborene wäre.  Karni-Mata schwor daraufhin, dass niemand ihres Volkes mehr das Totenreich Yamas betreten sollte und alle Nachkommen  ihres Volkes als Ratten wiedergeborenen werden sollen, bevor sie  danach als  fahrende Sänger, was eine angesehene Profession war,  wiederauferstehen sollten.

Die Tempelratten (und auch nur diese!)  werden also  als Reinkarnationen von Ahnen angesehen, weshalb die hinduistischen Besucher auch keine Berührungsängste mit ihnen haben.  Es ist quasi die eigene Ur-Oma oder der Ur-Ur-Opa, der da über ihre Füße läuft.

Im Tempelinnenhof sind sogar Netze aufgespannt, die die Ratten vor Vögeln schützen sollen. Außerhalb des Tempelbezirks gelten die Ratten jedoch als Schädlinge.

Der innerste Tempelbezirk ist den Gläubigen vorbehalten. Im Außenbereich werden Besucher freundlich toleriert.

Ich zumindest war dann aber doch froh, als ich den Tempel wieder verlassen hatte. Ratten gehören definitiv nicht zu meinen Lieblingstieren!

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