Die letzte Rauhnacht dieses Winters

Mit der Nacht vom 5. auf den 6. Januar enden nach meiner Zählung die Rauhnächte. Frau Percht zieht mit ihrer Wilden Jagd ein letztes Mal durch die Nacht, während wir uns in dieser magischen Zeitenwende zur Besinnung noch einmal in uns zurückziehen. Draußen ist es kalt. Der Schnee legt eine weiße Schicht auf die Erde, die alles was häßlich ist, verbirgt. Stillstand und Ruhe ist nun angesagt. Es lässt sich nicht viel bewegen und man ist gut daran beraten, zu Hause zu bleiben. Der Frost lässt die Landschaft erstarren und die Sturmflut bringt Zerstörung, kann aber auch Kinder glücklich machen, schließlich musste ich heute lesen, dass auf Langeroog unzählige Überraschungseier an Land gespült wurden, die leider aber nicht nur einen Kinder-Traum erfüllen, sondern auch eine  Gefahr für das sensible Meeres-Ökosystem darstellen.

Aus dem zyklischen weiblichen Kreislauf bricht nun die lineare männliche Kraft heraus, die sich, noch in der Gestalt des Neugeborenen gefangen, später zum jugendlichen Toren und zum Ritter entwickeln wird, der sich gegen die eigene Natürlichkeit auflehnt und der der eigenen Vergöttlichung entgegenstrebt um schließlich – am Ende des Jahres – zu erkennen, dass der Gral, der gesucht wird, bei den Müttern liegt. Die eigene Zielstrebigkeit wird durch diese Erkenntnis mit der neu gewonnen Empathie-Fähigkeit erhöht, die im Christentum Nächstenliebe und bei Wolfram von Eschenbach Mitleid heißt. Schopenhauer nennt es Herzensgüte.

In Runen ausgedrückt ist es die Vereinigung von Tiwaz und Othala. In Tiwaz ist gleichzeitig Isa enthalten, was für das erwachende Ich-Bewusstsein und die Isolation vom natürlichen Universum steht, was wiederum Voraussetzung für dessen Meisterung ist.

Der Jahreskönig stirbt und wird zur nächsten Wintersonnenwende neu geboren und wir werden uns auch in 12 Monaten erneut wieder in uns zurückziehen , um danach wohlgemut der Kraft der aufsteigenden Sonne folgen zu können.

Mein Facebook-Freund Wolfgang Mumpi Wittek fotografierte diese bizarren Bilder von im Eis erstarrten Kreaturen, die an die weihnachtliche Ikonographie des viktorianischen Englands erinnern.

 

Auch Lewis Carrolls  „Alice im Wunderland“  und „Alice hinter den Spiegeln“ ist dann  nicht mehr weit.

Abschließend möchte ich meine kleine Betrachtung mit einem deutschen Gedicht beenden. Es behandelt das Sujet des Werwolfes und passt gut in diese Zeit, schließlich sollen sich, der Überlieferung nach, zauberkundige Menschen, die einen Teufelspakt geschlossen haben, in den Rauhnächten zu Werwölfen verwandeln.  Der Spaß des Reims verbindet sich hier mit morbiden und grotesken Schrecken, was genau die Grundhaltung  zu sein scheint, die auch den viktorianischen Nonsens ausmacht.

 

Der Werwolf

 

Ein Werwolf eines Nachts entwich

von Weib und Kind und sich begab

an eines Dorfschullehrers Grab

und bat ihn: Bitte, beuge mich!

 

Der Dorfschulmeister stieg hinauf

auf seines Blechschilds Messingknauf

und sprach zum Wolf, der seine Pfoten

geduldig kreuzte vor dem Toten:

 

„Der Werwolf“ – sprach der gute Mann,

„des Weswolfs, Genitiv sodann,

dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,

den Wenwolf, – damit hat’s ein End.“

 

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,

er rollte seine Augenbälle.

Indessen, bat er, füge doch

zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

 

Der Dorfschulmeister aber mußte

gestehn, daß er von ihr nichts wußte.

Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,

doch „Wer“ gäb’s nur im Singular.

 

Der Wolf erhob sich tränenblind –

er hatte ja doch Weib und Kind!!

Doch da er kein Gelehrter eben,

so schied er dankend und ergeben.

 

(von Christian Morgenstern)

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