Die Ordensburg Vogelsang

(27. und 28.07.2018)  Meine Wanderung  am 27.07 führte mich heute direkt vom Ferienpark Gemünden zur Ordensburg Vogelsang.

Der Weg durch die Eifel, im stetigen Auf und Ab, war landschaftlich ansprechend und – was das beste ist – auf dem gesamten Weg traf ich keinen anderen Wanderer. Wer also die Einsamkeit liebt, der ist hier richtig. 

Um ca. 13.30 Uhr erreichte ich Vogelsang.

Volkserziehung

Das dortige Informationszentrum empfängt die Besucher mit Asyl-Propaganda auf einem  aufgestellten Willkommens-Schild.  Auch die Broschüre “Vogelsang IP. Internationaler Platz im Nationalpark Eifel. Auf einem Blick” weist  darauf hin, dass Asyl hier eine Herzensangelegenheit ist, woraus man im Umkehrschluss herauslesen könnte, dass jeder, der die diesbezügliche Politik kritisiert,  “herzlos” sein muss.   Gleichzeitig wird die Notwendigkeit einer “gesellschaftlichen und politischen Diskussion zum Umgang mit den Ursachen und Folgen von Flucht  und Asylsuche”  betont und ich fragte mich, wie eine solche Auseinandersetzung aussehen kann, wenn Kritik  von vornherein als “herzlos” stigmatisiert wird?

 

Jetzt wollte  ich mich aber nicht den Zerwürfnisse der Gegenwart widmen, vielmehr die Ordensburg besichtigen und war erst einmal verwirrt darüber, dass ich, bevor ich überhaupt eine einzige Information über den  Ort des Besuches  erhalten hatte, thematisch mit  der “Politik der offenen Grenzen”  konfrontiert wurde.

Vielleicht soll dabei suggeriert werden, dass die NS-Weltanschauung des vergangenen Jahrhunderts uns jetzt zur grenzenlosen Willkommenskultur verpflichtet? Wenn dies die dahinter liegende Absicht sein sollte, hätte ich eine diesbezügliche  Fragestellung mit ergebnisoffenen Diskursmöglichkeiten, vielleicht in Form  eines eigenen Ausstellungsraumes,  begrüßt, nicht aber suggestive Erziehungsbotschaften in der Eingangshalle des Dokumentationszentrums und in der Informationsbroschüre.

Die Ordensburg Vogelsang

Blick von der Ordensburg hinab zum Sportplatz und zur Urftalsperre

Erziehung  im Sinne einer Ideologie war einst auch das Thema der Ordensburg.  Vogelsang war,  genauso wie Krössinsee und Sonthofen,  als Ort der Schulung errichtet worden.  Hier sollte der Parteinachwuchs der NSDAP ausgebildet werden.

An der Geschichte des Nationalsozialismus (und auch der wilhelminischen Zeit, u.a.) interessiert mich vornehmlich, wie während dieser Zeit Mythen erschaffen wurden und für die eigene Zwecke genutzt wurden, wie also eine eigene Religion mit Kulthandlungen kreiert werden sollte.  Eine solchermaßen verfolgte Intention schlägt sich immer auch in der Architektur,  Landschaftsgestaltung  und auch in der Wahl des Ortes, die niemals zufällig ist, wieder.

Aus diesem Interesse heraus,  habe ich mittlerweile schon viele historische Orte, die mir über diesen Zusammenhang Aufschluss geben könnten, besucht und diese hier auf dem Blog vorgestellt.

Die Beschäftigung mit diesem Themakomplex  hat mich insofern sensibilisiert, als dass ich auch die  gegenwärtige Architektur nicht mehr losgelöst von ideologischen Paradigmen sehen kann und hier mittlerweile hinterfrage, was mir vorgesetzt  wird. Ich möchte verstehen, welche Gedankenkonstrukte in der jeweiligen Architektur manifestiert werden.

Doch kehren wir zur Ordensburg zurück: Obwohl diese nicht vorrangig ein Ort für einen neuen Germanenkultur war, sondern vielmehr eine Schulungsstätte für den zukünftigen Parteinachwuchs  der NSDAP,   beförderte die Architektur und die bildnerisch-künstlerischen Werke einen Männlichkeitskult, der sich an Motive an germanischer Mythologie anlehnte.

Erhaben thront die Burg, in aufsteigender Linie, über der Urfttalsperre und sollte den Junkern, wie die Schulungsteilnehmer genannt wurden,  somit das Gefühl vermitteln, zu einer künftigen Elite zu gehören.

Die Architektur lehnt sich dabei an die der Marienburg des Deutschritterordens, aber auch an die Burg von  Mykene an und ist so in Stein gemeißelte Ideologie, was auch heute noch spürbar ist.

Ich hatte bei meinem Besuch insofern Glück,  als dass um  14 Uhr die einzige Führung über das Außengelände stattfand und ich gerade rechtzeitig angekommen war., um daran teilzunehmen. Die Führung  dauerte  90 Minuten  und ermöglichte u.a.  die Begehung der Schankwirtschaft.

Schankraum
Kamin mit Relief “Wilde Jagd”, Schankraum d. Führungskräfte

Das NATO-Kino und eine belgische Kaserne konnten ebenfalls von Innen besichtigt werden.

Der ehemalige Kultraum, der mich besonders interessiert hätte,  war aber in der Führung nicht inkludiert. Wie man mir mitteilte, ist dieser nur in einer gesonderten Führung durch den Ostflügel zu besichtigen.  Diese Führungen  finden aber nur nach Voranmeldung und in einer Gruppe statt, womit dieser Raum weitgehend vom normalen Publikumsverkehr  ausgeschlossen bleibt.

Der Kultraum im Ostturm ist an der senkrechten schlitzartigen Fensteröffnung, die an Sakralbauten erinnert, erkennbar.

Warum ist das so?

Hier kann ich nur meine Vermutung äußern.

In dem kirchenähnlichen Kultraum soll ein Hakenkreuz in dem Boden eingelassen sein, was mit Holzplanken verdeckt ist. Ich kann mir vorstellen dass man, auch mehr als 70 Jahre nach Beendigung der nationalsozialistischen Ära, die Macht des Symbols  fürchtet. Auch wenn das Symbol verborgen ist, geht man anscheinend davon aus, dass seine energetische Ausstrahlung wirkt, was eine zutiefst magische Denkweise wäre.  Erstaunlich!

Insgesamt war die Führung recht informativ, zeigte  aber nur einen kleinen Ausschnitt des großräumigen Geländes.

Der Rundgang  endete im NATO-Kino im Stil der 50er Jahre, was auf dem Fundament eines von den Nationalsozialisten geplanten gigantischen Hörsaal errichtet wurde.

In der Nachkriegszeit war architektonische Ästhetik offensichtlich zweitrangig.

Im Gebäude sind Flüchtlinge untergebracht und so wurde unsere Gruppe gleich freundlich  zum Kulturcafé eingeladen. Dort ließen sich gegenseitige Freundschaften schließen, wurde uns gesagt. Ich verzichtete und wollte stattdessen  nun  auf eigene Faust zum Thingplatz hinabsteigen, doch im Himmel zeichnete sich ein bedrohliches Gewitter ab. Ich nahm also den vorletzten Bus, der nach Gemünden zurückfuhr  und entschloss mich am nächsten Tag noch einmal wiederzukommen, um mir das Außengelände, was in der Führung nicht enthalten war, in Ruhe anzuschauen.. 

Der letzte Bus fährt übrigens wochentags um 17.08 Uhr. Das Informationszentrum schließt ebenfalls bereits um 17 Uhr. Hinauf auf den Salzberg, wo meine Ferienwohnung liegt, fährt kein öffentlicher Nahverkehr, dafür scheint  die strukturschwache Gegend mit gravierenden Defiziten  in der mobilen Infrastruktur beseelt davon zu sein, umzusetzen, was Regierungs-Agenda ist.

Nach einem schrecklichen Anstieg zum Ferienpark erreichte ich diesen, bevor das Gewitter losbrach.

Das Außengelände der Ordensburg

Am nächsten Tag machte ich mich erneut nach Vogelsang auf, wobei ich diesmal zur Hinfahrt den Bus nutzte und den Rückweg wandernd zurücklegte.

Ich schaute mir das Außengelände der Ordensburg nun noch einmal an,  stieg bis zum Schwimmbad hinab und dann wieder hinauf zur Ordensburg.  Im Anschluss an die Begehung besuchte ich die Ausstellung im Dokumentationszentrum, die überraschend  ideologiefrei und vorrangig informativ war. Fazit: Ein Besuch lohnt sich!

Weitere Informationen gibt es hier.

Das Schwimmbad war wegen Reinigungsarbeiten geschlossen.
Thingstätte
Die Zuschauerplätze sind vom Gras überwuchert.
Das Relief der Athleten wurde für Schießübungen genutzt und ist fast vollständig zerstört.

Die  Wüstung Wollseifen

Eigentlich hatte ich beabsichtigt im Anschluss an den Ausstellungsbesuch noch weiter bis zur Wüstung Wollseifen und zurück zu wandern. Dies wurde mir dann aber doch zu viel,  zumal mir ja noch die Wanderung von Vogelsang nach Gemünden zurück bevorstand.

Schade, denn Wollseifen wäre sicherlich interessant gewesen.

Im August 1946 mussten hier  120 Familien, auf Befehl der britischen Militärverwaltung, ihr Dorf innerhalb von drei Wochen räumen, womit diese nicht nur ihr Heim, sondern auch ihre Lebensgrundlage verloren. In der Folge wurde das Gelände zum Sperrbezirk erklärt und als Truppenübungsplatz genutzt. Das Dorf wurde zur Wüstung und beherbergt in seiner Kirche mittlerweile eine kleine Dokumentation.

Auf Wiedersehen, Gemünden

Am 29.07 verlasse ich mit gemischten Gefühlen  Gemünden und nehme den Zug in Richtung Trier. Zuvor erlebte ich beim Bahnhofsbäcker in Gemünden  erneut unfreundlichste Bedienung und so war ich dann auch  froh,  als ich endlich im Zug saß.

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