Die Wolfsschanze

(Donnerstag, 12. Juli) Das Hotel  in Kaunas ist leider so mit Reisegruppen überfüllt, dass das Frühstück zur Nahkampfzone verkommt. Ich koche mir dann lieber im Hotelzimmer noch einen ruhigen Tee (Wasserkocher vorhanden!), bevor wir uns dann per Bus in Richtung Polen aufmachen.  Auch der  Weg dorthin ist eine einzige Baustelle, ähnlich wie es auch die Strecke von Danzig zur russischen Grenze ist.  

Eine zufällige Begegnung im Fahrstuhl sagt zu mir, dass man bei solchen Reisen ständig auf der Flucht ist. Da muss ich zustimmen. Solche Rundreisen liefern viele erste Eindrücke, für ein tieferes Durchdringen und Einlassen auf die verschiedenen Orte und Menschen ist aber keine Muße vorhanden. 

Die aufgeklärten Aristokraten machten ihre Bildungsreise. Die romantischen Dichter gingen auf Wanderungen und ließen sich dabei, bei der Suche nach ihrer blauen Blume, treiben.  Was ist aber so eine Busrundreise, wie ich sie jetzt mache? Treiben lassen geht nicht, zu stringent ist der Zeiplan, darüber fremdbestimmt von einem Busfahrer und Reiseleiter, die eher ihren Feierabend herbeisehnen, als das hundertste Mal bei der selben Attraktion, die sie schon von unzähligen Reisen kennen, anzuhalten. Verstehen kann ich  es ja! Und so wird folglich der Umweg über das “Windenburger Eck” mit Heydekrug/Silute “schlecht” geredet, indem gesagt wird, dass da nichts zu  sehen ist, aber wer da unbedingt hin wolle, beispielsweise weil man da familiäre Wurzeln hätte, für dem würde gerne die mühselige Fahrt aufgenommen wird. Wer wird sich bei einer solchen Ansage noch melden und auf dem “Umweg” beharren? Vielleicht habe ich dort aber in der Tat  nichts verpasst und der Hinweis war berechtigt? Doch wären Landschafts- und Dorfeindrücke, jenseits der vielbefahrenen Straßen, sicherlich schön gewesen.  Oder doch nicht? Ich bin mir unsicher. Auf meine Frage, ob nicht ein kleiner Stopp bei der Wolfsschanze, die nicht im Programm steht, möglich wäre, bekomme ich zu hören, dass da nichts Interessantes zu sehen wäre, nur ein paar Ewig-Gestrige, die ihre Hand zum “Deutschen Gruß” heben würden. Ich nehme also den Besuch der Wolfsschanze selbst in die Hand und stelle, nachdem wir im Hotel Huszcza in  Sensburg/Mragowa  angekommen sind, nur schnell meinen Koffer ab, um zum Taxistand zu gehen. Ich habe Glück: Mein Fahrer hat im Ruhrgebiet gearbeitet und spricht deutsch. Für 65 Euro  fährt er mich hin und zurück und begleitet mich auch beim kleinen Rundweg über das Gelände. Gerne hätte ich dort mehr Zeit, als nur eine Stunde, verbracht, denn, entgegen der Aussage des Reiseleiters, sind dort noch erstaunlich viele Bunkerreste zu sehen und es lässt sich dort mit Leichtigkeit  auch ein halber oder ganzer Tag verbringen, besonders dann,  wenn man der Geschichte nachspüren und das ein oder andere Foto schießen möchte.Wolfsschanze

Wolfsschanze

Dies sind übrigens die Reste des Hauses,  in dem am 20. Juli Graf von Stauffenberg das Attentat auf Hitler verübt hat.

Pünktlich zum Abendessen bin ich zurück im Hotel. Es gibt Bratwurst, Blutwurst und Kotelett vom Grill. Polen ist wahrlich kein Reiseland für Vegetarier. Ein Alleinunterhalter spielt gekonnt auf dem Akkordeon, wobei er deutsches Liedgut mit polnische, russischen und ukrainischen Weisen abwechselt, was ich für geschickt halte, wird so nämlich Bekanntes rezipiert und doch Neues kennengelernt. Ich habe Spaß am Singen.

Für mich war die Wolfsschanze der Höhepunkt des Tages. Wir haben, um meinen Reisebericht vollständig zu halten, aber auf dem Weg von Kaunas nach  Sensfeld noch einen  Halt in Nikolaiken am Spiedingsee eingelegt, womit ein Programmpunkt, der eigentlich erst am nächsten Tag hätte besucht werden sollen, sozusagen im Vorfeld schon “abgearbeitet” wurde. Seit wir die Kurische Nehrung verlassen  haben, scheint mir diese Haltung leider symptomatisch zu sein. Es wird “Strecke gemacht”, anstatt den Reisegenuss in den Vordergrund zu stellen. In Nikolaiken gewitterte es, sodass ich mich dort  in ein Restaurant flüchten musste. 

#Wolfsschanze #zweiterweltkrieg #masuren #polen #nikolaiken

Read Offline:
PDF24    Sende Artikel als PDF   

2
Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei

Sehr schön zu lesen … Kompliment! Das war ein weiser Entscheid von dir, die Wolfsschanze auf eigene Faust zu besuchen! Wir sind im Jahre 2010 auf unserer Rundreise mit dem Auto durch Polen, Litauen und Lettland auch bei der Wolfsschanze gelandet. Ein aussergewöhnlicher, interessanter Mann mit einem immensen Wissen über die Geschehnisse rund um die Wolfsschanze hat uns durch diesen geschichtsträchtigen Ort geführt. Er hat sogar ein überaus interessantes Buch darüber geschrieben. Wenn ich es noch finde, schreibe ich dir den Namen des Mannes und den Titel des Buches noch dazu.
Herzlich grüsst dich … Nicoletta