Diesdorf, Salzwedel und der Arendsee

Als ich letztes Jahr mit einem Freund in Hankensbüttel war (hier!), entstand die Idee, beim nächsten gemeinsamen Ausflug über die ehemalige deutsche Zonengrenze bis nach Salzwedel zu fahren.

Jetzt ist ja die Südheide bei Hankensbüttel schon eine recht verlassene Gegend, wo sich durch etliche Straßendörfer fahren lässt, ohne dabei überhaupt einen einzigen Menschen auf der Straße zu begegnen; der Altmarkkreis steigert diese Erfahrung jedoch noch.

Der Altmarkkreis

Hier fühlt man sich vollkommen aus der Zeit gefallen und wir diskutierten während unserer Landpartie lange darüber, woran dies liegen mag. Die deutsch-deutsche Grenze, die gewaltsam durch die Landschaft getrieben und Familien auseinandergerissen hat, ist noch spürbar. Die Atmosphäre (man mag es auch den Ortsgeist nennen) sind in den benachbarten Dörfern, je nach Bundesland und der damit zusammenhängenden West- und Mitteldeutschland-Vergangenheit, unterschiedlich. Die Dörfer in Sachsen-Anhalt, im Altmark-Kreis, erscheinen noch ruhiger, noch unaufgeregter und noch verlassener als dies in der niedersächsischen Südheide der Fall ist. Wir meinen, dass dies daran liegen kann, dass dort immer noch weniger Werbetafeln und bunte Anstriche Hektik verbreiten als in Niedersachsen und dass die Altmarkt-Dörfer dadurch viel mehr in sich ruhen und auf irgendeine Art „intakter“ wirken. Ein weiterer Grund mag das gänzliche Fehlen der modernen Einfamilienhaus-Architektur der Jahre 1950 – 90 sein, vielmehr sind die Häuschen aus den 30er Jahren noch erhalten und wurden mittlerweile frisch gestrichen und renoviert . Die Straßen sind saniert, nur der ein oder andere Plattenbau aus DDR-Zeiten stört die ansehnliche Idylle.

Diesdorf

Wir fahren nach Diesdorf. Selbst der Dumont-Reiseführer schreibt:

„Ganz im Nordwesten der Altmark liegt Diesdorf, ein Ort mit weitläufiger Umgebung, für Liebhaber von Geruhsamkeit, Stille und Kultur.“

Eisfeld, Norbert/Lautsch, Edeltraud: Sachsen-Anhalt, Köln 1997, S. 103

Gegenüber dem Museumsdorf Diesdorf zeigt sich die ehemalige DDR von ihrer unschönen Seite in Form eines Jugendzentrums, das, ziemlich dilettantisch (wie es bei Jugendlichen-Bespaßungsaktionen eben üblich ist) mit allerhand Flaggen aus verschiedenen Ländern bemalt ist..

Das Freilichtmuseum Diesdorf

Das Freilichtmuseum zeigt sich hingegen als bäuerliche Idylle.

Das älteste Freilichtmuseum Deutschland aus dem Jahre 1911 liegt verlassen vor uns und am Sonntagmorgen sind wir dort erst einmal die einzigen Gäste.

Ich erinnere mich daran, dass ich in Bukarest auch ein Freilichtmuseum besucht und dort gelernt hatte, dass es Anfang des letzten Jahrhunderts eine Heimatschutzbewegung gab, die aus England auf dem Kontinent überschwappte und das bäuerliche Leben angesichts der Verlusterfahrungen der Industrialisierung, denen die Menschen ausgesetzt waren, propagierte, siehe hier.

Die Ausstellungen in den einzelnen Häuser sind liebevoll hergerichtet, ohne dabei die schreckliche Volkserziehung walten zu lassen, mit der die meisten Museen mittlerweile ihre Besucher zu braven Wählern und unkritischen Bürgern erziehen wollen. Keine Präsentation der „Vielfalt“ der Völker quält mich hier, stattdessen wird – ganz unaufgeregt – eine Präsentation des Böttcher- und Küfer-Handwerks gezeigt und andere Ausstellungen informieren über ein Frauenleben und die wechselvolle Geschichte des Museums.

Wir schlendern also von einem restaurierten Haus zum anderen. Bänke laden zur Rast ein und geschlossene Verkaufsstände zeugen davon, dass es hier von Zeit zu Zeit Veranstaltungen geben mag, die viele Besucher anlocken.

Es gibt ein Museumscafé, was gemütlich und einladend wirkt. Wir verweilen aber nicht und fahren dagegen weiter in Richtung Salzwedel.

An derKirche vorbei, die wir uns vor dem Museumsbesuch angeschaut hatten, und die ebenfalls ein Gefühl des Nach-Hause Kommens bei mir hinterließ, in Richtung Salzwedel..

Die Klosterkirche in Diesdorf

Am frühen Morgen, vor dem Besuch des Freilichtmuseums, konnten wir einen Blick in das Innere der Kirche werfen, da der Sonntagsgottesdienst in der beheizten Krypta bevorstand . Wir unterhielten uns nett mit dem Anwesenden, die glücklich entspannt wirkten und nicht so gehetzt, wie es die Stadtbewohner im Allgemeinen sind.

Die romanische Kirche Diesdorf stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist im Innern vom Rot des Backsteins und den weißen Fugen dominiert. Das verfallene Klostergebäude wurde im letzten Jahrhundert abgerissen und ist daher nicht mehr erhalten.

Das Augustinerfrauenkloster wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von Graf Hermann von Warpke-Lüchow als Hauskloster und Grablege für seine Familie gegründet.


Der Grabstein eines 1273 gestorbenen Grafen zeigt diesen wehrhaft.

Salzwedel

Der Neustädter Rathausturm ist achteckig.

Gegen Mittag erreichten wir Salzwedel, genossen die schönen Fachwerkhäuser und mäanderten durch die Gassen.

Einst führte hier die Salzstraße von Magdeburg nach Lüneburg entlang und die Transportwägelchen mussten hier die Jeetzeniederung durchqueren. Eine Burg sicherte schon im 9. Jahrhundert den Handelsknotenburg. Im Schutz der Burg gedieh eine Kaufmannssiedlung, die sich zur Stadt entwickelte.

Wir wurden von einer Bewohnerin angesprochen, die uns ihre Lieblingsstraße zeigte, die uns einen schönen Blick auf die ehemalige Probstei ermöglichte. Ach, wie nett können die Menschen sein, wenn keine quirlige Enge bedrückt und Geschäftigkeit die Gemütlichkeit verdrängt, dachte ich mir.

Die Lorenzkirche wurde als Salzfaktorei profaniert. Auch sie glänzt mit Backsteinarchitektur.

Mittagszeit! In Diesdorf hatte uns die Organistin zwar die Fischerhütte am Arendsee empfohlen, doch mein Begleiter mag keinen Fisch, weswegen wir nun im Hotel und Restaurant Zur Post einkehrten und den ersten Spargel dieses Frühlings speisten. Es mundete und wir fühlten uns, auch wegen der freundlichen Unterhaltungen mit einem der Mitarbeiter, sehr wohl.

Durch den Burggarten geht es zurück zum Auto. Das Ehrenmahl für die Gefallenen des ersten Weltkriegs aus dem Jahre 1923, gleich neben dem Hungerturm, ist leider mit Graffiti-Schmierereien verunstaltet und überhaupt hätte ich mich über eine Informationstafel gefreut, zumal es hier auch eine Freilichtbühne gegeben haben soll. Was es damit auf sich hat, kann ich nun nur vermuten.

Der Arendsee

Am Arendsee legten wir noch eine Kaffee- und Kuchenpause ein.

Die Klosterkirche, eine Niederlassung der Benediktiner am Südufer des Sees, war leider abgeschlossen, sodass wir sie nur von Außen betrachten konnten. Auch das Heimatmuseum war geschlossen und überhaupt wirkte alles verwaist.

Über gemütliche Landstraßen mit Alleebäumen fuhren wir dann, an Celle vorbei, zurück nach Hannover.

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Ulrike
Gast

Schön! Salzwedel steht auch schons eit einiger Zeit auf meiner Reisewunschliste!
LG
Ulrike