Ein Wochenende in Mailand

In dem Buch von Peter Dawkins „Wahrheiten aus dem Urgrund ewiger Freude“ (*) veranschlagt der Autor die europäische Herzlinie, längs des 9. Längengrades, von Tunis als Wurzelchakra bis nach Jotunheimen als Krone. Man kann es glauben, muss es aber nicht. Mich zumindest inspirieren Peter Dawkins Gedanken immer wieder.

Mailand als Machtzentrum

Nach Peter Dawkins bildet Konstanz jedenfalls das Herz- und die Externsteine das Kehlchakra. Mailand ist dem Solarplexus zugeordnet, dem Machtzentrum, und genau dahin reiste ich am ersten Adventswochenende des letzten Jahres.

Die Weihnachtszeit

Ich bin ja keine Freundin von Menschenmassen und so war der Termin vom 29.11 bis zum 1.12 auf dem ersten Blick gut gewählt, schließlich beginnen in Mailand, aufgrund lokaler Besonderheiten, die meisten Weihnachtsmärkte später als bei uns.

Erst am Tag des Heiligen Ambrosius, des Schutzpatrons der Imker, Wachszieher und Lebkuchenbäcker , am 07. Dezember erstrahlt die Stadt im vollen weihnachtlichen Ornat.

Überhaupt wird Weihnachten etwas anderes gefeiert, als wir es von Deutschland gewohnt sind.

So hat die Göttin Maria einen eigenen Feiertag, nämlich den 8. Januar, wohingegen der weibliche Anteil im Christentum, besonders im Norden von Deutschland, ja amputiert worden ist, sodass zwar Vater, Sohn und der etwas abstrakt anmutende Heilige Geist verehrt wird, Maria aber fehlt. Trotzdem will es mir erscheinen, als dass die Göttin in Gestalt der Maria auch in Italien nicht in ihrer voller Kraft steht, schließlich wird am 8. Januar nicht die Mutterschaft, sondern die „unbefleckte Empfängnis“ gefeiert.

Warum gar am Dreikönigstag das neue Jahr mit dem Abbau der Weihnachtsdekorationen und der Verbrennung von weiblichen Puppen beginnt, mag ich mir in diesem Zusammenhang erst gar nicht beantworten.

Jetzt aber ist es erst einmal der 30. November. Ein sehr künstlicher Weihnachtsbaum steht zwar vor dem imposanten Dom; die Buden für den Weihnachtsmarkt werden aber erst noch aufgebaut.

Auf dem zweiten Blick war das Wochenende dann übrigens doch nicht so perfekt gewählt, wie ich anfangs dachte. Mailand ist ein Einkaufs-Paradies, eine Stadt der Krämer und Gaukler, und eine Terminierung gerade in der „Black-Friday“-Woche eher kontraproduktiv für jemanden, der den kontemplativen Kunstgenuss sucht.

Zumindest hielten sich die Schlangen vor dem Dom in Grenzen; der Fokus der meisten Besucher lag eindeutig auf schnelllebigen Konsumgütern.

Es gibt schlechtere Zeiten Mailand zu besuchen, da bin ich mir gewiss!

Der vertikale Wald des Stefano Boeris

Trotz Google Maps gestaltete sich der Weg vom Hotel zur Innenstadt schwierig. Eine falsche Zieleingabe sorgte dafür, dass ich mich erst einmal in einem modernen Stadtviertel von Mailand wiederfand.

Mailand ist eben nicht nur die Stadt der Mode, sondern auch die des modernen Designs und der Architektur. In Puerto Nuova, einem erst 2010 gestalteten Viertel unweit des zweitgrößten Bahnhofes Mailandes und eines der modernsten Stadtentwicklungsprojekte Europas, lässt sich u.a. der vertikale Wald bestaunen.

Als Hannoveranerin erinnern mich die erst 2014 fertiggestellten Zwillingtürme an dem von den Holländern errichteten Pavillon zur Expo 2000, der leider dem Verfall preisgegeben ist. In Mailand soll für den Bosco Verticale jedoch Italo Calvinos Roman „Der Baron auf den Bäumen“ Pate gestanden haben, nicht der Expo Pavillon in Hannover.

Die Bäume auf den Balkonen sind übrigens nicht der Privatbesitz der Bewohner, sondern werden von der Hausverwaltung pflegerisch betreut. So ist dann gewährleistet, dass die Pflanzenpracht bei längeren Urlaubsreisen oder unsachgemäßer Behandlung durch die Bewohner nicht verdorren.

Ich nahm meinen kleinen Ausflug in die moderne Architektur gelassen. Wer muss schon Erinnerungsfotos vor dem Mailänder Dom schießen? Ein Mailänder Kinderspielplatz, direkt vor den Bosco Verticale, tut es doch auch.

Sind nicht die zufälligen Entdeckungen gerade das, was wir suchen, wenn wir uns auf Reisen begeben? Eröffnen sich nicht gerade im Ungeplanten jene Resonanzräume, die uns wachsen lassen?

Die Mailänder Scala

Der Vorgänger-Bau der Mailänder Scala brannte im Februar 1767 komplett ab. Um einen Neubau zu finanzieren ließ Maria Theresia die Balkone an einflussreiche Mailänder Familien, die sich mit allerhand Lustbarkeiten den Theaterabend anregend gestalteten, verkaufen. Während also in den Logen gespeist und getrunken und im Parkett getanzt wurde, mussten die Musiker um die ihnen gebührende Aufmerksamkeit buhlen. Häufig wird dies indes vergeblich gewesen sein.

All dies habe ich bei einer Führung mitgeteilt bekommen. Dieser hatte ich mich spontan angeschlossen, als ich sah, dass sich eine kleine Menschengruppe vor dem Theatermuseum sammelte. Ich hatte Glück: Auf meine Nachfrage konnte ich auch ohne Vorbuchung über GetYourGuide teilnehmen.

Natürlich lässt sich die Scala und das Theatermuseum, das ein wenig an eine Wunderkammer erinnert, auch ohne touristische Begleitung besichtigen. Eine Opernvorführung ist sicherlich auch ein besonderes Erlebnis. Zum Zeitpunkt meiner Reise war die Saison aber noch nicht eröffnet, sonst hätte ich – hübsch gewandelt – meinen Einstand in das gehobene Mailänder Kulturleben gegeben. Sicherlich! 🙂

Galleria Vittorio Emanuele II 

Durch die Galleria Vittorio Emanuele II, benannt nach Italiens ersten König, ging es zum Mailänder Dom.

Die vom Architekten Giuseppe Mengoni 1864 entworfene Einkaufspassage verbindet Scala und Dom und erstrahlt in seiner imposanten Glas-Stahl-Konstruktion im schönsten Jugendstil.

Direkt dort, wo sich die Touristen fotografieren lassen, weil es angeblich Glück bringen soll, auf die Hoden eines Stieres, der als Stadtwappen von Turin, in den Boden eingelassen ist, zu treten, stand der große mit Swarovski-Kristallen geschmückte Weihnachtsbaum.

Der Mailänder Dom

Zuerst ging es sportlich hoch hinauf: bis zu den Domterassen. Ziemlich erschöpft dort angekommen, fühlte ich mich wie Quasimodo auf den Dächern Notre-Dames. Mailand lag mir zu Füßen.

Hinab aus der luftigen Höhe ging es dann direkt in das Innere der Kathedrale, die mich allein schon durch ihre Größe mit fünf Kirchenschiffen und den wunderbaren Lichtspiegelungen der Glasfenster verzauberte.

Bemerkenswert ist auch, dass die Kathedrale die letzte Blüte der europäische Gotik, die in Italien eher eine Ausnahmeerscheinung war, repräsentiert. Sie wurde geweiht (1572), als schon die ersten Renaissance-Gebäude in Florenz errichtet worden waren (siehe: Gibberd, Vernon: Architecture Source Book. London 1988, S. 36) und gibt so davon Zeugnis, dass sich Epochen eben nicht linear nacheinander einanderreihen, sondern dass es Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeit gibt.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurden beständig bauliche Veränderungen am Mailänder Dom vorgenommen. Die neugotische Fassade stammt sogar erst aus der napoleonischen Zeit.

Bitte nicht übersehen:

Die Statue aus dem Jahre 1562 zeigt den Heiligen Bartholomäus. Er trägt seine eigene Haut wie ein Tuch um sich geschlungen und ist ein Paradebeispiel für die Beschäftigung mit der menschlichen Anatomie während des Zeitalters der Renaissance.

San Bartolomeo. Statue des lebendig gehäuteten Heiligen Bartholomäus, 1562

Drachenbootfahren auf dem Navigli

Es war schon gegen Abend und kalt. Ein anstrengend-inspirierender Besichtigungstag lag hinter mir. Eine Drachenbootfahrt auf dem Navigli braucht sicherlich bessere Voraussetzungen, trotzdem ahnte ich, dass das ganze Spaß machen könnte, zumal ein Außenmotorboot die ungleichmäßigen Ruderbewegungen der ungeübten Gruppe korrigierte.

Bezaubernd sahen die bunt beleuchteten Kanäle vom Wasser aus. Beim anschließenden Risotto-Essen in einem der vielen Restaurants (StraRipa bar Art & Friends) konnte ich mich aufwärmen.

Übernachtet habe ich, wie auch in der Nacht vorher, im Meininger Milano Lambrate, was, auch wegen seiner Lage direkt beim Bahnhof Lambrate zweckmäßig war, ansonsten aber nicht weiter ausgeführt werden muss. Es ist eben mehr eine Jugendherberge als ein Hotel. Die Pizza Mundial, gleich hinter dem Bahnhof, ist empfehlenswert für hungrige Reisende, die spät ankommen (wie ich am Freitag!), und darüber hinaus auch unschlagbar günstig!

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