Innere und äußere Reisen

oder: Warum das Reisen zu meinem künstlerischen Selbstverständnis gehört!

Und die Sonne machte den weiten Ritt

Und die Sonne machte den weiten Ritt
um die Welt
Und die Sternlein sprachen: "Wir reisen mit
um die Welt!"
Und die Sonne, sie schalt sie: "Ihr bleibt zu Haus!
Denn ich brenn' euch die goldnen Äuglein aus
bei dem feurigen Ritt um die Welt."
Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
in der Nacht,
und sprachen: "Du, der auf Wolken thront
in der Nacht,
laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein,
er verbrennet uns nimmer die Äugelein!"
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.
Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond,
In der Nacht!
Ihr verstehet, was still in den Herzen wohnt
In der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an,
Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann
In den freundlichen Spielen der Nacht.
(Ernst Moritz Arndt)

Reisen ist nichts anderes als „mythologisch Wandern“ im großen. Ausgangspunkt ist, zumindest bei mir, immer die Neugier auf das Fremde und Andere. Der eigene Referenzraum soll erweitert werden, ein Spielraum geöffnet, um neue Erfahrungen und auch Menschen, in unser Leben treten zu lassen.

Innere Reisen

Es gibt innere und äußere Reisen. Für die inneren Reisen muss der Ort nicht unbedingt körperlich verlassen werden. Ausgangsbuch kann ein Buch, was man liest, eine neue Erfahrung, die eingegangen wird oder ein Tanz, der mit der eigenen Seele korrespondiert, sein. Auch das Lesen meiner Blogartikel kann dir innere Reisen ermöglichen, ganz besonders dann, wenn sie dich animieren, selbst aktiv-kreativ zu werden.

Äußere Reisen

Äußere Reisen lassen uns eintauchen in eine fremde Umgebung, die nicht unbedingt exotisch sein muss. Ausgangspunkt für äußere Reisen können innere Reisen sein.

Äußere Reisen müssen uns nicht in exotische Länder führen. Mitunter reicht es aus, die Stadt zu verlassen und den Wald zu betreten oder nur durch unbekannte Gassen zu gehen, die uns neue und unverbrauchte Sinneseindrücke vermitteln. Unverbraucht sind solche Reisen immer dann, wenn Bezugspunkte zu Erfahrungen der Vergangenheit erst entwickelt und aktiviert werden müssen. Bezugspunkte zu finden, gelingt in einer halbwegs vertrauten Umgebung schneller, als in einer gänzlich unbekannten. Sie bieten hier aber immer die Gefahr, in alt bekannte Stereotypen zu verharren.

NEUES zu entdecken ist deshalb leichter, wenn die Umgebung exotisch ist. In der eigene Stadt muss eine neue Motivation, wie beispielsweise ein neu erwachtes Interesse uns zu neuem Sichtweisen führen. Sobald ich beispielsweise anfange mich für die Architektur der Fünfziger Jahre zu interessieren, werde ich die Innenstadt meiner Heimatstadt Hannover mit neuen Augen sehen und dem Aufmerksamkeit geben, woran ich vorher achtlos vorbei geschlendert bin. Ich erweitere damit die Bezugspunkte, die ich mit dem Ort verbinde und, im Nebeneffekt, „verwurzle“ ich mich dabei immer tiefer.

Vor dem Hintergrund, den eigenen Bezugsrahmen zu erweitern, sind Reisen im Nahbereich schwieriger zu bewerkstelligen, als Reisen in ferne Länder. Exotische Reisen bieten nämlich sehr viel „einfachere“ Chancen, den eigenen Referenzrahmen zu sprengen und zu denken und zu erfahren, was man vorher noch niemals gedacht hat. Reisen im Nahbereich sind deshalb Reisen für Fortgeschrittene!

Warum?

Exotische Umgebungen bieten uns eruptiv-gewaltige Erlebnisse, die uns abrupt aus dem vertrauten Alltag herausreißen, auch ohne vorher intellektuell-intuitive Vorbereitungen getroffen zu haben, wie dies bei Nahreisen, zumindest wenn man der von mir vorgestellten Motivation folgt, der Fall sein muss.

Der innere Dialog

In der Ausseinandersetzung mit dem Fremden erkennen wir das Eigene besser. Wir spiegeln das Fremde auf dem Referenzrahmen unserer eigenen Erfahrungen, lassen es stehen, sind begeistert und von einem Exotismus getragen, der uns inspiriert oder lehnen ab, was wir neu entdecken. Ein Dialog beginnt, bei dem wir Neues übernehmen, Altes verwandelt und interessante Synenergien entwickeln. Unsere eigenen Resonanz- und Spielräume werden erweitert. Reisen sind deshalb auch alchemistische Prozesse. Reisen bildet: auf einer äußeren wie auch auf einer inneren Ebene.

Dies hat der Adel der vergangenen Jahrhunderte gewusst, weshalb er seine Kinder auf Bildungsreise schickte.

Ein alchemistischer Prozess

Überhaupt ist mit dem neuen Leben, das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes gewährt, nichts zu vergleichen. Ob ich gleich noch immer derselbe bin, so mein‘ ich, bis aufs innerste Knochenmark verändert zu sein.

Goethe: Italienische Reise, Eintrag vom 2. Dezember 1786, Rom
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