“Kultur verbindet Welten” oder auch nicht!

Bevor es mit meinen Indien-Bericht weitergeht, berichte ich euch von der Regionalkonferenz  des Nds. Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, die ich gestern in Peine besuchen durfte.

Es ging um Kulturförderung, Kulturvermittlung und Kulturentwicklung im ländlichen Bereich.  Die wurde von Jugendlichen durch brasilianische Percussionmusik 🙂  und  an Frida Kahlo angelehnte Bilder demonstriert. 🙂

Herr Thümler, der nds. Minister für Wissenschaft und Kultur, ließ sich wegen einer Erkältung entschuldigen. Herr Henning Heiß hielt einen Impulsvortrag, der mich hoffen ließ, dass es hier wirklich vorrangig um Kulturförderung im ländlichen Bereich gehen würde, nicht um das, was momentan ideologisch verbreitet wird.

Doch als dann eine  Dramaturgin des Schauspiels Hannover unter dem bezeichnenden Titel “Kultur verbindet Welten“, was auch das Motto der Konferenz war, sprach, war man im “bekannten Fahrwasser” der Vielfalts-Ideologie angekommen. “Kultur ist Menschheit” sagte sie und  so verabschiedeten wir uns thematisch von der Förderung des ländlichen Raumes und  waren  beim “gegenseitigen Kennenlernen” von “universellen” Menschen angekommen.

Alles gut und schön, dachte ich mir.  Ist aber nicht Voraussetzung jeglicher Kulturvermittlung, sich eben auch seiner eigenen Kultur bewusst zu sein? Dies ist eine Aufgabe, die gerade die Kulturschaffenden häufig vernachlässigen, wie ich schon desöfteren aus meinen leidvollen  Erfahrungen bei Besuchen im hannoverschen Opern- und auch  des Schauspielhauses erfahren musste! Statt eigene Traditionen zu pflegen und auch, im Austausch mit Fremden, weiterzuentwickeln wird die Auflösung im Vielfalts-Dogma gefeiert.

Die Rednerin folgte dem bekannten Narrativ und schloss ihren Vortrag  mantraartig ab:  “Offenheit, Offenheit, Offenheit”, wisperte sie in das Mikrofon.

Und schon ging es weiter mit dem Jugendmigrationsdienst: Herr Sven Kühtz fühlt sich als “Brückenbauer” und zeigte mit bunten Filmen auf, wie sich “Zugereiste” mit Hilfe des Mediums Films  und machohaft vorgetragenen Sprechgesängen  integrieren lassen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte ich mir und setzte meine  letzte Hoffnung in die Arbeitskreise am Nachmittag. Ich hatte mich zum Thema “Heimat im Spannungsfeld zwischen Tradition und Veränderung” (was ein merkwürdiger Titel ist, schließlich macht ein  Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne mehr Sinn, Veränderung ist der Prozess dazwischen”)  angemeldet, der im Peiner Kreismuseum stattfand.  Die Vorstellungsrunde war interessant, schließlich war hier ein breites Spektrum von verschiedenen Menschen mit verschiedenen beruflichen und ehrenamtlichen Kontexten vertreten.

Nach der Vorstellungsrunde, in der man, so meine pädagogische Idee,  ergebnisoffen über den Begriff Heimat hätte diskutieren können und sich im Nachgang über erste Schritte der Umsetzung hätte austauschen können, berichteten stattdessen  ein Heimatpfleger von seiner Arbeit und  drei Museumsleitungen stellten ihre Ausstellungskonzepte vor.  Dies alles war interessant, erschien mir jedoch ziemlich zusammenhanglos, zumal auch keine thematische Brücke zwischen den einzelnen Vorträgen gespannt wurde und  eine  Diskussion über den Begriff “Heimat”, den ich für vorrangig  erachtet hätte, im Vorfeld nicht stattgefunden hatte.  Die Moderatorin bemalte derweil kunstvoll weiße Blätter, die bei der Abschlusspräsentation des Konferenztages  gezeigt werden sollten.  The medium is the message: Der Spruch von McLuhan schien mir nun treffend zu sein.

Manchmal ist weniger eben mehr  (didaktische Reduktion nennt man das) und es wäre, anstatt  Impulsvorträge zu hören,  viel  förderlicher gewesen, zu klären, was Heimat für den einzelnen darstellt. Vorausgesetzt, es hätte Konsens darüber geherrscht  diese fördern zu wollen, hätte man die Anwesenden  dann  praktische Ideen der Umsetzung  in Kleingruppen entwickeln lassen können. Dabei hätten dann die Teilnehmer ihre persönlichen  Erfahrungen aus Museumsarbeit, Brauchtumspflege, Verwaltung und Politik, Chorleitung, … usw. einbringen können und diese meinetwegen in Stichworten auch zu Papier bringen können.

Dies hätte an Struktur genügt. So waren die Teilnehmer haben mit einem strengen Raster konfrontiert, dass keine spontanen Spielräume zuließ.

Nach den Vorträgen  intervenierte  ich deshalb und wollte auf die überfällige Heimat-Definition zurückkommen.  Mein diesbezüglicher Versuch  wurde von einem   Teilnehmer  abgewürgt, der meiner Heimat-Definition, die immer auch das Gefühl miteinbeziehen, nicht folgen konnte/ wollte und auf die Sachebene verwies.    Dies  wiederum wurde von der Moderatorin freudig aufgegriffen und wir wurden nun von ihr dazu angehalten,  Stichpunkte zu relativ “aus der Luft gegriffenen”  Fragen, die sich “wer auch immer” im Vorfeld ausgedacht haben mag,  zu formulieren.

Diese zielten keinesfalls auf eine Meta-Ebene hin, sondern auf eine schnöde Umsetzung vom Projekt “Heimat”  im musealen Kontext. So war dann das Thema auf den Randbereich Museumsdidaktik, indem Geschichten erzählt werden sollen, die für die Gegenwart nützlich sein soll, heruntergebrochen. Ganz nebenbei wurde  dabei “Heimat” in das Museum verortet, was ich insofern nachvollziehen kann, dass ich, wie viele andere Menschen auch, vom Gefühl des Heimatverlustes geplagt werde.

Insgesamt fand ich das alles recht unbefriedigend. Vielleicht sollte man an die Planung solcher Veranstaltungen kreative  Menschen,  die auch den Mut haben, wilde Diskussionen zuzulassen, ohne gleich buntbemalte Ergebnisse  präsentieren  zu müssen, setzen.

So bleibt mir nur als Fazit (mal wieder) auf den Schreiber Bartleby zu verweisen, der in der Erzählung von Herman Melville immer wieder sagt:  Ich möchte lieber nicht.

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