Lost Places: Von Halberstadt nach Langenstein.

Wir starteten unsere Wildfrauenhaus-Wanderung in Halberstadt-Spiegelsberge: Dieser vom Halberstätter Domherr Ernst Ludwig Christoph Spiegel im 18. Jahrhundert angelegte Park ist  durchaus vergleichbar mit dem Hinüberschen Garten in Hannover-Marienwerder und den Parc Monceau in Paris, über die ich im Blog ja schon berichtet hatte. Alle diese Landschaftsgärten  haben gemein, dass sie starke freimaurerische Einflüsse aufweisen.

Der uns aus dem Hinüberschen Garten bekannte „Hexenturm“ befindet sich hier in der Nähe des Jagdschlosses, was mich und meine Mitwanderinnen verwunderte, ist dieser Bereich traditionell doch eher mehr dem Lustwandel als der mysthischen Kontemplation vorbehalten. Mit Ausnahme des unteren Bereiches des Turmes empfanden wir die dort herrschende Energie jedenfalls als so leicht und beschwingt, dass wir uns animiert zu einer wirklich spaßige Unterhaltung fühlten. Schade nur, dass das im Jagdschloss lagernde wohl größte Weinfass der Welt, nicht gefüllt war, hätte dann nämlich hier unsere Wanderung, bevor sie im eigentlichen Sinne begonnen hätte, schon lustvoll enden können.

Weniger hedonistisch inspiriert fühlten wir uns in der abseits gelegene Eremitage, der Einsiedelei, die wohl in fernen Zeiten für magische Initiationsarbeiten genutzt wurde. Auch hier machten wir interessante geomantische Erfahrungen, bevor wir dann zum nahe gelegenen Bismarckturm, der – wie viele andere vergleichbare Gedenktürme   – auf Anregung der deutschen Studentenschaft zur Verehrung für den Gründer des zweiten deutschen Reiches  errichtet wurde, aufbrachen.

Zeitlich war unser Besuch beim Bismackturm passend gewählt, schließlich jährt sich der Geburtstag des Reichskanzlers am  1. April zum zweihundertsten Mal.

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Zurück ging es dann zur Eremitage.

„Wo bitte geht es zum KZ?“, fragte ich zwei Parkbankbesucher, die uns höflich  (und überhaupt nicht irritiert) den Weg vom Landschaftspark zum ehemaligen Konzentrationslager Langenstein/Zwieberge erklärten. Bevor wir dieses erreichten, gelangten wir noch zu diesem Denkmal:

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Die Beschriftung ist kaum entzifferbar, ein nettes Ehepaar klärte uns aber darüber auf, dass es sich hier um die Meding-Schanze  handelt. Dort wurde während des Ersten Weltkriegs 1916 ein von Hauptmann Werner von Meding und unter seiner Leitung bebautes  System aus Schützengräben angelegt, das der Zivilbevölkerung – gegen Eintritt – einen Einblick in das Kriegsgeschehen, insbesondere in dem damals neuartigen Stellungskampf,  geben sollteEin Verein ist gerade dabei die Schützengräben zu rekonstruieren, weswegen man sich auch heute noch hinter dem eigentlichen Denkmal, dass 1919  – sozusagen nachträglich – für  die Gefallenen der Halberstädter Garnison errichtet wurde,   hautnah in die Zeit des 1. Weltkriegs zurückversetzen lassen kann. Detaillierter Infos finden sich hier

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Nachdem wir die Schützengräben begangen hatten, verließen wir den Wald und passierten eine freie Acker- und Wiesenlandschaft. Dort überholte uns mit seinem Fahrrad ein älterer Mann, der uns zurief: „Das Landhaus hat heute Ruhetag.“

Durchaus ernsthaft antwortete ich darauf, dass wir nicht beabsichtigten, irgendwo einkehren zu wollen, standen nichtsdestotrotz aber wenig später vor den mehr als baufälligen Ruinen einer alten Ausflugsgaststätte, neumodisch ein verlorener Platz oder Lost Place genannt: Anscheinend war es das angekündigte Gasthaus!

Nachdem ich mich in Lost Place-Fotografie geübt hatte, entdeckte eine meiner Freundinnen  hinter der Ruine eine relativ neu angelegte Treppe, die uns, das war schon beim ersten Anblick klar,  in ihren schrecklichen Ausmaßen gleichermaßen sportlich abschreckte, wie auch herausforderte.  Doch die Neugierde trieb uns an.

Hier der Blick auf die Treppe: von unten und oben!
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Am Ende der Treppe erwartete uns der Gläserne Mönch, gleichwohl ein Naturdenkmal als auch ein germanischer Kultort, worauf sein alter Name Thorstein hinweist. Die Felsenformation soll der Waffe des Donnergottes – dem Mjölnir – ähneln. Schaut aber selbst:

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Nach einer kleinen Pause hatten wir die Idee, die Gedenkstätte des Konzentrationslagers auch „von oben“ erreichen zu können, was uns zu einer längeren Rundwanderung auf dem Thekenberg bewegte, entlang an alten Stacheldrahtzäunen, die ein Privatgelände abzäunten, wo einst wohl die Häftlinge in Gruben und Stollen sich zu Tode schuften mussten. Wir erreichten dabei nicht – wie angedacht – die Gedenkstätte, sondern nur wieder die Treppe, die wir hinabstiegen, um den regulären Weg zur Gedenkstätte zu folgen.

Schon ziemlich erschöpft erreichten wir das eigentliche  Konzentrationslagers und ich fragte mich zum wiederholten Male, welche Kräfte in Gemeinschaften entstehen können, die im stillen Gehorsam und Duckmäusertum solche Entmenschlichungen zulassen? Inwieweit sind die Täter auch Opfer, die nicht wagten, in den Widerstand zu gehen, die einfach an ihr Wohl und das ihrer Familie gedacht haben, die deshalb den unbewussten Kräften ihr dämonisches Werk überließen, ohne sich dem Unrecht entgegenzustellen und inwieweit das alles auch heute noch passieren könnte und passiert?

Ein solcher Ort zwischen Leben und Tod kann das Tor zwischen beiden Zuständen in beide Richtungen öffnen.

Das ist die sogenannte Todeskiefer, an der unzählige Menschen gewaltsam den Tod fanden. Kann es einem schrecklicheren Ort geben?

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Wohl noch sozialistisch inszenierte Massengräber:

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Von  der Gedenkstätte ging es zum Ort Langenstein. Bevor wir den dortigen Bahnhof  erreichten, zeigte uns eine nette Frau eine Langensteiner Besonderheit: Höhlenwohnungen, in denen um 19oo Landarbeiter lebten.

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Vom Bahnhof Langenstein traten wir unsere Rückreise an.

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Diese war aufgrund von Zugausfällen eine Odyssee und zwang uns zu einem langen und beschwerlichen Umweg über Braunschweig. Er  führte aber noch zu einer weiteren obskur-angenehm-unterhaltsamen Begegnung mit einem  netten Zugschaffner, der uns mit den aufmunternden Worten begrüßte: „Ihr seht aber fertig aus!“

Und so freuen wir uns nun auf die nächste Wildfrauenhaus-Wanderung.

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