„Lucifer Rising“ von Kenneth Anger als Einstieg für eine „magische“ Nilkreuzfahrt!

Kennt ihr den Kurzfilm von Kenneth Anger „Lucifer Rising“? Bei Minute 27.09 (also fast zum Ende des Films hin) sind die Memnon Kolosse zu sehen, davor u.a. auch die Externsteine, über die u.a. ja hier auch schon geschrieben habe.

Die Memnon Kolosse habe ich im Zuge meiner Nilkreuzfahrt am ersten Tag nach meiner Ankunft besucht. Sie bewachen das Tal der Könige, zu dem ich noch bloggen werde.

Der Film ist ein wunderbarer Beginn für eine „magische“ Ägyptenreise, nur sollte man beim Schauen erst einmal davon Abstand nehmen, all die Schnitte und Assoziationsketten verstehen zu wollen, die Kenneth Anger hier eingefügt hat. Ganz entspannt, kann man den Film einfach auf sich wirken lassen und die hypnotische Wirkung, die sich dabei entfaltet, genießen.

Hier ist das Meisterwerk:

Falls man, im Nachgang, annähernd nachvollziehen möchte, was man gesehen hat, wäre es hilfreich sich mit Aleister Crowley   beschäftigt zu haben, ansonsten kann dir auch meine nachfolgende Zusammenfassung und Interpretation beim Verständnis helfen und dir Lust darauf machen, sich den Film ein zweites Mal anzuschauen und selbst weitere Bedeutungsebenen zu erschließen. (Der weitere Bericht über meine Ägyptenreise läuft ja nicht weg und wird dann, bis zum Beginn meiner nächsten Reise, auch noch fertiggestellt, versprochen!)

Selbstverständlich freue ich mich auch über Kommentare, die meine Interpretation ergänzen oder freundlich widersprechent. Der Film, in Collage-Technik à la Sergei Eisenstein , besteht aus so vielen zusammengesetzten Fragmenten, dass ich hier unmöglich auf alle eingehen und alle deuten kann. Ob ich mit meiner Interpretation, in allen Einzelheiten richtig liege, vermag ich nicht zu sagen; im Netz habe ich (merkwürdigerweise) zum Thema kaum Hinweise gefunden.

Ein Wort zuvor: Kenneth Anger hat sich von Aleister Crowleys religiöser Bewegung Ordo Templi Orientis (Orientalischer Templerorden), kurz OTO,  inspirieren lassen Im Liber al vel Legis verkündet Aleister Crowley ein neues Äon, dessen Kernaussage folgende ist:

Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen

(Aleister Crowley)

Der Film „Lucifer Rising“ entstand im Jahre 1972, wurde aber erst ab 1980 verbreitet . Der Soundtrack stammt von Bobby Beausoleil, der auch Lucifer darstellt. Die Musik nahm er im Gefängnis auf, da er sich, im Zuge seiner Zugehörigkeit zur Charles Manson „Familie“ eines Mordes schuldig gemacht hat. Aktuell (2019) sitzt er immer noch im Gefängnis.

Das ist die Besetzungsliste:

Kenneth Anger: der Magier
Bobby Beausoleil: Lucifer
Donald Cammell: Osiris
Marianne Faithfull: Lilith
Myriam Gibril: Isis
Chris Jagger: Mann in gelber Tunika
Jimmy Page: Mann, der die Stele der Offenbarung hält

Zu Beginn ist ein Vulkanausbruch zu sehen. Lava taucht das Bild in die Farben rot und schwarz. Über einen wolkenverhangenen Meer geht der Schriftzug „Lucifer Rising“ auf. Doch erst einmal erwacht nicht „Lucifer“, sondern eine Göttinnengestalt. Ein Krokodil schlüpft aus dem Ei und die Göttin, die hier wohl für die Fruchtbarkeit steht, freut sich und beobachtet die Krokodile. Das Lebenszeichen Ankh nimmt die Göttin von einer mit Hieroglyphen beschriebene Wand ab und hält das Symbol dreimal nach oben. Ein Gott erscheint vor einem Tempel. Die Göttin hebt ihren Stab mehrmals und tritt so in einem Dialog mit ihm. Auch das Ankh-Zeichen zeigt sie erneut, während der Gott, in Entfernung, aber in Sichtweise, immer wieder seinen Stab hebt.

Isis und Osiris

Ich vermute, dass hier die symbolische Vereinigung von Isis und Osiris angezeigt wird. Die Göttin Isis, auch genannt „Spenderin allen Lebens“ war die mächtigste Göttin im Alten Ägypten. Sie steht für die Fruchtbarkeit, die alles Leben erschafft und so ergeben dann auch die Filmszenen mit den Krokodilen einen Sinn. Das Krokodil, was immer auch gefürchtet wird, gilt, dieser kleine Exkurs sei mir erlaubt, beispielsweise in Gambia als heiliges Tier, dem die Frauen opfern, wenn sie sich Kinder wünschen. Die Bilder, die die eruptive Kraft der Natur zeigen, verweisen darauf, dass durch die Vereinigung der Göttin Isis mit ihren Bruder und Gatten Osiris etwas Neues entsteht, was sich hier aber erst einmal in der wilden Kraft der Natur erahnen lässt. Eine neue Schöpfung beginnt.

Osiris ist der Gott, der niemals stirbt und der, so erzählt es eine Überlieferung, nachdem er von seinem Bruder Set(h) ermordet worden war, von Isis wieder zum Leben erweckt worden ist. Osiris ist der Herrscher über die Toten.

Osiris und Isis beschwören durch den rituell angedeuteten geschlechtlichen Akt ein durch sie neu entstehendes Drittes an.

Der Magieradept wird zu Osiris und die Priesterin zu Isis

Zwischen den „ägyptischen“ Filmszenen sieht man ein Gewitter über dem Meer toben und isländische Vulkane. Die Morgenröte, die an dem Morgenstern Venus denken lässt (der wiederum für Lucifer steht) leitet zu einem Schlafenden über, der vor einer halluzinogen wirkenden Blase in Feueroptik, in Zeremonialgewänder gekleidet, ebenfalls erwacht und aus dem Fenster blickt. Er öffnet eine Schublade und entnimmt ihr einen Zauberstab. Er öffnet die Tür und schreitet durch rot angestrichene Räume, um dann einen schwarzen Raum zu betreten, in dem sich, neben allerlei okkulten Symbolen, u.a. die schwarze Figur eines Vogels befindet. Er nimmt auf einem Stuhl, der ein Replik des Pharao-Thronsessels von Tut-Anch-Amun darstellt, Platz. Er ist halbnackt. Nur eine rote Toga bekleidet ihn. Sein Zauberstab wird zum Speer und zum blutigen Pfeil . Nackt und verletzt besteigt er eine Badewanne. Er taucht ab in das Wasser und ein Filmschnitt lässt uns eine Frau sehen, die im Steinsarg der Externsteine liegt und erwacht. Der Mond leuchtet. Schatten legen sich über sie. Die Frau geht einen Waldpfad entlang. Feuer ist zu sehen, Geröll, vulkanische Tätigkeit, eine Friedhofsfigur und dann ist die Frau wieder als Isis in Ägypten zu sehen und lehnt in einer christlichen Opferhaltung, die an die zuvor gesehene Friedhofsfigur erinnert, an einem Tempel, um hernach kraftvoll in die ägyptische Wüste zu schreiten. Eine Pyramide ist im Hintergrund zu sehen.

Was bedeutet das alles?

Der Magieradept, der sich hier einweihen lässt, hat Osiris, der einen rituellen Tod stirbt, um wiedergeborene zu werden, in sich evoziert.

Horus

Der Vogel, vor dem der Magieradept/Osiris steht und den er, quasi wie in einer ägyptischen Mundöffnungszeremonie mit dem Zauberstab, der seinen Willen lenkt, belebt, ist niemand anderes als Horus , der – in Aleister Crowleys Thelma-Weltbild – den Gott des Horus-Äons darstellt und auch Ra-Hoor-Khuit bei ihm genannt wird. Horus ist hier als das Kind von Isis und Osiris gemeint (Horus d. Jüngere), nicht als der Widersacher von Set(h) (Horus. d. Ältere). Er ist das gekrönte und erobernde Kind und erinnert mich so an das „Kind“ bei Nietzsche in der Abfolge „Kamel, Löwe und Kind“ in „Also sprach Zarathustra“. ( siehe auch hier!)

Das Horus- und das Lucifer-Aeon

Crowley teilte das Weltgeschehen in bestimmte Zeitalter ein, womit er an Vorstellungen des Hermetic Order of the Golden Dawn, in dem er zeitweilig auch Mitglied war und der mehr östlich ausgerichteten Theosophischen Gesellschaft, anknüpfte.

Das Horus-Äon oder Wassermann-Zeitalter löste das des Osiris und der Isis ab. Im Horus-Äon geht es nicht mehr darum, irgendeinen Gott oder eine Göttin anzubeten, vielmehr soll man danach trachten, selbst zum Gott und zur Göttin zu werden.

Crowley ließ durchblicken, dass nach den Horus-Äon dasjenige der Maat, also der Göttin der Gerechtigkeit, folgen würde, was dann auch 1974 von Maggie Ingalls gechannelt und von Kenneth Grant verbreitet wurde. Die CoS geht, seit 1966, vom Aeon des Satans aus und der ToS will Set, als Kraft der Isolierten Intelligenz, als Gott des gegenwärtigen Äons, erkannt haben.

Doch zurück zum Film: Kenneth Anger sieht den Schlüssel des Glücks im „Ungehorsam“ und ruft hier, was eine weitere Variation darstellt, zusätzlich zum Äon des Horus, noch das des Lucifers aus.

Lucifer wird hier, ähnlich wie es in John Miltons „Paradise Lost“ der Fall ist, als gefallener Engel, Licht- und Wissensbringer assoziiert. Er oppositioniert gegen die Stasis und illuminiert die Welt mit seinen Wissen. Lucifer ist innerhalb dieser Definition keinesfalls identisch mit Satan.

Der Opfertod als Voraussetzung für die Neu-Schöpfung

Nachdem der Magieradept Horus gewürdigt hat, nimmt er als Pharao und Osiris auf den Thronsessel, der auch für Isis stehen kann, Platz. Er vollzieht also seine eigene Gottwerdung (Apotheose).

Da der Thronsessel im alten Ägypten mit der Göttin assoziiert wird, gehe ich hier abermals von der symbolischen Andeutung eines geschlechtlichen Aktes aus.. Hernach verwundet sich der Magieradept, nun als Osiris, selbst. Er stellt sich damit in eine Reihe mit allen nachfolgenden Erlösergottheiten, für die Osiris einen Stammvater darstellt. Ein Vergleich der Überlieferungen von Osiris mit Jesus kann beispielsweise zeigen, dass hier ein alter Mythos in einem neuen überführt wurde.

Auch die Frau, die im Steinsarg der Externsteine liegt, unterzieht sich einem Initiationsritus, indem sie sich selbst opfert, um hernach wiedergeborene zu werden. Durch die Wahl der Externsteine als Filmort stellt Kenneth Anger einen Bezug zum Opfertod von Odin her. Auch der durch das Speer verletzte Mann verweist auf Odin, der sich selbst mit dem Ger verwundet hat, um das Geheimnis des Universums erkennen zu können.

Nachdem die Szene bei den Externsteine erst zur Friedhofsfigur und dann zurück nach Ägypten überleitet, wo die Göttin noch in Opferhaltung an der steinernen Wand lehnt, bevor auch sie als neu geborene Göttin sich davon löst und majestätisch in die Wüste schreitet, kann sie nun, kraft ihres Willens, die Welt gestalten, so wie sie es will. Als Priesterin hat sie Isis in sich evoziert und nun ist sie beides: Priesterin und Göttin.

Die Pyramide im Hintergrund verweist auf das Leben nach dem Tod. Gleichzeitig steht die Pyramide auch für das Dreieck, das der Magieradept auf seinen Zeremonialgewand in vielfacher Ausführung trägt und was dabei an hypnotische Tattvas erinnert. Alternativ kann das nach oben gerichtete Dreieck aber auch für das Männliche und das nach unten gerichtete Dreieck für das Weibliche stehen. Zusammengeführt ergibt sich das Hexagram.

Die Drei überwindet die Dualität. Isis und Osiris haben ein Kind erschaffen. Ist hier Horus oder Lucifer gemeint? Man weiß es an dieser Stelle noch nicht, weil Kenneth Anger hier ein Thelemna-Ritual mit eigenen Vorstellungen vom kommenden Äon des Lucifers überlagert und so uneindeutig bleibt.

Lucifer Rising

In der Folge des Films wird nun Lucifer gezeigt. Zuvor aber macht die Göttin-Priesterin vor der Sphinx noch ein Beschwörungsritual, bevor dann eine Goldkette mit Engelsanhänger zu sehen ist, das von einem Mann getragen wird. Das muss Lucifer, der gefallene Engel sein (13.28). Kurz ist noch einmal Osiris zwischen Stein-Stelen zu sehen, bei denen ich nicht zuordnen kann, ob sie „ägyptisch“ oder „keltisch“ sind. Der Steinkreis von Stonehenge, eine astrologische keltische Kultstätte, leitet wieder zurück zu den Externsteine, wo auch einst Sonnenwenden rituell begangen wurde.

Der Opfer- und Sonnenwendplatz

Eine Frau, im Magiergewand gekleidet, nimmt ihre Kapuze ab. Dabei steht sie vor dem Kreuzabnahmerelief und könnte eigentlich, in der Folge der Filmszenen, mit der zuvor gesehenen Priesterin im Steinsarg identisch sein, schließlich folgt sie nun den Initiationsgang, der in vorchristlichen Zeiten vermutlich an den Externsteinen zelebriert worden ist. Es ist aber eine andere Frau, die hier nicht mehr die Göttin Isis, sondern die Göttin Lilith, Adams erste Frau und sumerisch-babylonische Dämonengöttin, darstellt. Die Göttin Isis wird also „umgekehrt“ zu Lilith, genauso wie Osiris zu Lucifer wird.

Lilith geht, gefolgt von weiteren Menschen, mit Kapuzen und Fackeln, zum Opfer- und Sonnenwendplatz, der oben, auf einen der Felsen, errichtet worden ist. Sie beschwört die Kraft der Sonne, zwischendurch werden erneut Isis und Osiris in der Säulenhalle im Karnak-Tempel eingeblendet, bevor dann unterhalb des runden Fensters, in der zu den Jahreszeitwenden die Sonne erwartet wird und das in den Felsen gemeißelt ist, die angedeutete Silhouette eines Teufels erscheint. Ein weiterer, sehr schneller Schnitt zeigt eine Dreiheit ägyptischer Götter, vermutlich Isis, Osiris und Horus. Auf dem Opferplatz, der sich unterhalb des runden Fensters, auf einen Sockel befindet, ist ein Kopf zu sehen. Es folgen Fragmente. Eine nackte junge Frau erscheint im Bild, eine Anbetung eines Steines (???) und ein buddhistischer Gott mit vielen Armen ist zu sehen. Im Vordergrund liegt eine Katze.

Magische Beschwörung

Wir sind jetzt in einem Raum angekommen, wo ein magischer Kreis auf den Boden gezeichnet ist. Ich lese verschiedene thelemitische Götternamen: Hadit, Ra-Hoor-Khuit, Nuit , „Babalon“ . „Lucifer“ und „Lilith“ , die aus den „Chaos“ der natürlichen evalutionären Kräfte geboren werde, entsprechen einer Vorstellung eines neuen Aeons, das über das von Crowley hinausgeht.

Ein Wassertropfen fällt in den Kreis. Ein nur schattenhaft erkennbarer Magier kommt eine Wendeltreppe hinab und geht zum Kreis, in dessen Mitte ein weißgekleideter König steht. Der Magier, dessen Gewand rot ist, räuchert außerhalb des Kreises. Der König spricht, aber man hört ihn nicht. Blubbernde Erde ist zu sehen und ein Elefantenfuss, der auf eine Kobra tritt, verkündet das Ende des alten Äons und den Beginn eines neuen Zeitalters.

Der König erinnert mich an alchemistische Darstellungen. Im Rosarium philosophorum verschmilzt der König mit der Königin zu einem Körper mit zwei Köpfen und zwei Geschlechtern. Der Hermapahrodit hat die Grenzen des natürlichen Geschlechts aufgelöst und ist damit der kommende Mensch.

Die Farbe Rot (Rubedo) steht für die letzte Phase des alchemistischen Prozess, wo sich das Begrenzte (also der Mensch) mit dem Unbegrenzten (also Gott) vereint. Insofern wird die Farbe des Magiergewandes hier nicht zufällig gewählt sein.

Auch hier eine Umkehrung!

Interessanterweise steht der König, als Geschöpf des Magiers, im Innern des Kreises, der Magier aber im Außen. In der klassischen Magie ist es umgekehrt: Der Magier steht im Kreis, der ihn von den zauberhaften und dämonischen Geschöpfen, die er gerufen hat, schützen soll. Hier ist aber alles verkehrt herum und das Geschöpf des Magiers, nämlich der König, wird vom Erschaffer geschützt.

Die schwarze Sonne?

Nachdem der Elefant die Kobra zertreten hat, was wahrscheinlich für den Tod des Königs stehen soll, sehen wir eine Sonne (oder ein anderes Gestirn) am Nachthimmel, was wahrscheinlich die „schwarze Sonne“ symbolisieren soll. Dieser Eindruck wird für mich dadurch verstärkt, dass ein Filmschnitt eingeblendet wird, der den Nordturm der Wewelsburg zeigt.

Danach sind wir wieder im Ritualraum, den wir uns nun in der Wewelsburg assoziieren können. Kenneth Anger liefert hier anscheinend eine frühe Inspiration für Michael Aquinas legendäres „Wewelsburg Working“ im Jahre 1983 (meine Vermutung!).

Lucifer in der weißen Farbe der Unschuld

Ein weiß gekleideter junger Mann, der nicht mehr als Magier gekleidet ist und auch keinen Hut mehr trägt, beschwört den Kreis, in dessen Mitte nun mit roten Stoffbahnen das Tau-Kreuz (oder ägyptisches Kreuz) ausgelegt ist.

Wenig später ist er im Innern des Kreises zu sehen und läuft an den Beschriftungen in roter Farbe auf grünen Untergrund vorbei. Auf einen seiner Füße sehe ich, ähnlich wie bei den Kreuzungsmalen von Jesus, rote Flecken, die sich aber als Buchstaben entpuppen. Ich lese „A“ und muss an den von Crowley in den Jahren 1904 – 07 gegründeten Orden Astrum Argentum, abgekürzt AA, denken. Die Musik wird immer schneller, genauso wie die Schritte des jungen Mannes. Schnelle Schnitte zeigen einen Tiger und immer wieder Wasser, das Element also, aus dem einst alles Leben entstanden ist.

Der junge Mann ist der neu geborene Lucifer, doch Kenneth Anger erzählt hier nicht geradlinig und so wird er wieder zum rotgewandeten Magier mit spitzem Hut, der sich räuchernd im Kraftkegel, der sich über den Kreis aufgebaut hat, befindet, während im Außenbereich Blitzlichter zu sehen sind (19. Minute). All dies entfaltet auf den Betrachter eine psychedelische Wirkung, die ich als dramaturgischen Höhepunkt des Filmstreifens verrotten würde.

Zum Schluss steht er, nur eine ganz kurze Sequenz, im roten Gewand mit grünen Applikationen beschwörend in der Mitte des Kreises, direkt auf dem Tau-Kreuz, bevor rotflüssiges Lava zu sehen ist und Gewitter-Blitze Lucifer von hinten im Biker-Outfit zeigen, womit Kenneth Anger auf seinen Vorgänger-Film „Scorpio Rising“ anspielt. Nun ist alles „eindeutig“, denn die schwarze Lederjacke des jungen Mannes ziert der Aufdruck „Lucifer“ und es gibt somit keinen Zweifel mehr daran, dass das kommende Zeitalter Lucifers begonnen hat.

Farbsymbolik

Der Aufdruck „Lucifer“ ist oberhalb von Sonnenstrahlen in den Regenbogenfarben zu sehen. Das neue Äon beinhaltet alle Farben. Wir sehen danach die Stirn Lucifers, wo ein grünes Licht, die Öffnung des Sakralchakras anzeigt. Die Farbe Rot, die bei den Ritualszenen dominant war, hat sich nun in die Komplementärfarbe Grün gewandelt.

Grün aber ist auch die Farbe der „schwarzen Sonne“. Grün ist die Umkehrung der göttlichen Energie, symbolisiert durch die Farben Rot/Purpur/Violett.

Rot steht für das Göttliche im Sinne einer positiven Auslegung. Grün ist die Vorstufe, die verwandelt werden muss, um das Göttliche zu erreichen. Grün ist das Portal der schwarzen Sonne, das wir durchschreiten müssen, um zu Gott zu gelangen. Hier aber, im Film „Lucifer Rising“ wird die Bedeutungshierarchie vertauscht. Rot wird als Vorstufe angesehen und Grün ist die Farbe der Gottwerdung, die keinen fremden Gott mehr benötigt. Wenn zu Beginn des Films der Magieradept ein rotes Gewand mit grünen Applikationen trägt, muss dies dann, wenn ich der Logik der Interpretation folge, bedeuten, dass schon zu Beginn die Saatkörner der Apotheose vorhanden sind.

Das Spiel des Lebens

Ein Höllenschlund tut sich auf und die Kamera fährt durch verschiedene Räume, wo „Lucifer“ jeweils in surreal anmutende Handlungen, Karten spielt, was jahrhundertelang in Europa als „gottlos“ galt. Hektisch wirft er die Karten in die Luft und ganz kurz sind „Eissterne“ eingeblendet, die der Form nach mit der Rune Hagal, die den Wandel und das Vergehen des Lebens darstellt, identisch ist.

Das Schachbrettmuster, was ebenfalls immer wieder im Film auftaucht, ist ein freimaurerisches Symbol für die Dualität und dessen Überwindung: den Dimensionssprung. In dieser Szene taucht es auch nicht in schwarz-weiß auf, sondern in einer spiegelnden Silberfolie, was wohl anzeigt, dass hier das neue Aeon schon verwirklicht ist.

Ein rotes Tuch mit beschwörenden Pentagramm gibt den Blick auf ein Bild von Aleister Crowley frei. Lucifer und der Magieradept, der nun wohl ein Magus ist, sind zusammen in einem Zimmer. Der Magus entnimmt einem Bücherschrank ein Buch. Die Seite zeigt ein Bild eines Satyr, der Geschlechtsverkehr mit einem Ziegenbock hat, was wohl ein Hinweis auf Crowleys sexualmagische Praktiken, die, zumindest der Legende nach, keine Limitierung kannten, sein sollen. Ein Mann studiert eine ägyptische Stele, ein Ziegenbock wird eingeblendet und danach erscheint immer wieder Crowley, der auch als das „Große Biest 666“ bezeichnet wurde.

Abgründe tun sich auf und lassen an hemmungslose Ausschweifungen und Lüste denken. Ich überlasse es nun euch, die weiteren Fragmente zu deuten, die immer schneller wechseln, bis dann schließlich ein Pharao mit grünem Gesicht zu sehen ist. Dieser hält Uscheptis, also Diener des Verstorbenen im Totenreich, in seiner Hand. Er wirft sie in das Wasser, damit sie ihm Wünsche erfüllen.

Purpurne Tänzer tanzen vor grünem Hintergrund. Isis beschwört einen roten Ufo über den Karnak Tempel, der wohl für das Unbekannte steht und dafür, dass der Prozess der Umwandlung oder der Transformation einen neuen Zyklus durchmachen wird. Dann stoppt die Folge von Filmausschnitten:

Die Memnon Kolosse werden nun in einer ungewöhnlich langen Filmsequenz. Einst bewachten sie den Totentempel von Amenophis III. Die ersten griechischen Besucher verstanden den Namen falsch und formten Amenophis zu den ihnen bekannten Memnon um, der übrigens der Sohn von Eos, der Morgenröte ist.

Die Kolosse stehen für den nun überwundenen Dualismus, hinter dem sich ein neues Reich auftut. Sie bewachen das Tal der Könige, was vor allem ein Tal der Toten und der Dunkelheit ist.

r.ch hier haben wir also wieder die bekannte Umkehrung, die Kenneth Anger auch in seinem Film praktiziert.

Das Totenreich wird zum „Licht“ und zum „Leben“. Die natürlichen Beschränkungen des Menschen sind überwunden und wir werden zum neuen Menschen, der selbst Gott ist.

Ein Interview in deutscher Übersetzung mit Kenneth Anger wurde hier veröffentlicht.

Ich selbst werde mich im nächsten Artikel in das Tal der Könige begeben.

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