Neue Romantik

Der „Welt am Sonntag“ war die Forderung nach einer neuen Romantik durchaus heute eine Titelseite wert. Wiederholt habe ich dies hier ja auch schon im Blog postuliert, doch leider ist das, was da plakativ mit Gemälden von Caspar David Friedrich und modernen Adaptionen in der Zeitung referiert wird, nicht das, was ich selbst dabei im Sinne hatte.

Und so wird dann von einem Robert Macfarlane (Muss ich den kennen?) berichtet, der sich auf der Suche nach dem „blinden Flecken“ der Natur aufmacht, die Google Maps angeblich nicht aufzeigen soll. Der „Megatrend Natur“ wird beschworen, der sich in der Vorliebe einer großstädtischen Hipster Szene für Biosupermärkte und dem Erfolg der Zeitschrift „Landlust“ zeigen soll. Der Bestseller Rang des Buches „Das geheime Leben der Bäume“ und das herbeigeredete Comeback der Schrebergärten soll als Indiz für ein „Enlivenment“ herhalten, was nichts anderes bedeuten soll, als die Verlebendigung in der Natur, was meint, dass sich der Sklave des Maschinenzeitalters in der Natur lebendig fühlen darf, wo er sonst nur zu funktionieren hat.

Das, was hier beschrieben wird, ist Eskapismus und Kitsch, ein neues Lifestyle-Segment, das sich zwischen Yogakurs, Achtsamkeitstraining und Burnout-Klinik einreihen kann, mit all den Skills und Methoden, die ein „Human Enhancement“ befördert, dass dem zunehmenden Staccato am Arbeitsplatz und in den urbanen Zombie-Wüsten erträglich machen soll und sich dabei selbst einreiht in den kapitalistischen Wirtschaftskreislauf des ewigen Wachstums, anstatt zu kritisieren und zu torpedieren.

Romantik ist das nicht, sondern pure Ablenkung, was auch den Autoren Wieland Freund und Richard Kämmerling zum Schluss des Artikels bewusst zu werden scheint, schließlich schreiben sie:

In einem jedoch unterscheiden sich die neuen Romantiker von den alten. Unter den Bedingungen des Anthropozäns, des Zeitalters der nicht länger bestreitbaren Herrschaft des Menschen über die Natur, suchen sie draußen nicht mehr sich selbst, sondern das Andere, die fremde, die ungleichförmige Erfahrung, vielleicht auch den Urlaub vom Ich.“

Das Anthropozän soll, wie ein Herr Weber im Interview verkündet, unser gegenwärtiges Zeitalter beschreiben, in dem der Dualismus Natur versus Kultur nicht mehr funktionieren soll und so heißt es dann:

„Alles Natürliche ist immer schon kulturell verstanden. Und gleichzeitig hat alles Kulturelle eine wilde Seite“

, eine Einsicht, die nicht wirklich neu ist und die erst in den letzten Jahrzehnten verleugnet wurde, in dem das Dogma der Wirtschaftlichkeit und des sezierenden Umgangs mit wissenschaftlichen Betrachtungen über eine Sichtweise gestellt wurde, die die Selbsterkenntnis und die Öffnung für mythologisch-spirituell-ästhetische Welten bei der Erfassung des Objektiven den Vorrang gab.

Doch warum, so frage ich mich, wird im Titelthema der Zeitung am falschen Begriff der „Romantik“ festgehalten, wenn doch hier hauptsächlich nur tumber Eskapismus gemeint ist, der wiederum genau das unterstützt, was zur Alltagsflucht animiert hat? Der wirkliche Romantiker nämlich verachtet die Welt der Philister, der Spießer, Krämer und Ja-Sager und stellt ihnen das Wundersame und Bizarre entgegen. Er wird sich ihnen nicht zum Knecht machen.

Eine echte neue Romantik muss genau da anknüpfen, wo die alte aufgehört hat, gesellschaftlich wahrnehmbar zu sein und dabei in den parallelen Untergrund der Anthroposophen, Ästhetiker und Schöngeister abgetaucht ist. Doch dies birgt die Gefahr sich in den Innenwelten zu verlieren, ganz so, wie in den Tiefen des Rheins, wohin die Loreley die Fischer gelockt haben soll. Wer diesen süßen Sog aber widersteht, der kann die blaue Blume finden und mit Ironie die Welt der Krämer und Lakaien auf dem Kopf stellen. Meister Floh wird ihm den Weg weisen. Wirtschaftlich verwertbar ist dies alles jedoch nicht, sondern letztendlich eine Gefahr für das betonierte System der globalisierten Finanzlobbyisten, weswegen ein großes Medienimperium dafür wohl niemals Werbung machen wird.

Doch zurück zur Natur: Die ist in der echten Romantik niemals Fluchtpunkt, sondern immer ein Spiegel des eigenen Selbst, was es bewusst zu erkennen gilt. Innerer Vorgänge werden dabei in eine ästhetisch und phantastisch verwandelte Form transzendiert und öffnen den Raum für das Numinose. Es wird mythologisch gewandert. Es werden individuelle Mythologien erschaffen und die nüchterne Alltagswelt des Maschinenmenschens, der all das Wunderbare weder erkennen noch kreieren kann, wird zutiefst verachtet.

„mit goldenem Schlüssel die Kammern unseres Geistes eröffnen, und uns die Schätze zeigen, die wir selbst noch nicht kannten. So entsteht ein (…) wohltuender Umgang mit uns selbst.“ (Ludwieg Tieck in Franz Sternbalds Wanderung, zitiert nach: Thalmann, Hrsg., Bd. 1, München o. J., S.865 f.)

P1000564

Read Offline:

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei